Impuls der Woche

Jede Woche ein neuer Impuls! Oft orientiert sich der Impuls an den Lesungen des betreffenden Sonntags, manchmal ist er aber auch einfach ein Impuls, der spontan aus dem Herzen kommt.

Impuls vom 21.11.2020 "Der entmachtete Tod" von Stefan Tausch

Der entmachtete Tod

 

‚Verschlungen ist der Tod vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? … Gott aber sei Dank, der uns den Sieg geschenkt hat durch unseren Herrn Jesus Christus. (vgl. 1 Kor 15,54ff) Zwei markante ‚theologische Zeitzeugen‘ aus dem 20. Jahrhundert sollen zu dieser von Paulus formulierten ‚Entmachtung des Todes‘ zu Wort kommen:

 

Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag. In inhaltlicher Anknüpfung an diese sehr vielen Menschen bekannten Worte des evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer hinterließ der von den Nazis kurz vor Kriegsende im April 1945 hingerichtete Christ folgende zu unserer aktuellen Themenreihe ‚Leben mit / im / trotz Tod‘ passende Gedanken – verfasst an der Wende zum Jahr 1943:

 

Der Gedanke an den Tod ist uns in den letzten Jahren immer vertrauter geworden. Wir wundern uns selbst über die Gelassenheit, mit der wir Nachrichten von dem Tod unserer Altersgenossen aufnehmen. Wir können den Tod nicht mehr so hassen, wir haben in seinen Zügen etwas von Güte entdeckt und sind fast ausgesöhnt mit ihm. Im Grunde empfinden wir wohl, dass wir ihm schon gehören und dass jeder neue Tag ein Wunder ist.

Es wäre wohl nicht richtig zu sagen, dass wir gern sterben – obwohl keinem jene Müdigkeit unbekannt ist, die man doch unter keinen Umständen aufkommen lassen darf -, dazu sind wir schon zu neugierig oder etwas ernsthafter gesagt: wir möchten gern noch etwas vom Sinn unseres zerfahrenen Lebens zu sehen bekommen. Wir heroisieren den Tod auch nicht, dazu ist uns das Leben zu groß und zu teuer. Erst recht weigern wir uns, den Sinn des Lebens in der Gefahr zu sehen, dafür sind wir nicht verzweifelt genug und wissen wir zu viel von den Gütern des Lebens, dafür kennen wir auch die Angst um das Leben zu gut und all die anderen zerstörenden Wirkungen einer dauernden Gefährdung des Lebens.

Noch lieben wir das Leben, aber ich glaube, der Tod kann uns nicht mehr sehr überraschen.

Unseren Wunsch, er möchte uns nicht zufällig, jäh, abseits vom Wesentlichen, sondern in der Fülle des Lebens und in der Ganzheit des Einsatzes treffen, wagen wir uns seit den Erfahrungen des Krieges kaum mehr einzustehen.

Nicht die äußeren Umstände, sondern wir selbst werden es sein, die unseren Tod zu dem machen, was er sein kann, zum Tod in freier Einwilligung.‘ (Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung – Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, Herausgegeben von Eberhard Bethge, 16. Auflage 1997, Kaiser Taschenbücher, S. 24f)

 

Dietrich Bonhoeffer hat von dieser ‚Entmachtung des Todes‘ nicht nur ‚fromm geschrieben‘. Sogar kurz vor seiner Ermordung bezeugte er diese christliche Hoffnung in unerschütterlicher Zuversicht mit folgenden Worten: ‚Das ist das Ende – für mich der Beginn des Lebens‘ (Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung – Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, Herausgegeben von Eberhard Bethge, 16. Auflage 1997, Kaiser Taschenbücher, S. 227)

 

Jahre später wusste Pater Karl Rahner SJ die ‚Entmachtung des Todes‘ theologisch so ins Wort zu bringen: ‚Der Geist Gottes ist das Leben in uns, durch das wir schon hinter den Tod gekommen sind. Er ist das Glück ohne Grenzen, das die Bäche unserer Tränen in ihren letzten Quellen schon zum Versiegen gebracht hat, auch wenn sie das Flachland unserer Alltagserfahrung noch so sehr überschwemmen.‘ (‚Karl Rahner: UNBEGREIFLICHER – SO NAH. Täglich ein Text‘, Matthias-Grünewald-Verlag Mainz, 1999, S. 139)

 

Stefan Tausch, Pastor

Impuls vom 14.11.2020 "Einfach leben!" von Stefan Kaiser

Impuls zum 33. Sonntag im Jahreskreis (Mt 25,14-30): „Einfach leben!“

Das Gleichnis von den Talenten ist vielen wohl bekannt. Ging es im Gleichnis der Jungfrauen vom vergangenem Sonntag darum, die Wachsamkeit bis zum Kommen des Herrn zu beschwören, so geht es nun darum, wie die Zeit bis dahin genutzt werden soll. Doch ein wenig beängstigend ist es schon, wenn Gott jenen Knecht bestraft, der aus Angst nicht zum Handeln kommt.

Da ein Gleichnis jedoch nicht Angst erzeugen, sondern zum richtigen Handeln ermutigen soll, muss darauf geschaut werden, was einem in diesem Gleichnis zum Handeln auffordert und eine „frohe“ Botschaft sein will.

Hierzu muss der dritte Knecht und seine zentrale Aussage betrachtet werden: „[…] weil ich Angst hatte […].“ (Mt 25, 25)

Warum hat der Diener Angst? Was bewegt ihn dazu, eher nichts zu tun, als etwas falsch zu machen. Was lähmt ihn, aus dem ihm Anvertrauten gar nichts zu machen, nicht einmal, es auf die Bank zu bringen. Hier sei angemerkt, dass das, was ihm anvertraut ist, ausgesprochen viel war. Es war ein „riesen Pfund“, mit dem man hätte wirtschaften können, denn ein Talent Silber entsprich 6000 Dinaren. Von einem Dinar kann eine Familie zur damaligen Zeit einen Tag lang überleben.

Um der Antwort näher zu kommen, benötigt es auch den Kontrast zu den anderen beiden Dienern. Wahrscheinich ist der dritte Diener schon von Beginn an entmutigt. Warum vertraut ihm der Herr nur ein Talent an? Misstraut er ihm? Wenn sein Herr ihm schon nicht mehr anvertraut, wie soll denn er sich selbst vertrauen? Und im Vergleich zu den anderen beiden Dienern kann er mit dem einen Talent doch sowieso nicht so viel bewegen, wie die anderen. Wahrscheinlich fühlt er sich benachteiligt und durch das Vergraben kann ihm zumindest niemand mehr etwas wegnehmen.

Ich denke, diese Erfahrung ist allen vertraut. Wie oft vergleichen wir uns mit anderen und werden dadurch entmutigt. Der oder die hat mehr Geld, der oder die hat mehr Einfluss, der oder die macht mehr Karriere, der oder die kann das viel besser, der oder die ist sowieso uneinholbar, der oder die ist in diesen oder jenen Kreisen, in die ich niemals aufgenommen werde. Am besten ist es, erst gar nicht zu versuchen, mit den anderen mitzuhalten und das, was man machen könnte, sein zu lassen, da es sowieso zu wenig ist.

Und hier setzt das Gleichnis an! Die harten Worte wollen auffordern, aus dieser Lethargie herauszukommen. Der Herr will hier sagen: Hör auf dich zu vergleichen! Ich will nicht mehr oder weniger, als dass du dein Leben lebst!

Auffallend ist, dass der Herr in dem Gleichnis, egal ob fünf oder nur zwei Talente hinzugewonnen wurden, alle gleichermaßen lobt. Der Herr würde somit auch den dritten Knecht genauso loben, wenn er auch nur ein Talent oder die Zinsen hinzugewinnt.

Gott durchbricht hier vollkommen den Gedanken, sich immer vergleichen zu müssen oder den Einzelnen im Vergleich zu den anderen zu sehen. Für Gottes Liebe zu einem jeden von uns würde er niemals andere Menschen zum Vergleichsmaßstab nehmen. So wie eine Mutter und ein Vater ihre Kinder bedingungslos gleich lieben, zumindest im besten Fall, genauso stellt man sich doch Gott vor. Er liebt alle gleich, egal, was oder wieviel er oder sie geleistet hat oder wie seine oder ihre Startbedingungen waren.

Aus anderen Gleichnissen kann sogar gesehen werden, dass Jesus bzw. Gott fehlerfreundlich ist. Was Gott einem jedoch vorwirft ist, nichts aus seinem Leben zu machen.

Dieses Gleichnis will betonen, dass zum einen unendlich viel in einem jeden angelegt und geschenkt ist, denn selbst das eine Talent steht für unendlich viel, und es will zum anderen sagen, dass man endlich aufhören soll, sich untereinander zu vergleichen. Das bringt nur Frust, Angst, Selbstzweifel und Unheil.

Eugen Drewermann scheibt zu diesem Gleichnis Folgendes:

„Mit den Augen Gottes betrachtet, brauchst du nur zu sein, was du bist, nur zu tun, was du kannst, nur zu vollenden, was in dir angelegt ist. Das erste und schlimmste Unrecht in deinem Leben fügst du dir selbst zu, wenn du dich nach dem Maßstab anderer mißt und dann dem Himmel vorwirfst, dass er dich nicht so geschaffen hat, wie die anderen.“ (Drewermann, Das Matthäus-Evangelium, Teil 3, Seite 219, 1995)

Nicht ohne Grund ist vielleicht der häufigste Satz Jesu zu den Menschen: Fürchte dich nicht!

Gott will Mut machen, diejenige oder derjenige zu sein, der man ist. Er will aus der Angst befreien, besser sein zu müssen als die andern. Er will aus der Angst befreien, in dem Streben, besser als die anderen zu sein, zu scheitern.

Gott liebt einen, wie man ist, mit dem, was man hat. Gott liebt es, wenn jemand lebt, wenn jemand sein Leben in die Hand nimmt. Gott liebt es, egal was oder wieviel man an Erfolg aufweist, wenn man das genutzt hat, was er einem geschenkt hat.

So vertraut Gott und lebt!

