Impuls der Woche

Hier finden Sie die bisherigen Impulse:

Impuls vom 03.04.2021 (Ostersonntag), "Und dann war da Glanz und dann war da Licht"

„Und dann war da Glanz und dann war da Licht“

Ostern hat für mich eine tiefgreifende Bedeutung, die ich jedes Jahr neu erleben darf. Es ist beinahe unbeschreiblich, wie durch intensives Durchleben der Kar- und Ostertage das Leiden Jesu nachspürbar wird und wie aus Fassungslosigkeit neue Hoffnung entsteht.

Ahnungslos und sprachlos stehen wir wie die Jünger damals vor dem Kreuz und trotz des nahenden Osterereignisses ist die Bestürzung unbeschreiblich groß. Einen Kreuzweg zu laufen und die durchlebten Stationen Jesu nachzugehen, lösen auch heute noch tiefe Emotionen von Trauer, Mitgefühl und Entsetzen über das Geschehene aus und lassen uns eingehen in die Leidensgeschichte Jesu. Obwohl das Osterfest uns rational bekannt ist und wir den Verlauf kennen, bedarf es doch jedes Jahr aufs Neue eines Prozesses des Begreifens. Dies braucht Zeit und bestimmt auch Gespräche und Austausch, um sich dem Geheimnis des christlichen Glaubens zu nähern und zu vergegenwärtigen. Die Karwoche schenkt uns diese Gelegenheit, um im persönlichen Glauben zu wachsen und daraus Kraft zu schöpfen. Wir können so unsere Seele und unseren Geist auf das Nahende vorbereiten, so dass sich Traurigkeit in wahre Freude wandelt.

Denn mit der Feier der Osternacht beginnt das Unfassbare: die Fesseln werden gesprengt und in die tiefste Dunkelheit hinein strahlt das allerhellste Licht. Nach einer Zeit der Totenstille wird die 1. Kerze entzündet und Jesu Auferstehung verändert die Welt. Ein Lichtermeer voll Glanz gleicht diesem Empfinden purer Freude und Befreiung, denn die Erlösung ist nicht nur nahe – sie ist da!

Die Vergegenwärtigung dieses Ereignisses und die damit verbundenen Emotionen können mit einer durchschlagenen Mauer symbolisiert werden. Denn menschliche Grenzen sind nicht Gottes Grenzen und die Auferstehung Jesu zeigt uns, dass grenzenloses Leben und das Erleben von Grenzenlosigkeit durch ihn und mit ihm möglich sind. Möge uns diese Zuversicht auch durch unsere persönlichen Lebenssituationen und Herausforderungen begleiten und hoffnungsvoll in die Zukunft blicken lassen. Denn: „Wer Ostern kennt, kann nicht verzweifeln.“ (Dietrich Bonhoeffer)

Thale Schmitz

Impuls vom 01.04.2021 (Gründonnerstag), "Je tiefer - desto weiter"

JE TIEFER – DESTO WEITER

In der Eucharistie geht es nicht um die Eucharistie. Sie ist Sakrament, eine im Zeichen verdichtete Wirklichkeit. Sie führt uns über uns hinaus: auf den zuvorkommenden, sich uns hingebenden und mit uns kommunizierenden Gott des Lebens hin. In diesem Sinne geht es der Eucharistie nicht um sich selbst. Es geht in der Eucharistie ums Ganze des Lebens, vom Persönlichen zum Politischen, vom Kleinsten bis ins Universale. Es geht in ihr um die wirkliche Kommunion von Gott, Schöpfung und Mensch(heit). Auch wenn wir die Eucharistie in goldenen Gefäßen aufbewahren, ehren und sichern – als Sakrament ist die Eucharistie nicht zu fassen. Sie will ausstrahlen – bis in unser Niedrigstes und bis in unser Höchstes. In ihr erfahren wir einerseits leibhaftig, wie Gott sich in Christus klein macht bis ins Brot für unseren Lebenshunger, bis in unsere Hand, in unseren Mund, in unsern Leib hinein. Er kommuniziert mit der Ganzheit unseres geistigen, seelischen, leiblichen Lebens. Ja, er erniedrigt sich und inkarniert sich ‚bis in die tiefsten Fasern unseres Fleisches hinein‘ (Madeleine Delbrêl). Andererseits bewegt er uns, die Fixierung auf uns selbst und auf die Kirche zu überschreiten, zu transzendieren.

So lädt die Eucharistie uns ein, uns zu transzendieren ins Innerste: Gott in uns. Und zugleich lädt sie uns ein, uns zu transzendieren ins Äußerste: wir und alle und alles in Gott. So lebte der, der uns die Eucharistie als sein Testament hinterließ: Christus, im Innersten Gott verbunden und zugleich im Äußersten den Abgründen und der Armut der Menschen verbunden. ‚Tut dies! Lebt so!‘ Sagte Jesus nach den Einsetzungsworten und sagen wir heute noch.

Viele Jahre lud ich zu Einführungskursen ins kontemplative Beten ein. ‚Einführung ins Schweigegebet‘ nannten wir es, weil hierzulande kontemplativ zum Fremdwort selbst in der Kirche (!) wurde. ‚Ich bin keine Kirchgängerin‘, dachte die lebensfrohe und krisengeschüttelte Marita, als sie die Ankündigung las, ‚aber schweigen und Orientierung finden – das hab‘ ich nötig.‘ So entschied sich die alleinerziehende und schwerkranke Textilarbeiterin teilzunehmen. Im täglichen Üben des Schweigens begann sie dann Achterbahn zu fahren. Verletzungen und dunkle Erfahrungen, beginnend in der Kindheit, kamen ins Licht des Bewusstseins. Mit dieser Lebenswahrheit hielt sie sich tapfer ins Licht der göttlichen Gegenwart. Sie litt. Sie kämpfte. Begleitende Gespräche halfen in der sich offenbarenden, Jahrzehnte lang verdrängten Not. Und eines Tages platzt es aus ihr heraus: ‚Jetzt verstehe ich, wie der Weg geht: je tiefer – desto weiter!‘

Diese mystische Spur kann uns zu einem tieferen und weiteren Verständnis des Mysteriums der Eucharistiefeier führen. Mich selbst will ich bereiten, Christus in mich hineinzulassen bis in mir verborgene Tiefen. Aus dieser Tiefe will ich mich von ihm weiten lassen in die Welt hinein.

Vor jeder Eucharistiefeier will ich nicht nur etwas, sondern vor allem mich selbst vorbereiten, um real präsent und empfänglich zu werden für die Realpräsenz Christi in Wort, Sakrament, Gemeinde und Welt. Denn je tiefer mein Glaube sich gründet, desto tiefer wird er hinausgehen!

 

Georg Lauscher

 

(Quelle: ‘Pastoralblatt für die Diözesen Aachen, Berlin Hildesheim, Köln und Osnabrück‘, März 3/2021, 73. Jahrgang, S. 66)

Impuls vom 27.03.2021, "Die Zeit der leeren Kirchen"

Die Zeit der leeren Kirchen – von der Krise zur Vertiefung des Glaubens

 

Tomas Halik, Professor für Soziologie und Pfarrer der Akademischen Gemeinde Prag, veröffentlichte vor wenigen Wochen in seinem neuesten Buch Die Zeit der leeren Kirchen – von der Krise zur Vertiefung des Glaubens meinem Eindruck nach auch bzw. vielleicht sogar erst recht ein Jahr später lesens- und bedenkenswerte Erinnerungen an das Frühjahr 2020, als die uns bis heute umtreibende Corona-Pandemie mit ihren massiven daraus resultierenden Konsequenzen ausbrach. Aufgrund der aktuellen Corona-Schutzmaßnahmen zitiere ich zu Beginn der Karwoche 2021 im heutigen Impuls, wenngleich sich einige der damals gültigen Umstände hier und heute anders darstellen – der Kern seiner Gedanken aber gilt heute genauso oder vielleicht sogar noch mehr als vor zwölf Monaten:

 

Unsere Kirchen – genauso wie die Gebetshäuser anderer Kirchen und Religionen auf einem großen Teil unseres Planten – sind geschlossen. Es gilt ein vernünftiges Verbot von öffentlichen Gottesdiensten. …

Manche Pfarrgemeinen haben sofort eine Zwischenlösung angeboten: Es ist nichts passiert, man kann die Messen bequem online aus der eigenen Wohnung verfolgen, die Eucharistie durch einen ‚geistlichen Empfang‘ ersetzen. Unsere Pfarrgemeinde wird diesen Weg nicht gehen. Die ungewöhnliche Form des diesjährigen Fastens – auch des Fastens von dem gemeinsamen Feiern der Eucharistie – hat einen Sinn, über den wir nachdenken müssen.

Ich bin davon überzeugt, dass wir die Gewohnheit des Sonntagsgottesdienstes nicht so leicht mit dem Konsum einer Messe am Bildschirm ersetzen sollten und anstatt vor dem Altar vor dem Fernsehgerät oder vor dem Computer zu knien. Vielleicht für eine lange, nicht für eine kurze Zeit sollen wir neue Quellen und Formen des Erlebens und des Feierns des Geheimnisses unsers Glaubens schöpferisch entdecken.

Vielleicht sind die leeren und geschlossenen Kirchen ein prophetisches Warnzeichen: Wenn unsere Kirche und unsere Frömmigkeit nicht eine Reform durchgehen, eine Umkehr, eine Vertiefung, werden bald viele Kirchen gänzlich leer und geschlossen sein. Haben wir denn nicht schon seit geraumer Zeit in vielen Ländern … den langjährigen Trend der Entleerung, des Schließens und des Verkaufs von Kirchengebäuden, Klöstern und Priesterseminaren beobachten müssen?

Als der Tempel von Jerusalem zerstört wurde, musste das Judentum eine große Reform durchmachen: Die Ordnung der Opfer im Tempel wurde von der Ordnung der individuellen Gebete, von Familien- und Gruppengebeten ersetzt, der Altar des Tempels wurde vom Tisch der jüdischen Familie ersetzt, auf viele Ritualvorschriften musste verzichtet, viele Bibelstellen ganz neu begriffen werden. Der Nachdruck auf das Glaubensleben wurde auf das Studium der Schrift, auf das Gebet und auf das Verrichten guter Taten verlagert. Geschieht mit dem Christentum heute nicht etwas Ähnliches?

Vielleicht zeigen die geschlossenen Kirchen während der Pandemie eine nahe Zukunft, in der eine Form des Christentums untergehen wird, so wie der Tempel und die Heilige Stadt untergegangen sind, und unser Glaube wird sich mehr an jene eschatologische Zukunft annähern, in der es gemäß der Apokalypse des Johannes keinen Tempel mehr geben wird. Was wird die bisherige Form der Kirche ersetzen? (Quelle: Die Zeit der leeren Kirchen – von der Krise zur Vertiefung des Glaubens, HG: Tomas Halik, Herder, S. 59ff)

 

Ja, was wird die bisherige Form der Kirche ersetzen? Lange vor dem tschechischen Theologen Tomas Halik beschäftigte sich der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer mit dieser Frage und schrieb dazu bereits im Jahr 1944 u.a. folgendes: Unsere Kirche, die in diesen Jahren nur um ihre Selbsterhaltung gekämpft hat, als wäre sie ein Selbstzweck, ist unfähig, Träger des versöhnenden und erlösenden Wortes für die Menschen und für die Welt zu sein. Darum müssen die früheren Worte kraftlos werden und verstummen, und unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neugeboren werden aus diesem Beten und diesem Tun. … Es ist nicht unsere Sache, den Tag vorauszusagen – aber der Tag wird kommen -, an dem wieder Menschen berufen werden, das Wort Gottes so auszusprechen, dass sich die Welt darunter verändert und erneuert. Es wird eine neue Sprache sein, vielleicht ganz unreligiös, aber befreiend und erlösend, wie die Sprache Jesu, dass sich die Menschen über sie entsetzen und doch von ihrer Gewalt überwunden werden, die Sprache einer neuen Gerechtigkeit und Wahrheit, die Sprache, die den Frieden Gottes mit den Menschen und das Nahen seines Reiches verkündigt. (Quelle: Dietrich Bonhoeffer Widerstand und Ergebung, Gütersloher Verlagshaus, S. 156f)

 

Ja, was wird die bisherige Form der Kirche ersetzen? Eine von vielen möglichen Antworthilfen entdecke ich im folgenden Schriftwort: ‚Prüfet alles <!> und behaltet das Gute!‘ (1 Thess 5,21)

Stefan Tausch, Pastor

Impuls vom 20.03.2021, "Gibt es bewährte Tipps aus Spiritualität und Psychologie für das Bestehen der Corona-Krise?"

Gibt es bewährte Tipps aus Spiritualität und Psychologie für das Bestehen der Corona-Krise?

Heute für Sie einige ganz geerdete Wegweiser.

Verändern Sie keine wichtigen Entscheidungen und bleiben Sie bei einem guten Tagesrhythmus! In Krisenzeiten passieren Fehler, bewegen sich in uns dunkle Gedanken und negative Gefühle. Darum rät der heilige Ignatius, keine wichtigen Entscheidungen aus guten Zeiten zu verändern. Das beginnt mit dem Tagesrhythmus: Aufstehen, Hygiene, sinnvolle Tätigkeiten, regelmäßige Essenszeiten, usw. Es schafft Boden unter den Füßen, Struktur in den Alltag zu bringen und „sich nicht gehen zu lassen“.

Gehen Sie hinaus und pflegen Sie gute Kontakte! Sofa, Computer, Smartphone, Fernseher, den Homeoffice-Platz verlassen und hinausgehen. Spazierengehen in der Natur und im Wald, das hilft und ist gesund. Gute soziale Kontakte gehören in solchen Tagen besonders gepflegt. Aber meiden Sie Corona-Leugner, Masken-Verweigerer und die Jammerer auf hohem Niveau!

Bleiben Sie in Bewegung und tun Sie Einfaches oder auch ganz Neues! Gehen Sie, machen Sie Sport, bleiben Sie mit Leib und Geist in Bewegung! Üben Sie zum Beispiel (wieder) zu lachen! Es braucht gerade jetzt Aktivierung für das Gehirn. Auch einfache Tätigkeiten, die ablenken können, oder ganz neue Aufgaben (Hobby, Sprachen, Kochen lernen…), die Aufmerksamkeit verlangen, sind hilfreich.

Besonders wichtig: Gehen Sie mit Gott, der alles trägt, und pflegen Sie auch die Muße! Es ist heilsam, über die Krise hinauszuschauen. Es braucht eine neue Perspektive: Nicht die Krise bestimmt mich, sondern ich gehe mit der Krise um. Und dankbar sein für das, was mir (immer noch) möglich ist. Vor allem aber den Blickkontakt mit Christus suchen. Das ist die Beziehung, die trägt. Gewiss hilft auch die Muße: Sich etwas Gutes tun, ein Bad nehmen, Musik hören, ein Buch lesen. Und vergessen Sie nicht den guten Humor! Er ist ein besonderes Geschenk Gottes.

Mögen Sie so krisenfest werden!

Ihr P. Josef Maureder SJ (Wien)

 

(Quelle: 20. Februar 2021 IGNATIANISCHE NACHBARSCHAFTSHILFE)

Impuls vom 13.03.2021, "Durch uns zieh sie zu dir hin"

Impuls „Durch uns zieh sie zu dir hin“

(4. Fastensonntag B Eph 2,4-10 und Joh 3,14-21)

Aus Gnade sind wir gerettet (Eph 2,5). So sagt es die heutige Lesung und weiter steht dort: Er [Gott] hat uns mit Christus auferweckt […] (Eph 2,6). Der Glaube an diesen Jesus den Christus, der uns in seiner Liebe lebendig machen will (Eph 2,4), hat anscheinend Auswirkungen auf die Lebendigkeit unseres jetzigen und zukünftigen Lebens. Der Glaube, so die Schrift, weckt auf.

Diesen Gedanken greift auch das Evangelium auf. Das Evangelium weist zudem mit dem Bild der „Schlange in der Wüste“ darauf hin, dass dieser Lebenswunsch Gottes für seine Kinder schon immer größte Bedeutung im gesamten Wirken Gottes an seinem Volk hatte und nun in Jesus Christus seinen Höhepunkt erhält.

Denn wenn Jesus zu Nikodemus sagt, dass der Menschensohn wie einst die Schlange in der Wüste erhöht werden muss, damit der Mensch gerettet wird und er die Liebe des Vaters erkennt, dann sieht er das Wirken Gottes in ihm in der Kontinuität der gesamten Verkündigung.

Zur Erinnerung: Als Giftschlangen das Leben des murrenden Volkes Israel in der Wüste bedrohten, baten die Israeliten Mose um sein Gebet. Gott gab Moses die Anweisung, eine Kupferschlange an einem Stab zu befestigen. Wer von einer Schlange gebissen wird und die Kupferschlange ansieht, der wird überleben.

Das Buch der Weisheit greift diese Erzählung aus dem Buch Exodus auf und deutet diese. Dort wird die Kupferschlange als Rettungszeichen verstanden. Die Kupferschlange steht für das rettende Wirken Gottes, welches durch das Zeichen der Schlange oder durch sein Gesetz in der Tora repräsentiert wird. Jeder, der sich an das Gesetz Gottes hält, wird durch Gott selbst, den Retter aller, der durch diese Zeichen wirkt, gerettet. (Vgl.: Weish 16,5-14)

Und in der Tat, dieser Gott und sein Gesetz kann den Glaubenden retten und Leben verheißen, nicht erst durch Jesus Christus.

Ein gutes Beispiel ist das Talionsgesetz (Ex 21,23-25), das durch den Ausspruch „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ allgemein bekannt ist. Ein uraltes Gesetz der Tora. Jetzt werden viele fragen, was hat das denn mit liebevoller Rettung und der Lebendigkeit Gottes zu tun?

Die Antwort: Dieses Gesetz war nicht weniger als eine kulturelle Revolution und hat Menschen das Leben gerettet. Es war nämlich das erste Gesetz, das die Gewaltspiralen durchbrach und Gleiches maximal mit Gleichem vergalt. Statt: „Ich klaue dir ein Schaf, du klaust mir meine Schafsherde, ich verschleppe im Gegenzug sodann deine Tochter, du tötest darauf einen meiner Söhne, sodass ich mich gezwungen sehe, deine Sippe auszulöschen“, würde diese Gewaltspirale einfach mit „Schaf gegen Schaf“ enden.

Die Menschen erkannten, dass dies doch wesentlich besser sei als Mord und Totschlag und verbanden diese Erfahrung eines Leben schützenden Gesetzes mit ihrem Gott, der das Leben will, nicht den Mord.

Und so wie schon im Alten Testament die Entwicklung zu Vergebung, Milde und Barmherzigkeit ging, zeigt uns Gott in unüberbietbarer Weise in Jesus Christus, wie das Gesetz gänzlich richtig gelebt wird. In Jesus konnten die Menschen erfahren, was es heißt „Du sollst deinen Gott und deinen Nächsten lieben, wie dich selbst.“ (Dtn 6,4f. und Lev 19,18) Beides Gesetze aus der Tora, die im menschlichem Leben Jesu neu vorgelebt wurden.

Und mit diesem Jesus von Nazareth können wir eine Erfahrung machen, die uns retten und erlösen kann, hier und jetzt. Denn so wie die Menschen vor 3000 Jahren gemerkt haben, dass es Erlösung von Gewalt und Leben rettend ist, nur Gleiches mit Gleichem zu vergelten, so wie die Israeliten in der Wüste merkten, dass das Gesetz Gottes ihnen Heil schenken will, nicht Unheil, so merkten die Menschen im Umfeld Jesu, wie sehr Gott weiterhin plant, den Menschen aufzuzeigen, wie Leben miteinander und füreinander aussehen kann, das Frieden und Leben für alle garantiert.

Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat. (Joh 3,16). Das ist die Erlösungsbotschaft Gottes. Er will in Jesus den Menschen noch mehr zeigen, wie und was er ist, damit alle, die noch unentschieden sind, ihn erfahren und neu das Leben wählen können. Denn eine Wahl für oder wider Gott kann ich ja nur letztgültig treffen, wenn ich die Optionen kenne. Gott hat sich immer weiter offenbart, damit alle, die ihn noch nicht recht erkannt haben, wieder neu über ihre Optionen aufgeklärt werden und neu wählen können. Das Erlösungshandeln Gottes in Jesus ist vielleicht diese unüberbietbare Selbstoffenbarung Gottes. Durch Jesus Christus konnten die damaligen Menschen und wir heute wieder neu entscheiden, die Botschaft dieses Gottes anzunehmen oder nicht.

Sie konnten sich nach Leben, Tod und Auferstehung Jesu neu entscheiden: Möchte ich ein Leben mit der Angst vor dem Tod oder ein Leben aus der Gewissheit eines Ewigen Lebens wagen, was zwar nicht die gesamte Angst beseitigt, aber die Perspektive auf Tod und Leben ändert. Ich konnte nach der Erfahrung Jesu neu wählen, ob ich meine größte Erfüllung im Leben in mir und meinem Reichtum sehen, inklusive der steten Angst, mein Reichtum verlieren zu können, oder ob ich vielleicht die größere Freude im sich verschenken und im Teilen erwarten kann. Ich konnte neu wählen zwischen einem Leben, dass nur auf sich selbst schaut, oder einem Leben, in dem ich an meine Berufung durch Gott für diese Welt und für die Menschen glaube. Das eine, so glaube ich, kann lähmen, dass andere kann lebendig machen.

Der Glaube an diesen Jesus rettet. Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, um die Welt zu richten, sondern damit wir gerettet werden (Joh 3,17). Glauben wir, so sind wir gerettet, und ich bin fest überzeugt, dass der Glaube schon hier eine neue Lebendigkeit schenkt.

Zumindest glaube ich diesen lebendigmachenden Glauben und sein rettendes Wirken in dem unzähligen Engagement so vieler Menschen erkennen zu können, die sich für andere einsetzen. Wenn ich allein hier an das Forum denke, fallen mir so viele Beispiele ein: Der Freundeskreis mit seiner Unterstützung für die Straßenkinder in Südafrika. Die Aktion Katharinen-Treppen, die ehrenamtlichen im Jordan-Treff oder im Nothilfezelt am U, die freundschaftlichen Banden der gegenseitigen Unterstützung, die seelsorgliche Arbeit und geistliche Begleitung.

Madeleine Delbrêl, die französische Mystikerin, würde in diesen Diensten beten: „Durch uns [,Gott,] zieh sie [,die Menschen,] zu dir hin, damit sie dir in uns begegnen.“ (Madeleine Delbrêl, Liturgie der Außenseiter).

Das rettende und erlösende Wirken Jesu Christi kann also auch durch Gott in uns und durch uns an den Menschen passieren. Durch unsere liebevolle Hinwendung an die Menschen aus dem Glauben an Jesus Christus heraus, können die Menschen eventuell Gott selbst durch uns erspüren und damit neu entscheiden, sich diesem Gott des Lebens zuzuwenden. Erlösungshandeln Gott durch uns, Begegnung des Gekreuzigten und seiner Botschaft in uns.

Die Möglichkeit, dass Gott durch uns erlösend wirkt, die Menschen in uns, den Erhöhten begegnen, ist ein bedenkenswerter Gedanke von Madeleine Delbrêl.

Als Katholiken glauben wir, dass Gott in dieser Welt durch die Sakramente wirkt. Wenn Gott durch uns wirkt, werden wir quasi zum Sakrament Gottes und jener Mensch, der mit und/oder durch uns eine Erfahrung mit dem Gott des Lebens macht, wird neu in die Lage versetzt, diesem Gott zu folgen und sich für ihn zu entscheiden.

Stefan Kaiser

Impuls vom 06.03.2020, "In der Krise hilft immer…"

In der Krise hilft immer…

 

Ökologie oder Kapitalismus, mehr Europa oder mehr Digitalisierung: Corona bestätigt jeden in dem, was ihm vorher schon das Liebste war

 

Nichts bestätigt die eigenen Lieblingsideen so zuversichtlich wie ein welterschütternder Einbruch des unvorhersehbar Neuen. Das klingt zunächst überraschend, ist aber der klare Befund, wenn man die politische und geistige Verarbeitung der Covid-19-Krise betrachtet. Es wird zwar ständig davon geredet, was für eine tiefe Zäsur Corona darstelle und dass jetzt fundamentales Umdenken nötig sei. Doch sind es in der Regel nur die anderen, die umdenken müssen, während man selbst offenbar die Lektionen der Pandemie schon gelernt hatte und längst auf dem richtigen Weg war, bevor die Krankheit sich überhaupt bemerkbar machte.

 

Papst Franziskus etwa ruft in seiner jüngsten Enzyklika mit dem Titel Fratelli tutti über die soziale Geschwisterlichkeit zu einem weitreichenden Mentalitätswandel auf: „Der Schmerz, die Unsicherheit und das Bewusstsein der eigenen Grenzen, welche die Pandemie hervorgerufen haben, appellieren an uns, unsere Lebensstile, unsere Beziehungen, die Organisation unserer Gesellschaft und vor allem den Sinn unserer Existenz zu überdenken.“ Dann macht das Kirchenoberhaupt klar, was es aus seiner Sicht in Zukunft zu meiden gilt: „Ist die Gesundheitskrise einmal überstanden, wäre es die schlimmste Reaktion, noch mehr in einen fieberhaften Konsumismus und in neue Formen der egoistischen Selbsterhaltung zu verfallen.“ Vor Kaufrausch und Eigennutz hat Franziskus natürlich auch vor Corona bereits ständig gewarnt. Die Kritik des entfesselten Kapitalismus ist sein Markenzeichen. Wie immer man die Qualität seiner Diagnose einschätzt: Die angeblich grundstürzende Viruskrise hat den Papst gerade nicht (wie behauptet) irritiert, sondern im Gegenteil in seiner vertrauten Sicht der Dinge bestärkt.

 

Genauso mit sich im Reinen, freilich im komplett entgegengesetzten Sinne, zeigt sich ein Organ von vergleichbarer lehramtlicher Autorität in einer konkurrierenden Glaubensgemeinschaft, der Kirche der Marktwirtschaft und Unternehmerfreiheit. „Der Kapitalismus rettet uns“, lautete am vergangenen Wochenende die ganzseitige Schlagzeile auf Seite eins der Neuen Zürcher Zeitung, des traditionsreichsten wirtschaftsliberalen Blattes im deutschen Sprachraum. Für die Zeitung ist Corona nicht (wie für den Papst) ein Argument gegen die individualistische Wettbewerbsgesellschaft, sondern vielmehr eines dafür: Die schnelle Entwicklung der Impfstoffe zeige, zu welchen Großtaten gewinnorientierte Privatfirmen fähig seien (auch wenn sie dabei, na ja, ein bisschen vom Staat unterstützt werden). Nur war die überragende Leistung gewinnorientierter Privatfirmen schon lange vor der Pandemie eine unerschütterliche Überzeugung der NZZ. Die Krise, in der sie die Rettung von anderswoher als von den segensreichen Marktkräften erhofft hätte, wurde noch nicht gefunden. Die Redaktion hat ihre Kapitalismushymne ebenso fertig aus der Schublade gezogen wie Papst Franziskus seine Kapitalismuskritik.

 

So steht es durchgängig mit dem vermeintlichen Lernen aus der Pandemie. Ökologen sehen die Vorzüge der Selbstbeschränkung und Entschleunigung bewiesen, weil exzessives Herumreisen das Virus verbreitet; sie waren aber bekanntlich schon vor, aus Klimagründen, gegen das exzessive Herumreisen. Ökologieskeptiker finden, dass Wachstum jetzt unbedingt Vorrang vor Umweltschutz haben müsse, um die ökonomischen Lockdown-Schäden zu beheben – als ob sie jemals Vorrang für den Umweltschutz gefordert hätten. Die Europäische Kommission will gegen Corona mehr Europäisierung, also das, was sie immer will. Brexiteers erkennen im europäischen Impfversagen die endgültige Rechtfertigung für den britischen Austritt aus der EU, an dem sie auch davor nicht gezweifelt haben. Chinafeinde haben dank der Ausbrütung der Seuche auf chinesischen Tiermärkten einen frischen Grund zur Chinafeindschaft, die seit Jahren ihr Weltbild beherrscht. Asienfreunde stellen mit Genugtuung fest, dass Corona die Machtverschiebung nach Fernost beschleunigt, über die sie bereits Dutzende von Leitartikeln verfasst haben. Und ist uns nicht auch vor der homeofficegetriebenen Karriere des virtuellen Meetings schon einmal zu Ohren gekommen, dass der Digitalisierung die Zukunft gehört?

 

Alle diese Analysen mögen jeweils falsch oder richtig sein; einige werden sich gewiss bestätigen. Nur kann man schwerlich so tun, als seien sie das Produkt von Überraschung, Neugier und Lernbereitschaft. Sie sind vielmehr Ausdruck fröhlicher Rechthaberei. Das gilt übrigens, was nicht verheimlicht werden soll, auch für diesen Artikel. Seinen Verfasser hat ebenfalls keineswegs erst die Corona-Debatte auf die Idee gebracht, dass der Mensch ideologisch träge ist und sich im Kopf gemeinhin nicht viel Aufregendes tut, wenn Wendepunkte, Neuaufbrüche und Paradigmenwechsel verkündet werden. Den Verdacht hegte er vielmehr schon lange, und auch ihm liefert die Pandemiediskussion bloß das willkommene Belegmaterial.