Impuls vom 07.11.2020 "Hoffnung wider Traurigkeit" von Karin Stump

Hoffnung wider Traurigkeit     1 Thess 4, 13-18

Wie ist Ihre Haltung, wenn es um Sterben und Tod geht? Das Sterben naher Menschen oder gar das eigene? – Das Thema löst oft Beklemmungen aus oder Trauer. Manche Menschen blicken auch erleichtert auf ein Ende von Schmerzen und Last. Andere hoffen auf die Vollendung bei Gott. Viele von uns sind verunsichert: Stimmt das mit der Auferstehung?

In der Gemeinde in Thessaloniki waren Christen der ersten Generation besorgt, weil Menschen gestorben waren. Sie hatten gedacht, dass sie bei der baldigen Wiederkunft Christi lebendig in das ewige Reich Gottes entrückt werden. Was ist mit diesen Toten? Sind sie verloren? – Ähnlich fragen heute Menschen: Was ist mit meinen verstorbenen Angehörigen?

Der Apostel Paulus nimmt die Fragen seiner Zeitgenossen auf. Der 1.Thessalonicherbrief ist das älteste Schriftstück des Neuen Testaments. Hier äußert sich Paulus über die Auferstehung Christi und der Toten.  Er benutzt dabei endzeitliche Bilder aus der jüdischen Tradition: der Erzengel ruft, die Posaune erschallt, alle werden auf den Wolken entrückt. Aber die wesentliche Glaubensaussage lautet: Jesus war tot und ist auferstanden. Wenn er kommt, werden alle, die als Getaufte gestorben sind, und alle dann Lebenden Jesus Christus entgegengehen und schließlich für immer bei ihm sein.

Das ist die Hoffnung der Christen: Wir werden für immer bei Christus sein. Das ist die neue Dimension, ein Fenster wird geöffnet. Die Toten verbleiben nicht im Dunkeln, getrennt für immer. Mit den Lebenden werden sie bei Christus sein. Es öffnet sich ein Fenster zum neuen Leben. Denn durch die Taufe ist das Leben der Christinnen und Christen mit dem Leben, Sterben und Tod Christi verbunden. So haben sie auch Anteil an seiner Auferweckung.

Niemand muss also die Wiederkunft Christi berechnen wollen und Ängste schüren. Die neue Welt Gottes und Jesu Christi wird kommen. Wie das geschehen wird, ist das Geheimnis Gottes. Das neue österliche Leben wird Tote und Lebende umgreifen. – Welch eine trostreiche Perspektive!

Dennoch: Der Tod eines nahen Menschen lässt uns nicht unberührt. Vom Biologischen her ist mit dem Tod das individuelle Leben der Person vorbei. Bleibt man bei dieser Sicht, so wäre der «Trost» ein möglichst intensives oder sorgloses Leben. Dann aber wird die Ungerechtigkeit dieser Welt zementiert.

Hoffen wir hingegen auf das Leben mit Christus in der Vollendung, dann können wir bei allem Leid oder Unrecht getröstet sein. Zugleich stellen wir aus dem Glauben heraus Leid und Unrecht in Frage und bekämpfen sie. Christus zieht uns mit in sein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit.  Trauer und Endlichkeit sind gesprengt durch die Auferweckung.

      Karin Stump

 

„Aller Augenschein sagt

Ein Grab ist ein Grab

Tot ist tot

Aus ist aus

Fertig nichts weiter

 

Wir haben nichts in Händen

Als ein kleines Licht

Im Dunkeln

 

Wir haben nichts vor Augen

Als ein paar verwirrte

Erschrockene Menschen

Die es nicht fassen können

Dass er lebt

Und ein leeres Grab

 

Wir haben nichts

Als ein Lied auf den Lippen

Er ist auferstanden

Halleluja.“                                        Lothar Zenetti

Impuls vom 31.10.2020 "Bleibe formbar!" von Stefan Tausch

Bleibe formbar!

 „Mensch, du bist ein Werk Gottes. Erwarte also die Hand deines Künstlers, die alles zur rechten Zeit macht: zur rechten Zeit für dich, der du gemacht wirst. Bring ihm ein weiches und williges Herz entgegen und bewahre die Gestalt, die dir der Künstler gegeben hat. Halte dich formbar, damit du nicht verhärtest und die Spur seiner Finger verlierst. Wenn du den Abdruck seiner Finger in dir bewahrst, wirst du zur Vollkommenheit emporsteigen.“

Obige Gedanken des hl. Irenäus von Lyon beziehen sich wohl unmittelbar auf die folgenden Verse aus dem Buch Jeremia: Das Wort, das vom Herrn an Jeremia erging: Mach dich auf und geh zum Haus des Töpfers hinab! Dort will ich dir meine Worte mitteilen. So ging ich zum Haus des Töpfers hinab. Er arbeitete gerade mit der Töpferscheibe. Missriet das Gefäß, das er in Arbeit hatte, wie es beim Ton in der Hand des Töpfers vorkommen kann, so machte der Töpfer daraus wieder ein anderes Gefäß, ganz wie es ihm gefiel. Da erging an mich das Wort des Herrn: Kann ich nicht mit euch verfahren wie dieser Töpfer, Haus Israel? Spruch des Herrn. Seht, wie der Ton in der Hand des Töpfers, so seid ihr in meiner Hand, Haus Israel. (Jer 18, 1-6)

Mit anderen Worten lässt sich das etwa so formulieren: Mensch, bleibe formbar! Bleibe offen für Veränderungen, für Wandlung, für Überraschungen, für Neues, für Gott! Es kommt beim Christsein nicht auf offizielle und öffentliche regionale oder gar weltweite kirchliche Anerkennung und Verehrung an – das macht Sinn und hat natürlich seine Daseinsberechtigung, ist aber nicht wirklich erforderlich oder gar notwendig.

Das alljährliche Allerheiligenfest ist darum ein Fest für Menschen im gewöhnlichen Alltag – für ‚alltägliche Heilige ohne offizielle und öffentliche Wertschätzung‘, die vielen Zeitgenossen ohnehin viel näher stehen als ein Großteil der Heiligen aus frommen Büchern und Legenden.

In diesem Geist sind auch wir selber zur Heiligkeit berufen. Dabei geht es nicht darum, selber makel- und fehlerlos zu sein! Das hat mit HEILIG nur sehr wenig bzw. sogar gar nichts zu tun! Auf seine ihm eigene Art und Weise weist niemand Geringeres als Papst Franziskus gerne darauf hin, wenn er einlädt und sogar auffordert, sich lieber die Finger schmutzig zu machen als unsere Hände in Unschuld zu waschen… Mit den obigen Worten des Propheten Jeremia gesprochen: In unserem Leben darf sehr wohl etwas zu Bruch gehen und missraten. Es geht nicht um ein fehlerfreies Leben in Unschuld und Vollkommenheit! Das hat mit Allerheiligen, mit Heiligkeit wenig oder vielleicht auch gar nichts zu tun!

Bleibe dynamisch, flexibel, beweglich – formbar eben! > Darauf kommt es an!

In diesem Sinne: ‚Halte dich biegsam in der Hand Gottes und lass ihn dich heilig machen nach seiner Art und Weise. Fast immer wird es eine Art sein, die du nicht erwartest.‘

Stefan Tausch, Pastor

 

 

Impuls vom 24.10.2020 "Abschied vom "lieben" Gott" von H.-J. Höhn

Abschied vom „lieben“ Gott

Über Risiken und Nebenwirkungen theologischen Leichtsinns

 

Die religiöse Sprache kennt Stoßgebete, welche in  säkularen Ohren wie Stoßseufzer klingen. Die Bandbreite reicht vom aufgeschreckten Entsetzen angesichts einer Katastrophe („Oh, mein Gott!“) bis zum beschwichtigenden Vorwurf angesichts einer verzeihlichen Kalamität („Ach, Du lieber Gott!“). Stets geht es um eine Verlegenheit, in die ein Mensch geraten ist. Und stets hofft er darauf, dass Gott ihn auch in dieser Lage ansprechbar bleibt. In dieser Hoffnung bestärkt ihn seit geraumer Zeit die christliche Rede von einem Gott, der dem Menschen in guten wie in schlechten Tagen „ohne Wenn und Aber“ zugewandt ist. Was auch immer der Mensch zuschulden kommen lässt, es ändert nichts daran, dass er auf Gottes Entgegenkommen, Barmherzigkeit und Gnade setzen kann.

 

In etlichen Hirtenbriefen, Sonntagspredigten und Katechesen wird übersetzt und ausgelegt, was der Grundsatz einer theologischen Anthropologie bekräftigt: Jeder Mensch ist von Gott unbedingt anerkannt. … Eine Verkündigung, die es offenkundig gut mit dem Menschen meint und beim Sprechen von Gott nur Gutes in den Mittelpunkt stellt, kann jedoch auch ein böses Ende nehmen. Das böse Ende beginnt mit einer – sicherlich gut gemeinten – Befreiung von ambivalenten Gottesbildern … Allerdings ist es auch gut möglich, dass diese Wende zum Anlass genommen wird, um mit dem Glauben Schluss zu machen. Anders formuliert: An der Rede vom Entgegenkommen Gottes kann der Glaube an Gott auch zugrunde gehen – und zwar dann, wenn er auf theologischen Leichtsinn und fromme Leichtgläubigkeit trifft, um schließlich zur religiösen Belanglosigkeit zu verkommen. Diese These wirkt fraglos höchst irritierend. Denn auf den ersten Blick scheinen eher die Vertreter eines militanten Gottesbildes dazu beizutragen, dem Glauben an Gott ein Ende zu bereiten. Dass man dem als „Herr über Leben und Tod“ verkündeten Gott selbst den Tod wünschen kann, ist nachvollziehbar, wenn man sieht, wie Menschen um Gottes willen in den Tod geschickt werden. Ein Glaubensfanatiker, der  mit den Worten „Gott ist groß“ auf den Lippen einen Sprengsatz zündet, praktiziert einen tödlichen Glauben. Es ist ein todbringender Glaube, der am Ende auch den Glauben an Gott umbringt. Denn wer will noch an diesen Gott und seine Großartigkeit glauben, wenn seine Anhänger von diesem Glauben die Lizenz zur Tötung der Anders- oder Ungläubigen ableiten? …

 

Wer mit dem Wort „Gott“ etwas Gutes intendiert, tritt stets für einen „lieben“ Gott an. … Es ist eine Liebe, die nichts vom Menschen will, aber alles für ihn übrig hat. Ein lieber Gott ist ein entgegenkommender Gott, der viel (an)bietet, aber nichts verlangt. Man muss keine Normen erfüllen, um seine Gunst zu erringen. Vor ihm darf man so sein, wie man ist, und Gott sagt: Gut so! Viele theologische Publikationen der letzten Jahre sind geprägt vom Tenor der Güte und Barmherzigkeit Gottes. Diese Akzentuierungen sind zweifellos berechtigt, um Engführungen und Verzerrungen eines angstbesetzten Gottesverständnisses zu überwinden und die Zwänge eines religiösen Leistungsdenkens aufzubrechen. Aber sie haben damit nicht die Akzeptanz der christlichen Gottesrede steigern können, sondern die Gleichgültigkeit ihr gegenüber vermehrt. Dass man sich in christlichen Kreisen darüber wundert, dass eine vermeintlich „frohe“ Botschaft lediglich Indifferenz auslöst, ist selbst verwunderlich. Denn diese Kreise übersehen das Naheliegende: Die Nachricht, dass man ohne besondere Anstrengungen und Leistungen so sein darf, wie man ist, erzeugt bei ihren Adressaten den Eindruck der Redundanz. Sein können wie man ist, kann man auch ohne diese Zusicherung. Folglich ist sie entbehrlich, verzichtbar, überflüssig.

 

Nicht minder prekär ist es, wenn von den Befürwortern dieser Gottesrede gleichwohl Bedarf für die Rede von der Liebe Gottes reklamiert wird. Denn nun gerät sie unter den Verdacht, dass dahinter nichts anderes steht als ein menschliches Bedürfnis der Selbstaffirmation, das in der modernen Leistungsgesellschaft verstärkt, aber von ihr nicht erfüllt wird. Diese Gesellschaft verlangt von ihren Mitgliedern, sich wertschöpfend im Wirtschaftskreislauf zu bewähren. … Alle Menschen finden Akzeptanz, wenn sie Akzeptables vorzuweisen haben. Ihre Wertschätzung hängt somit ab von den Wertschöpfungsketten, deren Glieder sie sind. Schlecht dran ist, wer nichts Verwertbares zustande bringt. …

 

Aber kein Mensch kann existieren, wo ein Kalkül von Zweck und Nutzen, von Umsatz und Rendite alles bestimmt und es keine Orte zweckfreier Anerkennung gibt. Als ein solcher Zufluchtsort erscheint der Glaube an Gott. In diesem Kontext begegnet Gott als jene Größe, von der eine unüberbietbare Bestätigung eingeholt werden kann, dass der Mensch sein darf, wie er ist – ohne Wenn und Aber. Was ihm eine säkulare Logik von Aufwand und Ertrag vorenthält, wird ihm in einer religiösen Logik von Gnade und Wohlwollen gewährt: die Bestätigung des Selbstseinkönnens unabhängig von allen Leistungserwartungen – auch von Seiten Gottes. Er mag nichts zustande bringen, aber dies verhindert nicht, dass Gott zu ihm steht.

 

So wichtig dieser theologische Einspruch zur universellen Anwendung des Leistungsprinzips ist, so prekär sind seine Folgen, wenn nur dieser Einspruch formuliert wird. Er handelt sich umgehend den Vorwurf ein: Hier avanciert Gott kompensatorisch zu jener Größe, von der eine unüberbietbare Bestätigung eingeholt werden kann, dass der Mensch sein darf, wie er ist, auch wenn er nichts zu leisten vermag. Überdies handelt es sich um einen folgenlosen Kompensationsversuch. Denn viele Zeitgenossen schließen darauf, dass sie die Bestätigung ihres Selbst- und Soseins einfach „so stehen lassen“ können. Dieser göttliche Beistand bedarf ja ihres eigenen Zutuns nicht. Was ohne eigenes Zutun besteht, darum müssen sie sich nicht kümmern. Sie haben kein schlechtes Gewissen, wenn sie die Rede vom lieben Gott passiv lässt und bei ihnen nichts auslöst. Es macht ihnen nichts aus, diese Rede ganz unbekümmert zu überhören. Dies bekümmert gleich die Zeugen dieses „lieben“ Gottes. Sie sind aufrichtig davon überzeugt, dass es ihr Auftrag ist, den „lieben“, „gütigen“ und „barmherzigen“ Gott immer wieder zur Sprache zu bringen und auf eine Antwort der Angesprochenen zu hoffen. Bei jeder sich passenden Gelegenheit bezeugen sie aufrichtig ihre Überzeugung und ihre Hoffnung. Aber ihre Aufrichtigkeit schlägt um in Aufdringlichkeit. Die Penetranz, mit der sie Gott lieb, gütig und barmherzig sein lassen, macht sie zu religiösen Stalkern. Kein vernünftiger Mensch kann etwas gegen Liebe, Güte und Barmherzigkeit haben – wohl aber dagegen, dass Menschen damit gestalkt werden. Wer will es den Genervten unter den mit Liebe Bedrängten verdenken, dass sie den „Gottesstalkern“ aus dem Weg gehen? Die derart Gemiedenen schmerzt es zwar, dass das so gut Gemeinte so schlecht ankommt. Aber sie vermeiden ihrerseits eine kritische Selbstbefragung. Sie stellen sich nicht dem Verdacht, dass sie die religiöse Dublette eines romantisch-kitschigen Liebesideals vertreten. Sie meiden die Debatte darüber, ob Gott nur deswegen und solange als „lieb“ gilt, wie er das Bedürfnis des Menschen nach Selbstvergewisserung und Selbstbestätigung bedient. …

 

Von den Adressaten einer solchen Gottesrede wird erwartet, dass sie angesichts dessen, was in ihrem Leben ohne Wenn und Aber inakzeptabel ist, dennoch ohne Bejahung ihres Lebens von Seiten Gottes anzunehmen bereit sind. … Der Glaube an Gott gerät in höchste Bedrängnis, wenn er Halt sucht in einer Behauptung, die sich in guten Tagen als vertretbar, in schlechten Tagen aber eher als unhaltbar erweist.

 

Prof. Dr. Hans-Joachim Höhn (Inhaber des Lehrstuhls für Systematische Theologie und Religionsphilosophie am Institut für Katholische Theologie der Universität Köln)

 

(in: Pastoralblatt für die Diözesen Aachen, Berlin, Hildesheim, Köln und Osnabrück; Juni 6/2020, 72. Jahrgang; S. 163ff > Auszüge!)

 

Impuls vom 17.10.2020 "Wie politisch ist die Botschaft Jesu?" von Stefan Kaiser

29. Sonntag im Jahreskreis A (Mt22,15-21)

Was für eine grandiose Falle! Und was für eine raffinierte Einleitung! „Meister, wir wissen, dass du die Wahrheit sagst und wahrhaftig den Weg Gottes lehrst und auf niemanden Rücksicht nimmst, denn du siehst nicht auf die Person.“ (Mt 22,16)

Wenn sich die Gegner zusammentun und einen „über den Klee“ loben, sollte jede Alarmglocke aufschrillen. Und in der Tat wird Jesus hier in ein Dilemma gestellt, das kaum zu lösen ist.

Denn der Hintergrund ist ja folgender: Die Römer sind eine imperiale Macht, die Israel besetzt und unterdrückt. Der Name Gottes wird durch die Römer geschändet, ihre Götzen werden aufgestellt und ihre Kulte im Land des auserwählten Volkes durchgeführt. Durch das Diktat der Römer müssen die Menschen Steuern bezahlen und durch die Besatzungspolitik werden sie ausgepresst und um den Lohn ihrer Arbeit gebracht.

Viele im Land wollen diese Ohnmacht nicht mehr hinnehmen. Es gibt schon bewaffnete Untergruppen, die eine Guerilla-Taktik gegen die Besatzer durchführen, denn die Guerilla ist oftmals die Waffe der Ohnmächtigen.

Wie wird Jesus in dieser Situation reagieren? Wie politisch ist seine Botschaft? Und wie weit trägt sein Konzept der Gewaltfreiheit?

1993 befürworteten sogar pazifistische Menschen einen militärischen Einsatz in Bosnien, um den ethnischen Säuberungen ein Ende zu setzen. Was hätte Jesus in dieser Situation gesagt?

In dieser Woche sind China und Russland in den UN-Menschenrechtsrat gewählt worden. Was würde Jesus dazu sagen? Würde er eine Zusammenarbeit um der politischen Einrichtung wegen in Kauf nehmen oder radikal eine Zusammenarbeit in diesem Gremium beenden, da Länder, die Giftanschläge auf Oppositionelle durchführen oder ethnische Minderheiten unterdrücken, als Partner nicht geeignet sind.

Wie sähen Jesu Sanktionen gegen jene aus, die Rechtstaatlichkeit mit Füßen treten? Würde er die wirtschaftliche Zusammenarbeit beenden?

Jesu Reaktion auf diese Frage im heutigen Evangelium, die nach einem „Entweder-oder“ verlangt, kann ihn den Kopf kosten. Wenn er sagt: „Keine Steuern für den Kaiser! Wir dürfen diese Besetzungsmacht nicht länger erdulden!“, dann wird er wegen antikaiserlicher Volksaufwiegelung hingerichtet. Wenn er sagt: „Das Bezahlen der Steuern ist nun mal hinzunehmen oder gar rechtens“, dann wird er als Sympathisant der Besatzungsmacht viele seiner Anhänger vergraulen. Wie er sich auch dreht und wendet, er verliert. Denn was ist nun mit dem Reich Gottes? Kann es sich durchsetzen, auch wenn Fremde Macht über einen ausüben?

Sein Schachzug ist dementsprechend geradezu genial!

Statt nun eine theologische oder philosophische Diskussion zu führen und über ein theoretisches Konstrukt namens Steuern zu reden, erdet er die Frage ganz praktisch und findet die Antwort ironischer Weise in den Taschen seiner Gegner. Denn seine Widersacher reden eigentlich über das Geld, das in ihren Händen ist. Es ist das Geld, mit dem die Pharisäer ganz selbstverständlich Handel treiben, sie nutzen es sogar in der Heiligen Stadt und kaufen damit im Tempel ihre Opfertiere.

Münzgeld gehört dem, der es prägt und ausgibt, das gilt auch heute noch. Und wer an dem Geldkreislauf teilnehmen möchte, muss sich halt auch den Regeln und der Macht des Systems und der Geldausgabestelle unterwerfen.