 

Gut möglich, dass dieser Rückfall in ausgefahrene Denkbahnen nicht unsere spezielle Schwäche, sondern vollkommen normal, womöglich sogar unvermeidlich ist. Es gibt zahlreiche historische Beispiele für den Reflex. Wenn in früheren Seuchenzeiten die damaligen Vordenker und Sinndeuter, also die Prediger auf der Kanzel und auf dem Marktplatz, ihre Katastropheninterpretationen vorlegten, waren sie auch nicht sonderlich originell. Unzucht und Völlerei, hieß es dann, allgemeiner Sittenverfall und mangelnde Frömmigkeit hätten den Zorn Gottes heraufbeschworen und die pestilenzialische Heimsuchung verschuldet. Genau diese Sünden hatte die Priesterschaft aber natürlich bereits vorher ausgiebig angeprangert; nur dass keiner auf sie hören wollte. Jetzt, in der Stunde der Not, witterte die Geistlichkeit die Chance, mit der bislang vergebens geschwungenen Bußkeule endlich einen Volltreffer zu landen.

 

Wahrscheinlich ist es einfach zu viel verlangt, ausgerechnet im dramatischen, zugespitzten Ausnahmezustand frische Ideen zu erwarten. Wenn das Gebälk des Lebens kracht, hat man schlicht die innere Freiheit nicht, sich richtig kühne Gedanken zu machen. Die akute Krise ist der passende Augenblick, um sich an Einsichten zu erinnern, die vielleicht noch nicht umgesetzt, aber im Prinzip längst akzeptiert sind; das Vorantreiben der Digitalisierung ist ein typisches Beispiel. Um auf das wirklich Neue zu kommen, braucht man dagegen – Ruhe.

 

Jan Ross

 (Quelle: DIE ZEIT Nr. 7, 11. Februar 2021, S. 5)

Impuls vom 27.02.2021, "Auferstehung im Leben"

2. Sonntag in der Fastenzeit Lesejahr B (Mk 9,2-10)

[…] und sie fragten einander, was das sei: von den Toten auferstehen (Mk 9,10).

Ich kann die Ratlosigkeit der Jünger verstehen. Die Frage nach der Auferstehung der Toten, die wir heute wahrscheinlich meistens zu schnell und zu kurz beantworten, brachte die Jünger Jesu zum Grübeln.

Zwar glaubten die Pharisäer sowie die Jesusbewegung jener Zeit an eine Art Auferstehung der Toten, was allein die Gerechtigkeit Gottes gebot. Da Gott ein Gott der Gerechtigkeit ist, der keinen Toten und das ihm widerfahrene Leid vergisst, musste den vielen, denen im Diesseits keine Gerechtigkeit widerfuhr, im Jenseits Gerechtigkeit verschafft werden. Ähnlich in den Anfängen der Kirche: Da sich die Gerechtigkeit Gottes nicht durchsetze und Menschen für ihren Glauben starben, so musste es doch die Hoffnung geben, dass für sie zumindest der Himmel offensteht.

Demgegenüber gab es auch jüdische Gruppen, die Zweifel an einer Auferstehung der Toten hatten. Wir kennen alle die Textstelle in diesem Evangelium (Mk 12,18-27), in der die Sadduzäer versuchten, die Auferstehung aufgrund von mythologischen Widersprüchen zu widerlegen. Da fragten sie Jesus, wie es denn im Himmel geregelt sei, wenn eine Frau mehrmals kinderlos Witwe wird und deshalb nach dem Gesetz der Schwagerehe den Bruder des verstorbenen Ehemannes heiraten muss, mit wem sie denn dann im Himmel verheiratet ist? Im Fallspeispiel der Sadduzäer heiratet die Witwe übrigens sieben Brüder nacheinander.

Jesus stellt den Sadduzäern ihren Irrtum dadurch dar, dass er zum einen erklärte, dass die Menschen im Himmel zu Engeln Gottes werden, die den patriarchalen Gesetzen der Ehe dann nicht mehr unterworfen sind. Zum anderen betonte er, dass Gott ein Gott der Lebenden ist, nicht der Toten.

Und hier wird es für uns spannend. Unabhängig von dem Leben nach dem Tod und wie dieses wohl aussehen mag, ist Gott zuallererst ein Gott der Lebenden.

Das wird dadurch deutlich, dass Gott eben nicht abwartet, um am Ende der Welt nur Gericht zu sprechen, sondern durch Jesus in diese Welt kommt und die Hungernden und Kranken an die Kraft Gottes erinnert.

In Jesus wird spürbar und sichtbar, dass Gott bei den lebenden Menschen sein will.

Und auch für die Jüngerinnen und Jünger und den Evangelisten, der diese Textstelle beschreibt, ist die Botschaft der Auferstehung nicht etwas für das Jenseits, sondern für das Hier und Jetzt.

Hier sei kurz auf das Osterfest vorgegriffen: Die Erfahrung der Jüngerinnen und Jünger, dass Gott lebt, er ein Gott der Lebenden ist, hat sie eben nicht in eine abwartende Stellung bis zum eigenen Tod oder bis zur Wiederkehr Christi geführt, sondern diese Erfahrung hat sie im Gegenteil in diesem Leben lebendiger denn je gemacht. In einer Phase der Resignation und Trauer hat sie die Erfahrung und der Glaube an eine zukünftige Auferstehung in der Gegenwart befreit, das Reich Gottes zu verkünden und so zu leben, wie Jesus es gelehrt hat.

„Von der Auferstehung zu reden heißt, Auferstehung zu praktizieren, denn Gott ist ein Gott der Lebenden.“ (Schottroff, 2002, Seite 17)

Der Auferstehungsglaube, den uns die Evangelien mit Jesus verkündigen, ist kein Auferstehungsglaube, der vertröstet und narkotisiert. Jesus spricht nicht von einem Gott, der erst nach dem Tod mächtig wird und Opfern Mitleid erweist.

Nein, in den Evangelien geht es immer um das Gegenmodell der Vertröstung. Beispielsweise zeigt uns die Heilung und Aufrichtung der „verkrümmten Frau“ im Lukasevangelium (Lk 13,10-17), dass Gottes Kraft bereits jetzt aufrichten will.

Es sind die vielen Auferstehungserfahrungen jener Menschen in den Evangelien, die uns lehren, dass besonders das Neue Testament Auferstehung auch als eine gegenwärtige Erfahrung des Neuwerdens und des Wandels versteht.

Und es sind die Jüngerinnen und Jünger, die durch die Auferstehung Jesu die Zerstörungskraft des Todes als die das Leben bestimmende Macht im Glauben überwunden haben und nun ganz neu leben konnten.

Luise Schottroff, eine evangelische Theologin, die einige Beiträge zur Thematik „Auferstehung im Leben“ verfasst hat, schreibt in diesem Zusammenhang: „Geboren zu werden [wird nun] nicht mehr als Beginn der Sterblichkeit und Vergänglichkeit, sondern als Beginn des Lebens und der Gottesbeziehung verstanden. Auferstehung sollte als Auferstehungspraxis, als Arbeit für das Leben begriffen werden.“ (Schotthoff, 2002, Seite 24).

Was heißt das nun für uns und diese Fastenzeit, in der wir uns ja erstmal auf das Fest der Auferstehung unseres Herrn vorbereiten?

Ich glaube, dieses Evangelium und diese Fastenzeit muss mehr denn je für uns eine Zeit sein, in der wir die vielen Auferstehungen in unserem Leben und unserer Umwelt wahrnehmen und uns auch vorbereiten, diese zu verkünden.

In einem bereits anderthalbjährigen Zeitraum des Verzichts und einem harten Winter-Lockdown konnte ich am letzten Wochenende so viele Menschen beobachten, die beim einbrechenden Frühling aufatmeten, den Weg in die Natur suchten und eine Hoffnung verspürten, dass das Leben auch wieder aufblühen kann. Dieser plötzliche Frühling wirkte auf die Menschen und ließ so manches Gemüht, dass nur noch Corona sah, neu aufblicken und wieder mehr an ein Leben nach dem Unheil glauben. Eine Botschaft, die wir Christen jedes Jahr an Ostern verkünden. Eine Botschaft, die jedes Jahr im Frühling von uns verkündet wird und die ein jedes Lebensjahr mit Höhen und Tiefen begleitet.

Als Christen haben wir die Pflicht, diese Hoffnung niemals zu vergessen und dürfen diesen Glauben in die Welt tragen, auch in den dunkelsten Tagen einer Pandemie.

Das letzte Wochenende war für mich schon ein kleines Zeichen, dass wir mit dieser Botschaft und mit diesem Glauben auch recht haben werden.

In Zeiten des ausfallenden Karnevals sprach vor kurzem ein Pfarrer in Köln davon, dass, sollte es wider Erwarten vor Ostern große Lockerungen geben, er Ostern sofort vorziehen würde, denn dann würde ja genau das eintreten, was an Ostern gefeiert wird: Auferstehung, hier und jetzt.

Und unabhängig von der momentanen Situation der Corona-Pandemie gibt es in unserem Leben so viele Momente der Auferstehung.

Da ist der Arbeitslose, der mir vor Kurzem berichtet hat, wieder einen Job bekommen zu haben. Nun könne er seine Miete doch wieder bezahlen und die Sackgasse, in der er sich befunden hat, ist überwunden.

Da ist der Flüchtling, der vor Krieg und Hunger geflohen ist, der sein Leben auf dem Mittelmeer schon beendet sah und nun mit dem Abitur in der Tasche einen Studienplatz in Deutschland sucht.

Da ist der depressive Mann, der durch die Begegnung mit seiner Verlobten neuen Halt und Stabilität bekam und nun mit der Hochzeit den Schritt in ein neues Leben wagt.

Da ist das Waisenkind, dass nach Zeiten in Heimen endlich wieder eine Familie gefunden hat und familiäre Geborgenheit erfährt.

Da ist der Anruf, der meine Einsamkeit durchbricht und mich erfahren lässt, dass es Menschen gibt, die an mich denken.

Der heutige Sonntag lädt uns ein, uns auf die Suche nach den gegenwärtigen Auferstehungserfahrungen zu machen. Er lädt uns ein, sie achtsam wahrzunehmen und sie mitzunehmen in das Osterfest, das Fest jenes Gottes, der ein Gott der Lebenden ist.

Seien wir also wachsam für die Auferstehung. Auf die jetzigen Auferstehungen und die kommende, die unser Leben schon jetzt verändern will.

Oder mit den Worten von Luise Schottroff: „Es gibt etwas, was uns nicht schlafen lässt. Die Kraft der Auferstehung verändert das Leben.“

Von Stefan Kaiser

 

Literatur: Luise Schottroff, „Es gibt etwas, das uns nicht schlafen lässt. Die Kraft der Auferstehung verändert das Leben.“ In: „Sich dem Leben in die Arme werfen. Auferstehungserfahrungen“, herausgeben von Luzia Sutter Rehmann et. al., Gütersloh 2002, Seite 16-29.

Impuls vom 20.02.2021, "Mehr ist weniger"

Mehr ist weniger

 

In meiner Bäckerei gibt es jeden Morgen über 15 verschiedene Brötchensorten. In der Frischtheke meines Supermarktes finde ich mehrere Regalmeter Käsesorten. Auf dem Wochenmarkt gibt es das ganze Jahr über Obst und Gemüse – mehr Sorten als ich überhaupt kenne. Unsere Kleiderschränke zuhause sind gut gefüllt – der Keller müsste dringend mal wieder entrümpelt werden. Ich vermute mal, nicht nur mir geht das so. Wir haben das Glück, in einem Teil der Welt zu leben, wo die Konsumgüter in Hülle und Fülle an jeder Ecke zu finden sind und unsere Müllverbrennungsanlagen ohne Unterbrechung durchlaufen. Eigentlich verrückt. Manchmal zerreißt mich meine Welt. Ich blende aus, was ich eigentlich sehen sollte: „Viele wissen, dass der gegenwärtige Fortschritt und die bloße Häufung von Gegenständen und Vergnügen nicht ausreichen, um dem menschlichen Herzen Sinn zu verleihen und Freude zu schenken … Die christliche Spiritualität schlägt ein anderes Verständnis von Lebensqualität vor und ermutigt zu einem prophetischen und kontemplativen Lebensstil, der fähig ist, sich zutiefst zu freuen, ohne auf Konsum versessen zu sein!“ (LS 209,222)

 

Papst Franziskus hat uns in seiner Umweltenzyklika Laudato Si‘ deutlich die Augen geöffnet. Was er dort bereits vor 5 Jahren aufgeschrieben hat, wissen wir eigentlich alle, zumindest spüren wir es. Die Fülle der Konsumgüter kann unseren Hunger nach Leben nicht stillen. Die 15 verschiedenen Brötchensorten machen uns nicht satt. Der gut gefüllte Kleiderschrank und der volle Keller sind nicht das Leben in Fülle, das uns Jesus Christus versprochen hat. Aber was ist zu tun, wenn wir „in der ständigen Hast“ und im „ständigen Lärm der fortdauernden und begierigen Zerstreuung oder im Kult der äußeren Erscheinung“ (LS 225) nicht das Glück unseres Lebens finden. Nicht die Zufriedenheit im Alltag – nicht den Sinn des Lebens?

 

Es ist kein Wunder, dass der Ordensmann Franziskus uns Enthaltsamkeit und Verzicht ans Herz legt. Aber er redet nicht vom bloßen Konsumverzicht – sondern von einer Haltung, die im innersten unseres Herzens beginnt. Dass wir in unserer hochtechnisierten Welt, in der der digitale Fortschritt den Takt angibt, wieder mehr auf unseren eigenen Herzschlag hören. Dass wir spüren, was uns und unseren Mitmenschen wirklich weiterhelfen und guttun würde. Es ist ein mehr an Mystik und Spiritualität, was uns wieder den nötigen Halt geben kann. „Während das Herz des Menschen immer leerer wird, braucht es immer nötiger Dinge, die er kaufen, besitzen und konsumieren kann!“ (LS 204), schreibt der Papst in seiner Enzyklika. Es braucht also einen neuen Geist, der in uns wieder lebendig wird. Der uns hilft, die Dinge in unserem Leben wieder in den Vordergrund zu rücken, die wichtig sind. Werte, die man eben nicht kaufen kann. Ich glaube, es ist richtig, wenn Papst Franziskus die tieferen Wurzeln unserer ökologischen und sozialen Krise im Fehler einer Ethik sieht. Eine Ethik, die unserem wirtschaftlichen und technologischen Handeln die Grenzen aufzeigt – und unser menschlich-solidarisches Handeln grenzenlos werden lässt in dem Geist Jesu: „Was ihr dem Geringsten meiner Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr mir getan!“ (Mt 25,45)

 

Petra Dierkes

 

(in: Pastoralblatt für die Diözesen Aachen, Berlin, Hildesheim, Köln und Osnabrück; Juni 6/2020, 72. Jahrgang; S. 162)

Impuls vom 13.02.2021, "Aussatz"

Impuls 6. Sonntag im Jahreskreis B (Mk 1,40-45)

Die Berichte über Jesus und die Heilung von Aussätzigen wirken oft wie archaische Erzählungen aus einer fernen Vergangenheit.

Aussatz, oft fälschlicher Weise ausschließlich mit Lepra in Verbindung gebracht, scheint heute für viele Menschen kein Thema mehr zu sein. Warum auch, denn das RKI hat 2019 ganze zwei Lepraerkrankungen in Deutschland festgestellt. Und da Lepra nicht so infektiös ist, wie viele glauben, ging von den Infizierten auch keine Gefahr aus.

Die biblischen Berichte, wie mit Aussätzigen zu verfahren sei, wirken auf uns heute wie Relikte längst vergangener Tage, zumal man heute bei Infektionskrankheiten eher den Arzt aufsuchen würde als den Priester.

Trotzdem denke ich, dass die biblischen Erzählungen der Zuwendung Jesu zu Aussätzigen, wobei der diffuse biblische Begriff Aussatz verschiedene Auffälligkeiten erfasst, die weder infektiös noch krankhaft sein mussten, heutzutage und besonders in der Corona-Pandemie aktueller denn je sind.

Die Corona-Pandemie zeigt uns nämlich, dass das Übel, welches wir biblisch als Aussatz bezeichnen und dem sich Jesus widmet, heute ganz aktuell ist. Wie viele Covid-19-Infizierte fühlen sich heute als aussätzig? Sie leiden nicht nur unter den akuten Symptomen, sondern empfinden oft auch Scham, haben Angst, nun gemieden zu werden, und bekommen oft Schuldzuweisungen für ihre Infektion. Oftmals ist die erste Frage an einen Infizierten nicht „wie geht es dir?“, sondern „wo hast du dich rumgetrieben?“, „warum hast du nicht aufgepasst?“ Schon das Wissen, dass jemand zum Corona-Test geht, veranlasst so manchen Vermieter in Mehrfamilienhäusern einen Brief zu schreiben, in dem er den Betroffenen bittet, ab nun nicht mehr den Fahrstuhl zu benutzen und im Treppenhaus seinen Gang lautstark anzukündigen. Infektionstechnisch richtig, emotional für den Betroffenen jedoch schmerzhaft.

Zu Beginn der Pandemie gab es viele rassistische Übergriffe gegen asiatisch stämmige Mitbürgerinnen und Mitbürger. Nur weil sie asiatisch aussahen, wurden sie gemieden und bezichtigt, das Virus hier einzuschleppen – auch wenn sie nachweislich seit Jahren nicht mehr in ihrem Geburtsland waren. Eine große Kampagne entstand, bei der unsere asiatisch-stämmigen Mitmenschen ihr Gesicht mit dem Slogan „Ich bin kein Virus“ zeigten.

Und es ist auch nicht allzu lange her, dass Menschen aus dem Kreis Gütersloh wie Aussätzige behandelt und ihre Autos zerkratzt wurden.

Die Corona-Pandemie wird auch in Zukunft so manche Fragen hinsichtlich „Aussatz“ an uns stellen. Schon heute wird darüber diskutiert, wie unser gesellschaftliches Leben aussehen soll, wenn ein Teil der Menschen geimpft ist. Dürfen dann nur Geimpfte am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und die „Nichtgeimpften“ werden von jeglichem Sozialkontakt ausgesperrt? Nach dieser Logik übrigens sollten wir dann unsere Kinder- und Jugendlichen noch eine lange Zeit von jeglichem gesellschaftlichen Leben ausgrenzen, denn für unter Achtzehnjährige gibt es ja bekanntlich momentan noch keinen Impfstoff.

Und darüber hinaus: Wie schotten wir uns von den Ländern und Menschen ab, die noch keinen Zugang zu Impfungen haben? Werden wir jedem Menschen mit farbiger Haut mit Zurückhaltung begegnen, weil er von einem Kontinent stammen könnte, der sich finanziell noch keine umfassende Impfstrategie leisten kann?

Man merkt, das Thema Aussatz erhält neue Brisanz.

Auch unabhängig von einer Pandemie ist Aussatz ein Übel unserer heutigen Gesellschaft und der Welt. Noch heute gibt es weltweit Menschen, die auf Grundlage ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe oder aber auch aufgrund ihres Milieus gemieden und wie Aussätzige behandelt werden.

Selbst in der Kirche werden manche Menschen immer noch wie Aussätzige behandelt – wiederverheiratete Geschiedene oder Homosexuelle beispielsweise.

Und so bekommt das Handeln Jesu und die Heilung eines Aussätzigen für unsere heutige Gesellschaft enorme Bedeutung.

Die Reinheitsvorschriften in der Tora hatten den Zweck, Infektionskrankheiten nach dem damaligen Stand des Wissens einzudämmen. Die Vorschiften sollen helfen, den Ernst der Lage zu erkennen und diese beherrschbar zu machen. Was die Vorschriften nicht fördern wollten: Spaltung und andauernde Isolation. Bei all dem Schutz der Mitmenschen enden die Vorschriften immer mit der Reintegration in die Gemeinschaft. Und die Vorschriften in der Tora unterscheiden zwischen der Krankheit und dem Menschen, sie verdammen nicht und sprechen auch nicht von Magie, wenn man wieder gesund wird.

Und hier setzt das Wirken Jesu an. Jesu Handeln an Aussätzigen soll uns zwischen der Krankheit und dem Menschen unterscheiden lehren. Jesus fängt nicht mit einer Anamnese an und fragt erst einmal: Wo hast du dich infiziert? Wie lange bist du schon krank? Welche Symptome hast du? Auch glaubt Jesus nicht an so etwas wie: Welche Schuld hast du dich aufgeladen, dass du krank geworden bist? Krankheit als Strafe Gottes steht dem Gott, den Jesus verkündet, diametral entgegen. Nein, Jesus hatte einfach Mitleid mit dem Menschen und will helfen.

Er durchbricht die Kategorie Rein und Unrein, wenn es um den Menschen geht. Er unterscheidet nicht zwischen krank und gesund, er will allen Menschen begegnen.

Besonders in diesen Pandemiezeiten, in denen die Gesundheit als höchstes Gut verkauft wird, will uns Jesus lehren, dass Krankheit und Makel keine Defizite an Würde bedeuten dürfen.

Lebenswert ist für diesen Gott, den Jesus verkündet, jedes Leben, in Krankheit und Gesundheit, mit und ohne Behinderung, so wie er uns auch verspricht, uns zu begleiten in Gesundheit und Krankheit.

Jesus durchbricht, egal ob es um Gesundheit und Krankheit oder um arm oder reich, Jude oder Griechisch, Mann oder Frau, Sklave oder Freier, König oder Bauer geht, jegliches „Schwarz-Weiß-Denken“.

Der Anfang allen Übels und Aussatzes ist es, Grenzen aufzubauen und von dem „Anderen“, dem „Abweichenden“ zu reden.

Wohin es führt, wenn ganze Gruppen von Menschen heute als „die Anderen“ bezeichnet und ausgegrenzt werden, sehen wir täglich: sei es bei den Rohingya in Myanmar, sei es der wieder aufkommende Antisemitismus in Deutschland, seien es die Uiguren in China, sei es, wenn Ex-Präsident Trump alle Flüchtlinge aus muslimischen Ländern Terroristen nennt, sei es die unbarmherzige Ausgrenzung von Flüchtlingen in Bosnien, sei es die Gleichsetzung oppositioneller Regierungskritiker mit westlich gesteuerten Terroristen in Belarus oder sei es eben, wie mir ein Obdachloser vor Kurzem berichtet hat, dass Menschen nun einen noch größeren Bogen um ihn machen, weil vermutet wird, dass, wenn man obdachlos ist und keine saubere Kleidung besitzt, man auch automatisch Corona hätte. Die Liste könnte im Großen und Kleinen weitergeführt werden.

 

Somit möchte uns das heutige Evangelium sagen: Wir leben mit Infektionskrankheiten, die gemeinsam bekämpft werden müssen, aber dabei dürfen wir den sozialen Zusammenhalt und vor allem den gegenseitigen Respekt nicht vernachlässigen. So, wie Gott sich mit „den Anderen“, „den Ausgegrenzten“ solidarisierte, um die Gräben zu überbrücken, dürfen wir als Christen zu Pandemiezeiten nicht in ein „Schwarz-Weiß-Denken“ verfallen.

Wir haben die Aufgabe, diese Welt zusammenzuhalten und die Würde eines jeden Menschen zu verteidigen, unabhängig vom momentanen Gesundheitszustand.

 

Von Stefan Kaiser

Impuls vom 06.02.2021, "Dein Wille geschehe"

DEIN WILLE GESCHEHE!

Sehr gut erinnere ich mich an folgende mehr als zwanzig Jahre zurückliegende Begebenheit etwa ein Jahr nach meiner Priesterweihe. Eine Ordensschwester kam zu mir und berichtete über eine erfolgreich verlaufene Operation: ‚Herr Pastor, unser Beten hat geholfen. Das Ergebnis ist gutartig. Sehen Sie, das Beten nutzt doch.‘ „Schwester, wäre unser Beten denn umsonst gewesen, wenn das Ergebnis anders ausgefallen wäre? Ist unser Beten nur gut und sinnvoll und berechtigt und richtig, wenn wir sichtbare Früchte erkennen können, die natürlich auch unseren Vorstellungen entsprechen müssen?!“

Ja, was soll das Beten? Wem oder wozu kann und will Beten dienen? Wie geht Beten eigentlich? Uralte und zugleich bis heute aktuelle Fragen, denen ich im Gespräch mit Kranken und Gesunden, mit jüngeren und älteren Menschen immer wieder begegne. Eine mögliche, vielleicht sogar die einzig wirklich tragende Antwort finde ich an verschiedenen Stellen in der Bibel, wenn Jesus selbst sich an einen einsamen Ort zum Beten zurückzieht! Mehrfach berichtet die Heilige Schrift, dass Jesus sich zum stillen Gebet und zum Austausch mit seinem himmlischen Vater zurückzieht – häufig sogar zum Ärgernis für die Menschen in seiner Umgebung, die für diesen Rückzug in die Stille oft nur ein verständnisloses Kopfschütteln übrighaben. ‚Alle suchen dich‘ hören wir Jesu Begleiter im heutigen Sonntagsevangelium zu Christus sagen, als sie ihn endlich gefunden hatten: ‚Alle suchen dich. Und du ziehst dich zurück, obwohl die ganze Stadt vor der Haustür versammelt ist.‘ Wir kennen solche Sprüche und Kommentare bis heute: ‚Warum soll ich in die Kirche rennen und beten? Zu Hause kann ich doch viel besser Gutes tun. Was soll ich da die Zeit verplempern? Wenn all die Menschen, die ständig in die Kirche gehen, die Zeit sinnvoller für gute Werke nutzen würden, dann sähe die Welt besser aus. So flüchten sie vor der Arbeit ins Gebet.‘ Wer kennt solche oder ähnliche Vorwürfe nicht – einmal, wenn ich mir solche Dinge vorwerfen lassen muss bzw. auch, wenn ich selber entsprechend austeile?!

Wie auch immer: Allen Kritikern und Sprücheklopfern zum Trotz zieht Christus sich häufig zum Beten in Stille und Einsamkeit zurück. Stets aufs Neue richtet er sein Leben aus an dem Willen seines göttlichen Vaters im Himmel! Und genau das ist der springende Punkt: Immer und immer wieder geht es Christus darum, im Gebet den Willen des Vaters zu erkennen, den er dann im Zusammenleben mit den Menschen in konkreten Liebeswerken umsetzt. So ermöglicht dieses Gebet zum Vater Christus immer wieder neu innere und äußere Freiheit und Gelassenheit, sich nicht durch Erwartungen und Gerede der Menschen beeinflussen, aufhalten oder gar beirren zu lassen!

Was hat das mit unserem persönlichen Gebetsleben zu tun? Ganz viel! Wir können gut und viel vom Vorbild Jesu lernen und auf unser Leben übertragen. Sein Gebetsleben kann und will für uns alle Richtschnur und Kompass sein  – und zwar in verschiedener Hinsicht: Jesus betet mal allein in der Stille und auch gemeinsam mit anderen in der Synagoge! Jesus betet regelmäßig und nicht nach Lust und Laune! Jesus betet mit frei formulierten Worten oder auch schweigend genauso wie er sich mit den Worten der alten Psalmen einklinkt in die Tradition seiner jüdischen Wurzeln. Jesu Beten ist Lobpreis und Dank gegenüber Gott zum einen und Hadern und Ringen zum andern > alles zu seiner Zeit! Jesus braucht das Gebet zum Vater und lässt sich durch nichts und niemanden davon abbringen! Für Jesus ist das Gebet eine sehr wichtige bzw. möglicherweise sogar die wichtigste Kraftquelle und Orientierung für sein gesamtes Leben! Jesus stellt nie die Frage nach Sinn und Zweck des Gebetes! Das gehört für ihn zum Leben wie die Luft zum Atmen! Jesus verzweckt sein Gebet nicht: ‚Göttlicher Vater, ich will, dass genau das und das geschieht und eintrifft.‘ Das entspricht nicht dem Beten Jesu. Christus ist so sehr von Gottvertrauen geprägt und getragen, dass er bedingungslos beten kann: DEIN WILLE GESCHEHE! Diese Worte lehrt er seine Jünger und damit auch uns im ‚Vater unser‘.

Und diese Worte betet er sogar im Angesicht seines bevorstehenden Leidens am Ölberg. Natürlich betet und bittet  er nicht um die Leiden der Kreuzigung. Natürlich betet er menschlich: ‚Vater, wenn möglich, lasse diesen Kelch an mir vorübergehen, ABER NICHT MEIN, SONDERN DEIN WILLE GESCHEHE!‘ Mit anderen Worten: Jesus betet nicht um innerweltliche Werte wie Reichtum, Gesundheit, Erfolg. Er weiß, dass es mehr gibt, als wir uns auf dieser Welt auch nur erhoffen, erdenken oder erbitten können, weil er an die unfassbare Allmacht seines Vaters glaubt.

Zurück zu der eingangs erwähnten Ordensschwester. Ich habe sie seinerzeit eingeladen und zu ermutigen versucht, in die Gebetsschule Jesu zu gehen und in Orientierung an seinem Vorbild mehr und mehr in seine Gebetspraxis  hineinzuwachsen. Hier und heute wiederhole ich diese Einladung. Vielleicht lockt und reizt es einige LeserInnen, sich darauf einzulassen?!

 Stefan Tausch, Pastor

Impuls vom 30.01.2021, "Bleib gesund! Und wenn nicht?"

Bleib gesund! Und wenn nicht?

 

Fast alle Briefe und Mails, die mich seit Neujahr erreichen, enden mit dem Satz: „Und bitt, bleib gesund!“ Das ist natürlich gut gemeint. Aber mir stößt es dennoch unangenehm auf. Denn mit dem guten Wunsch geht doch letztlich einher, dass kranke Menschen herabgesetzt werden. Wenn Gesundheit die Hauptsache ist, erscheint uns eine Erkrankung als Mangel, als Makel und als Defizit an Würde.

 

Schon schwangeren Frauen wird das Angstbild eingejagt, ihr Kind könne möglicherweise mit einer Behinderung zur Welt kommen. Sind denn nur gesunde Menschen lebenswert? Haben wir derartig monströse Gedanken nicht mit der letzten Diktatur überwunden? Auch die Bilder von fröhlichen und dankbaren Erstgeimpften im hochbetagten Alter hinterlassen einen faden Beigeschmack. Dass dann sogar Predigten gehalten wurden, die das Licht aus Betlehem mit den ersten Impfungen verglichen, ist mehr als bedenklich. Nicht dass ich falsch verstanden werde: Gott gebe, dass diese Pandemie auch durch erfolgreiche Impfungen ausgemerzt wird! Aber die Erkrankung selbst, die immer ein Widerfahrnis bleibt und deren Ursache jenseits von menschlicher Schuld beziehungsweise göttlicher Strafe zu suchen ist, durch eine derartige Überhöhung der Gesundheit in ein dunkles Licht zu tauchen, schadet einer Gesellschafft dauerhaft mehr als ein Virus.

 

Gesunde Gesellschaften würden Gesundheit und Krankheit, wie es Dietrich Bonhoeffer gedichtet hat, aus Gottes Hand getrost entgegennehmen: „Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus deiner guten und geliebten Hand.“ Ich wünsche mir Verantwortliche, die zu Beginn des Jahres 2021 nicht den Wunsch nach Gesundheit, sondern den Segen der Sternsinger als Wunsch unter alle Reden, Mails und Briefe schreiben: Christus segne Dein Zuhause im neuen Jahr 2021 (20*C+M+B*21). In Gesundheit und Krankheit gleichermaßen Gottes Trost zu erfahren, ist die menschenwürdigste Art des (Über-)Lebens.

 

Felix Evers

(Quelle: CHRIST IN DER GEGENWART Nr. 2/2021, S. 7)

Impuls vom 23.01.2021, "Freiheit ist nahe"

Impuls vom 23.01.2021 (Mt. 1,14-20)

„Das Reich Gottes ist nahe.“ (Mk 1,15) Im Kontext der ersten Jünger-Berufungen möchte ich diese Aussage einmal umformulieren: Die Freiheit ist nahe!

Wie komme ich darauf, diese Jünger-Berufungen so zu betiteln? Nun ja, mir war immer unklar, wie man so schnell – Markus sagt ja „sogleich“ – einfach alles stehen und liegen lassen kann. Wieso lässt man „sogleich“ alles hinter sich? Wie konnte dieser Jesus von Nazareth so eine Ausstrahlung haben, dass Menschen so reagierten?

Unabhängig davon, dass ein Evangelium natürlich nicht nur ein theologischer, sondern auch ein literarischer Text ist und die Jünger historisch bestimmt mal gezweifelt oder sich ein wenig Zeit erbeten haben, können wir jedoch historisch belegen, dass sie trotz allem „ja“ sagten. Die Jünger folgten dem Ruf Jesu. Aber warum? Und warum „sogleich“ oder zumindest so radikal nach dem Prozess der Entscheidung?

Hier kommt meiner Meinung nach die Freiheit ins Spiel.

Ich glaube nämlich, dass Jesu Ruf zum Reich Gottes die Freiheit des Menschseins verheißt. Was meine ich damit?

Damals wie heute werden Menschen oft als Produkt ihres sozialen Milieus angesehen und wesentlich darüber bestimmt, was sie beruflich machen, also über die Art, wie sie Geld verdienen. Und zurzeit Jesu hat das auch oft Sinn gemacht, da die Arbeitszeit 14 Stunden und mehr gedauert hat und dann nicht mehr viel vom „Leben“ übrigblieb. Und so hatte auch die deutsche Sprache recht, wenn sie vor 60 oder 80 Jahren aufgrund vergleichbarer Arbeitszeiten noch glaubte, Menschen einfach nach ihrem Beruf benennen zu können: Das ist der Bäcker, das ist die Bürokauffrau, das ist der Friseur, das ist die Verkäuferin, das ist der Priester.

Aber sind diese Menschen nicht viel mehr als ihr Beruf? Mein menschliches Leben ist doch mehr als das, womit ich mein Brot verdiene. Ein Mensch lebt nicht von dem, was er erarbeitet, sondern von der Wahrheit, die in ihm ist und zu der er berufen ist.

Eine zweite Schublade, in die wir andere Menschen oft stecken, ist die der biologischen Abstammung. Oft sehen wir Kinder als Produkt der Erbanlagen der Eltern. In der nordischen Sprache wird dies manifestiert, wenn beispielsweise solche Namen auftauchen: Svensson, Gunnarsson, also die Söhne von Sven und Gunnar. Wie lange war es in der Menschheitsgeschichte undenkbar, dass ein Sohn oder eine Tochter eines Bauern oder eines Schneiders einen ganz anderen Weg als die Eltern einschlagen konnten, gar einen Weg, der in ganz andere Milieus führte. Wie oft blieb man der Sohn oder die Tochter des Bäckers – ein Leben lang.

Aber den entscheidenden Schritt machen Kinder ja oftmals erst dann, wenn sie ihre eigenen Wege gehen und aus der Nachfolge der Eltern heraustreten und sich selbst erfinden.

Oder anders gesagt: Wir sind nicht nur dazu berufen, Kinder von Menschen zu sein, sondern auch Kinder Gottes. Und das meint, frei und ganz Mensch zu werden.

Simon und Andreas, Jakobus und Johannes bekommen durch Jesus ein Angebot, dass zur damaligen Zeit unerhört war, was auch in Teilen der 2. und 3. Welt heute noch unmöglich ist: Sie werden eingeladen, ihrer Berufung zu folgen.

Eigentlich war es das normalste der Welt, dass diese vier den Beruf ihrer Eltern weiterführen, dass sie Geld verdienen und in ihrem Milieu verbleiben.

All das mit rund 14 – 16 Stunden Arbeit am Tag, ähnlich wie es heute Menschen in Fabriken in Indien ergeht, in denen unsere Kleidung hergestellt wird. Da wird nur gefragt: Wer ist Näherin, wer ist Aufseherin. Da wird nur funktioniert. Da lebt man je nach Arbeit in seinem Milieu bzw. seinem Stadtteil, aus dem man nicht herauskommt. Da wird kein kleines Mädchen gefragt: Und was willst du später mal sein? Was ist deine Berufung?

Wenn wir das Reich Gottes als „nahe“ bezeichnen oder ausrufen, muss das Freiheit bedeuten. Es muss die Freiheit bedeuten, seine Berufung leben zu können. Vielleicht war das das Charismatische und Ansprechende an diesem Jesus: Er lebte seine Berufung voll und ganz. Man nahm ihm seine Begeisterung für seine Aufgabe, für seine Vision vom Menschsein voll und ganz ab.

Jesus eröffnet diesen vier Männern im heutigen Evangelium eine neue Zukunft. Er bietet die Freiheit, aufzubrechen und etwas anderes zu tun, als was die Zwänge ihnen von außen auferlegen. Jesus bietet ihnen die Chance, etwas zu tun, was sie berührt.

Vielleicht haben auch einige, die Jesus rief, nicht geantwortet, da der Weg mit Jesus als Wanderprediger nicht ihre Berufung war. Vielleicht warten diese noch immer auf die je eigene Berufung, um aus den Zwängen auszubrechen und Mensch zu werden.

Freiheit heißt, der Vergangenheit keine Macht mehr über sich zu geben, sondern voll uns ganz in die Zukunft aufzubrechen.

Zur Freiheit sind wir berufen, zum Gestalten des Reiches Gottes, dass wir dann mitgestalten, wenn wir Menschen unser Menschsein einfach leben und auch das Menschsein anderer ermöglichen.

„Das Reich Gottes ist nahe“ bedeutet, mein Menschsein an der Seite Jesu zu leben.

Eigentlich ist es, begeistert vom heutigen Evangelium, also ganz einfach am Reich Gottes mitzuwirken: Wir müssen als Menschen und Gesellschaft einfach dafür sorgen, dass ein jeder Mensch unabhängig vom Elternhaus, seiner Arbeit, seines Vermögens, seines Milieus oder seiner Heimat die Freiheit bekommt, sein Menschsein und seine Berufung für sich und diese Welt zu leben.

Leider scheitert bereits ein reiches Land wie Deutschland mit seinem Schulsystem oftmals daran, allen Kindern die gleichen Chancen zu ermöglichen. Und leider scheitert bereits die Europäische Union daran, wenn man sieht, wie wir mit Flüchtlingen in Bosnien umgehen, die nie eine faire Chance bekommen werden, frei zu sein.

Aber, und das sagt dieses Evangelium auch, es wird nie zu spät sein, auf den je eigenen Ruf zu antworten und neu Mensch zu werden.

Und so wünsche ich jedem von uns wahres Menschsein, die Erfahrung von Momenten, in denen Sie als der Mensch gesehen werden, der Sie sind. Und ich wünsche Ihnen Momente, in denen Sie anderen Menschen zeigen können, dass Sie sie als individuellen Menschen sehen. Dann können wir am Reich Gottes mitwirken.

 

Stefan Kaiser

Impuls vom 16.01.2021, "Menschen auf der Suche: Kommt und seht!"

Menschen auf der Suche: Kommt und seht!

Am Tag darauf stand Johannes wieder dort und zwei seiner Jünger standen bei ihm. Als Jesus vorüberging, richtete Johannes seinen Blick auf ihn und sagte: Seht, das Lamm Gottes! Die beiden Jünger hörten, was er sagte, und folgten Jesus. Jesus aber wandte sich um, und als er sah, dass sie ihm folgten, sagte er zu ihnen: Was sucht ihr? Sie sagten zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister – , wo wohnst du? Er sagte zu ihnen: Kommt und seht! (Joh 1,35-39a)

Ein klassisches Evangelium MIT und FÜR Menschen auf der Suche haben wir da gerade gehört – richtig passend also auch für uns im Katholischen Forum! Zwei Menschen ergreifen die Initiative und gehen aufgrund der Empfehlung durch den Täufer Johannes auf Jesus zu. Interessiert und neugierig scheint es die beiden Menschen auf der Suche zu locken und zu reizen, sich Jesus anzuschließen und ihm nachzufolgen.

Einer (!) wird mit Namen genannt: Andreas. Wer der zweite Jünger ist, bleibt letzten Endes offen, weil der Name nicht genannt wird. Mit anderen Worten: Wir alle dürfen uns je persönlich angesprochen fühlen und in das Geschehen einklinken. So dürfen wir uns vertrauensvoll auf eine Begegnung mit Jesus einlassen.

Und der nimmt die beiden wahr. Jesus sieht sie an und zeigt echtes Interesse an ihnen. So kommt Jesus im Johannesevangelium an dieser Stelle erstmals zu Wort und stellt den beiden eine zunächst lapidar klingende Frage, die sich vom griechischen Urtext her in mehreren Varianten übersetzen und deuten lässt: WAS sucht ihr? WEN sucht ihr? Was WOLLT ihr? Mit diesen programmatischen Signalworten setzt Jesus direkt einen markanten Akzent: Er stellt nicht sich selbst in den Mittelpunkt, sondern die Suchenden!

Umso erstaunlicher, dass sie die Frage nicht beantworten, sondern stattdessen mit einer Gegenfrage reagieren, die sich vom griechischen Urtext her in der deutschen Sprache ebenfalls unterschiedlich wiedergeben lässt: Wo wohnst du? Wo ist deine Bleibe? ‚Wo ist deine Bleibe?‘ das meint mehr als die Frage nach dem konkreten Wohnort mit Straßenangabe und Postleitzahl. ‚Wo ist deine Bleibe?‘ – diese Frage reicht tiefer. Sie erkundigt sich nach der persönlichen Verwurzelung, nach der eigenen Lebenskraft, nach der wirklichen Heimat über äußere Aufenthaltsorte hinaus, nach der tiefen Lebensquelle. Und in der Antwort auf diese Frage, in der Begegnung mit Jesus erhoffen sie auch für sich eine Bleibe, wo sie Wurzeln schlagen und ihren Lebenssinn finden können. All das schwingt für mich mit, wenn die Beiden Jesus nach seiner Bleibe fragen und dieser sie offenherzig und einlädt: ‚Kommt und seht!‘

Kehren wir zurück zu der bzw. zu den Ausgangsfragen Jesu: WAS sucht ihr? WEN sucht ihr? Was WOLLT ihr? Diese Frage, diesen Fragen zu leben und auszuhalten bedeutet, keinen meiner Lebensbereiche auszusparen. Wen oder was suche bzw. was will ich in der Familie, privat, beruflich, im Freundes- und Bekanntenkreis, in der Kirche, im Katholischen Forum, in der Nachbarschaft, im Leben? Es lohnt, dieser Suche, diesem Wollen mit großer Achtsamkeit und wacher Sensibilität offen und ehrlich in Ruhe nachzugehen. Mitunter braucht es wohl auch Mut und Abenteuerlust, beim Fragen mit Entdeckerfreude manche Grenzen zu überschreiten und sich auf Überraschungen einzulassen.

WAS sucht ihr? WEN sucht ihr? Was WOLLT ihr? Diese Fragen Jesu zu leben bedeutet, offen zu bleiben und innere wie äußere Unruhe auszuhalten. Ja, vielleicht ist das Wichtigste an diesen Fragen sogar das Satzzeichen, das Fragezeichen??? Will sagen: Vielleicht besteht die größte Herausforderung dahin, sich von Jesus anfragen bzw. sogar hinterfragen zu lassen und am Ende eben tatsächlich seine Fragen offen zu lassen und unbeantwortet auszuhalten – hier und jetzt oder sogar weit über den heutigen Gottesdienst, den heutigen Tag hinaus – vielleicht sogar über sehr lange Zeit. Mich erinnert das an Rainer Maria Rilke, der einem jungen Dichter, der ihn mit vielen Fragen bedrängte, einmal antwortete: ‚Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antworten hinein.‘

Wie auch immer! So oder so gelten die von Jesus damals an Andreas und auch den nicht mit Namen Genannten bzw. heute an uns gerichteten Fragen, wobei es mir sinnvoll und wichtig erscheint, in dem Zusammenhang keinen Lebensbereich auszusparen: WAS sucht ihr? WEN sucht ihr? Was WOLLT ihr?

Stefan Tausch, Pastor

Impuls vom 09.01.2021 "Taufe des Herrn"

„Lasst uns erst einmal die Berufung der Taufe leben, dann haben wir schon mehr als ein Leben lang genug zu tun!“ (Madeleine Delbrêl)

 „Du wirst nun mit dem heiligen Chrisam gesalbt, denn du bist Glied des Volkes Gottes und gehörst für immer Christus an, der gesalbt ist zum Priester, König und Propheten.“ Niemand oder die Allerwenigsten, falls als Erwachsener und nicht als kleiner Säugling getauft, erinnern sich an diese Salbung mit Chrisam, die allen ChristInnen bei ihrer Taufe zu Teil wurde. „Du gehörst für immer Christus an.“ – Diese sechs Worte sind so etwas wie eine Kurzfassung des Evangeliums: „Du gehörst für immer Christus an.“

Diese Worte sind frohe Botschaft pur, weil sie eine große Verheißung in sich tragen: „Ich soll und darf ganz zu Christus gehören nicht, weil ich es durch gute Werke und viel Beten verdient habe; nicht, weil ich etwas dafür geleistet habe; nicht, weil ich viele gute Werke getan oder Geld gespendet habe – sondern schlicht und ergreifend, weil Gott es soll will: „Du gehörst für immer Christus an.“ Heute und für immer zu Christus gehören – gratis, kostenlos, einzig aus Gnade: Kann ich das? Will ich das? Was bedeutet das für mein Leben, meinen Alltag mit seinen Höhen und Tiefen? Spannende Fragen, die es in sich haben, wenn ich mich ernsthaft darauf einlasse!

Der Aachener Priester Wilhelm Bruners hat dazu vor vielen Jahren ein starkes Buch geschrieben: Wie Jesus glauben lernte. Allein der Titel ist spannend, hilfreich und menschenfreundlich. Schließlich ist demnach Jesus selbst der Glaube wohl kaum ein für alle Mal locker-flockig in den Schoß gefallen. Wenn er wahrer Mensch und wahrer Gott war – und genau das feiert und bekennt die Kirche alljährlich in der Weihnachtszeit in besonderer Weise –, dann ist er im Laufe seines Lebens mehr und mehr in den Glauben an seinen himmlischen Vater hineingewachsen – vielleicht und möglicherweise mit allen allzu menschlichen  Wachstumsstörungen, wie sie die allermeisten ChristInnen aus eigener Erfahrung kennen. Passend zu dem besagten Zitat von Madeleine Delbrêl: „Lasst uns erst einmal die Berufung der Taufe leben, dann haben wir schon mehr als ein Leben lang genug zu tun!“

Und diese gelebte Taufberufung, dieses Hineinwachsen in die Taufgnade bedeutet erheblich mehr als ein durch die Taufe erlaubtes, ermöglichtes und erforderliches Stopfen von kirchlichen Funktionslöchern, die durch den quantitativen Rückgang des pastoralen Personals entstehen. Beim  Hineinwachsen in die Taufgnade geht es in erster Linie um die gesamte Person, die auf ganz persönliche Weise in die je eigene Christusnachfolge hineinwachsen und diese auf einmalige Weise mit allen möglichen und unmöglichen Rück- und Fortschritten mit Leben füllen kann und darf und soll. Gelebte Taufberufung beinhaltet mehr als das wie auch immer motivierte Ausüben von pastoralen Funktionen! Taufe gilt in erster Linie der Person und nicht der Funktion. Natürlich erwächst aus diesem von Gott geliebt und angenommen sein früher oder später quasi automatisch konkrete praktische Nächstenliebe! Die Reihenfolge aber ist wichtig: Zunächst bin ich von Gott angenommen – bedingungslos! Ich muss und kann mir nicht den Himmel auf Erden durch Aktionismus verdienen. Christsein ist Geschenk! Die Freude und Dankbarkeit über dieses Geschenk können und wollen natürlich zu Reaktionen wie Nächstenliebe und guten Werken fühlen. Insofern geht es für Haupt- und Ehrenamtliche, bei Klerikern und Laien nicht in erster Linie um mein wie auch immer motiviertes Machen und Tun, um mein Engagement und meine Leistung – und wenn ich mich noch so toll und wichtig finde und engagiere. Dreh- und Angelpunkt ist und bleibt Jesus Christus – nichts und niemand sonst! Seine Liebe und sein Geist sind Motor und Ansporn – nichts und niemand sonst!

Passend dazu schreibt die französische Mystikerin Madeleine Delbrêl: „Das Wichtigste für das Heil der Welt ist es, viel zu lieben – im Leben und auch im Sterben. Aber machen wir uns da nichts vor. Eine solche Liebe hat ihren Preis. … Man muss viel beten, um dahin zu kommen. Gott vertraut das Heil anderer nämlich nicht denen an, die meinen, etwas aus eigener Kraft bewirken zu können, sondern denen, die ihn durch sich wirken lassen. Nicht den ‚Machern‘, denn ihre Aktivität kann immer das unheilvolle Ferment unseres ‚alten Menschen‘ in sich tragen. Sondern denen, die Gott durch sich wirken lassen – die sich wie ein weicher Handschuh der Hand des Heiligen Geistes anschmiegen … Gott in uns: das ist es, was nottut.“

 „Du gehörst für immer Christus an.“ Kann ich diese mir in meiner Taufe geschenkte göttliche Zusage annehmen? Will ich diese Verheißung zulassen und reifen und wachsen lassen? Was bedeutet es mir, durch meine Taufe für immer Christus anzugehören?

Stefan Tausch, Pastor

Impuls vom 02.01.2021 "Und das Wort ist Fleisch geworden"

Impuls „Und das Wort ist Fleisch geworden“ (2. Sonntag in der Weihnachtszeit)

Der Anfang des Johannesevangeliums ist für mich nicht nur eine theologisch-philosophische und abstrakte Abhandlung über das theologische Grundverständnis von Jesus. Nein, für mich kann der Anfang des Johannesevangeliums auch als ganz konkreter Kindheitsbericht Jesu gelten, ähnlich wie die beiden bekannten Berichte von Matthäus und Lukas. Mehr noch kann dieser eher auf dem ersten Blick abstrakte Bericht für mich anschlussfähiger für mein Verständnis von Jesus als dem Christus werden, als die beiden eher plastischen Berichte.

Denn so schön die Bilder der Geburt Jesu von Matthäus und Lukas gemalt sind, so steht man bei der konkreten Beschreibung immer vor der Frage, wie es denn nun jetzt sein konnte, dass Maria schwanger wurde. Wie funktioniert das – durch den Geist schwanger werden? Und dann stellt sich die Frage, was denn jetzt das Göttliche und was das Menschliche an diesem Kind in Windeln ist. Und wie kann das, was die Kirche seit Anbeginn glaubt und im Konzil von Chalcedon über die göttliche und menschliche Natur Jesu niedergeschrieben hat, verstanden werden, nämlich, dass die zwei Naturen unvermischt, unveränderlich, ungetrennt und unteilbar in Jesus zu finden sind.

Diese Fragen, die die Kindheitsgeschichten von Matthäus und Lukas nicht beantworten können, kann das heutige Johannesevangelium beantworten, weswegen es wahrscheinlich immer am 2. Sonntag nach Weihnachten seinen festen Platz hat.

Hierzu möchte ich Sie zu einem kleinen Gedankenexperiment einladen: Stellen Sie sich nun unseren Organisten Simon Daubhäußer vor. Er wird Ihnen nun kurz eine Komposition anspielen. Er wird das Stück „Freue dich, Welt“ von Georg Friedrich Händel spielen, das Ihnen bestimmt bekannt ist. Sie sitzen also nun in unserer Propsteikirche und hören Simon Daubhäußer spielen.

[Unter folgendem Link können Sie sogar in das Stück, gespielt von Simon Daubhäußer, hineinhören (die ersten 45 Sekunden): https://youtu.be/i6cOgu0XPmc]

Nun habe ich einige Frage Sie: Was haben Sie soeben gehört? Haben Sie Georg Friedrich Händel gehört? Oder haben Sie Simon Daubhäußer gehört? Oder haben Sie gehört, wie Simon Daubhäußer die Komposition von Händel interpretiert hat? Kann es sein, dass Händel sein Werk genauso gespielt hätte, wie Simon Daubhäußer es gerade in ihren Gedanken (oder im Video) getan hat oder hätte er es womöglich anders gespielt? Und wenn Sie in Gedanken der Meinung waren, dass soeben auf irgendeine Art Händel gehört wurde, dann muss Simon Daubhäußer etwas von Händel, der 1759 in London starb, wieder lebendig gemacht haben.

Das in Ihrer Phantasie (oder im Video) stattgefundene Spiel von Simon Daubhäußer hat die Komposition Händels und damit auch ein Teil Händels lebendig gemacht, und so wie Simon Daubhäußer nicht zu Händel wurde und auch Händel nicht zu Simon Daubhäußer, beide anwesend waren aber nicht eins wurden, so können wir uns vielleicht das Geheimnis Jesu vorstellen: dass er wahrer Mensch und wahrer Gott war, ungetrennt und unvermischt in seinen Naturen.

Johannes versucht uns mit seiner Geburtsgeschichte zu sagen, dass in Jesus das Wort Gottes lebendig wurde, es Fleisch wurde. Stellen Sie sich vor, die Worte Gottes, die er seit jeher an sein Volk richtete, die Worte der Freiheit und der Barmherzigkeit, die Worte der Vergebung und des Reiches Gottes sind wie die Komposition eines Liedes. Und nun stellen Sie sich vor, Jesus ist ein Interpret Gottes. Er bringt diese uralten Worte Gottes zum Klingen. Er interpretiert, singt und lebt sie. In Jesus werden die Worte Gottes so lebendig, wie eben Händels Komposition durch Simon Daubhäußer lebendig wurde.

Jesus ist wahrer Mensch und wahrer Gott, weil er auf unüberbietbare Weise das Lied Gottes unter den Menschen zum Klingen brachte. Dieses Kind war von Beginn an von dem Lied Gottes, dem Lied des Lebens so sehr begeistert, dass es in ihm und in seiner Umgebung erklang. Was ist Gottes Wort, was ist Jesu Wort, was ist interpretiertes Wort Gottes? In Jesus verschmolzen diese Ebenen und bleiben doch ungetrennt und unvermischt. Und als unüberbietbarer Interpret Gottes kann er sogar wahrer Mensch und wahrer Gott sein, selbst wenn Josef der biologische Vater wäre. In Jesus zeigt uns der Geist, dass das Wesen Gottes erst in Beziehung richtig erklingt, wenn sein Wort Fleisch wird und in den Worten und Taten der Menschen erklingt.

Und das Wort Gottes ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Ein zutiefst schöner und weihnachtlicher Satz.

Für uns stecken in dieser Aussage auch ein Zuspruch und ein Hoffen, nämlich dass auch wir eingeladen sind, das Lied unseres Gottes in unserem Leben erklingen zu lassen. Berührt vom Heiligen Geist können auch wir in unserem Sprechen und Handeln Gottes befreiendes Wirken lebendig werden lassen. Dann wird Gott auch heute noch Mensch, mitten unter uns, mitten in uns.

 

Stefan Kaiser

Impuls vom 26.12.2020 "Weihnachten heißt Mut zur Lebendigkeit“

Weihnachten heißt „Mut zur Lebendigkeit“ (Fest der „Heiligen Familie“, Lk 2,22-40)

Mich faszinieren dieser greise Simeon und diese Witwe Hanna im Tempel. Ich finde diese beiden Gestalten extrem mutig, denn da kommt die Familie Jesu in den Tempel und sie preisen Gott.

Diese kleine Familie: ein Zimmermann mit seiner Verlobten aus dem kleinen Nazareth, einfache Leute mit ihrem Neugeborenen. Und in diesem kleinen Säugling zögern Simeon und Hanna nicht den Messias zu sehen.

„Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel.“ (Lk 2,29-32).

Simeon sagt dies zu einem Kind, nicht zu einem gestandenen Politiker oder König. Er sagt dies zu einem Kind in den Armen seinen Eltern, ohne zu wissen, was ihm im Leben noch widerfahren oder welche Personen er treffen wird, wer seine Freunde werden, welche Berater er später zur Seite haben wird. Er sagt es zu einem Säugling, der noch kein politisches oder theologisches Programm darlegen kann, geschweige denn überhaupt alleine überleben könnte.

Dieser Mut Hannas und Simeons rührt wahrscheinlich daher, dass sie jenem Gott vertrauen, der Lebendigkeit verheißt und sich dem Leben stellt. Jenem Gott, der das Leben mit den Menschen teilen will und somit Mensch wird.

Aber was heißt Leben oder Lebendigkeit?

Lebendigkeit heißt, jemandem oder etwas zu begegnen, ohne zu wissen, wie er oder es reagiert, aber auch ohne zu wissen, wie ich selbst aus dieser Begegnung herausgehen werde. Lebendigkeit ist ein Wagnis! Sie ist unvorhersehbar. Das ist Lebendigkeit, das macht den Reiz aus.

Denken wir an die heutige Lesung aus dem Buch Genesis: Gott will mit Abraham einen Weg mit den Menschen gehen. Einen Weg, der von Anfang an höchst lebendig ist. Es wird die Geschichte eines Weges, der so viele Wendungen haben wird, wie sie nur das Leben hervorbringen kann. Es wird um Streit zwischen Brüdern gehen, es wird um Wege aus Hungersnöten und Sklaverei gehen. Es wir um Zweifel und Murren in der Wüste gehen. Es wird um politische Dilemmata, Kriege und Katastrophen gehen. Es wird aber auch um die Erfahrung der Treue und Verlässlichkeit gehen. Es wird darum gehen, wie jede Überraschung und Wendung wieder zu neuen Wegen und neuer Lebendigkeit führt und die Hoffnung immer wieder genährt wird, dass Gott alles zu einem guten Ende führen wird.