Eigentlich erklärt Jesus da das Einfachste der Welt, wenn er sagt: „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört.“ Richtig provokant wird die Antwort jedoch durch die Zusatzantwort, nach der keiner gefragt hat: „[…] und [gebt] Gott, was Gott gehört.“ (Mt 22,21)

Denn was nun Jesus hier anspricht ist eine ganz grundsätzliche Frage: Welche Macht kommt Gott zu? Da der fromme Jude das Schma Israel betet, weiß er, dass allein Gott Macht zukommt. In Dtn 6,4 heißt es im jüdischen Glaubensbekenntnis: „Höre Israel, der Herr, unser Gott, der Herr ist einzig.“ Wenn ich das berücksichtige, muss ich jeglichen Machtanspruch in dieser Welt infrage stellen. Ich muss fragen, von welchen Mächten ich mich beherrschen lassen will. Es geht Jesus nun nicht mehr nur um die römische, sondern um jegliche Macht, mit der Menschen über andere Menschen herrschen. Denn keinem Menschen kommt Macht über den anderen zu.

Deshalb ist die Frage nach der politischen Dimension der Botschaft Jesu so schwierig. Politik will erfolgreich sein und gewissermaßen in ihrem Erfolg durch eine Machtbasis die Welt gestalten. Doch Jesus lehnt es kategorisch ab, in diesem Sinne erfolgreich zu sein und Macht auszuüben.

Hätte er in seiner Bewegung versucht, mit irgendeiner Art von Gewaltausübung sein Reich zu bauen und den Umsturz herbeizuführen, wäre er wahrscheinlich damit gescheitert wie viele Freiheitskämpfer vor und nach ihm. Und dann wäre Jesus wieder nur ein Opfer in der Menschheitsgeschichte gewesen, wo eine Gruppe Unterdrückter vergeblich versuchte, die Mächtigen zu stürzen. Spartakus scheiterte an Rom, die Israeliten scheiterten im römischen Krieg, Sklavenaufstände scheiterten in vielen Kolonien und wie viele Minderheiten sind heute noch ein Spielball der Mächtigen?

Jesus durchbricht dieses Spiel, indem er auf die Frage nach Macht mit Ohnmacht antwortet. Denn er stellt jede Autorität, jedes menschliche System, jede menschliche Machtausübung infrage. Jesus lehrt eine Religion, die nicht auf Erfolg und Macht setzt und die nicht weiß, was das Richtige für einen jeden anderen ist. Im Gegenteil: Er scheitert am Kreuz und hat trotzdem alles richtig gemacht. Er vertraut einzig auf die Macht Gottes und lebt die bedingungslose Liebe des Schöpfers zu allen seinen Geschöpfen. Er übt auf die Ausgegrenzten und Sünder keine moralische Macht aus, sondern befreit sie darin, wieder Kinder eines liebenden Gottes zu sein, der seine Geschöpfe nicht nach Macht, Geld und Heldentaten oder erarbeitetem Ansehen bewertet. Jesus verweigert es, über den anderen zu urteilen und meint nicht zu wissen, was für den anderen gut ist.

„Gebt Gott, was Gott gehört“ heißt, sich wieder voll und ganz auf Gott einzulassen und aus der Macht seiner Liebe zu leben, die im Menschen wohnt. Daher das Gebot, „du sollst Gott und deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (vgl.: Dtn 6,4; Lev 19,18 und Mt 22,36ff.; Lk 10,25ff.; Mk 12,30f.), denn dann wirst du aufhören, über den anderen herrschen zu wollen. Es wird dir an seinem Wohl liegen, wenn du dem Gebot folgst. Du wirst aufhören zu glauben, dass Geld, Macht und Ansehen dich ausmachen, denn all das verschafft dir keine Liebe.

Realpolitik lässt sich damit nicht machen. Es kann einen Ohnmächtigen in dieser Welt nicht mächtig machen. Aber, und das ist das Entscheidende, es stellt jede Macht in Frage, es relativiert jeglichen Machtanspruch dieser Welt und lässt den vermeintlich Beherrschten frei werden in dem Wissen, dass sie oder er ein geliebtes Kind jenes Gottes ist, der sich am Ende als machtvoller Sieger erwiesen hat und erweisen wird.

Das soll nun keine Vertröstung der Unterdrückten auf ein Jenseits sein, sondern es soll die Gewissheit stärken, dass ich selbst entscheiden kann, welchen Mächten ich mich unterwerfe. Es soll mich wissend machen, dass weder das Finanzsystem noch Staaten oder Organisationen wirklich Macht darüber haben, was ich bin, welchen Wert ich habe oder was für mich gut ist. Jesus gibt mir mit seinem Weg und Beispiel das Wissen um jenen, der einzig die Macht hat. Er wird mir helfen, meinen Weg hier auf Erden frei zu gestalten, auch wenn mir dieser Weg aus vielen irdischen Perspektiven keinen Erfolg verspricht.

Ich kann jedoch wissen, erfahren, spüren, dass es richtig ist, und ich werde den liebenden Gott darin finden. Das ist Jesu Versprechen an uns und alle Ohnmächtigen dieser Welt, die auf Macht und Gewalt nicht mit Gegengewalt und gegnerischen Machtansprüchen reagieren. Denn nur so kann wahrer Frieden entstehen.

Impuls vom 10.10.2020 "Eingeladen zum Fest" von Karin Stump

Evangelium nach Matthäus 22, 1-13

Eine Hochzeit steht an – aber die Stimmung im Gleichnis aus dem Evangelium ist nicht voll Freude. Im Gegenteil: Auf die Einladung des Königs zur Hochzeit seines Sohnes reagieren die Geladenen gleichgültig, ja mit Geringschätzung und Mord der königlichen Gesandten. Welch ein Affront! Da lässt der König aus Zorn die Mörder umbringen. Eine Einladung zum Fest des Lebens endet in einem Blutbad. Frohe Botschaft?

Eine frohe Botschaft finde ich in der Aufforderung: „Geht also hinaus auf die Straßen und ladet alle, die ihr trefft, zur Hochzeit ein.“ Wenn die, die zuerst eingeladen waren, nicht kommen wollen, dann gilt es, hinauszugehen auf die Straßen. Und alle dürfen kommen – ein göttliches Christusfest neuer Art wird gefeiert.

Was für eine weite, mutige Botschaft! Egal, wo ich herkomme, was ich getan habe – ich bin es wert, am königlichen Fest teilzunehmen.

Nehmen wir die Einladung Gottes zum Fest des Lebens wahr? Spüren wir etwas von der Spannung und der Freude, die Gott mit seiner Einladung bei uns auslösen möchte? Oder hat auch bei mir alles andere Priorität? Wie oft bin ich mit anderem beschäftigt, verfolge eigene Pläne…

Dann werden die Leute draußen auf der Straße eingeladen. Vielleicht bist du auch einer von denen draußen, am Rande der Gesellschaft, des Lebens, am Rande einer Gruppe oder von Kirche. – Und nun richtet sich die Einladung auch an dich. Du darfst dich neu bekleiden, auf die Schönheit und Fülle des Festes einstimmen und dazu beitragen.

So sagt mir das Gleichnis:

  • Wir können die große Gelegenheit unseres Lebens verpassen. Vertu sie nicht!
  • Die Einladung des Königs, die Einladung Gottes ist letztlich erfolgreich.
  • Jede und jeder kann kommen, aber wir müssen den Schritt tun.
  • Gottes Liebe ist so groß, dass er uns das Beste und Schönste bereitet, was wir uns erhoffen dürfen.

Leben wir voller Erwartung, in Würde und wacher Liebe! Wir sind eingeladen. Wir gehen zu auf ein großes Hochzeits-fest. Es hat schon angefangen.

Karin Stump

Impuls vom 03.10.2020 "PAX et BONUM" von Stefan Tausch

Pax et Bonum!

 

‚Leute machen Kleider‘ und/oder ‚Kleider machen Leute‘ – Beides passt zum hl. Franziskus von Assisi, dessen Gedenktag die Kirche am 04. Oktober begeht.

 

Gut betucht wurde er in vornehmen Kreisen groß und wusste sich aufgrund seiner Herkunft chic zu machen und in feinem Zwirn zu kleiden. Zunächst also in Windeln gewickelt, später als Dressman gekleidet in seiner Umgebung quasi die Moderichtung vorgegeben und bestimmt, dann als Soldat in Uniform und Rüstung gewechselt, nach seiner Bekehrung Abschied vom äußeren Chic die freiwillige Selbst-Übergabe in den Mantel des Bischofs bzw. der Kirche und schließlich die radikale Entscheidung für ein armes Leben in Kutte. Das erinnert an ein früheres Jahresmotto des Bonifatiuswerkes in Paderborn: ‚Zeig‘ draußen, was du drinnen glaubst.‘

 

Ziel des hl. Franziskus: Die Liebe zu Christus in Freiheit VON äußeren Bindungen und Abhängigkeiten und in Freiheit FÜR Gott und die Menschen leben und so dem nackten Christus folgen. Die Kirche bietet ihm dazu den Mantel des Bischofs, einen Schutzmantel gegenüber der Bevölkerung und zum Schutz vor der Familie bzw. insbesondere vor dem leiblichen Vater des hl. Franziskus. Franziskus lehnt ab und entscheidet sich für die Kutte, einen einfachen Hirtenmantel!

 

Ja, Franz von Assisi war ein krasser, beeindruckender, markanter, kantiger, klassischer ‚Mensch auf der Suche‘. Seit mehr als 30 Jahren schreibt sich das Katholische Forum Dortmund auf die Fahnen, für ‚Menschen auf der Suche‘ da zu sein. Dabei kann und will wohl niemand heute in der Kirche Christus so extrem und radikal nachfolgen wie der große Heilige unserer Kirche.