Diese Lebendigkeit erkennen Simeon und Hanna in diesem Kind.

Menschen fühlen sich oft am lebendigsten, wenn sie lieben. Das Kribbeln, die Angst, die Aufregung, wenn ich noch nicht weiß, ob die oder der Auserwählte die Gefühle erwidert. Man hat die Hoffnung, dass man die Person trifft, mit der man durch das Leben gehen will, die einen ergänzt, mit der man Glück und Unglück teilen kann.

Es gibt jedoch die Möglichkeit, dass mein erster Versuch, die Person anzusprechen, scheitert. Und man braucht Mut, jemanden anzusprechen. Es wäre die falscheste Entscheidung, aus Angst nicht zu handeln. Ein Mensch, der kein Risiko eingeht, der hört auf zu leben. Er wird nur funktionieren in den Grenzen, in denen er gerade lebt. Er wird nicht darüber hinaus suchen und erkunden und das Hoffen einstellen, denn es könnte ja eventuell nicht erfüllt werden.

Gott ist in Jesus ganz anders. Er lebt mit den Menschen und wird in Jesus Mensch. Er lässt sich auf das Wagnis ein, geliebt oder verworfen zu werden. Er bleibt mutig in seinem Leben, sucht Freunde, geht seinen Weg, auch wenn ihm Zweifel kommen.

Wenn Gott lebendig sein will, dann muss er mit uns leben und sich überraschen lassen können. Einer der schon alles weiß und alles kann, ist tot. Er muss nicht mit einem reden, denn er kennt schon die Antwort. Er muss nicht helfend eingreifen, denn wenn er alles kann, hätte er eine hilflose Situation nicht zugelassen oder will diese gar.

Nein, unser Gott liebt Lebendigkeit und ist somit ganz anders. Er ist unveränderlich, aber nur in seiner Treue zu uns. Denn in einer jeden Beziehung zu uns lässt er sich immer auf das Wagnis einer neuen Entscheidung, eines neuen Weges ein.

Er ist allwissend, aber nur in der Hinsicht, dass seine Weisheit alle Optionen überblicken kann, er sich jedoch von den Entscheidungen der Menschen überraschen lassen kann und diese dann mitgeht.

Er ist allmächtig, jedoch nicht in der Art, dass er uns beherrscht, sondern dass sein Wort eine freisetzende Kraft des Lebens für uns in jeder Situation sein kann.

Und so geht dieser Gott, der Lebendigkeit verheißt, auch in Zeiten der Pandemie mit uns. Er bleibt bei uns und wirkt überall dort, wo trotz der Gefahr des Todes Leben unerwartet aufbricht. Er hält es aus, wenn Menschen sich von ihm abwenden, ihn in der Pandemie nicht mehr wahrnehmen, da er zu klein und unscheinbar ist, wie jenes Kind in der Krippe. Er erfreut sich jedoch und wird umso lebendiger dort, wo seine Botschaft Leben und Freude schafft, beispielweise dort, wo Bedürftige über den Winter warme Speisen und ein Dach über den Kopf erhalten. Er freut sich über jeden Besuch bei einsamen Menschen, auch wenn er auf Abstand geschieht. Er freut sich über jene, die hoffen und nicht aufgeben, dass es wieder besser wird. Er freut sich über jene, die Solidarität üben und somit das Leben für die Verwundbarsten  schützen.

Lassen wir uns auf das Leben, diese Pandemie und das kommende Jahr ein, denn der lebendige Gott wird so manches Wagnis und so manche Überraschung für uns bereithalten.

 

Stefan Kaiser

Impuls zu Weihnachten

Weihnachten – Das Wagnis der Verwundbarkeit

So der Titel eines Buches von Dr. Hildegund Keul, die im Corona-Jahr 2020 sowohl im März als auch im Dezember zwei für das FreitagForum geplante Abendveranstaltungen zum Thema ‚Das Wagnis der Verwundbarkeit‘ aufgrund der Pandemie leider absagen musste, aus dessen Schlussteil passend zum Weihnachtsfest nachfolgend auszugsweise zitiert wird:

Heute Weihnachten feiern – hingebungsvoll leben

Wer sich strikt vor Verwundungen schützt, braucht immer mehr Mauern, Rüstungen und Waffen. Dies macht vielleicht unangreifbar. Es macht aber auch unberührbar. Das Leben spielt sich draußen ab, wo man selbst nicht ist. Wer jedoch Hingabe wagt, kann das Geheimnis des Lebens erfahren. Statt Starrheit gewinnt man Beweglichkeit, statt Vereinzelung geschieht Kommunikation, statt Isolation ereignet sich Intimität. Wenn man Mauern durchbricht und Fenster und Türen öffnet, wie es das Zweite Vatikanische Konzil tat, bekommt man mit, was sich draußen ereignet. Neue Wege öffnen sich und verlocken zum Aufbruch. Man kann Besuch empfangen und Neues erfahren. Man kann hinausgehen und Überraschendes erleben. Man kann sich selbst einbringen, ins Spiel der Welt. Man steht mitten im Leben.

 Das Wunder des Anfangs offenbart sich hier als Wunder der Wandlung. Menschen legen ihre Rüstungen ab und öffnen ihr Visier. Im Alltag agieren sie stark mit Abgrenzungen zwischen Ich und Du, Mein und Dein. Aus guten Gründen schützt man die Ressourcen, die man für sich selbst und die eigene Gemeinschaft braucht. Das Weihnachtsfest aber zeigt, dass dies nicht alles ist, was das Leben ausmacht. Es führt ein alternatives Handeln vor Augen, das sich vom Fest ausgehend in den Alltag einschreiben will. Es geht um ein Leben leidenschaftlicher Hingabe überall dort, wo sich der Einsatz lohnt. Hierfür steht Weihnachten, das große Fest der Geburt.

 So wundert es nicht, dass Weihnachten heute in religiösen wie in säkularen Kulturen eine große Faszination ausübt. Seine humane Botschaft kann man auch verstehen und wertschätzen, wenn man selbst nicht zum Christentum gehört. Wenn man nicht christlich ist, kann man Weihnachten sogar feiern. Denn hier geht es um ein christliches Fest, das über sich selbst hinausweist und die Grenzen der Religionsgemeinschaft überschreitet, indem es auf die Humanität menschlichen Lebens hinweist. Mit Weihnachten wird das Christentum kulturprägend. Und umgekehrt: Das Weihnachtfest wird zu einem Weltkulturerbe der Menschheit. Symbolisch wird dies deutlich am bekanntesten Weihnachtslied ‚Stille Nacht‘, das mittlerweile in mehr als 300 Sprachen übersetzt ist und gesunden wird. Es gehört zum Immateriellen UNESCO-Kulturerbe.

(aus: ‚Weihnachten – Das Wagnis der Verwundbarkeit‘, HG: Hildegund Keul, Patmos, S. 132f)

 So lasst uns dem Leben trauen, weil Gott es mit uns lebt (vgl. Alfred Delp) – auch und vielleicht sogar gerade in Zeiten großer Verwundbarkeit und Zerbrechlichkeit in weihnachtlicher Offenheit und Leidenschaft!

Pastor Stefan Tausch

Impuls vom 19.12.2020 "Vertraut den neuen Wegen"

Vertraut den neuen Wegen

 

  1. Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist,

weil Leben heißt: sich regen, weil Leben wandern heißt.

Seit leuchtend Gottes Bogen am hohen Himmel stand,

sind Menschen ausgezogen in das gelobte Land.

 

  1. Vertraut den neuen Wegen und wandert in die Zeit!

Gott will, dass ihr ein Segen für seine Erde seid.

Der uns in frühen Zeiten das Leben eingehaucht,

der wird uns dahin leiten, wo er uns will und braucht.

 

  1. Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt!

Er selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land.

Wer aufbricht, der kann hoffen in Zeit und Ewigkeit.

Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit.

(Paderborner Gotteslob, 791)

Dieses Lied wurde in der ehemaligen DDR im Jahre 1989 von einem evangelischen Pfarrer ursprünglich für die private Hochzeitsfeier seines Patenkindes komponiert. Im Herbst 1989 breitete es sich dann in Ostdeutschland ziemlich überraschend wie ein Lauffeuer im Rahmen der friedlichen Revolution aus. Das ursprüngliche Hochzeitlied bekam plötzlich eine neue Bedeutung und entwickelte sich sehr schnell zu einem politischen Lied mit großer Wirkung. Kurzum: Ein quasi privates Hochzeitslied mutiert völlig überraschend zu einem bekannten politisch brisanten Revolutionslied.

Mit ein wenig Phantasie für mein Empfinden durchaus vergleichbar mit dem Evangelium des vierten Adventssonntags (Lk 1,26-38): Ein im Grunde völlig alltägliches Geschehen entwickelt sich zu einem für das Christentum und bis heute bekannten Ereignis. ‚Der Engel trat bei ihr ein.‘ – bei Maria zu Hause an irgendeinem Tag, an irgendeinem Ort, bei irgendeiner jungen Frau. Die Verkündigung der frohen Botschaft von der göttlichen Menschwerdung geschieht ohne Voranmeldung völlig überraschend, in einem ganz gewöhnlichen Rahmen bei einer ganz gewöhnlichen jungen Frau mitten im Alltag, ohne Zeugen, in einem einfachen Haus, nicht im grandiosen Tempel und auch nicht in einem feierlichen Gottesdienst. Zu Hause in ihren eigenen vier Wänden berührt sie Gott – eine Berührung mit Strahlkraft, mit Ausstrahlung weit über diese so unscheinbare Begebenheit hinaus. Warum? Weil Gott bei ihr anklopft und sie ihm öffnet. Weil Maria sich auf den göttlich-himmlischen Überraschungsgast einlässt. Und weil sie so allzu normal und menschlich reagiert und ihre Bedenken auslebt und ausspricht: Maria erschrickt und überlegt und fragt nach, bevor sie einwilligt und den neuen Wegen vertraut: ‚Mir geschehe, wie du es gesagt hast.‘ Und so wächst und gedeiht diese zunächst so verborgene, kleine unscheinbare Begegnung buchstäblich mehr und mehr heran zu einem mehr und mehr unverborgenen, großen historischen Weltereignis.

Für mein Empfinden, wie gesagt, interessante Parallelen zwischen der biblischen Verkündigungsszene und dem ostdeutschen Hochzeitslied. Warum? Weil Gott damals wie heute immer und überall für eine Überraschung gut ist – wenn, ja wenn wir Menschen uns ergebnisoffen und dynamisch vertrauensvoll einlassen auf neue und unbekannte Wege zu unbekannten Zielen – hier und jetzt und auch morgen und übermorgen, wie es die vierte Strophe des Liedes verheißungsvoll zum Ausdruck bringt: Wer aufbricht, der kann hoffen in Zeit und Ewigkeit. Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit.           

 Stefan Tausch, Pastor

Impuls vom 12.12.2020 "Wer bist du?"

Impuls     12.12.2020      3. Advent B    „Wer bist du?“ (Jes 61, 1-2a.10-11;  Joh 1, 6-8.19-28)

Wer bist du? Was willst du? Diese Fragen können jede und jeden von uns umtreiben, besonders im Corona-Jahr.

Als Christen, als Kirche stehen wir in diesen Zeiten des Umbruchs besonders vor der Frage – wer sind wir? Was glauben wir? Und wie können wir Menschen mit ihren Lebens- und Glaubensfragen hilfreich zur Seite stehen?

Auch dem Katholischen Forum sind diese Fragen gestellt. Wer sind wir, was sind unsere Aufgaben?

Doch ist diese Frage nicht neu. Der Prophet Jesaja ruft es aus, was ihn ausmacht und was seine Identität und Aufgabe ist – er ist gesalbt, der Geist des Herrn ruht auf ihm. Dann nennt er ein dreifaches Ziel:

  • den Armen die frohe Botschaft bringen und die heilen, die gebrochenen Herzens sind,
  • den Gefangenen Freilassung ausrufen und
  • ein Gnadenjahr des HERRN ausrufen.

Jesaja  erhält einen großen Auftrag, von Gott her. Die Kleinen, Armen, Gebrochenen und Gefangenen und ihre Befreiung stehen im Zentrum seines Wirkens. Seine Kraft und Identität kommen dabei aus der Kraft Gottes. Später wird Jesus diese Worte vortragen und beanspruchen, sie zu erfüllen!

Dieser Auftrag, wie er hier bei Jesaja formuliert ist, kann auch als unserer angesehen werden. In der Rückschau auf meine Mitarbeit im Katholischen Forum sehe ich natürlich, dass ich hinter diesen Zielen weit zurückgeblieben bin. Sicher habe ich manches nicht gut oder nicht entschieden genug getan. Ich  hoffe, dass mir  hier und da etwas gelungen ist, dass ich bei der ein oder anderen Person ein Licht angezündet habe, Impulse gegeben, Wege begleitet und geteilt habe. …

Bedanken möchte ich mich bei meinen Kollegen und Kolleginnen und Mitarbeitenden und allen für ihr Vertrauen und ihre Unterstützung.

Wer bist du? Danach  haben wir in diesen Jahren gefragt und Antworten gesucht und versucht – als Menschen, als Christinnen und Christen.

Wer bist du? Das ist auch die Frage, die Abgesandte der jüdischen Autoritäten im Evangelium an Johannes stellen.

Er wird dreimal gefragt, dreimal antwortet er negativ – er ist nicht der Messias, nicht Elija und nicht der Prophet. Der Evangelist benennt seine Aufgabe: Zeugnis ablegen für das Licht – eine schöne Aufgabe auch für uns! Im Dunkel, in Angst, in der Verunsicherung unserer Tage – Zeugnis ablegen für das LichtZuversicht säen, Licht weitergeben, aus der Hoffnung leben.

Dann schließlich die Antwort des Johannes an die, die ihn befragen: „Ich bin die Stimme, die in der Wüste ruft: Ebnet den Weg für den Herrn!“  Eine Stimme in der Wüste: für Menschen, die einsam sind oder orientierungslos, die sich wie in einer unwirtlichen, unfruchtbaren Wüste fühlen. Die Corona-Zeit ist eine Krisen- und auch Wüstenzeit.

Da sind viele Stimmen in uns selbst – und in den Medien. Meinung wird geäußert oder geschürt, Einfluss genommen, sich dargestellt. Die Stimme des Johannes weist auf jemand anderen: „Ebnet den Weg für den Herrn!“ – Nicht für eigene Interessen, sondern für Gott und seinen Messias, für das Reich des Friedens. Johannes öffnet den Blick: Ihr dürft nach vorne schauen in aller Beklemmung des Lebens.

Sich selbst und seine Rolle weiß er auch einzuschätzen. „Ich taufe mit Wasser.“ Das und der Eigentliche kommen noch: Jesus Christus und die Feuertaufe durch den Geist Gottes. Gottes Kommen vorbereiten, hin weisen auf Jesus Christus – auch das eine Aufgabe für uns Christen!

Wer bist du?  Der dritte Advent gibt uns wichtige Elemente für die Frage nach unserer Identität als Christinnen und Christen. Wir finden sie im Auftrag von Jesaja und im Vorbild des Johannes und schließlich in Jesus Christus selbst.

Dabei ist die Frage nach unserer Aufgabe immer neu zu beantworten und nicht ein für alle Mal erledigt. Wie lautet Ihre, deine, unsere Antwort heute? Wer bist du?

Karin Stump

 

Impuls vom 05.12.2020 "Lasset uns beten!"

Lasset uns beten!

Vermutlich wird es vielen GottesdienstbesucherInnen häufig so wie auch mir selbst ergehen, dass sie nicht wirklich bewusst auf die Inhalte der Tages-, Gaben- und Schlussgebete achten. Die sog. Orationen des zweiten Adventssonntages im Lesejahr B lohnt er aufmerksam zu meditieren, weil sie es im guten Sinne in sich haben!

Lesen wir zunächst das Tagesgebet:
Allmächtiger und barmherziger Gott, deine Weisheit allein zeigt uns den rechten Weg.
Lass nicht zu, dass irdische Aufgaben und Sorgen uns hindern, deinem Sohn entgegenzugehen.
Führe uns durch dein Wort und deine Gnade zur Gemeinschaft mit ihm,
der in der Einheit des Heiligen Geistes mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.

Was für eine befreiende, lebensbejahende und frohe Botschaft! Sich durch nichts und niemanden erschüttern und von dem Glauben an Christus abbringen zu lassen, wenn menschliche Weisheit Tag für Tag und Woche für Woche eine neue Sau durchs Dorf jagt, um uns durch neue Schlagzeilen in die ein oder andere Richtung zu manipulieren. Warum? Weil allein Gottes Weisheit uns den rechten Weg zeigt – gestern und heute genauso wie morgen und sogar über unseren Tod hinaus!

Schauen wir jetzt ins Gabengebet:
Barmherziger Gott, wir bekennen, dass wir immer wieder versagen
und uns nicht auf unsere Verdienste berufen können.
Komm uns zu Hilfe, ersetze, was uns fehlt, und nimm unsere Gebete und Gaben gnädig an.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.

Ehrlich und nüchtern dürfen wir laut und öffentlich gemeinsam mit der weltweiten Kirche zu unserer Menschlichkeit stehen! Wir müssen nicht perfekt und vollkommen sein! Wie menschenfreundlich, wie erleichternd kann und will das in den Ohren und Herzen derer klingen, die dem Druck in Schule und Beruf, in Gesellschaft und Kirche nicht mehr standhalten können. Dem Druck, den viele einflussreiche und mächtige Zeitgenossen auf Schwächere, Kranke, Leistungsschwache weiterleiten, weil sie selber ja auch von ihren Vorgesetzten unter Druck gesetzt werden. Dabei sind wir alle Menschen – auch wenn viele von uns sich wie selbst ernannte Götter fühlen oder benehmen. Gott sei Dank – buchstäblich Gott sei Dank! – sind wir alle Menschen, die Fehler machen und Fehler machen dürfen, weil ohnehin niemand von uns vollkommen sein kann und vollkommen sein muss.

Wie menschenfreundlich, wie wohltuend, wie hilfreich, wie erleichternd könnte es in unserem Leben zugehen, wenn wir alle uns selber und auch unseren Mitmenschen in einer solchen Haltung begegnen würden – wahrlich ehrfürchtig und respektvoll. Schließlich sitzen wir alle mit unseren Fehlern und Schwächen in einem Boot. Ich bin davon überzeugt: Das würde uns nicht runterziehen – im Gegenteil: Das würde uns anspornen und aufrichten, befreien und erleichtern, entlasten und erlösen! Und ich bin auch davon überzeugt: Dieser Traum ist kein Hirngespinst! Die Aussagen aus dem heutigen Gabengebet lassen sich wirklich mit Leben füllen, wenn, ja wenn wir in unserem Leben dem und wahrlich nur dem den ersten Platz einräumen, dem er wirklich zusteht: GOTT!

Und nun zum Schlussgebet:
Herr, unser Gott, im heiligen Mahl hast du uns mit deinem Geist erfüllt.
Lehre uns durch die Teilnahme an diesem Geheimnis,
die Welt im Licht deiner Weisheit zu sehen und das Unvergängliche mehr zu lieben als das Vergängliche.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.

Sonntag für Sonntag will Gott uns im heiligen Mahl neu erfüllen, durchdringen mit seiner Liebe, mit seinem Heiligen Geist. Warum? Damit wir mehr und mehr die Welt im Licht göttlicher Weisheit zu sehen lernen. Damit wir mehr und mehr die Faszination des Unvergänglichen zu unterscheiden lernen von der Hinfälligkeit des Vergänglichen. Welch großartiger, geradezu göttlicher Gedanke, die Welt im
unvergänglichen Licht Gottes sehen zu dürfen und nicht durch die Brille von vergänglichem, künstlichem Glanz und Glimmer. Wirklich von innen leuchten und strahlen dürfen und sollen wir, selbst wenn wir äußerlich auf der angeblichen Schattenseite des Lebens stehen, und sogar in dem Fall, dass wir – vielleicht sogar aufgrund unseres unerschütterlichen Glaubens an Jesus Christus, das Licht der Welt – von anderen benachteiligt, ausgegrenzt, ausgelacht oder gemobbt werden.

Fazit: In Anlehnung an die Orationen vom zweiten Adventssonntag Tages-, Gaben- und Schlussgebet von heute gilt allen innerweltlichen Krisenpropheten und Pessimisten zum Trotz das zutiefst adventliche Wort aus dem Benedictus, das viele ChristInnen in unserer Kirche weltweit Morgen für Morgen am Beginn eines neuen Tages zu beten versprochen haben: „Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes wird uns besuchen das aufstrahlende Licht aus der Höhe, um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes und unsre Schritte zu lenken auf den Weg des Friedens.“ (Lk 1, 78f)

Stefan Tausch, Pastor

Impuls vom 28.11.2020 "Im Advent in der Töpferwerkstatt Gottes…"

Im Advent in der Töpferwerkstatt Gottes…

Ein Bittgebet aus dem Jesajabuch (Jes 63,16b-17.19b; 64,3-7) mit der bohrenden Warum-Frage am Anfang und dem schönen Bild von Ton und Töpfer am Ende inspiriert mich zu einem heiter-besinnlichen Gebet für die Adventszeit: Wir sind der Ton, und Du bist der Töpfer – so möchte ich auch gerne beten, Gott. Dieses Bild gefällt mir. Der Gedanke, in Deiner Hand zu sein, mich durch Deine Berührungen zu entwickeln, ein Profil zu bekommen und zu einem wertvollen Gefäß zu werden – dieser Gedanke ist mir sogar außerordentlich sympathisch.

Allerdings meldet sich dabei ziemlich schnell ein kleines ‚Aber‘ – und darüber möchte ich heute mit Dir reden: Du musst zugeben, dass wir es in Deiner Töpferwerkstatt nicht immer leicht haben. Wir sind der Ton, und Du bist der Töpfer – findest Du nicht auch, dass Du es mit mir auf Deiner Töpferscheibe manchmal etwas zu bunt treibst? Ich habe das Gefühl, mein Zeitenrad dreht sich immer schneller, mein Leben wird unruhiger und hektischer. Du scheinst auch unbeeindruckt zuzusehen, wie ich beinahe durchdrehe bei all dem, was Du auf unserer Welt geschehen lässt. Und warum greifst Du nicht hin und wieder ein, wenn Du siehst, dass ich aus dem Kreisen um mich selbst gar nicht mehr herausfinde?

Ich hoffe, Du verstehst mich, wenn ich mir für diese Adventszeit wünsche: Gönne mir doch eine kleine Pause! Lass mich zur Ruhe kommen und unterbrich wenigstens in diesen Wochen mein tägliches Rotieren! Wir sind der Ton, und Du bist der Töpfer – merkst Du nicht, wie heftig du an mir herummodellierst und wie hart Du mich durchknetest; wie kräftig Du Hand anlegst, mich presst und mir Druck machst. Ginge das nicht auch etwas sanfter und zarter?

Mein nächster Adventswunsch heißt deshalb: Drück nicht so fest! Zeig mir vorsichtig und feinfühlig, wohin Du mich führen und was Du aus meinem Leben machen willst! Weck in mir durch die wunderschönen Visionen der Propheten die Sehnsucht nach einem besseren, intensiveren Leben! Öffne mir in den besinnlichen Stunden die Augen für die Konturen, die Du meinem Leben geben willst!

 Wir sind der Ton, und Du bist der Töpfer – und so, wie es für die modellierten Gefäße eine Phase des Trocknens gibt, so mutest Du auch mir ‚trockene‘ und dürre Zeiten zu. Aber sind denn wirklich so viele ‚Durststrecken‘ nötig, so viele Tage, an denen ich mich kraftlos fühle, wie gelähmt und ohne inneren Antrieb? Das Gefühl, auf dem Trockenen zu sitzen, ist ja nicht gerade angenehm. Man sagt mir zwar immer wieder, dass diese trockenen ‚Wüstenzeiten‘ für dein Arbeiten an mir notwendig sind; dass ich nur so erkenne, was wichtig und wertvoll für mich ist und wohin mein Weg gehen soll – aber ich möchte gerade in der Adventszeit auch das andere erleben: Dass aus Gestein und Wüstensand frische Wasser fließen; dass Du einen Tau vom Himmel gießt, der mich erfrische und aufblühen lässt; dass Du mir einen Tropfen des Regens schickst, der aus Wüsten Gärten macht.

 Wir sind der Ton, und Du bist der Töpfer – deshalb gehört zu Deinen Arbeitsgängen an mir nach dem Formen und Trocken schließlich auch das Brennen. Ich weiß, dass Dein Sohn gekommen ist, um Feuer auf die Erde zu werfen, dass er sich sehnlichst wünscht, dass es schon brennt (Lk 12,49). Aber übertreibst Du nicht ab und zu? Es gibt Zeiten, da heizt Du mir gewaltig ein und bringst mich zum Schwitzen. Manchmal wendest Du dabei auch einen ganz raffinierten Trick an: Da schickst du mir Menschen, die mich auf 180 bringen und zur Weißglut treiben. Und warum verhinderst Du nicht, dass ich mir manchmal den Mund oder die Finger verbrenne? Ich frage mich auch, ob Du Dir eigentlich vorstellen kannst, wie mir zumute ist, wenn ich ausgebrannt und leer bin?

Wenn ja, dann wirst Du sicher meinen letzten, etwas ungewöhnlichen Adventswunsch verstehen: Gib mir ‚hitzefrei‘, in diesen Wochen! Reduziere die Temperatur auf die angenehme Wärme der Kerzen und beschränke die ‚heißen Phasen‘ in meinem Leben auf ein Minimum!

Wir sind der Ton, und Du bist der Töpfer – so möchte ich wirklich gerne beten, Gott. Ich habe nichts dagegen, dass Du an mir arbeitest und mich ‚in Form bringst‘; dass Du meinem Leben Gestalt und Kontur geben willst. Und ich ahne auch, dass mir dabei Drehen und Drücken, Trocknen und Brennen nicht erspart bleiben – dass Du mich in Schwung bringen und manchmal hart anfassen musst, dass Du mich in die Wüste schickst und ich hin und wieder für Dich durchs Feuer gehen muss. Wahrscheinlich kann ich nur so Dein Gefäß werden, offene wie eine Schale; bereit deine Botschaft in mich aufzunehmen und andere weiterzugeben.

Aber – kannst Du auch meine Wünsche verstehen? Und wirst Du mir in dieser Adventszeit den einen oder anderen erfüllen?

(vgl.: ‚Für den geistigen Hunger zwischendurch‘ – HG: Wolfgang Raible, Herder, S. 19ff)

Impuls vom 21.11.2020 "Der entmachtete Tod"

Der entmachtete Tod

 

‚Verschlungen ist der Tod vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? … Gott aber sei Dank, der uns den Sieg geschenkt hat durch unseren Herrn Jesus Christus. (vgl. 1 Kor 15,54ff) Zwei markante ‚theologische Zeitzeugen‘ aus dem 20. Jahrhundert sollen zu dieser von Paulus formulierten ‚Entmachtung des Todes‘ zu Wort kommen:

 

Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag. In inhaltlicher Anknüpfung an diese sehr vielen Menschen bekannten Worte des evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer hinterließ der von den Nazis kurz vor Kriegsende im April 1945 hingerichtete Christ folgende zu unserer aktuellen Themenreihe ‚Leben mit / im / trotz Tod‘ passende Gedanken – verfasst an der Wende zum Jahr 1943:

 

Der Gedanke an den Tod ist uns in den letzten Jahren immer vertrauter geworden. Wir wundern uns selbst über die Gelassenheit, mit der wir Nachrichten von dem Tod unserer Altersgenossen aufnehmen. Wir können den Tod nicht mehr so hassen, wir haben in seinen Zügen etwas von Güte entdeckt und sind fast ausgesöhnt mit ihm. Im Grunde empfinden wir wohl, dass wir ihm schon gehören und dass jeder neue Tag ein Wunder ist.

Es wäre wohl nicht richtig zu sagen, dass wir gern sterben – obwohl keinem jene Müdigkeit unbekannt ist, die man doch unter keinen Umständen aufkommen lassen darf -, dazu sind wir schon zu neugierig oder etwas ernsthafter gesagt: wir möchten gern noch etwas vom Sinn unseres zerfahrenen Lebens zu sehen bekommen. Wir heroisieren den Tod auch nicht, dazu ist uns das Leben zu groß und zu teuer. Erst recht weigern wir uns, den Sinn des Lebens in der Gefahr zu sehen, dafür sind wir nicht verzweifelt genug und wissen wir zu viel von den Gütern des Lebens, dafür kennen wir auch die Angst um das Leben zu gut und all die anderen zerstörenden Wirkungen einer dauernden Gefährdung des Lebens.

Noch lieben wir das Leben, aber ich glaube, der Tod kann uns nicht mehr sehr überraschen.

Unseren Wunsch, er möchte uns nicht zufällig, jäh, abseits vom Wesentlichen, sondern in der Fülle des Lebens und in der Ganzheit des Einsatzes treffen, wagen wir uns seit den Erfahrungen des Krieges kaum mehr einzustehen.

Nicht die äußeren Umstände, sondern wir selbst werden es sein, die unseren Tod zu dem machen, was er sein kann, zum Tod in freier Einwilligung.‘ (Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung – Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, Herausgegeben von Eberhard Bethge, 16. Auflage 1997, Kaiser Taschenbücher, S. 24f)

 

Dietrich Bonhoeffer hat von dieser ‚Entmachtung des Todes‘ nicht nur ‚fromm geschrieben‘. Sogar kurz vor seiner Ermordung bezeugte er diese christliche Hoffnung in unerschütterlicher Zuversicht mit folgenden Worten: ‚Das ist das Ende – für mich der Beginn des Lebens‘ (Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung – Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, Herausgegeben von Eberhard Bethge, 16. Auflage 1997, Kaiser Taschenbücher, S. 227)

 

Jahre später wusste Pater Karl Rahner SJ die ‚Entmachtung des Todes‘ theologisch so ins Wort zu bringen: ‚Der Geist Gottes ist das Leben in uns, durch das wir schon hinter den Tod gekommen sind. Er ist das Glück ohne Grenzen, das die Bäche unserer Tränen in ihren letzten Quellen schon zum Versiegen gebracht hat, auch wenn sie das Flachland unserer Alltagserfahrung noch so sehr überschwemmen.‘ (‚Karl Rahner: UNBEGREIFLICHER – SO NAH. Täglich ein Text‘, Matthias-Grünewald-Verlag Mainz, 1999, S. 139)

 

Stefan Tausch, Pastor

Impuls vom 14.11.2020 "Einfach leben!"

Impuls zum 33. Sonntag im Jahreskreis (Mt 25,14-30): „Einfach leben!“

Das Gleichnis von den Talenten ist vielen wohl bekannt. Ging es im Gleichnis der Jungfrauen vom vergangenem Sonntag darum, die Wachsamkeit bis zum Kommen des Herrn zu beschwören, so geht es nun darum, wie die Zeit bis dahin genutzt werden soll. Doch ein wenig beängstigend ist es schon, wenn Gott jenen Knecht bestraft, der aus Angst nicht zum Handeln kommt.

Da ein Gleichnis jedoch nicht Angst erzeugen, sondern zum richtigen Handeln ermutigen soll, muss darauf geschaut werden, was einem in diesem Gleichnis zum Handeln auffordert und eine „frohe“ Botschaft sein will.

Hierzu muss der dritte Knecht und seine zentrale Aussage betrachtet werden: „[…] weil ich Angst hatte […].“ (Mt 25, 25)

Warum hat der Diener Angst? Was bewegt ihn dazu, eher nichts zu tun, als etwas falsch zu machen. Was lähmt ihn, aus dem ihm Anvertrauten gar nichts zu machen, nicht einmal, es auf die Bank zu bringen. Hier sei angemerkt, dass das, was ihm anvertraut ist, ausgesprochen viel war. Es war ein „riesen Pfund“, mit dem man hätte wirtschaften können, denn ein Talent Silber entsprich 6000 Dinaren. Von einem Dinar kann eine Familie zur damaligen Zeit einen Tag lang überleben.

Um der Antwort näher zu kommen, benötigt es auch den Kontrast zu den anderen beiden Dienern. Wahrscheinich ist der dritte Diener schon von Beginn an entmutigt. Warum vertraut ihm der Herr nur ein Talent an? Misstraut er ihm? Wenn sein Herr ihm schon nicht mehr anvertraut, wie soll denn er sich selbst vertrauen? Und im Vergleich zu den anderen beiden Dienern kann er mit dem einen Talent doch sowieso nicht so viel bewegen, wie die anderen. Wahrscheinlich fühlt er sich benachteiligt und durch das Vergraben kann ihm zumindest niemand mehr etwas wegnehmen.

Ich denke, diese Erfahrung ist allen vertraut. Wie oft vergleichen wir uns mit anderen und werden dadurch entmutigt. Der oder die hat mehr Geld, der oder die hat mehr Einfluss, der oder die macht mehr Karriere, der oder die kann das viel besser, der oder die ist sowieso uneinholbar, der oder die ist in diesen oder jenen Kreisen, in die ich niemals aufgenommen werde. Am besten ist es, erst gar nicht zu versuchen, mit den anderen mitzuhalten und das, was man machen könnte, sein zu lassen, da es sowieso zu wenig ist.

Und hier setzt das Gleichnis an! Die harten Worte wollen auffordern, aus dieser Lethargie herauszukommen. Der Herr will hier sagen: Hör auf dich zu vergleichen! Ich will nicht mehr oder weniger, als dass du dein Leben lebst!

Auffallend ist, dass der Herr in dem Gleichnis, egal ob fünf oder nur zwei Talente hinzugewonnen wurden, alle gleichermaßen lobt. Der Herr würde somit auch den dritten Knecht genauso loben, wenn er auch nur ein Talent oder die Zinsen hinzugewinnt.

Gott durchbricht hier vollkommen den Gedanken, sich immer vergleichen zu müssen oder den Einzelnen im Vergleich zu den anderen zu sehen. Für Gottes Liebe zu einem jeden von uns würde er niemals andere Menschen zum Vergleichsmaßstab nehmen. So wie eine Mutter und ein Vater ihre Kinder bedingungslos gleich lieben, zumindest im besten Fall, genauso stellt man sich doch Gott vor. Er liebt alle gleich, egal, was oder wieviel er oder sie geleistet hat oder wie seine oder ihre Startbedingungen waren.

Aus anderen Gleichnissen kann sogar gesehen werden, dass Jesus bzw. Gott fehlerfreundlich ist. Was Gott einem jedoch vorwirft ist, nichts aus seinem Leben zu machen.

Dieses Gleichnis will betonen, dass zum einen unendlich viel in einem jeden angelegt und geschenkt ist, denn selbst das eine Talent steht für unendlich viel, und es will zum anderen sagen, dass man endlich aufhören soll, sich untereinander zu vergleichen. Das bringt nur Frust, Angst, Selbstzweifel und Unheil.

Eugen Drewermann scheibt zu diesem Gleichnis Folgendes:

„Mit den Augen Gottes betrachtet, brauchst du nur zu sein, was du bist, nur zu tun, was du kannst, nur zu vollenden, was in dir angelegt ist. Das erste und schlimmste Unrecht in deinem Leben fügst du dir selbst zu, wenn du dich nach dem Maßstab anderer mißt und dann dem Himmel vorwirfst, dass er dich nicht so geschaffen hat, wie die anderen.“ (Drewermann, Das Matthäus-Evangelium, Teil 3, Seite 219, 1995)

Nicht ohne Grund ist vielleicht der häufigste Satz Jesu zu den Menschen: Fürchte dich nicht!

Gott will Mut machen, diejenige oder derjenige zu sein, der man ist. Er will aus der Angst befreien, besser sein zu müssen als die andern. Er will aus der Angst befreien, in dem Streben, besser als die anderen zu sein, zu scheitern.

Gott liebt einen, wie man ist, mit dem, was man hat. Gott liebt es, wenn jemand lebt, wenn jemand sein Leben in die Hand nimmt. Gott liebt es, egal was oder wieviel man an Erfolg aufweist, wenn man das genutzt hat, was er einem geschenkt hat.

So vertraut Gott und lebt!

Impuls vom 07.11.2020 "Hoffnung wider Traurigkeit"

Hoffnung wider Traurigkeit     1 Thess 4, 13-18

Wie ist Ihre Haltung, wenn es um Sterben und Tod geht? Das Sterben naher Menschen oder gar das eigene? – Das Thema löst oft Beklemmungen aus oder Trauer. Manche Menschen blicken auch erleichtert auf ein Ende von Schmerzen und Last. Andere hoffen auf die Vollendung bei Gott. Viele von uns sind verunsichert: Stimmt das mit der Auferstehung?

In der Gemeinde in Thessaloniki waren Christen der ersten Generation besorgt, weil Menschen gestorben waren. Sie hatten gedacht, dass sie bei der baldigen Wiederkunft Christi lebendig in das ewige Reich Gottes entrückt werden. Was ist mit diesen Toten? Sind sie verloren? – Ähnlich fragen heute Menschen: Was ist mit meinen verstorbenen Angehörigen?

Der Apostel Paulus nimmt die Fragen seiner Zeitgenossen auf. Der 1.Thessalonicherbrief ist das älteste Schriftstück des Neuen Testaments. Hier äußert sich Paulus über die Auferstehung Christi und der Toten.  Er benutzt dabei endzeitliche Bilder aus der jüdischen Tradition: der Erzengel ruft, die Posaune erschallt, alle werden auf den Wolken entrückt. Aber die wesentliche Glaubensaussage lautet: Jesus war tot und ist auferstanden. Wenn er kommt, werden alle, die als Getaufte gestorben sind, und alle dann Lebenden Jesus Christus entgegengehen und schließlich für immer bei ihm sein.

Das ist die Hoffnung der Christen: Wir werden für immer bei Christus sein. Das ist die neue Dimension, ein Fenster wird geöffnet. Die Toten verbleiben nicht im Dunkeln, getrennt für immer. Mit den Lebenden werden sie bei Christus sein. Es öffnet sich ein Fenster zum neuen Leben. Denn durch die Taufe ist das Leben der Christinnen und Christen mit dem Leben, Sterben und Tod Christi verbunden. So haben sie auch Anteil an seiner Auferweckung.

Niemand muss also die Wiederkunft Christi berechnen wollen und Ängste schüren. Die neue Welt Gottes und Jesu Christi wird kommen. Wie das geschehen wird, ist das Geheimnis Gottes. Das neue österliche Leben wird Tote und Lebende umgreifen. – Welch eine trostreiche Perspektive!

Dennoch: Der Tod eines nahen Menschen lässt uns nicht unberührt. Vom Biologischen her ist mit dem Tod das individuelle Leben der Person vorbei. Bleibt man bei dieser Sicht, so wäre der «Trost» ein möglichst intensives oder sorgloses Leben. Dann aber wird die Ungerechtigkeit dieser Welt zementiert.

Hoffen wir hingegen auf das Leben mit Christus in der Vollendung, dann können wir bei allem Leid oder Unrecht getröstet sein. Zugleich stellen wir aus dem Glauben heraus Leid und Unrecht in Frage und bekämpfen sie. Christus zieht uns mit in sein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit.  Trauer und Endlichkeit sind gesprengt durch die Auferweckung.

      Karin Stump

 

„Aller Augenschein sagt

Ein Grab ist ein Grab

Tot ist tot

Aus ist aus

Fertig nichts weiter

 

Wir haben nichts in Händen

Als ein kleines Licht

Im Dunkeln

 

Wir haben nichts vor Augen

Als ein paar verwirrte

Erschrockene Menschen

Die es nicht fassen können

Dass er lebt

Und ein leeres Grab

 

Wir haben nichts

Als ein Lied auf den Lippen

Er ist auferstanden

Halleluja.“                                        Lothar Zenetti

Impuls vom 31.10.2020 "Bleibe formbar!"

Bleibe formbar!

 „Mensch, du bist ein Werk Gottes. Erwarte also die Hand deines Künstlers, die alles zur rechten Zeit macht: zur rechten Zeit für dich, der du gemacht wirst. Bring ihm ein weiches und williges Herz entgegen und bewahre die Gestalt, die dir der Künstler gegeben hat. Halte dich formbar, damit du nicht verhärtest und die Spur seiner Finger verlierst. Wenn du den Abdruck seiner Finger in dir bewahrst, wirst du zur Vollkommenheit emporsteigen.“

Obige Gedanken des hl. Irenäus von Lyon beziehen sich wohl unmittelbar auf die folgenden Verse aus dem Buch Jeremia: Das Wort, das vom Herrn an Jeremia erging: Mach dich auf und geh zum Haus des Töpfers hinab! Dort will ich dir meine Worte mitteilen. So ging ich zum Haus des Töpfers hinab. Er arbeitete gerade mit der Töpferscheibe. Missriet das Gefäß, das er in Arbeit hatte, wie es beim Ton in der Hand des Töpfers vorkommen kann, so machte der Töpfer daraus wieder ein anderes Gefäß, ganz wie es ihm gefiel. Da erging an mich das Wort des Herrn: Kann ich nicht mit euch verfahren wie dieser Töpfer, Haus Israel? Spruch des Herrn. Seht, wie der Ton in der Hand des Töpfers, so seid ihr in meiner Hand, Haus Israel. (Jer 18, 1-6)

Mit anderen Worten lässt sich das etwa so formulieren: Mensch, bleibe formbar! Bleibe offen für Veränderungen, für Wandlung, für Überraschungen, für Neues, für Gott! Es kommt beim Christsein nicht auf offizielle und öffentliche regionale oder gar weltweite kirchliche Anerkennung und Verehrung an – das macht Sinn und hat natürlich seine Daseinsberechtigung, ist aber nicht wirklich erforderlich oder gar notwendig.

Das alljährliche Allerheiligenfest ist darum ein Fest für Menschen im gewöhnlichen Alltag – für ‚alltägliche Heilige ohne offizielle und öffentliche Wertschätzung‘, die vielen Zeitgenossen ohnehin viel näher stehen als ein Großteil der Heiligen aus frommen Büchern und Legenden.

In diesem Geist sind auch wir selber zur Heiligkeit berufen. Dabei geht es nicht darum, selber makel- und fehlerlos zu sein! Das hat mit HEILIG nur sehr wenig bzw. sogar gar nichts zu tun! Auf seine ihm eigene Art und Weise weist niemand Geringeres als Papst Franziskus gerne darauf hin, wenn er einlädt und sogar auffordert, sich lieber die Finger schmutzig zu machen als unsere Hände in Unschuld zu waschen… Mit den obigen Worten des Propheten Jeremia gesprochen: In unserem Leben darf sehr wohl etwas zu Bruch gehen und missraten. Es geht nicht um ein fehlerfreies Leben in Unschuld und Vollkommenheit! Das hat mit Allerheiligen, mit Heiligkeit wenig oder vielleicht auch gar nichts zu tun!

Bleibe dynamisch, flexibel, beweglich – formbar eben! > Darauf kommt es an!

In diesem Sinne: ‚Halte dich biegsam in der Hand Gottes und lass ihn dich heilig machen nach seiner Art und Weise. Fast immer wird es eine Art sein, die du nicht erwartest.‘

Stefan Tausch, Pastor

 

 

Impuls vom 24.10.2020 "Abschied vom "lieben" Gott"

Abschied vom „lieben“ Gott von H.-J. Höhn

Über Risiken und Nebenwirkungen theologischen Leichtsinns

 

Die religiöse Sprache kennt Stoßgebete, welche in  säkularen Ohren wie Stoßseufzer klingen. Die Bandbreite reicht vom aufgeschreckten Entsetzen angesichts einer Katastrophe („Oh, mein Gott!“) bis zum beschwichtigenden Vorwurf angesichts einer verzeihlichen Kalamität („Ach, Du lieber Gott!“). Stets geht es um eine Verlegenheit, in die ein Mensch geraten ist. Und stets hofft er darauf, dass Gott ihn auch in dieser Lage ansprechbar bleibt. In dieser Hoffnung bestärkt ihn seit geraumer Zeit die christliche Rede von einem Gott, der dem Menschen in guten wie in schlechten Tagen „ohne Wenn und Aber“ zugewandt ist. Was auch immer der Mensch zuschulden kommen lässt, es ändert nichts daran, dass er auf Gottes Entgegenkommen, Barmherzigkeit und Gnade setzen kann.

 

In etlichen Hirtenbriefen, Sonntagspredigten und Katechesen wird übersetzt und ausgelegt, was der Grundsatz einer theologischen Anthropologie bekräftigt: Jeder Mensch ist von Gott unbedingt anerkannt. … Eine Verkündigung, die es offenkundig gut mit dem Menschen meint und beim Sprechen von Gott nur Gutes in den Mittelpunkt stellt, kann jedoch auch ein böses Ende nehmen. Das böse Ende beginnt mit einer – sicherlich gut gemeinten – Befreiung von ambivalenten Gottesbildern … Allerdings ist es auch gut möglich, dass diese Wende zum Anlass genommen wird, um mit dem Glauben Schluss zu machen. Anders formuliert: An der Rede vom Entgegenkommen Gottes kann der Glaube an Gott auch zugrunde gehen – und zwar dann, wenn er auf theologischen Leichtsinn und fromme Leichtgläubigkeit trifft, um schließlich zur religiösen Belanglosigkeit zu verkommen. Diese These wirkt fraglos höchst irritierend. Denn auf den ersten Blick scheinen eher die Vertreter eines militanten Gottesbildes dazu beizutragen, dem Glauben an Gott ein Ende zu bereiten. Dass man dem als „Herr über Leben und Tod“ verkündeten Gott selbst den Tod wünschen kann, ist nachvollziehbar, wenn man sieht, wie Menschen um Gottes willen in den Tod geschickt werden. Ein Glaubensfanatiker, der  mit den Worten „Gott ist groß“ auf den Lippen einen Sprengsatz zündet, praktiziert einen tödlichen Glauben. Es ist ein todbringender Glaube, der am Ende auch den Glauben an Gott umbringt. Denn wer will noch an diesen Gott und seine Großartigkeit glauben, wenn seine Anhänger von diesem Glauben die Lizenz zur Tötung der Anders- oder Ungläubigen ableiten? …

 

Wer mit dem Wort „Gott“ etwas Gutes intendiert, tritt stets für einen „lieben“ Gott an. … Es ist eine Liebe, die nichts vom Menschen will, aber alles für ihn übrig hat. Ein lieber Gott ist ein entgegenkommender Gott, der viel (an)bietet, aber nichts verlangt. Man muss keine Normen erfüllen, um seine Gunst zu erringen. Vor ihm darf man so sein, wie man ist, und Gott sagt: Gut so! Viele theologische Publikationen der letzten Jahre sind geprägt vom Tenor der Güte und Barmherzigkeit Gottes. Diese Akzentuierungen sind zweifellos berechtigt, um Engführungen und Verzerrungen eines angstbesetzten Gottesverständnisses zu überwinden und die Zwänge eines religiösen Leistungsdenkens aufzubrechen. Aber sie haben damit nicht die Akzeptanz der christlichen Gottesrede steigern können, sondern die Gleichgültigkeit ihr gegenüber vermehrt. Dass man sich in christlichen Kreisen darüber wundert, dass eine vermeintlich „frohe“ Botschaft lediglich Indifferenz auslöst, ist selbst verwunderlich. Denn diese Kreise übersehen das Naheliegende: Die Nachricht, dass man ohne besondere Anstrengungen und Leistungen so sein darf, wie man ist, erzeugt bei ihren Adressaten den Eindruck der Redundanz. Sein können wie man ist, kann man auch ohne diese Zusicherung. Folglich ist sie entbehrlich, verzichtbar, überflüssig.

 

Nicht minder prekär ist es, wenn von den Befürwortern dieser Gottesrede gleichwohl Bedarf für die Rede von der Liebe Gottes reklamiert wird. Denn nun gerät sie unter den Verdacht, dass dahinter nichts anderes steht als ein menschliches Bedürfnis der Selbstaffirmation, das in der modernen Leistungsgesellschaft verstärkt, aber von ihr nicht erfüllt wird. Diese Gesellschaft verlangt von ihren Mitgliedern, sich wertschöpfend im Wirtschaftskreislauf zu bewähren. … Alle Menschen finden Akzeptanz, wenn sie Akzeptables vorzuweisen haben. Ihre Wertschätzung hängt somit ab von den Wertschöpfungsketten, deren Glieder sie sind. Schlecht dran ist, wer nichts Verwertbares zustande bringt. …

 

Aber kein Mensch kann existieren, wo ein Kalkül von Zweck und Nutzen, von Umsatz und Rendite alles bestimmt und es keine Orte zweckfreier Anerkennung gibt. Als ein solcher Zufluchtsort erscheint der Glaube an Gott. In diesem Kontext begegnet Gott als jene Größe, von der eine unüberbietbare Bestätigung eingeholt werden kann, dass der Mensch sein darf, wie er ist – ohne Wenn und Aber. Was ihm eine säkulare Logik von Aufwand und Ertrag vorenthält, wird ihm in einer religiösen Logik von Gnade und Wohlwollen gewährt: die Bestätigung des Selbstseinkönnens unabhängig von allen Leistungserwartungen – auch von Seiten Gottes. Er mag nichts zustande bringen, aber dies verhindert nicht, dass Gott zu ihm steht.

 

So wichtig dieser theologische Einspruch zur universellen Anwendung des Leistungsprinzips ist, so prekär sind seine Folgen, wenn nur dieser Einspruch formuliert wird. Er handelt sich umgehend den Vorwurf ein: Hier avanciert Gott kompensatorisch zu jener Größe, von der eine unüberbietbare Bestätigung eingeholt werden kann, dass der Mensch sein darf, wie er ist, auch wenn er nichts zu leisten vermag. Überdies handelt es sich um einen folgenlosen Kompensationsversuch. Denn viele Zeitgenossen schließen darauf, dass sie die Bestätigung ihres Selbst- und Soseins einfach „so stehen lassen“ können. Dieser göttliche Beistand bedarf ja ihres eigenen Zutuns nicht. Was ohne eigenes Zutun besteht, darum müssen sie sich nicht kümmern. Sie haben kein schlechtes Gewissen, wenn sie die Rede vom lieben Gott passiv lässt und bei ihnen nichts auslöst. Es macht ihnen nichts aus, diese Rede ganz unbekümmert zu überhören. Dies bekümmert gleich die Zeugen dieses „lieben“ Gottes. Sie sind aufrichtig davon überzeugt, dass es ihr Auftrag ist, den „lieben“, „gütigen“ und „barmherzigen“ Gott immer wieder zur Sprache zu bringen und auf eine Antwort der Angesprochenen zu hoffen. Bei jeder sich passenden Gelegenheit bezeugen sie aufrichtig ihre Überzeugung und ihre Hoffnung. Aber ihre Aufrichtigkeit schlägt um in Aufdringlichkeit. Die Penetranz, mit der sie Gott lieb, gütig und barmherzig sein lassen, macht sie zu religiösen Stalkern. Kein vernünftiger Mensch kann etwas gegen Liebe, Güte und Barmherzigkeit haben – wohl aber dagegen, dass Menschen damit gestalkt werden. Wer will es den Genervten unter den mit Liebe Bedrängten verdenken, dass sie den „Gottesstalkern“ aus dem Weg gehen? Die derart Gemiedenen schmerzt es zwar, dass das so gut Gemeinte so schlecht ankommt. Aber sie vermeiden ihrerseits eine kritische Selbstbefragung. Sie stellen sich nicht dem Verdacht, dass sie die religiöse Dublette eines romantisch-kitschigen Liebesideals vertreten. Sie meiden die Debatte darüber, ob Gott nur deswegen und solange als „lieb“ gilt, wie er das Bedürfnis des Menschen nach Selbstvergewisserung und Selbstbestätigung bedient. …

 

Von den Adressaten einer solchen Gottesrede wird erwartet, dass sie angesichts dessen, was in ihrem Leben ohne Wenn und Aber inakzeptabel ist, dennoch ohne Bejahung ihres Lebens von Seiten Gottes anzunehmen bereit sind. … Der Glaube an Gott gerät in höchste Bedrängnis, wenn er Halt sucht in einer Behauptung, die sich in guten Tagen als vertretbar, in schlechten Tagen aber eher als unhaltbar erweist.

 

Prof. Dr. Hans-Joachim Höhn (Inhaber des Lehrstuhls für Systematische Theologie und Religionsphilosophie am Institut für Katholische Theologie der Universität Köln)

 

(in: Pastoralblatt für die Diözesen Aachen, Berlin, Hildesheim, Köln und Osnabrück; Juni 6/2020, 72. Jahrgang; S. 163ff > Auszüge!)

 

Impuls vom 17.10.2020 "Wie politisch ist die Botschaft Jesu?"

29. Sonntag im Jahreskreis A (Mt22,15-21)

Was für eine grandiose Falle! Und was für eine raffinierte Einleitung! „Meister, wir wissen, dass du die Wahrheit sagst und wahrhaftig den Weg Gottes lehrst und auf niemanden Rücksicht nimmst, denn du siehst nicht auf die Person.“ (Mt 22,16)

Wenn sich die Gegner zusammentun und einen „über den Klee“ loben, sollte jede Alarmglocke aufschrillen. Und in der Tat wird Jesus hier in ein Dilemma gestellt, das kaum zu lösen ist.

Denn der Hintergrund ist ja folgender: Die Römer sind eine imperiale Macht, die Israel besetzt und unterdrückt. Der Name Gottes wird durch die Römer geschändet, ihre Götzen werden aufgestellt und ihre Kulte im Land des auserwählten Volkes durchgeführt. Durch das Diktat der Römer müssen die Menschen Steuern bezahlen und durch die Besatzungspolitik werden sie ausgepresst und um den Lohn ihrer Arbeit gebracht.

Viele im Land wollen diese Ohnmacht nicht mehr hinnehmen. Es gibt schon bewaffnete Untergruppen, die eine Guerilla-Taktik gegen die Besatzer durchführen, denn die Guerilla ist oftmals die Waffe der Ohnmächtigen.

Wie wird Jesus in dieser Situation reagieren? Wie politisch ist seine Botschaft? Und wie weit trägt sein Konzept der Gewaltfreiheit?

1993 befürworteten sogar pazifistische Menschen einen militärischen Einsatz in Bosnien, um den ethnischen Säuberungen ein Ende zu setzen. Was hätte Jesus in dieser Situation gesagt?

In dieser Woche sind China und Russland in den UN-Menschenrechtsrat gewählt worden. Was würde Jesus dazu sagen? Würde er eine Zusammenarbeit um der politischen Einrichtung wegen in Kauf nehmen oder radikal eine Zusammenarbeit in diesem Gremium beenden, da Länder, die Giftanschläge auf Oppositionelle durchführen oder ethnische Minderheiten unterdrücken, als Partner nicht geeignet sind.

Wie sähen Jesu Sanktionen gegen jene aus, die Rechtstaatlichkeit mit Füßen treten? Würde er die wirtschaftliche Zusammenarbeit beenden?

Jesu Reaktion auf diese Frage im heutigen Evangelium, die nach einem „Entweder-oder“ verlangt, kann ihn den Kopf kosten. Wenn er sagt: „Keine Steuern für den Kaiser! Wir dürfen diese Besetzungsmacht nicht länger erdulden!“, dann wird er wegen antikaiserlicher Volksaufwiegelung hingerichtet. Wenn er sagt: „Das Bezahlen der Steuern ist nun mal hinzunehmen oder gar rechtens“, dann wird er als Sympathisant der Besatzungsmacht viele seiner Anhänger vergraulen. Wie er sich auch dreht und wendet, er verliert. Denn was ist nun mit dem Reich Gottes? Kann es sich durchsetzen, auch wenn Fremde Macht über einen ausüben?

Sein Schachzug ist dementsprechend geradezu genial!

Statt nun eine theologische oder philosophische Diskussion zu führen und über ein theoretisches Konstrukt namens Steuern zu reden, erdet er die Frage ganz praktisch und findet die Antwort ironischer Weise in den Taschen seiner Gegner. Denn seine Widersacher reden eigentlich über das Geld, das in ihren Händen ist. Es ist das Geld, mit dem die Pharisäer ganz selbstverständlich Handel treiben, sie nutzen es sogar in der Heiligen Stadt und kaufen damit im Tempel ihre Opfertiere.

Münzgeld gehört dem, der es prägt und ausgibt, das gilt auch heute noch. Und wer an dem Geldkreislauf teilnehmen möchte, muss sich halt auch den Regeln und der Macht des Systems und der Geldausgabestelle unterwerfen.

Eigentlich erklärt Jesus da das Einfachste der Welt, wenn er sagt: „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört.“ Richtig provokant wird die Antwort jedoch durch die Zusatzantwort, nach der keiner gefragt hat: „[…] und [gebt] Gott, was Gott gehört.“ (Mt 22,21)

Denn was nun Jesus hier anspricht ist eine ganz grundsätzliche Frage: Welche Macht kommt Gott zu? Da der fromme Jude das Schma Israel betet, weiß er, dass allein Gott Macht zukommt. In Dtn 6,4 heißt es im jüdischen Glaubensbekenntnis: „Höre Israel, der Herr, unser Gott, der Herr ist einzig.“ Wenn ich das berücksichtige, muss ich jeglichen Machtanspruch in dieser Welt infrage stellen. Ich muss fragen, von welchen Mächten ich mich beherrschen lassen will. Es geht Jesus nun nicht mehr nur um die römische, sondern um jegliche Macht, mit der Menschen über andere Menschen herrschen. Denn keinem Menschen kommt Macht über den anderen zu.