 

Passend dazu verfasste Dr. Gotthard Fuchs dazu folgende Gedanken: Was eine/einer anzieht, sagt auch etwas darüber, wen er oder sie anzieht – oder abstößt. … Kleider machen Leute. Wer bin ich? Wo und wie zeige ich mich? Was ist darunter? … Manche kommen äußerlich prächtig gewandet daher, aber ‚unter der Decke‘ sieht es anders aus. Kein Wunder, dass so elementare Vollzüge wie Kleidung … ihre Symbole auch religiös entfalten: Das weiße Kleid bei der Taufe, der Hochzeit oder der  Ordensprofess ist solch ein Zeichen. ‚Zieht den neuen Menschen an‘, den österlichen (Eph 4,24)! (vgl. Gotthard Fuchs in CIG Nr. 31/2020, S. 335)

 

Noch einmal zum Patron des Katholischen Forums Dortmund: Die verschiedenen Phasen des Lebens des Tuchhändlersohns aus Assisi lassen sich sehr gut an Tüchern, Stoffen, Kleidern und seinem Outfit ent-decken. Was er durch seine Kleidung zum Ausdruck bringt, deckt außen auch Inneres auf > von seinen Windeln über den feinen Zwirn des reichen Jünglings bis zur Kutte des armen Bruders Franziskus!

 

Stellen wir uns hier und heute in Erinnerung an Franz von Assisi und seinen faszinierenden Lebens- und Glaubensweg einige bzw. einigen dazu passenden Fragen: Was ziehe ich an? Was zieht mich an? Wie folge ich Christus in meinem Leben?

 

Stefan Tausch

Impuls vom 26.09.2020 „Ja- und Neinsager“ von Karin Stump

Ja- und Neinsager

(Phil 2, 1-5, Mt 21, 28-32)

Menschen sind unterschiedlich. Und Menschen sind unterschiedlich schnell.

Leben ist mehr als die Erstreaktion. Danach ist noch Freiheit!

Besser, sich zu verrennen und dann bereuen, als sich uneinsichtig im Glanz vermeintlicher Perfektion zu verlieren. Besser ein Nein, das sich zum Ja wandelt, als eine nur oberflächliche Zustimmung.

Der Weinberg wird in der Bibel oft als Bild gebraucht – für das Volk Israel, das Gott liebt, das Gott hegt und pflegt wie einen Weinberg. Wenn es um den Weinberg geht, treten wir ein in die Welt Gottes. Jesus lenkt die Aufmerksamkeit seiner Hörerinnen und Hörer auf die Beziehung zwischen Vater und Sohn. Und wir werden gefragt nach unserem Verhältnis zu Gott.

Der Vater im Gleichnis gibt den Auftrag, er weist einen Weg. Die beiden Leitbegriffe sind das Gehen in den Weinberg und das Glauben. Das meint Glauben: Treusein in unserer Beziehung zu Gott und in Liebe Mitwirken am Reich des Friedens und der Gerechtigkeit. Das Bekenntnis zur Königsherrschaft Gottes und das Tun gehören zusammen.
Der eine Sohn reagiert ungehorsam und unwillig, aber er ändert seinen Sinn. Das Interessante und Unterscheidende sind die innere Haltung und Bewegung. Ihn treibt die Sorge, dass die Beziehung zwischen ihm und dem Vater Schaden leiden könnte. Es geht nicht nur um äußeres Befolgen des Auftrags, sondern um die innere Übereinstimmung. Nach der Unlust und dem Affront besinnt er sich auf das, was ihm wichtig ist und ihn mit dem Vater verbindet.

Der andere Sohn, der zunächst dem Auftrag des Vaters zustimmt, bleibt untätig, in sich verschlossen, wie abgetrennt vom Vater, der doch einladend, liebevoll gesagt hatte: „Mein Kind, geh und arbeite heute im Weinberg!“

Wie steht es um Ihre Beziehung zu Gott? Wohin weist er Sie? Wo gilt es entschieden Ja oder Nein zu sagen und es auch zu tun? Was können Sie konkret anpacken? Sind Sie bereit?

Es gibt Arbeit im Weinberg, und es gibt die wunderbare Verbindung zu Gott. Machen wir uns neu auf, an Gottes Reich der Liebe und des Friedens mit zu wirken.

Karin Stump

Impuls vom 19.09.2020 „Niemand hat uns angeworben!“ von Stefan Tausch

Niemand hat uns angeworben! (Mt 20, 7a)

Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden. (Mt 9,37f) Mit Blick auf diese Worte Jesu möchte ich das bekannte Gleichnis Von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20, 1-16) aus dem heutigen Sonntagsevangelium auf das Reich Gottes hier und heute in unserer Kirche, in unserer Welt beziehen.

Da bürstet Christus zunächst einmal in so erfrischender und aufrüttelnder Weise wohltuend und irritierend mit einer großartigen Verheißung gegen den Strich: Die Ernte ist groß! Leidenschaftliches Engagement in der Verkündigung der frohen Botschaft lohnt also auch heute. Auch in unserer Zeit gilt, dass viele Menschen auf der Suche in der christlichen Botschaft Sinn und Halt suchen – wenngleich bisweilen auf völlig andere und neue Weise, als wir es in den christlichen Kirchen in der Vergangenheit (er)lebten und praktizierten.

 Aber es gibt nur wenig Arbeiter. Damals wie heute gehört(e) das Phänomen des ‚Fachkräftemangels‘ zur Tagesordnung. Nichts Neues unter der Sonne also, was in der Kirche seit Jahrzehnten so viele bejammern und beklagen.

 Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden. An dieser Stelle aber wird’s spannend und an- bzw. aufregend, wenn wir diese Einladung bzw. Aufforderung Jesu auf das Gleichnis Von den Arbeitern im Weinberg beziehen. Da müssen sich die um die elfte Stunde untätig in der Gegend Herumstehenden zunächst den Vorwurf des Gutsbesitzers gefallen lassen, warum sie den ganzen Tag faulenzen und nichts leisten. Ihre Antwort spricht Bände: Niemand hat uns angeworben. Mit anderen Worten: Für uns hat sich keiner interessiert. Wir waren nicht gefragt. Wir wurden ignoriert. Uns wollte niemand haben.

 Niemand hat uns angeworben! Ich ahne / fürchte / glaube / unterstelle, dass es dieses Phänomen bis heute gibt! Bis heute haben wir meinem Eindruck nach viele durchaus Interessierte ArbeiterInnen nicht im Blick, so dass sie sich nicht eingeladen, willkommen, qualifiziert, angesprochen bzw. – fromm formuliert –  berufen fühlen, sich im Weinberg des Herrn aktiv auf ihre je eigene Weise wie und wo und wie lange auch immer einzubringen und zu engagieren.

 Niemand hat uns angeworben! Im Interesse aller (!) Beteiligten lohnt es meinem Eindruck nach, darüber in Ruhe und intensiv nachzudenken und neue passgerechte Zugangsmöglichkeiten für eine attraktive und erfolgreiche Arbeit im Weinberg des Herrn zu schaffen. Denn: Die Ernte ist groß!

Stefan Tausch

Impuls vom 12.09.2020 „Befreiung durch Wahrheit“ von Stefan Tausch

Die Geschichte Gottes mit den Menschen ist eine lange Geschichte von Geduld und immer neuer Vergebung. Eine quasi ‚unendliche Geschichte‘, von der bereits im alttestamentlichen Buch Jesus Sirach zu lesen ist: ‚Vergib deinem Nächsten das Unrecht, dann werden wir, wenn du bittest, deine Sünden vergeben! Ein Mensch verharrt gegen einen Menschen im Zorn, beim Herrn aber sucht er Heilung? Mit einem Menschen gleich ihm hat er kein Erbarmen, aber wegen seiner Sünden bittet er um Vergebung? Er selbst – ein Wesen aus Fleisch, verharrt im Groll. Wer wird seine Sünden vergeben?‘ (Sir 28, 2-5)

 Nüchtern-realistisch und gleichermaßen hoffnungsvoll-zuversichtlich schreibt dazu der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer:

 ‚Es kann sein, dass Christen trotz gemeinsamer Andacht, gemeinsamen Gebetes, trotz aller Gemeinschaft im Dienst allein gelassen bleiben, dass der letzte Durchbruch zur Gemeinschaft nicht erfolgt, weil sie zwar als Gläubige, als Fromme Gemeinschaft miteinander haben, aber nicht als die Unfrommen, als die Sünder.

 Die fromme Gemeinschaft erlaubt es ja keinem, Sünder zu sein. Darum muss jeder seine Sünde vor sich selbst und vor der Gemeinschaft verbergen.

 Wir dürfen nicht Sünder sein. Unausdenkbar das Entsetzen vieler Christen, wenn auf einmal ein wirklicher Sünder unter die Frommen geraten wäre.

 Darum bleiben wir mit unserer Sünde allein, in der Lüge und der Heuchelei; denn wir sind nun einmal Sünder.

 Es ist aber die Gnade des Evangeliums, die für den Frommen so schwer zu begreifen ist, dass es uns in die Wahrheit stellt und sagt: du bist ein Sünder, ein großer heilloser Sünder und nun komm als dieser Sünder, der du bist, zu deinem Gott, der dich liebt.

 Er will dich so, wie du bist, er will nicht irgend etwas von dir, ein Opfer, ein Werk, sondern er will allein dich. … Gott ist zu dir gekommen, um den Sünder selig zu machen.

 Freue dich!

 Diese Botschaft ist Befreiung durch Wahrheit. Vor Gott kannst du dich nicht verbergen. Vor ihm nützt die Maske nichts, die du vor den Menschen trägst. Er will dich sehen wie du bist, und er will dir gnädig sein. Du brauchst dich selbst und deinen Bruder nicht zu belügen, als wärest du ohne Sünde, du darfst ein Sünder sein, danke Gott dafür; denn er liebt den Sünder, aber er hasst die Sünde.‘ (aus: ‚Gemeinsames Leben’ – Dietrich Bonhoeffer, Gütersloher Verlagshaus, S. 93)

Ja, jeder Mensch braucht die Vergebung Gottes. Nüchtern-realistisch und gleichermaßen hoffnungsvoll-zuversichtlich heißt es dazu im Buch Jesus Sirach: ‚Denk an das Ende, denk an Untergang und Tod und bleib den Geboten treu! Denk an die Gebote und grolle dem Nächsten nicht, denk an den Bund des Höchsten und übersieh die Fehler!‘ (Sir 28,6f)

Wahrlich: Diese frohe Botschaft, diese Gnade des Evangeliums ist Befreiung durch Wahrheit pur!