Deshalb ist die Frage nach der politischen Dimension der Botschaft Jesu so schwierig. Politik will erfolgreich sein und gewissermaßen in ihrem Erfolg durch eine Machtbasis die Welt gestalten. Doch Jesus lehnt es kategorisch ab, in diesem Sinne erfolgreich zu sein und Macht auszuüben.

Hätte er in seiner Bewegung versucht, mit irgendeiner Art von Gewaltausübung sein Reich zu bauen und den Umsturz herbeizuführen, wäre er wahrscheinlich damit gescheitert wie viele Freiheitskämpfer vor und nach ihm. Und dann wäre Jesus wieder nur ein Opfer in der Menschheitsgeschichte gewesen, wo eine Gruppe Unterdrückter vergeblich versuchte, die Mächtigen zu stürzen. Spartakus scheiterte an Rom, die Israeliten scheiterten im römischen Krieg, Sklavenaufstände scheiterten in vielen Kolonien und wie viele Minderheiten sind heute noch ein Spielball der Mächtigen?

Jesus durchbricht dieses Spiel, indem er auf die Frage nach Macht mit Ohnmacht antwortet. Denn er stellt jede Autorität, jedes menschliche System, jede menschliche Machtausübung infrage. Jesus lehrt eine Religion, die nicht auf Erfolg und Macht setzt und die nicht weiß, was das Richtige für einen jeden anderen ist. Im Gegenteil: Er scheitert am Kreuz und hat trotzdem alles richtig gemacht. Er vertraut einzig auf die Macht Gottes und lebt die bedingungslose Liebe des Schöpfers zu allen seinen Geschöpfen. Er übt auf die Ausgegrenzten und Sünder keine moralische Macht aus, sondern befreit sie darin, wieder Kinder eines liebenden Gottes zu sein, der seine Geschöpfe nicht nach Macht, Geld und Heldentaten oder erarbeitetem Ansehen bewertet. Jesus verweigert es, über den anderen zu urteilen und meint nicht zu wissen, was für den anderen gut ist.

„Gebt Gott, was Gott gehört“ heißt, sich wieder voll und ganz auf Gott einzulassen und aus der Macht seiner Liebe zu leben, die im Menschen wohnt. Daher das Gebot, „du sollst Gott und deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (vgl.: Dtn 6,4; Lev 19,18 und Mt 22,36ff.; Lk 10,25ff.; Mk 12,30f.), denn dann wirst du aufhören, über den anderen herrschen zu wollen. Es wird dir an seinem Wohl liegen, wenn du dem Gebot folgst. Du wirst aufhören zu glauben, dass Geld, Macht und Ansehen dich ausmachen, denn all das verschafft dir keine Liebe.

Realpolitik lässt sich damit nicht machen. Es kann einen Ohnmächtigen in dieser Welt nicht mächtig machen. Aber, und das ist das Entscheidende, es stellt jede Macht in Frage, es relativiert jeglichen Machtanspruch dieser Welt und lässt den vermeintlich Beherrschten frei werden in dem Wissen, dass sie oder er ein geliebtes Kind jenes Gottes ist, der sich am Ende als machtvoller Sieger erwiesen hat und erweisen wird.

Das soll nun keine Vertröstung der Unterdrückten auf ein Jenseits sein, sondern es soll die Gewissheit stärken, dass ich selbst entscheiden kann, welchen Mächten ich mich unterwerfe. Es soll mich wissend machen, dass weder das Finanzsystem noch Staaten oder Organisationen wirklich Macht darüber haben, was ich bin, welchen Wert ich habe oder was für mich gut ist. Jesus gibt mir mit seinem Weg und Beispiel das Wissen um jenen, der einzig die Macht hat. Er wird mir helfen, meinen Weg hier auf Erden frei zu gestalten, auch wenn mir dieser Weg aus vielen irdischen Perspektiven keinen Erfolg verspricht.

Ich kann jedoch wissen, erfahren, spüren, dass es richtig ist, und ich werde den liebenden Gott darin finden. Das ist Jesu Versprechen an uns und alle Ohnmächtigen dieser Welt, die auf Macht und Gewalt nicht mit Gegengewalt und gegnerischen Machtansprüchen reagieren. Denn nur so kann wahrer Frieden entstehen.

Impuls vom 10.10.2020 "Eingeladen zum Fest"

Evangelium nach Matthäus 22, 1-13

Eine Hochzeit steht an – aber die Stimmung im Gleichnis aus dem Evangelium ist nicht voll Freude. Im Gegenteil: Auf die Einladung des Königs zur Hochzeit seines Sohnes reagieren die Geladenen gleichgültig, ja mit Geringschätzung und Mord der königlichen Gesandten. Welch ein Affront! Da lässt der König aus Zorn die Mörder umbringen. Eine Einladung zum Fest des Lebens endet in einem Blutbad. Frohe Botschaft?

Eine frohe Botschaft finde ich in der Aufforderung: „Geht also hinaus auf die Straßen und ladet alle, die ihr trefft, zur Hochzeit ein.“ Wenn die, die zuerst eingeladen waren, nicht kommen wollen, dann gilt es, hinauszugehen auf die Straßen. Und alle dürfen kommen – ein göttliches Christusfest neuer Art wird gefeiert.

Was für eine weite, mutige Botschaft! Egal, wo ich herkomme, was ich getan habe – ich bin es wert, am königlichen Fest teilzunehmen.

Nehmen wir die Einladung Gottes zum Fest des Lebens wahr? Spüren wir etwas von der Spannung und der Freude, die Gott mit seiner Einladung bei uns auslösen möchte? Oder hat auch bei mir alles andere Priorität? Wie oft bin ich mit anderem beschäftigt, verfolge eigene Pläne…

Dann werden die Leute draußen auf der Straße eingeladen. Vielleicht bist du auch einer von denen draußen, am Rande der Gesellschaft, des Lebens, am Rande einer Gruppe oder von Kirche. – Und nun richtet sich die Einladung auch an dich. Du darfst dich neu bekleiden, auf die Schönheit und Fülle des Festes einstimmen und dazu beitragen.

So sagt mir das Gleichnis:

  • Wir können die große Gelegenheit unseres Lebens verpassen. Vertu sie nicht!
  • Die Einladung des Königs, die Einladung Gottes ist letztlich erfolgreich.
  • Jede und jeder kann kommen, aber wir müssen den Schritt tun.
  • Gottes Liebe ist so groß, dass er uns das Beste und Schönste bereitet, was wir uns erhoffen dürfen.

Leben wir voller Erwartung, in Würde und wacher Liebe! Wir sind eingeladen. Wir gehen zu auf ein großes Hochzeits-fest. Es hat schon angefangen.

Karin Stump

Impuls vom 03.10.2020 "PAX et BONUM"

Pax et Bonum!

 

‚Leute machen Kleider‘ und/oder ‚Kleider machen Leute‘ – Beides passt zum hl. Franziskus von Assisi, dessen Gedenktag die Kirche am 04. Oktober begeht.

 

Gut betucht wurde er in vornehmen Kreisen groß und wusste sich aufgrund seiner Herkunft chic zu machen und in feinem Zwirn zu kleiden. Zunächst also in Windeln gewickelt, später als Dressman gekleidet in seiner Umgebung quasi die Moderichtung vorgegeben und bestimmt, dann als Soldat in Uniform und Rüstung gewechselt, nach seiner Bekehrung Abschied vom äußeren Chic die freiwillige Selbst-Übergabe in den Mantel des Bischofs bzw. der Kirche und schließlich die radikale Entscheidung für ein armes Leben in Kutte. Das erinnert an ein früheres Jahresmotto des Bonifatiuswerkes in Paderborn: ‚Zeig‘ draußen, was du drinnen glaubst.‘

 

Ziel des hl. Franziskus: Die Liebe zu Christus in Freiheit VON äußeren Bindungen und Abhängigkeiten und in Freiheit FÜR Gott und die Menschen leben und so dem nackten Christus folgen. Die Kirche bietet ihm dazu den Mantel des Bischofs, einen Schutzmantel gegenüber der Bevölkerung und zum Schutz vor der Familie bzw. insbesondere vor dem leiblichen Vater des hl. Franziskus. Franziskus lehnt ab und entscheidet sich für die Kutte, einen einfachen Hirtenmantel!

 

Ja, Franz von Assisi war ein krasser, beeindruckender, markanter, kantiger, klassischer ‚Mensch auf der Suche‘. Seit mehr als 30 Jahren schreibt sich das Katholische Forum Dortmund auf die Fahnen, für ‚Menschen auf der Suche‘ da zu sein. Dabei kann und will wohl niemand heute in der Kirche Christus so extrem und radikal nachfolgen wie der große Heilige unserer Kirche.

 

Passend dazu verfasste Dr. Gotthard Fuchs dazu folgende Gedanken: Was eine/einer anzieht, sagt auch etwas darüber, wen er oder sie anzieht – oder abstößt. … Kleider machen Leute. Wer bin ich? Wo und wie zeige ich mich? Was ist darunter? … Manche kommen äußerlich prächtig gewandet daher, aber ‚unter der Decke‘ sieht es anders aus. Kein Wunder, dass so elementare Vollzüge wie Kleidung … ihre Symbole auch religiös entfalten: Das weiße Kleid bei der Taufe, der Hochzeit oder der  Ordensprofess ist solch ein Zeichen. ‚Zieht den neuen Menschen an‘, den österlichen (Eph 4,24)! (vgl. Gotthard Fuchs in CIG Nr. 31/2020, S. 335)

 

Noch einmal zum Patron des Katholischen Forums Dortmund: Die verschiedenen Phasen des Lebens des Tuchhändlersohns aus Assisi lassen sich sehr gut an Tüchern, Stoffen, Kleidern und seinem Outfit ent-decken. Was er durch seine Kleidung zum Ausdruck bringt, deckt außen auch Inneres auf > von seinen Windeln über den feinen Zwirn des reichen Jünglings bis zur Kutte des armen Bruders Franziskus!

 

Stellen wir uns hier und heute in Erinnerung an Franz von Assisi und seinen faszinierenden Lebens- und Glaubensweg einige bzw. einigen dazu passenden Fragen: Was ziehe ich an? Was zieht mich an? Wie folge ich Christus in meinem Leben?

 

Stefan Tausch

Impuls vom 26.09.2020 „Ja- und Neinsager“

Ja- und Neinsager

(Phil 2, 1-5, Mt 21, 28-32)

Menschen sind unterschiedlich. Und Menschen sind unterschiedlich schnell.

Leben ist mehr als die Erstreaktion. Danach ist noch Freiheit!

Besser, sich zu verrennen und dann bereuen, als sich uneinsichtig im Glanz vermeintlicher Perfektion zu verlieren. Besser ein Nein, das sich zum Ja wandelt, als eine nur oberflächliche Zustimmung.

Der Weinberg wird in der Bibel oft als Bild gebraucht – für das Volk Israel, das Gott liebt, das Gott hegt und pflegt wie einen Weinberg. Wenn es um den Weinberg geht, treten wir ein in die Welt Gottes. Jesus lenkt die Aufmerksamkeit seiner Hörerinnen und Hörer auf die Beziehung zwischen Vater und Sohn. Und wir werden gefragt nach unserem Verhältnis zu Gott.

Der Vater im Gleichnis gibt den Auftrag, er weist einen Weg. Die beiden Leitbegriffe sind das Gehen in den Weinberg und das Glauben. Das meint Glauben: Treusein in unserer Beziehung zu Gott und in Liebe Mitwirken am Reich des Friedens und der Gerechtigkeit. Das Bekenntnis zur Königsherrschaft Gottes und das Tun gehören zusammen.
Der eine Sohn reagiert ungehorsam und unwillig, aber er ändert seinen Sinn. Das Interessante und Unterscheidende sind die innere Haltung und Bewegung. Ihn treibt die Sorge, dass die Beziehung zwischen ihm und dem Vater Schaden leiden könnte. Es geht nicht nur um äußeres Befolgen des Auftrags, sondern um die innere Übereinstimmung. Nach der Unlust und dem Affront besinnt er sich auf das, was ihm wichtig ist und ihn mit dem Vater verbindet.

Der andere Sohn, der zunächst dem Auftrag des Vaters zustimmt, bleibt untätig, in sich verschlossen, wie abgetrennt vom Vater, der doch einladend, liebevoll gesagt hatte: „Mein Kind, geh und arbeite heute im Weinberg!“

Wie steht es um Ihre Beziehung zu Gott? Wohin weist er Sie? Wo gilt es entschieden Ja oder Nein zu sagen und es auch zu tun? Was können Sie konkret anpacken? Sind Sie bereit?

Es gibt Arbeit im Weinberg, und es gibt die wunderbare Verbindung zu Gott. Machen wir uns neu auf, an Gottes Reich der Liebe und des Friedens mit zu wirken.

Karin Stump

Impuls vom 19.09.2020 „Niemand hat uns angeworben!“

Niemand hat uns angeworben! (Mt 20, 7a)

Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden. (Mt 9,37f) Mit Blick auf diese Worte Jesu möchte ich das bekannte Gleichnis Von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20, 1-16) aus dem heutigen Sonntagsevangelium auf das Reich Gottes hier und heute in unserer Kirche, in unserer Welt beziehen.

Da bürstet Christus zunächst einmal in so erfrischender und aufrüttelnder Weise wohltuend und irritierend mit einer großartigen Verheißung gegen den Strich: Die Ernte ist groß! Leidenschaftliches Engagement in der Verkündigung der frohen Botschaft lohnt also auch heute. Auch in unserer Zeit gilt, dass viele Menschen auf der Suche in der christlichen Botschaft Sinn und Halt suchen – wenngleich bisweilen auf völlig andere und neue Weise, als wir es in den christlichen Kirchen in der Vergangenheit (er)lebten und praktizierten.

 Aber es gibt nur wenig Arbeiter. Damals wie heute gehört(e) das Phänomen des ‚Fachkräftemangels‘ zur Tagesordnung. Nichts Neues unter der Sonne also, was in der Kirche seit Jahrzehnten so viele bejammern und beklagen.

 Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden. An dieser Stelle aber wird’s spannend und an- bzw. aufregend, wenn wir diese Einladung bzw. Aufforderung Jesu auf das Gleichnis Von den Arbeitern im Weinberg beziehen. Da müssen sich die um die elfte Stunde untätig in der Gegend Herumstehenden zunächst den Vorwurf des Gutsbesitzers gefallen lassen, warum sie den ganzen Tag faulenzen und nichts leisten. Ihre Antwort spricht Bände: Niemand hat uns angeworben. Mit anderen Worten: Für uns hat sich keiner interessiert. Wir waren nicht gefragt. Wir wurden ignoriert. Uns wollte niemand haben.

 Niemand hat uns angeworben! Ich ahne / fürchte / glaube / unterstelle, dass es dieses Phänomen bis heute gibt! Bis heute haben wir meinem Eindruck nach viele durchaus Interessierte ArbeiterInnen nicht im Blick, so dass sie sich nicht eingeladen, willkommen, qualifiziert, angesprochen bzw. – fromm formuliert –  berufen fühlen, sich im Weinberg des Herrn aktiv auf ihre je eigene Weise wie und wo und wie lange auch immer einzubringen und zu engagieren.

 Niemand hat uns angeworben! Im Interesse aller (!) Beteiligten lohnt es meinem Eindruck nach, darüber in Ruhe und intensiv nachzudenken und neue passgerechte Zugangsmöglichkeiten für eine attraktive und erfolgreiche Arbeit im Weinberg des Herrn zu schaffen. Denn: Die Ernte ist groß!

Stefan Tausch

Impuls vom 12.09.2020 „Befreiung durch Wahrheit“

Die Geschichte Gottes mit den Menschen ist eine lange Geschichte von Geduld und immer neuer Vergebung. Eine quasi ‚unendliche Geschichte‘, von der bereits im alttestamentlichen Buch Jesus Sirach zu lesen ist: ‚Vergib deinem Nächsten das Unrecht, dann werden wir, wenn du bittest, deine Sünden vergeben! Ein Mensch verharrt gegen einen Menschen im Zorn, beim Herrn aber sucht er Heilung? Mit einem Menschen gleich ihm hat er kein Erbarmen, aber wegen seiner Sünden bittet er um Vergebung? Er selbst – ein Wesen aus Fleisch, verharrt im Groll. Wer wird seine Sünden vergeben?‘ (Sir 28, 2-5)

 Nüchtern-realistisch und gleichermaßen hoffnungsvoll-zuversichtlich schreibt dazu der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer:

 ‚Es kann sein, dass Christen trotz gemeinsamer Andacht, gemeinsamen Gebetes, trotz aller Gemeinschaft im Dienst allein gelassen bleiben, dass der letzte Durchbruch zur Gemeinschaft nicht erfolgt, weil sie zwar als Gläubige, als Fromme Gemeinschaft miteinander haben, aber nicht als die Unfrommen, als die Sünder.

 Die fromme Gemeinschaft erlaubt es ja keinem, Sünder zu sein. Darum muss jeder seine Sünde vor sich selbst und vor der Gemeinschaft verbergen.

 Wir dürfen nicht Sünder sein. Unausdenkbar das Entsetzen vieler Christen, wenn auf einmal ein wirklicher Sünder unter die Frommen geraten wäre.

 Darum bleiben wir mit unserer Sünde allein, in der Lüge und der Heuchelei; denn wir sind nun einmal Sünder.

 Es ist aber die Gnade des Evangeliums, die für den Frommen so schwer zu begreifen ist, dass es uns in die Wahrheit stellt und sagt: du bist ein Sünder, ein großer heilloser Sünder und nun komm als dieser Sünder, der du bist, zu deinem Gott, der dich liebt.

 Er will dich so, wie du bist, er will nicht irgend etwas von dir, ein Opfer, ein Werk, sondern er will allein dich. … Gott ist zu dir gekommen, um den Sünder selig zu machen.

 Freue dich!

 Diese Botschaft ist Befreiung durch Wahrheit. Vor Gott kannst du dich nicht verbergen. Vor ihm nützt die Maske nichts, die du vor den Menschen trägst. Er will dich sehen wie du bist, und er will dir gnädig sein. Du brauchst dich selbst und deinen Bruder nicht zu belügen, als wärest du ohne Sünde, du darfst ein Sünder sein, danke Gott dafür; denn er liebt den Sünder, aber er hasst die Sünde.‘ (aus: ‚Gemeinsames Leben’ – Dietrich Bonhoeffer, Gütersloher Verlagshaus, S. 93)

Ja, jeder Mensch braucht die Vergebung Gottes. Nüchtern-realistisch und gleichermaßen hoffnungsvoll-zuversichtlich heißt es dazu im Buch Jesus Sirach: ‚Denk an das Ende, denk an Untergang und Tod und bleib den Geboten treu! Denk an die Gebote und grolle dem Nächsten nicht, denk an den Bund des Höchsten und übersieh die Fehler!‘ (Sir 28,6f)

Wahrlich: Diese frohe Botschaft, diese Gnade des Evangeliums ist Befreiung durch Wahrheit pur!

Stefan Tausch

Impuls vom 05.09.2020 „Von der Praktikabilität voraussetzungsloser Vergebung“

Das wirklich Unvergleichbare in der Religionsgeschichte und das zugleich am meisten Provozierende, was Jesus tat, war das voraussetzungslose Erbarmen, das er einem jedem zuteilwerden ließ. Zöllner und Sünder, Huren und Bettler lud er an seinen Tisch und verkündete ihnen die Gnade Gottes, von der niemand ausgeschlossen ist.

Jesus sagte nie: „Du gehörst nur dann zu uns, wenn du nach unseren Geboten und Gesetzen spielst.“ Die Praktikabilität dieses Ansatzes wird im Evangelium vom 23. Sonntag im Jahreskreis (A) verhandelt. „Hört er […] nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner!“ (Mt 18,17) Kaum zu glauben, dass ein solcher Satz aus dem Mund Jesu kommt. Zugegeben, die Messlatte ist sehr hoch, bis dass ein Mensch ausgeschlossen wird. Jesus plädiert zuerst für ein Gespräch im kleinen Kreis, also nur mit denen, die am Konflikt beteiligt sind. Scheitert eine Vermittlung, soll zum Schutz der Intimsphäre und vor Bloßstellung eine kleine Gruppe hinzugezogen werden. Nützt auch das nicht, soll die Angelegenheit in der Gemeinde mit allen diskutiert werden. Das Volk, nicht ein einzelner, soll dann entscheiden, wie das Fehlverhalten zu werten ist und ein Urteil sprechen.

Eigentlich ein vernünftiges Vorgehen. Und da nicht einem einzelnen Hirten oder Anführer die Macht des Urteils zukommt, wird hoffentlich Willkür vermieden. Aber eines wird nicht in der Schilderung des Vorgehens beschönigt: Es gibt anscheinend Vergehen und Verhaltensmuster, die den Ausschluss aus der Gemeinschaft rechtfertigen. Die Personen, die ausgeschlossen werden sollen, sollen rechtlos und gemieden werden, wie die Zöllner und Heiden der damaligen Zeit.

Wie passt das zu einem Jesus, der doch gerade zu den Zöllnern und Sündern geht. Kurz vorher, in den Versen 12-14 des 18. Kapitels des Matthäusevangeliums, berichtete Jesus vom „Guten Hirten“, der gerade zu dem einen verlorenen Schaf geht und der sich über das Zurückführen dieses Schafes mehr freut, als über die 99 gerechten Schafe. (Mt 18,12-14)

Wie passt das zu einem Jesus, der in den beiden nachfolgenden Versen des Textabschnittes auf die Frage Petri, ob er sieben Mal seinem Bruder verzeihen muss, antworten wird: „Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.“ (Mt 18,22)

Kann es eine menschliche Gemeinschaft geben, die sich auf voraussetzungslose Güte und Vergebung gründet? Für Matthäus scheint die voraussetzungslose Güte nicht mehr praktikabel zu sein, da sie unter dem Verdacht steht, missbraucht zu werden. Die Spannung zwischen dem, was Jesus wollte, und dem, was Matthäus in diesen Versen daraus macht, könnte nicht größer sein, als es in dem Satz zum Ausdruck kommt: „Er sei dir wie ein Zöllner!“

Es war doch gerade die Mission Jesu, zu den Sündern zu gehen und diese wieder hinein zu holen in die Gemeinschaft und gerade nicht auszugrenzen. Clives Staples Lewis sagte einmal: „Vergebung muss, wenn sie wirksam sein soll, nicht allein gewährt, sondern auch empfangen werden – und ein Mensch, der nicht zugibt, schuldig zu sein, kann keine Vergebung empfangen.“

Die Voraussetzung, zu der Gemeinschaft zu gehören, sind also das Wissen und die Erfahrung, dass auch ich Vergebung brauche. In dieser Erfahrung qualifiziere ich mich für die Gemeinschaft. In dieser Qualifizierung werde ich unrechtes Handeln wahrscheinlich zugeben und versuchen, Heilung für mich und die Gemeinschaft zu wirken.

Jeder, der absichtlich die voraussetzungslose Vergebung missbraucht, ist sich seines schuldhaften Verhaltens anscheinend nicht bewusst. Er scheint seine eigenen Interessen mehr im Sinn zu haben als die Liebe zu seinem Nächsten und das gerechte Handeln. Er sondert sich damit von Gott und der Gemeinschaft ab, er sündigt.

Das disqualifiziert ihn von der Gemeinschaft. Es disqualifiziert ihn aber niemals von der individuellen, liebenden und vergebungsvollen Hinwendung eines jeden einzelnen von uns.

Es ist also korrekt, die Gemeinschaft zu schützen, aber die Gemeinschaft darf nie eine Burg mit ausgrenzenden Mauern werden. Eine christliche Gemeinschaft muss in ihrer Lebensführung und Identität Christus als Maßstab haben. Ihr dürfen niemals diejenigen egal sein, die noch nicht oder nicht mehr zu ihr gehören und das einzelne Mitglied der Gemeinschaft darf nie vergessen, dass der Außenstehende, den er oder sie trifft, ein geliebtes Kind Gottes ist, dem er oder sie zu einem Weg zur Gemeinschaft werden kann. Der Einzelne kann das Vorbild werden, auch nach den Maßstäben der Gemeinschaft zu leben. Eine Gemeinschaft darf einem Menschen Grenzen setzen, aber ein jeder ist aufgerufen, Grenzen zu überwinden.

 

 

 

Impuls vom 29.08.2020 „Das Kreuz als Zeichen der Befreiung“

Wenn ich heute auf einem Platz in Minsk in Belarus stehen und einen demonstrierenden Menschen fragen würde, was denn das Kostbarste sei, wäre seine Antwort vielleicht „Freiheit“.

Es kostet überhaupt nichts, mit den herrschenden Meinungen mit zuschwimmen oder in autoritären Regimen mitzuspielen, doch frei zu werden, vielleicht auch im Widerspruch zur allgemeinen Ansicht zu stehen, kostet womöglich viel – im Fall von Belarus Repressionen, Gefängnis oder Tod.

Die Frage ist, nehme ich die Konsequenzen für die Aussicht auf Freiheit an oder bleibe ich unfrei. Jesus würde fragen: „Bist du bereit, dein Kreuz zu tragen?“

Das Kreuz auf sich zunehmen heißt, die Konsequenzen seiner freien Entscheidung anzunehmen, zu wissen, dass der Weg, den ich frei wähle, auch scheitern kann – zumindest auf dem ersten Blick.

Wir kennen solche Entscheidungen auch aus unserem Alltag: Nehmen wir beispielsweise die Partnerschaft. Wenn ich mich zu einer Partnerschaft entscheide, nehme ich in Kauf, dass ich traurig gemacht und betrogen werden kann, dass die Beziehung am Ende scheitern könnte. Ist es deswegen sinnvoller keine Beziehung einzugehen? Ich denke nicht. Und ich denke, dass dann die Angst vor dem Scheitern einer Beziehung meine Freiheit beschneidet. Wenn mich die Angst bestimmt, wenn ich ausschließlich von ihr getrieben werde, kann ich mich nicht frei für oder gegen eine Beziehung entscheiden.

Wer also eine Beziehung eingeht, ist bereit, das Kreuz auf sich zu nehmen. Und so, wie der Verurteilte das Kreuz auf sich nimmt für seine Tat und zudem noch nicht weiß, wo er ankommen wird, so weiß der Liebende am Anfang der Partnerschaft auch noch nicht, wohin die Beziehung führen wird. Zwischen Kreuzaufnahme und Kreuzigung liegen meistens lange Strecken, auf denen es noch so manche Wendung gibt und an deren Ende nicht der Tod stehen muss. Das Kreuz auf sich nehmen heißt also erst einmal nur, eine freie Entscheidung zu treffen und die Konsequenzen in Kauf zu nehmen.

Und für uns Christen wird die Entscheidung noch einfacher, denn wir kennen schon die Auflösung von allem: Wir wissen, dass es die Auferstehung gibt. Wir wissen bereits, dass es im Verlust des Lebens für uns Gewinn gibt.

Das Aufnehmen des Kreuzes soll für uns kein Zwang zum Leid sein. Wir sollen nicht meinen, wir folgen Jesus nur dann gut, wenn es uns schlecht geht, wenn wir möglichst viele Repressionen und Schicksalsschläge erleiden. Dann würden wir gegen den Willen Gottes handeln, der ja das Gute für uns will.

Gott will uns stattdessen sagen: Ihr seid frei! Denn es gibt nichts, wovor ihr euch fürchten müsst! An mir seht ihr: Ich bin auferstanden und die Liebe Gottes zu euch überwindet alles, sogar den Tod. Ihr müsst keine Angst haben, früh zu sterben, denn euch gehört die Ewigkeit. Ihr müsst keine Angst haben, ausgelacht zu werden, bei mir habt ihr immer Anerkennung. Ihr müsst keine Angst haben, arm zu sein, der Reichtum des Himmels wartet auf euch.

Gott will nicht, dass wir unter unseren Kreuzen leiden. Er will, dass wir in jedem Kreuz, dass wir aufnehmen, frei werden. Er will, dass wir in jedem Kreuz, dass wir mit seinen negativen Möglichkeiten aufnehmen, wissen, dass das Ende nicht Golgotha, sondern das Paradies sein wird.

Und deswegen soll uns der Gedanke, dass wir auferstehen und dass es ein Jenseits gibt, nicht vertrösten auf etwas Kommendes, sondern uns befreien, bereits hier in Freiheit und Freude zu leben.

Stefan Kaiser

Impuls vom 22.08.2020 "Ihr aber..."

Kirche im Wandel: Fest soll mein Taufbund immer stehen

‚Du bist Petrus – der Fels – und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.‘ (vgl. Mt 16,18)  Anlässlich der Taufe seines Neffen im Mai 1944 schrieb der damals von den Nazis inhaftierte und später hingerichtete evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer in einem Brief an den Täufling zu diesem Wort Jesu aus dem aktuellen Sonntagsevangelium (21. Sonntag im Lesejahr A) u.a. folgende passende Worte, die m.E. einerseits wachrütteln und sensibilisieren, andererseits zugleich aber als auch ermutigen und anspornen können. Damals wie heute, weil sich zu allen Zeiten in der Kirche aus unterschiedlichsten Gründen sehr vieles wandelt und alles andere als felsenfest ein für alle Mal in Stein gemeißelt zu sein scheint:

Du wirst heute zum Christen getauft. Alle die alten großen Worte der christlichen Verkündigung werden über Dir ausgesprochen und der Taufbefehl Jesu Christi wird an Dir vollzogen, ohne dass Du etwas davon begreifst.

 Aber auch wir selbst sind wieder ganz auf die Anfänge des Verstehens zurückgeworfen. Was Versöhnung und Erlösung, was Wiedergeburt und Heiliger Geist, was Feindesliebe, Kreuz und Auferstehung, was Leben in Christus und Nachfolge Christi heißt, das alles ist so schwer und so fern, dass wir es kaum mehr wagen, davon zu sprechen. In den überlieferten Worten und Handlungen ahnen wir etwas ganz Neues und Umwälzendes, ohne es noch fassen und aussprechen zu können. Das ist unsere eigene Schuld.

Unsere Kirche, die in diesen Jahren nur um ihre Selbsterhaltung gekämpft hat, als wäre sie ein Selbstzweck, ist unfähig, Träger des versöhnenden und erlösenden Wortes für die Menschen und für die Welt zu sein. Darum müssen die früheren Worte kraftlos werden und verstummen, und unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neugeboren werden aus diesem Beten und diesem Tun.

 Bis du groß bist, wird sich die Gestalt der Kirche sehr verändert haben. Die Umschmelzung ist noch nicht zu Ende, und jeder Versuch, ihr vorzeitig zu neuer organisatorischer Machtentfaltung zu verhelfen, wird nur eine Verzögerung ihrer Umkehr und Läuterung sein.

 Es ist nicht unsere Sache, den Tag vorauszusagen – aber der Tag wird kommen -, an dem wieder Menschen berufen werden, das Wort Gottes so auszusprechen, dass sich die Welt darunter verändert und erneuert. Es wird eine neue Sprache sein, vielleicht ganz unreligiös, aber befreiend und erlösend, wie die Sprache Jesu, dass sich die Menschen über sie entsetzen und doch von ihrer Gewalt überwunden werden, die Sprache einer neuen Gerechtigkeit und Wahrheit, die Sprache, die den Frieden Gottes mit den Menschen und das Nahen seines Reiches verkündigt.

 „Und sie werden sich verwundern und entsetzen über all dem Guten und über all den Frieden, den ich ihnen geben will.“ (Jerem. 33,9). Bis dahin wird die Sache der Christen eine stille und verborgene sein; aber es wird Menschen geben, die beten und das Gerechte tun und auf Gottes Zeit warten. (Quelle: ‚Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung – Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft’, Hg. Eberhard Bethge, Chr. Kaiser/Gütersloher Verlagshaus, S. 156f)                                                                                                    

So galt und gilt lebendig und dynamisch: ‚Du bist Petrus – der Fels – und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.‘ (vgl. Mt 16,18)                                                                                                                      Stefan Tausch

Impuls vom 15.08.2020 "Ausweiten"

Ausweiten  Jes 56, 1.6-7; Mt 15, 21-28

Vor 15 Jahren, am 16.8.2005, wurde in Taizé Frère Roger Schutz, der Gründer der ökumenischen Gemeinschaft, von einer psychisch gestörten Frau ermordet.

„Ausweiten“ war das Thema seines letzten Briefes, der unvollendet blieb. Grenzen sprengen, Feindschaft und Vorurteile überwinden zwischen Völkern und Konfessionen – das war sein Anliegen…

Wo brauchen Sie mehr Weite? Als Getaufte ist es uns ins Stammbuch geschrieben, weit und groß zu denken und zu handeln. Wozu lockt Sie das Wort Frère Rogers vom „Ausweiten“?

Sommerzeit, Urlaubszeit, viele suchen das Weite, die Weite – manche suchen das Neue oder Fremde. – Lassen Sie uns dazu zunächst einen weiten Schritt zurück gehen und in die Geschichte Israels eintauchen.

Gott hatte sich das Volk Israel besonders erwählt. Wie war das gemeint? Exklusiv? Oder als Ausgangspunkt? Auch zu Lebzeiten Jesu kam die Frage auf: Wem gilt Gottes Bund und Heilsversprechen? Unter den frühen Christen fragten sich dann manche, ob sie, die vom jüdischen Glauben herkamen, das Brot Jesu Christi auch mit den Fremden teilen müssten. Umfasste Jesu Heilsangebot auch heidnische Menschen? Wie sollten Christen sich verhalten gegenüber Fremden und Andersgläubigen?

Das Evangelium erzählt: Jesus selbst hat Grenzen überschritten. Er ist in die nicht-jüdischen Gebiete gegangen. Auch Jesus nahm zunächst an, sein Auftrag, beschränke sich auf das Volk Israel. Die heidnische Frau bleibt hartnäckig und bittet den Rabbi um Heilung für ihre Tochter. Sie bringt Jesus dazu, traditionelle Bilder von Gott und seinem Heilsangebot zu überschreiten. Sie fordert diese Wandlung und Öffnung Jesu durch ihren beharrlichen Glauben heraus. Er erfüllt ihre Bitte. Für ihn zählt nun nicht mehr die Herkunft, sondern allein der Glaube.

Auch die Kirche steht immer wieder in der Gefahr, Andersgläubige auszugrenzen oder Ansprüche und Forderungen an Fremde, Andersdenkende oder Anderslebende zu entwickeln. Das Evangelium macht klar: Christen in der Nachfolge Jesu dürfen schlechthin nicht fremdenfeindlich sein. Die christliche Botschaft verträgt sich nicht mit Rassismus oder Nationalismus!

Ausweiten – so hatte Frère Roger seine letzte Botschaft 2005 überschrieben. Nicht Ansprüche, Abgrenzung oder Privilegien zählen, sondern gelebter weiter Glaube!

Suchen wir in diesem Sinne das Weite, die Weite Gottes.                                                                   Karin Stump

Impuls vom 08.08.2020 "Warum habt ihr solche Angst?"

Auszüge aus der Predigt von Papst Franziskus am 27. März 2020 beim Gebet in der Pandemie auf dem Petersplatz

»Am Abend dieses Tages« (Mk 4.35). So beginnt das eben gehörte Evangelium. Seit Wochen scheint es, als sei es Abend geworden. … Wir sind verängstigt und fühlen uns verloren. Wie die Jünger des Evangeliums wurden wir von einem unerwarteten heftigen Sturm überrascht. Uns wurde klar, dass wir alle im selben Boot sitzen, alle schwach und orientierungslos sind, aber zugleich wichtig und notwendig, denn alle sind wir dazu aufgerufen, gemeinsam zu rudern, alle müssen wir uns gegenseitig beistehen. Auf diesem Boot … befinden wir uns alle. Wie die Jünger, die wie aus einem Munde angsterfüllt rufen: »Wir gehen zugrunde« (vgl. V. 38), so haben auch wir erkannt, dass wir nicht jeder für sich, sondern nur gemeinsam vorankommen.

Leicht finden wir uns selbst in dieser Geschichte wieder. Schwieriger ist es da schon, das Verhalten Jesu zu verstehen. Während die Jünger natürlich alarmiert und verzweifelt sind, befindet er sich am Heck, in dem Teil des Bootes, der zuerst untergeht. Und was macht er? Trotz aller Aufregung schläft er friedlich, ganz im Vertrauen auf den Vater – es ist das einzige Mal im Evangelium, dass wir Jesus schlafen sehen. Als er dann aufgeweckt wird und Wind und Wasser beruhigt hat, wendet er sich vorwurfsvoll an die Jünger: »Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?« (V. 40).

Versuchen wir zu verstehen. Worin besteht der Glaubensmangel der Jünger, der im Kontrast steht zum Vertrauen Jesu? Sie hatten nicht aufgehört, an ihn zu glauben, sie flehen ihn ja an. Aber schauen wir, wie sie ihn anrufen: »Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?« (V. 38). Kümmert es dich nicht: Sie denken, dass Jesus sich nicht für sie interessiert, dass er sich nicht um sie kümmert. Im zwischenmenschlichen Bereich, in unseren Familien, ist es eine der Erfahrungen, die am meisten weh tun, wenn einer zum anderen sagt: „Bin ich dir egal?“ Das ist ein Satz, der schmerzt und unser Herz in Wallung bringt. Das wird auch Jesus erschüttert haben. Denn niemand sorgt sich mehr um uns als er. In der Tat, als sie ihn rufen, rettet er seine mutlosen Jünger.

Der Sturm legt unsere Verwundbarkeit bloß und deckt jene falschen und unnötigen Gewissheiten auf, auf die wir bei unseren Plänen, Projekten, Gewohnheiten und Prioritäten gebaut haben. Er macht sichtbar, wie wir die Dinge vernachlässigt und aufgegeben haben, die unser Leben und unsere Gemeinschaft nähren, erhalten und stark machen. Der Sturm entlarvt all unsere Vorhaben, was die Seele unserer Völker ernährt hat, „wegzupacken“ und zu vergessen; all die Betäubungsversuche mit scheinbar „heilbringenden“ Angewohnheiten, die jedoch nicht in der Lage sind, sich auf unsere Wurzeln zu berufen und die Erinnerung unserer älteren Generation wachzurufen, und uns so der Immunität berauben, die notwendig ist, um den Schwierigkeiten zu trotzen.

»Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?« Herr, dein Wort heute Abend trifft und betrifft uns alle. In unserer Welt, die du noch mehr liebst als wir, sind wir mit voller Geschwindigkeit weitergerast und hatten dabei das Gefühl, stark zu sein und alles zu vermögen. In unserer Gewinnsucht haben wir uns ganz von den materiellen Dingen in Anspruch nehmen lassen und von der Eile betäuben lassen. Wir haben vor deinen Mahnrufen nicht angehalten, wir haben uns von Kriegen und weltweiter Ungerechtigkeit nicht aufrütteln lassen, wir haben nicht auf den Schrei der Armen und unseres schwer kranken Planeten gehört. Wir haben unerschrocken weitergemacht in der Meinung, dass wir in einer kranken Welt immer gesund bleiben würden. Jetzt, auf dem stürmischen Meer, bitten wir dich: „Wach auf, Herr!“

Wir sind nicht unabhängig, allein gehen wir unter. Wir brauchen den Herrn so wie die alten Seefahrer die Sterne. Laden wir Jesus in die Boote unseres Lebens ein. Übergeben wir ihm unsere Ängste, damit er sie überwinde. Wie die Jünger werden wir erleben, dass wir mit ihm an Bord keinen Schiffbruch erleiden. Denn das ist Gottes Stärke: alles, was uns widerfährt, zum Guten zu wenden, auch die schlechten Dinge. Er bringt Ruhe in unsere Stürme, denn mit Gott geht das Leben nie zugrunde.

Wir haben einen Anker: durch sein Kreuz sind wir gerettet. Wir haben ein Ruder: durch sein Kreuz wurden wir freigekauft. Wir haben Hoffnung: durch sein Kreuz sind wir geheilt und umarmt worden, damit nichts und niemand uns von seiner erlösenden Liebe trennen kann.

Das eigene Kreuz anzunehmen bedeutet, den Mut zu finden, alle Widrigkeiten der Gegenwart anzunehmen und für einen Augenblick unser Lechzen nach Allmacht und Besitz aufzugeben, um der Kreativität Raum zu geben, die nur der Heilige Geist zu wecken vermag. Es bedeutet, den Mut zu finden, Räume zu öffnen, in denen sich alle berufen fühlen, und neue Formen der Gastfreundschaft, Brüderlichkeit und Solidarität zuzulassen. Durch sein Kreuz sind wir gerettet, damit wir die Hoffnung annehmen und zulassen, dass sie alle möglichen Maßnahmen und Wege stärkt und unterstützt, die uns helfen können, uns selbst und andere zu beschützen. Den Herrn umarmen, um die Hoffnung zu umarmen – das ist die Stärke des Glaubens, der uns von der Angst befreit und uns Hoffnung gibt.

Herr, segne die Welt, schenke Gesundheit den Körpern und den Herzen Trost. Du möchtest, dass wir keine Angst haben; doch unser Glaube ist schwach und wir fürchten uns. Du aber, Herr, überlass uns nicht den Stürmen. Sag zu uns noch einmal: »Fürchtet euch nicht« (Mt 28,5).

Papst Franziskus

Impuls vom 01.08.2020 "Dieser Jesus provoziert mich!"

Dieser Jesus provoziert mich!

Ich rege mich auf und Er sagt mir: verzeih
Ich habe Angst und Er sagt mir: hab Mut!
Mir ist ängstlich zumute und Er sagt mir: bleib ruhig!
Ich will alleine bleiben und Er sagt mir: komm, folge mir!
Ich schmiede Pläne und Er sagt mir: gib sie auf!
Ich verschaffe mir Besitz und Er sagt mir: lass ihn los!
Ich will Sicherheit und Er sagt mir: ich verspreche sie dir nicht!

Ich meine, ich wäre gut, und Er sagt mir: das reicht dir nicht!
Ich will Chef spielen und Er sagt mir: versuche zu dienen! –
Ich will befehlen und Er sagt mir: gehorche!
Ich will begreifen und Er sagt mir: glaube!
Ich will Klarheit und Er redet mir in Gleichnissen.
Ich will Ruhe und Er will, dass ich unruhig bin.
Ich greife zum Schwert und Er sagt mir: steck es ein!
Ich sinne auf Rache und Er sagt mir: halt auch die andere Backe hin!
Ich rede vom Frieden und Er sagt mir, er sei gekommen, um das Schwert zu bringen.
Ich versuche, die Dinge zu glätten und Er sagt mir, er sei gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen.
Ich will größer sein und Er sagt mir: Werde wie ein Kind!
Ich will mich verstecken und Er sagt mir: zeig dein Licht!
Ich will den ersten Platz und Er sagt mir: setz dich auf den letzten!
Ich will gesehen werden und Er sagt mir: bete im Verborgenen!

Dieser Jesus provoziert mich.
Wie so viele von seinen Jüngern hätte auch ich Lust,
mir einen anderen Meister zu suchen,
der klarer ist und mich weniger fordert.
Aber mir geht es wie Petrus: ich kenne keinen,
der, wie Er, Worte des ewigen Lebens hat.
Und deshalb bleibe ich bei Ihm.

 Padre Zezinho SCJ

Impuls vom 25.07.2020 "Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch!"

Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch! (Phil 4,4)

Viel Spaß! Viel Vergnügen! Viel Freude! Wir alle gebrauchen solche oder ähnliche Formulierungen, um anderen alles Gute zu wünschen – für einen Weihnachtsmarktbesuch, für eine Geburtstagsfeier, für eine Urlaubsreise usw. Daneben gibt’s die Frohe Botschaft des christlichen Glaubens, die umfassender ist und tiefer greift als bisweilen einzig oberflächliche Wünsche zum Gelingen einer Veranstaltung. Sehr ähnlich ergeht es wohl dem Apostel Paulus, als er den Philipperbrief verfasst – äußerlich kalt gestellt und gefesselt im Gefängnis ist er innerlich fasziniert und gefesselt von der ‚Freude im Herrn‘, so dass er trotz der widrigen Umstände des Gefängnisaufenthalts schreiben kann: ‚Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch!‘

Viele Jahre später als Paulus bringt der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer seine Gedanken zur christlichen Freude so zum Ausdruck: ‚Bei Gott wohnt die Freude, und von ihm kommt sie herab und ergreift Geist, Seele und Leib, und wo diese Freude einen Menschen gefasst hat, dort greift sie um sich, dort reißt sie mit, dort sprengt sie verschlossene Türen. Es gibt eine Freude, die von Schmerz, Not und Angst des Herzens gar nichts weiß; sie hat keinen Bestand, sie kann nur für Augenblicke betäuben. Die Freude Gottes ist durch die Armut der Krippe und die Not des Kreuzes gegangen; darum ist sie unüberwindlich, unwiderleglich. Sie leugnet nicht die Not, wo sie da ist, aber sie findet mitten in ihr, gerade in ihr, Gott; sie bestreitet nicht die ernste Sünde, aber sie findet gerade in ihm das Leben. Um diese Freude, die überwunden hat, geht es. Sie allein ist glaubwürdig, sie allein hilft und heilt.‘ (aus: ‚Schott-Messbuch für die Wochentage, Teil I, Herder, S. 622f).

Bis heute scheiden sich an der Frohen Botschaft die Geister! Die einen plädieren für ‘leicht verdauliche Kost‘ und favorisieren einen ‚kuscheligen Wohlfühlkatholizismus‘; andere wünschen sich eine ‚Schwarzbrot-Spiritualität‘ (Fulbert Steffensky), an der sie zwar richtig zu kauen haben, die allerdings zugleich gesunder und nahrhafter ist. Dazu einige Gedanken von Pater Franz Meures SJ: ‘Welche Botschaft verkünden wir? In Absetzung zur so genannten „Drohbotschaft“ ist in den letzten Jahrzehnten in den Kirchen vor allem eine Botschaft verkündet worden, in der fast ausschließlich die Liebe, Güte, Nähe Gottes zur Sprache kam. In extremen Fällen kann man zu Recht von einer „Wellness-Spiritualität“ sprechen. Gewiss, für Anfänger im Glaubensleben oder für Konvertiten ist dies sehr ermutigend, benennt aber schon bald nicht mehr die Erfahrungen, die diese Menschen wirklich machen. Es tritt ein gegenteiliger Effekt ein: Die fast ausschließliche Verkündigung des nahen, tröstenden und liebenden Gottes, wirkt wie eine Ausgrenzung auf jene, die in tiefem Zweifel stecken oder lange Zeiten der Gottesferne durchleben. In einer Zeit, wo es keine Selbstverständlichkeit mehr ist, sich zum Glauben an Jesus Christus zu bekennen, kann nur zu viel größerer Nüchternheit und Ehrlichkeit geraten werden. Es gilt, die ursprüngliche und genuine Auferstehungserfahrung in ihrer ganzen Fülle ernst zu nehmen und zu verkünden. „Ja, wir glauben an den Auferstandenen, sind aber selbst oft Tastende, Irrende und Zweifelnde.“ Dies würde denen sehr helfen, die treu und doch oft in großer innerer Not und Dunkelheit den Weg mit der Kirche gehen. Und es wäre eine sanfte und ehrliche Öffnung gegenüber denen, die ihn nicht gehen.‘ (Franz Meures SJ: „Er ist nicht hier“ Osterglaube als Teilhabe an der Gottesferne – in: OK Ordenskorrespondenz, 2020/Heft 1, S. 10f)

Angesichts der obigen Gedanken klingen die Worte des hl. Paulus m.E. ‚geerdeter und zugleich gehimmelter‘: ‚Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch!‘

Stefan Tausch

Impuls vom 18.07.2020 "Gönne dich dir selbst"

GÖNNE DICH DIR SELBST

Bernhard von Clairvaux schreibt an seinen früheren Mönch Papst Eugen III:

Wo soll ich anfangen? Am besten bei deinen zahlreichen Beschäftigungen, denn ihretwegen habe ich am meisten Mitleid mit dir. Ich fürchte, dass du eingekeilt in deine zahlreichen Beschäftigungen, keinen Ausweg mehr siehst und deshalb deine Stirn verhärtest; dass du dich nach und nach des Gespürs für einen durchaus richtigen und heilsamen Schmerz entledigst.

Es ist viel klüger, du entziehst dich von Zeit zu Zeit deinen Beschäftigungen, als dass sie dich ziehen und dich nach und nach an einen Punkt führen, an dem du nicht landen willst. Wenn du dein ganzes Leben und Erleben völlig ins Tätigsein verlegst und keinen Raum mehr für Besinnung vorsiehst, soll ich dich da loben? Darin lob ich dich nicht.

Ich glaube, niemand wird dich loben, der das Wort Salomons kennt: „Wer seine Tätigkeit einschränkt, erlangt Weisheit.“ (Sir 38,25) Und bestimmt ist es der Tätigkeit selbst nicht förderlich, wenn ihr nicht die Besinnung vorausgeht. Wenn du ganz und gar für alle da sein willst, nach dem Beispiel dessen, der allen alles geworden ist (1 Kor 9,22, lobe ich deine Menschlichkeit – aber nur, wenn sie voll und echt ist.

Wie kannst du aber voll und echt Mensch sein, wenn du dich selbst verloren hast? Auch du bist ein Mensch. Damit deine Menschlichkeit allumfassend und vollkommen sein kann, musst du also nicht nur für alle anderen, sondern auch für dich selbst ein aufmerksames Herzhaben. Denn was würde es dir nützen, wenn du – nach dem Wort des Herrn (Mt16,26) – alle gewinnen, aber als einzigen dich selbst verlieren würdest? Wenn also alle Menschen ein Recht auf dich haben, dann sei auch du selbst ein Mensch, der ein Recht auf sich selbst hat. Warum sollest einzig du selbst nichts von dir haben? Wie lange bist du noch ein Geist, der auszieht und nie wieder heimkehrt (Ps 78,39) ? Wie lange noch schenkst du allen anderen deine Aufmerksamkeit, nur nicht dir selber!

Ja, wer mit sich selbst schlecht umgeht, wem kann der gut sein? Denk also daran: Gönne dich dir selbst.

Ich sag nicht: Tu das immer, ich sage nicht: Tu das oft, aber ich sage: Tu es immer wieder einmal. Sei wie für alle anderen auch für dich selbst da, oder jedenfalls sei es nach allen anderen.

 BERNHARD VON CLAIRVAUX

Impuls vom 11.07.2020 "So oder so: Wir gehören Christus!"

Die Benediktinermönche im sauerländischen Meschede haben dieses Pauluswort in der Architektur ihrer Klosterkirche aus den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts sehr gut und anschaulich zum Ausdruck gebracht. Mehrfach am Tag versammeln sich die Mönche in der Kirche zu liturgischen Feiern im Halbkreis um den Altar, dem Symbol für Christus; darüber hängt ein beeindruckendes großes Kreuz, ebenfalls Hinweis auf den Auferstandenen. Die andere Hälft des Kreises bildet der Klosterfriedhof, der direkt hinter der Kirche liegt – ebenfalls als Halbkreis angelegt. So bringen die Benediktiner architektonisch zum Ausdruckt, was unser christliches Leben im Kern ausmacht: ‚Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn.‘ (vgl. Röm 14, 7-9)

Wir gehören (zu) Jesus Christus; er ist Mitte und Dreh- und Angelpunkt unseres Glaubens – im Leben, im Sterben und auch im Tod. In guten und schlechten, in gesunden und kranken, in jungen und alten Tagen gilt und trägt das Wort des Apostels Paulus: ‚Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch Gewalten, weder Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.‘ (Röm 8,38f)

Aus dieser Glaubensüberzeugung heraus brachten die deutschen Bischöfe das Geheimnis unseres Glaubens mit folgenden Worten zum Ausdruck: Christen gedenken der Toten, weil sie leben, nicht damit sie leben. (aus: ‚Tote begraben und Trauernde trösten – Bestattungskultur im Wandel aus katholischer Sicht‘ – Herausgeber: Die deutschen Bischöfe, 20. Juni 2005 > S. 56)

Insofern verlassen uns unsere Verstorbenen, verlassen wir unsere Toten im Sterben nicht wirklich. Sie wechseln einzig die Seite. Sie sind uns lediglich ein Stück voraus, ohne dass wir sie und sie uns für immer verlieren: ‚Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn.‘ (vgl. Röm 14, 7-9)

Stefan Tausch

Impuls vom 04.07.2020 "Eine Oase der Barmherzigkeit"

(Sach 9, 9-10;   Mt 11, 25-30 )

Leichtigkeit, Ruhe, Freude und Frieden – wer sehnte sich nicht danach. Viele kurzfristige Erlebnismöglichkeiten werden dazu auf dem Markt angeboten, versprechen Spaß, Abenteuer, intensives Erleben. Ist das unsere Rettung? Wohl eher kurzweiliges Vergnügen. Umfassender Friede oder Seelenheil sind dagegen schwer zu haben, schon gar nicht zu kaufen oder zu machen. Aber genau Frieden für die Völker und Ruhe für die Seele – das verheißt Jesus Christus.

„Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; er ist demütig. Er verkündet für die Völker den Frieden.“ Die prophetischen Worte der Lesung richteten sich an die Israeliten im babylonischen Exil. Der Prophet weiß: Gott kann nicht mit ansehen, wie sein Volk verkümmert. So sagt er ihm wieder seine Nähe und Hilfe zu und verspricht darüber hinaus Frieden „für die Völker“.

Als Jesus auf einem Esel in Jerusalem einzieht, sehen seine Freunde diese Verheißungen erfüllt.

Die Zeit des Friedens ist schon da, trotz allen Unfriedens. Wenn wir uns am Ende fühlen, kann Gott mit uns anfangen! Wenn wir heimatlos sind, kann Gott uns Heimat werden. Wenn wir schuldig geworden sind, kann Gott uns vergeben.

Jesus kannte die unzähligen Gesetzesvorschriften der Schriftgelehrten damals, die für einfache Menschen so schwer einzuhalten waren. Er weiß um die Alltagsbeschwernisse heute. Jesus lädt ein, Lasten abzulegen. Jesus ordnet die Gebote von innen her neu. Im Zentrum steht: Barmherzigkeit.

Bin ich nicht auch manchmal so eine Kluge, die andere ausgrenzt? Wo muss ich meine Haltung ändern? Und die Kirche? Legt sie nicht Menschen Lasten auf durch theologische Prinzipien, kirchliche Gebote und Vorschriften? Wie steht es um Großmut, um Barmherzigkeit in unseren Gemeinschaften?

Zuweilen legen wir uns auch selbst strenge Regeln auf. Da tut Jesu Ruf einfach gut. Er ist wie eine Oase der Barmherzigkeit.

Barmherzig anderen Raum geben, Last abnehmen. Und die Klugen und Unbarmherzigen auch mal konfrontieren. So bringt Jesus Frieden.

Karin Stump

Impuls vom 27.06.2020 "Was für ein Kreuz mit dem Kreuz!"

‚Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert.‘ (vgl. Mt 10,38)  Für viele bedeutet das Kreuz Christi Ärgernis, Last und Irritation. Viele möchte es abschütteln und ausblenden, weil es vermeintlich nicht zur ‚frohen Botschaft‘ passt. Nicht wenige betrachten es als brutales Folterinstrument und nicht als befreiendes PLUS-Zeichen, das Himmel und Erde verbindet. Dazu einige wenige sehr deutliche Worte von Papst Franziskus: ‚Derselbe Petrus (…) sagt zu ihm (Jesus): Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. Ich folge dir, aber sprich mir nicht vom Kreuz. Das tut nichts zur Sache. Ich folge dir mit anderen Möglichkeiten, ohne das Kreuz. – Wenn wir ohne das Kreuz gehen, wenn wir ohne das Kreuz aufbauen und Christus ohne Kreuz bekennen, sind wir nicht Jünger des Herrn: Wir sind weltlich, wir sind Bischöfe, Priester, Kardinäle, Päpste, aber nicht Jünger des Herrn.‘ (Papst Franziskus, Predigt an die Kardinäle am 14. März 2013 in der Sixtinischen Kapelle) <zitiert aus: Schott-Messbuch für die Sonn- und Festtage des Lesejahres A, 2019, Herder, S. 515f>

Wie wir es auch drehen und wenden: Das Wort vom Kreuz war, ist und bleibt vielen ein Kreuz, ein Rätsel – ein ‚Kreuz-Worträtsel‘. Schon der hl. Paulus wusste darum: ‚Die Juden fordern Zeichen, die Griechen suchen Weisheit. Wir dagegen verkünden Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Heiden, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit.‘ (1 Kor 1, 22-24)

Der Franziskanermönch Bruder Helmut Schlegel OFM komponierte in Erinnerung an die Berufungsgeschichte seines Ordensgründers vor dem Kreuz in der kleinen Kirche St. Damiano in Assisi dazu vor einigen Jahren das nachfolgend zitierte Lied:

 1) Ein Kreuz durchkreuzte seine Pläne, durchkreuzte seine Träume,
vom Kreuze her sprach Er das unerhörte Wort:

Franziskus, baue meine Kirche auf, sie ist zerfallen und entstellt,
verlasse dich und traue deinem Gott, dein Glaube verwandelt die Welt.

2) Ein Kreuz durchkreuzte seine Fragen, durchkreuzte all sein Suchen,
vom Kreuze her wies Er ihm einen neuen Weg:

Franziskus, baue meine Kirche auf, vom Reichtum ist sie ganz entstellt.

Sei arm wie ich und gehe meinen Weg, deine Hoffnung verwandelt die Welt.

3) Ein Kreuz durchkreuzte seine Hände, durchkreuzte seine Füße,
vom Kreuze her traf Er sein ungeschütztes Herz:

Franziskus, baue meine Kirche auf, sie ist gespalten und entstellt.

Trag ihre Wunden, halte bei mir aus, deine Liebe verwandelt die Welt.