Stefan Tausch

Impuls vom 05.09.2020 „Von der Praktikabilität voraussetzungsloser Vergebung“ von Stefan Kaiser

Das wirklich Unvergleichbare in der Religionsgeschichte und das zugleich am meisten Provozierende, was Jesus tat, war das voraussetzungslose Erbarmen, das er einem jedem zuteilwerden ließ. Zöllner und Sünder, Huren und Bettler lud er an seinen Tisch und verkündete ihnen die Gnade Gottes, von der niemand ausgeschlossen ist.

Jesus sagte nie: „Du gehörst nur dann zu uns, wenn du nach unseren Geboten und Gesetzen spielst.“ Die Praktikabilität dieses Ansatzes wird im Evangelium vom 23. Sonntag im Jahreskreis (A) verhandelt. „Hört er […] nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner!“ (Mt 18,17) Kaum zu glauben, dass ein solcher Satz aus dem Mund Jesu kommt. Zugegeben, die Messlatte ist sehr hoch, bis dass ein Mensch ausgeschlossen wird. Jesus plädiert zuerst für ein Gespräch im kleinen Kreis, also nur mit denen, die am Konflikt beteiligt sind. Scheitert eine Vermittlung, soll zum Schutz der Intimsphäre und vor Bloßstellung eine kleine Gruppe hinzugezogen werden. Nützt auch das nicht, soll die Angelegenheit in der Gemeinde mit allen diskutiert werden. Das Volk, nicht ein einzelner, soll dann entscheiden, wie das Fehlverhalten zu werten ist und ein Urteil sprechen.

Eigentlich ein vernünftiges Vorgehen. Und da nicht einem einzelnen Hirten oder Anführer die Macht des Urteils zukommt, wird hoffentlich Willkür vermieden. Aber eines wird nicht in der Schilderung des Vorgehens beschönigt: Es gibt anscheinend Vergehen und Verhaltensmuster, die den Ausschluss aus der Gemeinschaft rechtfertigen. Die Personen, die ausgeschlossen werden sollen, sollen rechtlos und gemieden werden, wie die Zöllner und Heiden der damaligen Zeit.

Wie passt das zu einem Jesus, der doch gerade zu den Zöllnern und Sündern geht. Kurz vorher, in den Versen 12-14 des 18. Kapitels des Matthäusevangeliums, berichtete Jesus vom „Guten Hirten“, der gerade zu dem einen verlorenen Schaf geht und der sich über das Zurückführen dieses Schafes mehr freut, als über die 99 gerechten Schafe. (Mt 18,12-14)

Wie passt das zu einem Jesus, der in den beiden nachfolgenden Versen des Textabschnittes auf die Frage Petri, ob er sieben Mal seinem Bruder verzeihen muss, antworten wird: „Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.“ (Mt 18,22)

Kann es eine menschliche Gemeinschaft geben, die sich auf voraussetzungslose Güte und Vergebung gründet? Für Matthäus scheint die voraussetzungslose Güte nicht mehr praktikabel zu sein, da sie unter dem Verdacht steht, missbraucht zu werden. Die Spannung zwischen dem, was Jesus wollte, und dem, was Matthäus in diesen Versen daraus macht, könnte nicht größer sein, als es in dem Satz zum Ausdruck kommt: „Er sei dir wie ein Zöllner!“

Es war doch gerade die Mission Jesu, zu den Sündern zu gehen und diese wieder hinein zu holen in die Gemeinschaft und gerade nicht auszugrenzen. Clives Staples Lewis sagte einmal: „Vergebung muss, wenn sie wirksam sein soll, nicht allein gewährt, sondern auch empfangen werden – und ein Mensch, der nicht zugibt, schuldig zu sein, kann keine Vergebung empfangen.“

Die Voraussetzung, zu der Gemeinschaft zu gehören, sind also das Wissen und die Erfahrung, dass auch ich Vergebung brauche. In dieser Erfahrung qualifiziere ich mich für die Gemeinschaft. In dieser Qualifizierung werde ich unrechtes Handeln wahrscheinlich zugeben und versuchen, Heilung für mich und die Gemeinschaft zu wirken.

Jeder, der absichtlich die voraussetzungslose Vergebung missbraucht, ist sich seines schuldhaften Verhaltens anscheinend nicht bewusst. Er scheint seine eigenen Interessen mehr im Sinn zu haben als die Liebe zu seinem Nächsten und das gerechte Handeln. Er sondert sich damit von Gott und der Gemeinschaft ab, er sündigt.

Das disqualifiziert ihn von der Gemeinschaft. Es disqualifiziert ihn aber niemals von der individuellen, liebenden und vergebungsvollen Hinwendung eines jeden einzelnen von uns.

Es ist also korrekt, die Gemeinschaft zu schützen, aber die Gemeinschaft darf nie eine Burg mit ausgrenzenden Mauern werden. Eine christliche Gemeinschaft muss in ihrer Lebensführung und Identität Christus als Maßstab haben. Ihr dürfen niemals diejenigen egal sein, die noch nicht oder nicht mehr zu ihr gehören und das einzelne Mitglied der Gemeinschaft darf nie vergessen, dass der Außenstehende, den er oder sie trifft, ein geliebtes Kind Gottes ist, dem er oder sie zu einem Weg zur Gemeinschaft werden kann. Der Einzelne kann das Vorbild werden, auch nach den Maßstäben der Gemeinschaft zu leben. Eine Gemeinschaft darf einem Menschen Grenzen setzen, aber ein jeder ist aufgerufen, Grenzen zu überwinden.

 

 

 

Impuls vom 29.08.2020 „Das Kreuz als Zeichen der Befreiung“ von Stefan Kaiser

Wenn ich heute auf einem Platz in Minsk in Belarus stehen und einen demonstrierenden Menschen fragen würde, was denn das Kostbarste sei, wäre seine Antwort vielleicht „Freiheit“.

Es kostet überhaupt nichts, mit den herrschenden Meinungen mit zuschwimmen oder in autoritären Regimen mitzuspielen, doch frei zu werden, vielleicht auch im Widerspruch zur allgemeinen Ansicht zu stehen, kostet womöglich viel – im Fall von Belarus Repressionen, Gefängnis oder Tod.

Die Frage ist, nehme ich die Konsequenzen für die Aussicht auf Freiheit an oder bleibe ich unfrei. Jesus würde fragen: „Bist du bereit, dein Kreuz zu tragen?“

Das Kreuz auf sich zunehmen heißt, die Konsequenzen seiner freien Entscheidung anzunehmen, zu wissen, dass der Weg, den ich frei wähle, auch scheitern kann – zumindest auf dem ersten Blick.

Wir kennen solche Entscheidungen auch aus unserem Alltag: Nehmen wir beispielsweise die Partnerschaft. Wenn ich mich zu einer Partnerschaft entscheide, nehme ich in Kauf, dass ich traurig gemacht und betrogen werden kann, dass die Beziehung am Ende scheitern könnte. Ist es deswegen sinnvoller keine Beziehung einzugehen? Ich denke nicht. Und ich denke, dass dann die Angst vor dem Scheitern einer Beziehung meine Freiheit beschneidet. Wenn mich die Angst bestimmt, wenn ich ausschließlich von ihr getrieben werde, kann ich mich nicht frei für oder gegen eine Beziehung entscheiden.

Wer also eine Beziehung eingeht, ist bereit, das Kreuz auf sich zu nehmen. Und so, wie der Verurteilte das Kreuz auf sich nimmt für seine Tat und zudem noch nicht weiß, wo er ankommen wird, so weiß der Liebende am Anfang der Partnerschaft auch noch nicht, wohin die Beziehung führen wird. Zwischen Kreuzaufnahme und Kreuzigung liegen meistens lange Strecken, auf denen es noch so manche Wendung gibt und an deren Ende nicht der Tod stehen muss. Das Kreuz auf sich nehmen heißt also erst einmal nur, eine freie Entscheidung zu treffen und die Konsequenzen in Kauf zu nehmen.

Und für uns Christen wird die Entscheidung noch einfacher, denn wir kennen schon die Auflösung von allem: Wir wissen, dass es die Auferstehung gibt. Wir wissen bereits, dass es im Verlust des Lebens für uns Gewinn gibt.

Das Aufnehmen des Kreuzes soll für uns kein Zwang zum Leid sein. Wir sollen nicht meinen, wir folgen Jesus nur dann gut, wenn es uns schlecht geht, wenn wir möglichst viele Repressionen und Schicksalsschläge erleiden. Dann würden wir gegen den Willen Gottes handeln, der ja das Gute für uns will.

Gott will uns stattdessen sagen: Ihr seid frei! Denn es gibt nichts, wovor ihr euch fürchten müsst! An mir seht ihr: Ich bin auferstanden und die Liebe Gottes zu euch überwindet alles, sogar den Tod. Ihr müsst keine Angst haben, früh zu sterben, denn euch gehört die Ewigkeit. Ihr müsst keine Angst haben, ausgelacht zu werden, bei mir habt ihr immer Anerkennung. Ihr müsst keine Angst haben, arm zu sein, der Reichtum des Himmels wartet auf euch.

Gott will nicht, dass wir unter unseren Kreuzen leiden. Er will, dass wir in jedem Kreuz, dass wir aufnehmen, frei werden. Er will, dass wir in jedem Kreuz, dass wir mit seinen negativen Möglichkeiten aufnehmen, wissen, dass das Ende nicht Golgotha, sondern das Paradies sein wird.

Und deswegen soll uns der Gedanke, dass wir auferstehen und dass es ein Jenseits gibt, nicht vertrösten auf etwas Kommendes, sondern uns befreien, bereits hier in Freiheit und Freude zu leben.

Stefan Kaiser

Impuls vom 22.08.2020 "Ihr aber..." von Stefan Tausch

Kirche im Wandel: Fest soll mein Taufbund immer stehen

‚Du bist Petrus – der Fels – und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.‘ (vgl. Mt 16,18)  Anlässlich der Taufe seines Neffen im Mai 1944 schrieb der damals von den Nazis inhaftierte und später hingerichtete evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer in einem Brief an den Täufling zu diesem Wort Jesu aus dem aktuellen Sonntagsevangelium (21. Sonntag im Lesejahr A) u.a. folgende passende Worte, die m.E. einerseits wachrütteln und sensibilisieren, andererseits zugleich aber als auch ermutigen und anspornen können. Damals wie heute, weil sich zu allen Zeiten in der Kirche aus unterschiedlichsten Gründen sehr vieles wandelt und alles andere als felsenfest ein für alle Mal in Stein gemeißelt zu sein scheint:

Du wirst heute zum Christen getauft. Alle die alten großen Worte der christlichen Verkündigung werden über Dir ausgesprochen und der Taufbefehl Jesu Christi wird an Dir vollzogen, ohne dass Du etwas davon begreifst.