4) Ein Kreuz durchkreuzt auch deine Wege, durchkreuzt auch deine Schritte;

vom Kreuze her fragt Er dich heute wieder an:

Baust du heut mit mir meine Kirche auf? Sie ist von Zweifeln ganz entstellt.

Hab Mut und leb‘ das Evangelium, dein Anfang verwandelt die Welt.

 ‚Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert.‘ (vgl. Mt 10,38)  Ein damals wie heute provokantes Wort Jesu, an dem sich die Geister zu allen Zeiten schieden und scheiden: ‚Denn das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit; uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft.‘ (1 Kor 1,18)

Impuls vom 20.06.2020 "Von Spatzen und Würde"

(Evangelium Mt 10,26-33)

Der Zusammenhang zwischen einem gewöhnlichen Spatz und der Würde ist etwas, was damals zur Zeit Jesu wie heute ein wichtiges Thema ist. Denn der entscheidende Satz, der die Wichtigkeit dieses Zusammenhangs unterstreicht, ist in Mt 10,26 zu finden: „Fürchtet euch nicht vor den Menschen!“.

Jesus weiß darum, dass wir damals wie heute am meisten Angst vor den Menschen haben müssen. Es ist kein Relikt vergangener Tage, dass Menschen sich vor Menschen fürchten müssen, wenn sie eine bestimmte Religion ausüben, wenn sie einem bestimmten Volk angehören oder eine gegenüber dem Mainstream eigentümliche Lebensweise führen.

Im Gegenteil, heute scheint die Furcht und auch die Wut noch größer zu sein als in den vermeintlich barbarischen Zeitaltern längst vergangener Jahrhunderte. In unseren heute so hoch kultivierten und humanisierten Gesellschaften müssen sich immer noch viele Menschen vor anderen Menschen fürchten.

Wie viele schwarze Menschen haben in Amerika aber auch anderswo auf der Welt Angst um ihre Rechte? Wie viele Juden haben weltweit Angst vor einem wieder aufflammenden Antisemitismus – auch hier in Deutschland? Wie viele Menschen nehmen wieder Begriffe wie „Rasse“, „Untermenschen“ oder „Neger“ in den Mund? Wie viele folgen der AfD und ihrer Diskriminierung nach ethnischen Kriterien. Viele Homosexuelle oder transsexuelle Menschen werden hier zulande und weltweit immer noch diskriminiert und ihre sexuelle Orientierung als krankhaft abgetan – auch innerhalb der römisch-katholischen Kirche.

Und da sagt Jesus: „Fürchtet euch nicht vor den Menschen!“ Und hinzu kommt das Bild von dem Spatz. Spatzen sind wahrlich nichts Besonderes. Sie gibt es in Massen, deshalb sind sie kaum etwas wert. Sie stolzieren nicht wie Pfauen, können nicht sprechen wie Papageien, sind nicht so majestätisch wie Adler. Ihr Gefieder gibt nichts her, keinen Farbtupfer, nichts. Sie sind ganz und gar gewöhnlich.

Trotzdem wird kein einziger Spatz in den Augen Gottes vergessen. Trotzdem sind sie Gott alles wert! Sie sind und bleiben Geschöpf. Sie sind wertvoll in den Augen des Schöpfers. Sie verlieren nicht an Würde. Wenn es bei den Spatzen so ist, dann doch auch bei den Menschen.

In den Augen Gottes ist jedes seiner Geschöpfe unbezahlbar und würdevoll. Alle sind wertvoll in den Augen Gottes, egal was sie verdienen, egal welchen Beruf sie ausüben, egal ob systemrelevant oder ganz und gar irrelevant, egal ob weiß oder schwarz. Seine Geschöpfe verlieren niemals ihre Würde! Keiner kann und darf seinen Geschöpfen diese Würde nehmen.

Gott lädt dazu ein, immer und überall an die Würde des Menschen zu glauben und zudem verspricht er, dass er jedes Geschöpf immer würdevoll behandeln wird und jedem, der seiner Würde beraubt wurde, seine Würde wiederzugeben.

Wer an Gott glaubt, der muss an die Würde eines jeden Menschen glauben. Wer an Gott glaubt, muss im Gesicht der Menschen und der Geschöpfe erkennen, dass dort jemand oder etwas ist, der/das vom Scheitel bis zur Sohle geliebt ist, ein wertvolles Geschöpf, dessen Haare von Gott gezählt sind. Egal ob es der Bettler an der Kirchentür ist, der Drogenabhängige an der U-Bahnhaltestelle Stadtgarten oder mein Ehemann, meine Ehefrau, oder das Mastschwein in unserer Fleischproduktion.

Gott hält uns immer wieder an, den Standard der Nächstenliebe, der Barmherzigkeit, der gegenseitigen Anerkennung der Würde beizubehalten, dafür einzutreten und keine Furcht zu zeigen.

So möchte ich mit einem Satz schließen, den Ferdinand von Schirach aus einem alten englischen Gerichtsurteil über die Würde der Menschen zitiert:

„Wir werden häufig dazu gezwungen, Standards aufzustellen, die wir selbst nicht erreichen, und Regeln festzulegen, die wir nicht selbst befriedigen können… Es ist nicht notwendig, auf die schreckliche Gefahr hinzuweisen, die es bedeutet, diese Grundsätze aufzugeben.“ (zitiert nach Ferdinand von Schirach, Die Würde ist antastbar. Essays, 5. Aufl., München 2000, 17)

Impuls vom 13.06.2020 "Vollmacht"

(Ex 19, 2-6a;  Mt 9, 36 – 10, 8)

Wem geben Sie eine Vollmacht? Zum Beispiel für Ihre Bankangelegenheiten oder für den Fall, dass einmal eine Betreuung von Nöten wäre? Diese Person wählen Sie sicherlich genau aus. Das ist schließlich Vertrauenssache.

Mit Vollmacht oder voller Macht – so erleben wir manchmal Personen, denen diese Macht qua Amt zukommt, oder die diese Macht ergreifen – oder eine innere Autorität ausstrahlen.

Jesus sieht erschöpfte Menschen, die die Auflagen der damaligen jüdischen Obrigkeit nicht erfüllen können und sich von Gott verlassen oder verstoßen fühlen. Diese Menschen sind für Jesus wie ein Erntefeld, um das er sich sorgen will. Ihnen zuerst gilt: „Das Himmelreich ist nahe!“ Jesus kehrt die Verhältnisse um, spricht gerade den Menschen Gottes Nähe zu, denen sie nach gängigem Denken ferne scheint.

Dazu wählt Jesus 12 Jünger aus und gibt ihnen „Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben und alle Krankheiten und Leiden zu heilen.“

Wie gut wäre es, wenn das gelingen könnte, alle Krankheiten und Leiden zu heilen. Im Moment denken wir besonders an Corona. Aber es gibt noch so viele andere Krankheiten. Und es gibt die seelischen Leiden, die durch das Virus ausgelöst oder verstärkt wurden. Es fehlen physische Kontakte. Auch Gewalttaten sind gestiegen. Frauenhäuser verzeichnen Nachfrage. – Das sind Erntefelder heute.

Das Bild der Ernte steht auch für das Gericht Gottes. Gott wird scheiden, ent-scheiden darüber, was gut und förderlich ist für sein Reich. Da gilt es falsches religiöses und soziales Verhalten abzustellen. Aufrichten, Gottes Nähe zusprechen, befähigen – so zeigt sich Gottes Menschenfreundlichkeit. Das gibt eine gute Ernte!  Für die bisherigen Unterdrücker und Ausbeuter ist das bedrohlich (wie etwa für die fleischverarbeitende Industrie, die zum Teil auf sklavenähnlichen Arbeitsverhältnissen beruht). Für die bislang zu kurz Gekommenen ist Gottes Gericht eine Freude, wie ein Erntefest!

Gottes Nähe zusprechen, Menschen aufrichten, das braucht es heute, wo viele Menschen ohne Ruhe und Ziel sind, in sozialen Nöten, einsam oder krank.

Jesus beauftragt seine Freunde zur Mitarbeit. Er praktiziert „empowerment“, Be-vollmächtigung – und Vertrauen.

Setzen wir an die Stelle der 12 Apostelnamen unsere eigenen Namen. Jesus ruft seine Jünger und Jüngerinnen heute: Gaby, Maria, Wolfgang, Andreas… Als Getaufte und Gefirmte oder Konfirmierte sind wir gestärkt, die Nöte unserer Mitmenschen, gerade der Schwächsten, zu sehen. In der Voll-macht Jesu sind wir gerufen, jede und jeder auf die eigene Weise, Menschen kreativ und befreiend zu begegnen: „Das Himmelreich ist nahe.“

Karin Stump

Impuls vom 06.06.2020 "Glauben"

Was für ein schönes Evangelium (Joh 3,16-18)! Welch schöne und ermutigende Grundaussagen! Gott liebt diese Welt. Jesus kommt, nicht um die Welt zu richten, sondern um sie zu retten. Uns wird ein liebender Gott verkündet, der uns alle retten will.

Der zentrale Schlüssel zu dieser Rettung ist jenes Verb, das am häufigsten in diesen drei Versen auftaucht, nämlich ganze vier Mal. Es ist das Verb: „glauben“.

Wenn ich mich jetzt jedoch auf den Westenhellweg stellen und den Menschen zurufen würde „Der Glaube wird dich retten“, würden die meisten wahrscheinlich kopfschüttelnd an mir vorbeigehen.

Viele Menschen würden wahrscheinlich sagen, dass sie an nichts glauben wollen, was sie nicht sehen können und „Glaube“ an sich sowieso eine mindere und unbegründete Art der Erkenntnis und heute nicht mehr zeitgemäß sei.

Aber das Wort „glauben“, welches das griechische Wort πίστις (pistis) meint und das auf das hebräische Wort אמן (aman) zurückgeht, steht für „vertrauen“ oder „sein Herz an etwas hängen“ oder „sich an oder in etwas festmachen“.

Dabei ist das Festmachen in oder an etwas eine essentielle Angelegenheit, die Leben gelingen lässt. Und die Dinge, in und an denen wir uns festmachen, sind nicht immer unbedingt Dinge, die wissenschaftlich begründbar sind oder je sein werden. Es sind oft Dinge, auf die wir vertrauen müssen oder die von unserem Herz bestimmt werden.

Diese Bedeutungen des Verbes „glauben“ werden von uns im Alltag unbewusst andauernd praktiziert. Und jene Situationen, in denen wir dieses Verständnis von „glauben“ nutzen, kann uns helfen zu verstehen, warum der Glaube unsere Rettung sein kann.

Ein aktuelles Beispiel, bei dem Menschen ihr Herz an etwas festmachen, wo der Glaube an eine Aussage Leben retten will und was skurriler Weise anscheinend nicht als in dieser Welt wissenschaftlich evident angesehen wird, ist der Ausspruch der aktuellen Protestbewegung in Amerika, die sich gegen Polizeigewalt richtet: „Black lives matter“ (Das Leben von Schwarzen zählt).

Ich finde es bestürzend, dass man das überhaupt sagen muss. Denn das impliziert, dass es nicht selbstverständlich ist und dass es auch anders sein könnte. Dass es genau so wahr sein könnte, dass schwarzes Leben nicht zählt.

Die Statistik über Polizeigewalt in Amerika gegen Schwarze und Hispanics zeigt, dass in Amerika anscheinend nicht jeder Mensch, nicht jeder Polizist so glaubt.

Ein Blick in die Geschichte von Amerika zeigt, dass der Glaube, dass Schwarze die gleichen Rechte haben wie Weiße, nicht immer ein Gegenstand war, an dem sich das Herz der Menschen hang. Die wenigsten machten sich an diesem Glauben fest.

Ein Blick in unsere eigene, deutsche Vergangenheit zeigt auch, dass die Würde aller Menschen ein recht neuer Glaube ist, an dem sich der Staat hängt.

Der Glaube an die Würde eines jeden Menschen, ein „Sich darin festmachen“, ein „sein Herz daran hängen“ kann der Schlüssel zur Rettung vieler sein und eventuell auch die eigene Rettung vor großem Unheil.

Und so gehen wir zurück zum christlichen Glauben und unserem Evangelium.

Christlich zu glauben heißt nicht, dass ich Glaubenssätze aufsagen und alles, was in der Bibel steht, naturwissenschaftlich erklären kann und muss oder blind jeder Aussage der Bibel unhinterfragt Wahrheit zugestehen muss.

Christlich zu glauben bedeutet, zu schauen, ob ich mein Herz an jenen Gott hängen möchte, der mir in Jesus Christus begegenet.

Das Angebot, das uns der christliche Glaube macht, ist, darauf zu vertrauen, dass da ein Gott ist, der uns liebt, der das Beste für uns möchte. Das Angebot des christlichen Glaubens ist es, dass da ein Gott ist, der uns zeigt, dass Liebe eine Kraft ist, die die Welt verändern kann. Es ist das Angebot, dass das Suchen des Göttlichen in meinem Nächsten zu einem wirklich würdevollen Umgang miteinander führt.

Es ist das Angebot unseres Gottes, sich in ihm und seiner Liebe festzumachen und damit heilsames, rettendes Leben für die Welt zu leben.

Und wenn wir versuchen wollen, aus dieser Perspektive heraus unser Leben zu gestalten, können wir bewusst das hebräische Wort für „glauben“ nutzen: nämlich Aman, beziehungsweise: Amen.

Ich glaube, dass der christliche Glaube, die christliche Perspektive auf diese Welt die Welt und unser Miteinander rettend und heilsam gestalten kann. Mache ich mein Herz daran fest, halte ich es für wahr; vertraue ich darauf, erfahre ich Rettung.

Der Glaube, also unser „Amen“, rettet.

 

Ihr Stefan Kaiser

Impuls vom 30.05.2020 "Der Heilige Geist – die göttliche Störung!"

Isolierstation, Quarantäne, Kontaktsperre, Besuchsverbot! Wie in strengen Coronazeiten waren ‚die Jünger am Abend des ersten Tages der Woche aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen.‘ (vgl. Joh 20,19) Aus Angst also besser auf Nummer sicher gehen! Einigeln, abschotten, erinnern und trauern über die ‘gute alte Zeit mit Jesus’, als die Welt noch in Ordnung war: ‚Er war einer von uns, einer für uns. Er hatte uns angesteckt mit dem Feuer der Liebe. Und jetzt? Sein Kreuz, sein Tod durchkreuzte unsere Pläne. Jetzt sind wir angesteckt vom Angstvirus – Angst vor den Juden und im Grunde genauso viel Angst um uns selbst, um unser Leben, unsere Zukunft, unsere schöne Gemeinschaft. Alles bröckelt. Alles droht zusammenzufallen wie ein Kartenhaus.‘

Und dann überwindet der Auferstandene plötzlich und unerwartet ihre Isolation   hinter gut gesicherten und verbarrikadierten Türen: ‚Friede! Seid gesandt! Empfangt den Heiligen Geist!‘ (vgl. Joh 20, 19-22) Auf Rückzug und Resignation folgt jetzt der  dynamische Aufbruch weit hinaus über alle bisher wie auch immer gezogenen Grenzen. Katholisch im wahrsten Sinne des Wortes: weltweit, weltoffen, weltumfassend. Die frohe Botschaft des Auferstandenen überwindet sämtliche  Barrieren und alle Skepsis. Schluss mit aller Angst vor der  Ansteckungsgefahr des heiligen Geistes!

Ja, der heilige Geist überrascht, irritiert und ruft heraus aus alten Denkmustern – um des Lebens, um der Liebe, um des Friedens willen!

Darum lasst Euch vom heiligen Geist beunruhigen, unterbrechen und wachrütteln: Die beiden ‘Elemente’, die in der Pfingstgeschichte als die Begleiterscheinungen und Symbole des Heiligen Geistes erscheinen, Sturmwind und Feuer, sind die unheimlichsten unter allen Elementen, und sie lassen nichts, was sie ergreifen, an seinem Ort und in seinem Zustand. … Wer an den Heiligen Geist als die schöpferische Aktivität Gottes glaubt und in diesem Glauben um das Kommen dieses Geistes bittet, der muss wissen, dass er damit die göttliche Störung herbeiruft und sich dafür offen hält, dass Gott ihn stört in seinem ‘Besitz’, in seinen Gewohnheiten, auch seinen Denkgewohnheiten, wenn sie nicht mehr dafür taugen, ein Gefäß der heilsamen Unruhe und der aufregenden Wahrheit zu sein. Wer also bittet: ‘Komm, Heiliger Geist!’, muss auch bereit sein zu bitten: Komm und störe mich, wo ich gestört werden muss. (Schott-Messbuch für die Sonn- und Festtage des Lesejahres A, 2019, Herder, S. 339)

In diesem Sinne wünsche ich uns, unserer Zeit stürmisch-feurige Zeiten!

 

Impuls vom 23.05.2020 "Verherrlichung"

„Ich habe dich auf Erden verherrlicht.“ So betet Jesus in Joh 17,4.

Aber was meint „verherrlichen“? In der biblischen Sprache bedeutet „verherrlichen“ „die Ehre erweisen“. Dabei meint „verherrlichen“ jedoch nicht unterwürfig zu sein. Es meint auch nicht, einer Gottheit irgendwelche Gaben zukommen zu lassen oder durch Rituale, Gebärden und Reichtümer die Würde einer Gottheit zu unterstreichen oder gar erst herzustellen.

Um die biblische Bedeutung von „verherrlichen“ zu verdeutlichen, lohnt der Blick auf Jesus und seinen Satz: „Ich habe dich auf Erden verherrlicht.“ (Joh 17,4)

Wie hat Jesus Gott verherrlicht? Indem er von Gott erzählte, indem er zu den Ausgestoßenen ging, indem er den Menschen half und sie heilte. In diesen Taten verherrlichte er Gott. In diesen Taten ließ er die Herrlichkeit Gottes aufleuchten. In seinem Wirken und in seinen Taten ließ er den liebenden Gott mitten in seiner herrlich geschaffenen Welt in seiner Herrlichkeit aufleuchten.

Und Gott ist jener, der seit Anbeginn der Welt alles Geschaffene an seiner Herrlichkeit teilhaben lassen will. Denn überall dort, wo sein Reich anbricht, sehen wir, wie schön, wie herrlich, diese Welt und das Leben in der Welt und miteinander sein können. Da haben wir Anteil an seiner Herrlichkeit und da ist das Leben seiner Geschöpfe antwortende Verherrlichung Gottes. So können wir Gott Ehre erweisen.

In Jesus Christus wird die Herrlichkeit Gottes in alles überbietender Weise sichtbar. Seine Herrlichkeit ist in allem Geschaffenen dort, wo Gott Raum bekommt, wo sein Reich aufbrechen darf, wo seine Welt als Schöpfung gesehen wird.

Die Herrlichkeit oder Verherrlichung Gottes ist nicht etwas, das man Gott, dem König erweisen bzw. darbieten muss, es ist etwas, dass ich in meinem Leben in dieser Welt hereinlassen bzw. aufleuchten lassen muss. In dieser Welt, mit Tod und Leid, ist uns dank Jesus gezeigt worden, dass die Verherrlichung Gottes unter uns aufbrechen kann, dass die Schöpfung, also auch wir Anteil an seiner Herrlichkeit gewinnen können.

Das geschieht auch heute: Besonders diese leidvollen Monate können zeigen, dass die Herrlichkeit Gottes nichts Jenseitiges ist, sondern etwas, das sich hier und heute durch Sie, durch mich, durch uns durchsetzen will. Denn Gott wird überall dort verherrlicht, wo Menschen heute füreinander beten, er wird dort verherrlicht, wo spontane Brieffreundschaften mit Einsamen geknüpft werden, er wird heute dort verherrlicht, wo Menschen Bedürftige unterstützen, wo Menschen aufeinander Rücksicht nehmen und einander schützen. Überall dort, wo wir heilend, betend, helfend wirken, dort lassen wir Gott in seiner Herrlichkeit eintreten, dort werden wir stückweise „zum Herrn“.

Der Kirchenvater Irenäus von Lyon (gest. um 200) schrieb: „Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch, das Leben des Menschen ist die Schau Gottes.“ (haer. IV, 20,7)

„In ihnen bin ich verherrlicht“ (Joh17,10), sagt Jesus am Ende seines Gebetes und meint damit uns. Mir macht diese Aussage Lust auf die Herrlichkeit Gottes. Zum einen kann ich von der Herrlichkeit meines Gottes berichten, indem ich aufzähle, welch herrliche Aktionen ich in den letzten Wochen beobachten konnte. Zum anderen macht es mich stolz, dass ich durch mein Wirken Gott Ehre erweisen und selbst Anteil an seiner Herrlichkeit erfahren kann.

Ich kann also, wie mir in der Taufe versprochen wurde, ein Stück weit Anteil an Gottes Königtum und damit an seiner Herrlichkeit bekommen. Seine Verherrlichung erhebt auch mich zur Herrlichkeit.

So wünsche ich uns allen in der kommenden Woche, mitten in dieser Welt, die an manchen Tagen wenig Herrliches zu bieten hat, dass wir die in ihr von Gott grundgelegte Herrlichkeit aufleuchten lassen können.

Ihr Stefan Kaiser

Impuls vom 16.05.2020 "Herzenssache"

Kennen Sie die Karikatur: Da stehen Menschen bei einer Party beieinander. Ein Mann fragt das Paar, das ihm gegenüber steht: „Ach, Christen seid ihr. Christ, was macht man da so?“  Wie fremd ist doch manchen das Christsein geworden. „Christ, was macht man da so?“ – Wie würde Ihre Antwort lauten?  –

Ich würde nicht nur Gebote und Rituale aufzählen, wie etwa Taufe, Kirchgang, Feste im Kirchenjahr, Sakramentsempfang. Auch die Gebote der Gottes- und Nächstenliebe würde ich nicht als erstes nennen. Meine Antwort begänne etwa so: „Christin bin ich, weil Jesus Christus mein wichtigster Bezugspunkt ist. Er ist die Person, an der ich mich orientiere, auf die ich mich immer neu beziehe und die mir Kraft gibt.“ Und daraus folgt mein Handeln. Dieser Glaube, diese Liebe prägen das Verhalten und den Lebensstil von Christinnen und Christen.

Christus und seine Lebensart möchten uns Herzenssache sein.

Christsein bedeutet nicht äußeres Einhalten von Vorschriften und Gewohnheiten, nicht allein Riten feiern und Kirchengebote halten. Wenn das Herz nicht von der Liebe Christi und der Liebe zu Christus ergriffen wird, bleibt alles Fassade oder intellektuelles Gedankengebäude.

„Haltet in eurem Herzen, Christus, den Herrn, heilig!“ so der erste Satz der Lesung (1 Petr 3, 15). Es geht um den Funken der Liebe, der lebendig macht und auch in schweren Zeiten durchtragen will.

Aber Hand auf‘s Herz! Hat Jesus Christus, hat Gott diesen Platz in deinem Herzen? Ist er die Nummer eins, auf die für dich alles ankommt? Vielleicht ist dir im Laufe der Jahre das Feuer abhandengekommen. Vielleicht ist vieles fraglich geworden, durch die Anfragen einer nicht mehr christlichen Umwelt, durch den Wohlstand oder durch die Unglaubwürdigkeit und die Skandale und Krisen in der Kirche selbst. Oder durch Unrecht und Leid, das du siehst oder selbst erfährst.

„Haltet in eurem Herzen Christus, den Herrn, heilig! Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt.“ (1 Petr 3,15)

Gottes und Jesu Liebe zu dir und mir, zu jedem Menschen – und unsere antwortende Liebe sind das Zentrum christlichen Glaubens. Diese Liebe ist gewiss, auch und gerade in dieser Zeit, die uns so verunsichert, besorgt und Veränderung von uns erwartet. Herzenssache!

So können wir und andere spüren und erleben, was Jesus sagt: „Ihr seid in mir und ich bin in euch.“

Ihre Karin Stump

Impuls vom 09.05.2020 "Christus passiert"

Meine Frau arbeitet an der TU Dortmund am Institut für Katholische Theologie und gestaltet eine Lehrveranstaltung zur Christologie.

Ein nicht ganz einfaches Thema, denn unsere Glaubenswahrheit, dass Jesus wahrer Mensch und wahrer Gott sei, ist nicht ganz einfach zu denken. Oft versuchen die Studierenden, Jesu Leben zu zerstückeln und sagen: „Bei den Wunderheilungen war er wahrer Gott und am Kreuz war er wahrer Mensch“, so, als ob Jesus zwischen Gott und Mensch hin und her wechselt.

Andere Studierende zerbrechen sich den Kopf, ob Jesus „Gottes-Gene“ hatte, ob der eine Arm am Körper göttlich und der andere Arm menschlich sein könnte.

Und in der Tat, wie soll man sich das vorstellen: Jesus sei wahrer Gott und wahrer Mensch und seine Naturen sind ungetrennt und unvermischt.

Ich stelle mir das immer wie folgt vor (nach Wilfried Härle): Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem Konzert. Eine Klarinettenspielerin spielt ein Klarinettenkonzert von Mozart. Was hören Sie? Hören Sie die Klarinettistin? Hören Sie Mozart? Hören Sie, wie die Klarinettistin Mozart versteht? Wissen wir überhaupt, wie Mozart das Stück gespielt hätte und was von dem, was wir gerade hören, Mozart ist und was Interpretation der Klarinettistin?

Was hier passiert, ist eigentlich das, was wir von Jesus sagen. Sowohl das eine als auch das andere, ungetrennt und unvermischt. Wir hören zum einen die Klarinettistin, zum anderen aber auch Mozart. Sie sind zwar nicht dieselbe Person (unvermischt), aber auch können wir die beiden in dem, was wir hören, nicht trennen (ungetrennt).

Und so stelle ich mir Jesus vor: In ihm IST nicht Gott, in ihm und um ihn herum PASSIERT Gott. Jesus bringt all das von Gott in seinem Handeln und in seinem Leben  und in seinem Umfeld zum Klingen, was die Israeliten von ihrem Gott wussten: er befreit, er hilft, er heilt, er erlöst, er ist da.

Und so, wie in, durch und um Jesus herum Gott in überwältigender Art und Weise passierte, kann auch heute Gott in, durch und um uns herum passieren. Zum Beispiel dort, wo Menschen Gaben an einen Zaun hängen, um Menschen zu helfen, um da zu sein, um Menschen von Nöten zu erlösen.

Gott IST nicht statisch, Gott PASSIERT, ist dynamisch. Lassen Sie Gott um Ihnen herum in dieser Woche passieren.

Ihr Stefan Kaiser

Impulse zum Download

Impuls vom 03.04.2021 (Ostersonntag), “Und dann war da Glanz und dann war da Licht”

Impuls vom 01.04.2021 (Gründonnerstag), “Je tiefer – desto weiter”

Impuls vom 27.03.2021, “Die Zeit der leeren Kirchen”

Impuls vom 20.03.2021, “Gibt es bewährte Tipps aus Spiritualität und Psychologie für das Bestehen der Corona-Krise?”

Impuls vom 13.03.2021, “Durch uns zieh sie zu dir hin”

Impuls vom 06.03.2021, “In der Krise hilft immer…”

Impuls vom 27.02.2021, “Auferstehung im Leben”

Impuls vom 20.02.2021, “Mehr ist weniger”

Impuls vom 13.02.2021, “Aussatz”

Impuls vom 06.02.2021, “Dein Wille geschehe”

Impuls vom 30.01.2021, “Bleib gesund! Und wenn nicht?”

Impuls vom 23.01.2021, “Freiheit ist nahe”

Impuls vom 16.01.2021 “Menschen auf der Suche: Kommt und seht!”

Impuls vom 09.01.2021 “Taufe des Herrn”

Impuls vom 02.01.2021 “Und das Wort ist Fleisch geworden”

Impuls vom 26.12.2020 “Weihnachten heißt Mut zur Lebendigekit”

Impuls zu Weihnachten

Impuls vom 19.12.2020 “Vertraut den neuen Wegen”

Impuls vom 12.12.2020 “Wer bist du?”

Impuls vom 05.12.2020 “Lasset uns beten!”

Impuls vom 28.11.2020 “Im Advent in der Töpferwerkstatt Gottes…”

Impuls vom 21.11.2020 “Der entmachtete Tod”

Impuls vom 14.11.2020 “Einfach leben!”

Impuls vom 07.11.2020 “Hoffnung wider Traurigkeit”

Impuls vom 17.10.2020 “Wie politisch ist die Botschaft Jesu”

Impuls vom 10.10.2020 “Eingeladen zum Fest”

Impuls vom 03.10.2020 “PAX et BONUM”

Impuls vom 26.09.2020 “Ja- und Neinsager”

Impuls vom 19.09.2020 “Niemand hat uns angeworben!”

Impuls vom 12.09.2020 “Befreiung durch Wahrheit”

Impuls vom 05.09.2020 “Von der Praktikabilität voraussetzungsloser Vergebung”

Impuls vom 29.08.2020 “Das Kreuz als Zeichen der Befreiung”

Impuls vom 22.08.2020 “Ihr aber…”