 Aber auch wir selbst sind wieder ganz auf die Anfänge des Verstehens zurückgeworfen. Was Versöhnung und Erlösung, was Wiedergeburt und Heiliger Geist, was Feindesliebe, Kreuz und Auferstehung, was Leben in Christus und Nachfolge Christi heißt, das alles ist so schwer und so fern, dass wir es kaum mehr wagen, davon zu sprechen. In den überlieferten Worten und Handlungen ahnen wir etwas ganz Neues und Umwälzendes, ohne es noch fassen und aussprechen zu können. Das ist unsere eigene Schuld.

Unsere Kirche, die in diesen Jahren nur um ihre Selbsterhaltung gekämpft hat, als wäre sie ein Selbstzweck, ist unfähig, Träger des versöhnenden und erlösenden Wortes für die Menschen und für die Welt zu sein. Darum müssen die früheren Worte kraftlos werden und verstummen, und unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neugeboren werden aus diesem Beten und diesem Tun.

 Bis du groß bist, wird sich die Gestalt der Kirche sehr verändert haben. Die Umschmelzung ist noch nicht zu Ende, und jeder Versuch, ihr vorzeitig zu neuer organisatorischer Machtentfaltung zu verhelfen, wird nur eine Verzögerung ihrer Umkehr und Läuterung sein.

 Es ist nicht unsere Sache, den Tag vorauszusagen – aber der Tag wird kommen -, an dem wieder Menschen berufen werden, das Wort Gottes so auszusprechen, dass sich die Welt darunter verändert und erneuert. Es wird eine neue Sprache sein, vielleicht ganz unreligiös, aber befreiend und erlösend, wie die Sprache Jesu, dass sich die Menschen über sie entsetzen und doch von ihrer Gewalt überwunden werden, die Sprache einer neuen Gerechtigkeit und Wahrheit, die Sprache, die den Frieden Gottes mit den Menschen und das Nahen seines Reiches verkündigt.

 „Und sie werden sich verwundern und entsetzen über all dem Guten und über all den Frieden, den ich ihnen geben will.“ (Jerem. 33,9). Bis dahin wird die Sache der Christen eine stille und verborgene sein; aber es wird Menschen geben, die beten und das Gerechte tun und auf Gottes Zeit warten. (Quelle: ‚Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung – Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft’, Hg. Eberhard Bethge, Chr. Kaiser/Gütersloher Verlagshaus, S. 156f)                                                                                                    

So galt und gilt lebendig und dynamisch: ‚Du bist Petrus – der Fels – und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.‘ (vgl. Mt 16,18)                                                                                                                      Stefan Tausch

Impuls vom 15.08.2020 "Ausweiten" von Karin Stump

Ausweiten  Jes 56, 1.6-7; Mt 15, 21-28

Vor 15 Jahren, am 16.8.2005, wurde in Taizé Frère Roger Schutz, der Gründer der ökumenischen Gemeinschaft, von einer psychisch gestörten Frau ermordet.

„Ausweiten“ war das Thema seines letzten Briefes, der unvollendet blieb. Grenzen sprengen, Feindschaft und Vorurteile überwinden zwischen Völkern und Konfessionen – das war sein Anliegen…

Wo brauchen Sie mehr Weite? Als Getaufte ist es uns ins Stammbuch geschrieben, weit und groß zu denken und zu handeln. Wozu lockt Sie das Wort Frère Rogers vom „Ausweiten“?

Sommerzeit, Urlaubszeit, viele suchen das Weite, die Weite – manche suchen das Neue oder Fremde. – Lassen Sie uns dazu zunächst einen weiten Schritt zurück gehen und in die Geschichte Israels eintauchen.

Gott hatte sich das Volk Israel besonders erwählt. Wie war das gemeint? Exklusiv? Oder als Ausgangspunkt? Auch zu Lebzeiten Jesu kam die Frage auf: Wem gilt Gottes Bund und Heilsversprechen? Unter den frühen Christen fragten sich dann manche, ob sie, die vom jüdischen Glauben herkamen, das Brot Jesu Christi auch mit den Fremden teilen müssten. Umfasste Jesu Heilsangebot auch heidnische Menschen? Wie sollten Christen sich verhalten gegenüber Fremden und Andersgläubigen?

Das Evangelium erzählt: Jesus selbst hat Grenzen überschritten. Er ist in die nicht-jüdischen Gebiete gegangen. Auch Jesus nahm zunächst an, sein Auftrag, beschränke sich auf das Volk Israel. Die heidnische Frau bleibt hartnäckig und bittet den Rabbi um Heilung für ihre Tochter. Sie bringt Jesus dazu, traditionelle Bilder von Gott und seinem Heilsangebot zu überschreiten. Sie fordert diese Wandlung und Öffnung Jesu durch ihren beharrlichen Glauben heraus. Er erfüllt ihre Bitte. Für ihn zählt nun nicht mehr die Herkunft, sondern allein der Glaube.

Auch die Kirche steht immer wieder in der Gefahr, Andersgläubige auszugrenzen oder Ansprüche und Forderungen an Fremde, Andersdenkende oder Anderslebende zu entwickeln. Das Evangelium macht klar: Christen in der Nachfolge Jesu dürfen schlechthin nicht fremdenfeindlich sein. Die christliche Botschaft verträgt sich nicht mit Rassismus oder Nationalismus!

Ausweiten – so hatte Frère Roger seine letzte Botschaft 2005 überschrieben. Nicht Ansprüche, Abgrenzung oder Privilegien zählen, sondern gelebter weiter Glaube!

Suchen wir in diesem Sinne das Weite, die Weite Gottes.                                                                   Karin Stump

Impuls vom 08.08.2020 "Warum habt ihr solche Angst?" von Papst Franziskus

Auszüge aus der Predigt von Papst Franziskus am 27. März 2020 beim Gebet in der Pandemie auf dem Petersplatz

»Am Abend dieses Tages« (Mk 4.35). So beginnt das eben gehörte Evangelium. Seit Wochen scheint es, als sei es Abend geworden. … Wir sind verängstigt und fühlen uns verloren. Wie die Jünger des Evangeliums wurden wir von einem unerwarteten heftigen Sturm überrascht. Uns wurde klar, dass wir alle im selben Boot sitzen, alle schwach und orientierungslos sind, aber zugleich wichtig und notwendig, denn alle sind wir dazu aufgerufen, gemeinsam zu rudern, alle müssen wir uns gegenseitig beistehen. Auf diesem Boot … befinden wir uns alle. Wie die Jünger, die wie aus einem Munde angsterfüllt rufen: »Wir gehen zugrunde« (vgl. V. 38), so haben auch wir erkannt, dass wir nicht jeder für sich, sondern nur gemeinsam vorankommen.

Leicht finden wir uns selbst in dieser Geschichte wieder. Schwieriger ist es da schon, das Verhalten Jesu zu verstehen. Während die Jünger natürlich alarmiert und verzweifelt sind, befindet er sich am Heck, in dem Teil des Bootes, der zuerst untergeht. Und was macht er? Trotz aller Aufregung schläft er friedlich, ganz im Vertrauen auf den Vater – es ist das einzige Mal im Evangelium, dass wir Jesus schlafen sehen. Als er dann aufgeweckt wird und Wind und Wasser beruhigt hat, wendet er sich vorwurfsvoll an die Jünger: »Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?« (V. 40).

Versuchen wir zu verstehen. Worin besteht der Glaubensmangel der Jünger, der im Kontrast steht zum Vertrauen Jesu? Sie hatten nicht aufgehört, an ihn zu glauben, sie flehen ihn ja an. Aber schauen wir, wie sie ihn anrufen: »Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?« (V. 38). Kümmert es dich nicht: Sie denken, dass Jesus sich nicht für sie interessiert, dass er sich nicht um sie kümmert. Im zwischenmenschlichen Bereich, in unseren Familien, ist es eine der Erfahrungen, die am meisten weh tun, wenn einer zum anderen sagt: „Bin ich dir egal?“ Das ist ein Satz, der schmerzt und unser Herz in Wallung bringt. Das wird auch Jesus erschüttert haben. Denn niemand sorgt sich mehr um uns als er. In der Tat, als sie ihn rufen, rettet er seine mutlosen Jünger.

Der Sturm legt unsere Verwundbarkeit bloß und deckt jene falschen und unnötigen Gewissheiten auf, auf die wir bei unseren Plänen, Projekten, Gewohnheiten und Prioritäten gebaut haben. Er macht sichtbar, wie wir die Dinge vernachlässigt und aufgegeben haben, die unser Leben und unsere Gemeinschaft nähren, erhalten und stark machen. Der Sturm entlarvt all unsere Vorhaben, was die Seele unserer Völker ernährt hat, „wegzupacken“ und zu vergessen; all die Betäubungsversuche mit scheinbar „heilbringenden“ Angewohnheiten, die jedoch nicht in der Lage sind, sich auf unsere Wurzeln zu berufen und die Erinnerung unserer älteren Generation wachzurufen, und uns so der Immunität berauben, die notwendig ist, um den Schwierigkeiten zu trotzen.

»Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?« Herr, dein Wort heute Abend trifft und betrifft uns alle. In unserer Welt, die du noch mehr liebst als wir, sind wir mit voller Geschwindigkeit weitergerast und hatten dabei das Gefühl, stark zu sein und alles zu vermögen. In unserer Gewinnsucht haben wir uns ganz von den materiellen Dingen in Anspruch nehmen lassen und von der Eile betäuben lassen. Wir haben vor deinen Mahnrufen nicht angehalten, wir haben uns von Kriegen und weltweiter Ungerechtigkeit nicht aufrütteln lassen, wir haben nicht auf den Schrei der Armen und unseres schwer kranken Planeten gehört. Wir haben unerschrocken weitergemacht in der Meinung, dass wir in einer kranken Welt immer gesund bleiben würden. Jetzt, auf dem stürmischen Meer, bitten wir dich: „Wach auf, Herr!“

Wir sind nicht unabhängig, allein gehen wir unter. Wir brauchen den Herrn so wie die alten Seefahrer die Sterne. Laden wir Jesus in die Boote unseres Lebens ein. Übergeben wir ihm unsere Ängste, damit er sie überwinde. Wie die Jünger werden wir erleben, dass wir mit ihm an Bord keinen Schiffbruch erleiden. Denn das ist Gottes Stärke: alles, was uns widerfährt, zum Guten zu wenden, auch die schlechten Dinge. Er bringt Ruhe in unsere Stürme, denn mit Gott geht das Leben nie zugrunde.

Wir haben einen Anker: durch sein Kreuz sind wir gerettet. Wir haben ein Ruder: durch sein Kreuz wurden wir freigekauft. Wir haben Hoffnung: durch sein Kreuz sind wir geheilt und umarmt worden, damit nichts und niemand uns von seiner erlösenden Liebe trennen kann.

Das eigene Kreuz anzunehmen bedeutet, den Mut zu finden, alle Widrigkeiten der Gegenwart anzunehmen und für einen Augenblick unser Lechzen nach Allmacht und Besitz aufzugeben, um der Kreativität Raum zu geben, die nur der Heilige Geist zu wecken vermag. Es bedeutet, den Mut zu finden, Räume zu öffnen, in denen sich alle berufen fühlen, und neue Formen der Gastfreundschaft, Brüderlichkeit und Solidarität zuzulassen. Durch sein Kreuz sind wir gerettet, damit wir die Hoffnung annehmen und zulassen, dass sie alle möglichen Maßnahmen und Wege stärkt und unterstützt, die uns helfen können, uns selbst und andere zu beschützen. Den Herrn umarmen, um die Hoffnung zu umarmen – das ist die Stärke des Glaubens, der uns von der Angst befreit und uns Hoffnung gibt.

Herr, segne die Welt, schenke Gesundheit den Körpern und den Herzen Trost. Du möchtest, dass wir keine Angst haben; doch unser Glaube ist schwach und wir fürchten uns. Du aber, Herr, überlass uns nicht den Stürmen. Sag zu uns noch einmal: »Fürchtet euch nicht« (Mt 28,5).

Papst Franziskus

Impuls vom 01.08.2020 "Dieser Jesus provoziert mich!" von Padre Zezinho SCJ

Dieser Jesus provoziert mich!

Ich rege mich auf und Er sagt mir: verzeih
Ich habe Angst und Er sagt mir: hab Mut!
Mir ist ängstlich zumute und Er sagt mir: bleib ruhig!
Ich will alleine bleiben und Er sagt mir: komm, folge mir!
Ich schmiede Pläne und Er sagt mir: gib sie auf!
Ich verschaffe mir Besitz und Er sagt mir: lass ihn los!
Ich will Sicherheit und Er sagt mir: ich verspreche sie dir nicht!

Ich meine, ich wäre gut, und Er sagt mir: das reicht dir nicht!
Ich will Chef spielen und Er sagt mir: versuche zu dienen! –
Ich will befehlen und Er sagt mir: gehorche!
Ich will begreifen und Er sagt mir: glaube!
Ich will Klarheit und Er redet mir in Gleichnissen.
Ich will Ruhe und Er will, dass ich unruhig bin.
Ich greife zum Schwert und Er sagt mir: steck es ein!
Ich sinne auf Rache und Er sagt mir: halt auch die andere Backe hin!
Ich rede vom Frieden und Er sagt mir, er sei gekommen, um das Schwert zu bringen.
Ich versuche, die Dinge zu glätten und Er sagt mir, er sei gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen.
Ich will größer sein und Er sagt mir: Werde wie ein Kind!
Ich will mich verstecken und Er sagt mir: zeig dein Licht!
Ich will den ersten Platz und Er sagt mir: setz dich auf den letzten!
Ich will gesehen werden und Er sagt mir: bete im Verborgenen!

Dieser Jesus provoziert mich.
Wie so viele von seinen Jüngern hätte auch ich Lust,
mir einen anderen Meister zu suchen,
der klarer ist und mich weniger fordert.
Aber mir geht es wie Petrus: ich kenne keinen,
der, wie Er, Worte des ewigen Lebens hat.
Und deshalb bleibe ich bei Ihm.

 Padre Zezinho SCJ

Impuls vom 25.07.2020 "Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch!" von Stefan Tausch

Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch! (Phil 4,4)

Viel Spaß! Viel Vergnügen! Viel Freude! Wir alle gebrauchen solche oder ähnliche Formulierungen, um anderen alles Gute zu wünschen – für einen Weihnachtsmarktbesuch, für eine Geburtstagsfeier, für eine Urlaubsreise usw. Daneben gibt’s die Frohe Botschaft des christlichen Glaubens, die umfassender ist und tiefer greift als bisweilen einzig oberflächliche Wünsche zum Gelingen einer Veranstaltung. Sehr ähnlich ergeht es wohl dem Apostel Paulus, als er den Philipperbrief verfasst – äußerlich kalt gestellt und gefesselt im Gefängnis ist er innerlich fasziniert und gefesselt von der ‚Freude im Herrn‘, so dass er trotz der widrigen Umstände des Gefängnisaufenthalts schreiben kann: ‚Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch!‘

Viele Jahre später als Paulus bringt der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer seine Gedanken zur christlichen Freude so zum Ausdruck: ‚Bei Gott wohnt die Freude, und von ihm kommt sie herab und ergreift Geist, Seele und Leib, und wo diese Freude einen Menschen gefasst hat, dort greift sie um sich, dort reißt sie mit, dort sprengt sie verschlossene Türen. Es gibt eine Freude, die von Schmerz, Not und Angst des Herzens gar nichts weiß; sie hat keinen Bestand, sie kann nur für Augenblicke betäuben. Die Freude Gottes ist durch die Armut der Krippe und die Not des Kreuzes gegangen; darum ist sie unüberwindlich, unwiderleglich. Sie leugnet nicht die Not, wo sie da ist, aber sie findet mitten in ihr, gerade in ihr, Gott; sie bestreitet nicht die ernste Sünde, aber sie findet gerade in ihm das Leben. Um diese Freude, die überwunden hat, geht es. Sie allein ist glaubwürdig, sie allein hilft und heilt.‘ (aus: ‚Schott-Messbuch für die Wochentage, Teil I, Herder, S. 622f).

Bis heute scheiden sich an der Frohen Botschaft die Geister! Die einen plädieren für ‘leicht verdauliche Kost‘ und favorisieren einen ‚kuscheligen Wohlfühlkatholizismus‘; andere wünschen sich eine ‚Schwarzbrot-Spiritualität‘ (Fulbert Steffensky), an der sie zwar richtig zu kauen haben, die allerdings zugleich gesunder und nahrhafter ist. Dazu einige Gedanken von Pater Franz Meures SJ: ‘Welche Botschaft verkünden wir? In Absetzung zur so genannten „Drohbotschaft“ ist in den letzten Jahrzehnten in den Kirchen vor allem eine Botschaft verkündet worden, in der fast ausschließlich die Liebe, Güte, Nähe Gottes zur Sprache kam. In extremen Fällen kann man zu Recht von einer „Wellness-Spiritualität“ sprechen. Gewiss, für Anfänger im Glaubensleben oder für Konvertiten ist dies sehr ermutigend, benennt aber schon bald nicht mehr die Erfahrungen, die diese Menschen wirklich machen. Es tritt ein gegenteiliger Effekt ein: Die fast ausschließliche Verkündigung des nahen, tröstenden und liebenden Gottes, wirkt wie eine Ausgrenzung auf jene, die in tiefem Zweifel stecken oder lange Zeiten der Gottesferne durchleben. In einer Zeit, wo es keine Selbstverständlichkeit mehr ist, sich zum Glauben an Jesus Christus zu bekennen, kann nur zu viel größerer Nüchternheit und Ehrlichkeit geraten werden. Es gilt, die ursprüngliche und genuine Auferstehungserfahrung in ihrer ganzen Fülle ernst zu nehmen und zu verkünden. „Ja, wir glauben an den Auferstandenen, sind aber selbst oft Tastende, Irrende und Zweifelnde.“ Dies würde denen sehr helfen, die treu und doch oft in großer innerer Not und Dunkelheit den Weg mit der Kirche gehen. Und es wäre eine sanfte und ehrliche Öffnung gegenüber denen, die ihn nicht gehen.‘ (Franz Meures SJ: „Er ist nicht hier“ Osterglaube als Teilhabe an der Gottesferne – in: OK Ordenskorrespondenz, 2020/Heft 1, S. 10f)

Angesichts der obigen Gedanken klingen die Worte des hl. Paulus m.E. ‚geerdeter und zugleich gehimmelter‘: ‚Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch!‘

Stefan Tausch

Impuls vom 18.07.2020 "Gönne dich dir selbst" von Bernhard von Clairvaux

GÖNNE DICH DIR SELBST

Bernhard von Clairvaux schreibt an seinen früheren Mönch Papst Eugen III:

Wo soll ich anfangen? Am besten bei deinen zahlreichen Beschäftigungen, denn ihretwegen habe ich am meisten Mitleid mit dir. Ich fürchte, dass du eingekeilt in deine zahlreichen Beschäftigungen, keinen Ausweg mehr siehst und deshalb deine Stirn verhärtest; dass du dich nach und nach des Gespürs für einen durchaus richtigen und heilsamen Schmerz entledigst.

Es ist viel klüger, du entziehst dich von Zeit zu Zeit deinen Beschäftigungen, als dass sie dich ziehen und dich nach und nach an einen Punkt führen, an dem du nicht landen willst. Wenn du dein ganzes Leben und Erleben völlig ins Tätigsein verlegst und keinen Raum mehr für Besinnung vorsiehst, soll ich dich da loben? Darin lob ich dich nicht.

Ich glaube, niemand wird dich loben, der das Wort Salomons kennt: „Wer seine Tätigkeit einschränkt, erlangt Weisheit.“ (Sir 38,25) Und bestimmt ist es der Tätigkeit selbst nicht förderlich, wenn ihr nicht die Besinnung vorausgeht. Wenn du ganz und gar für alle da sein willst, nach dem Beispiel dessen, der allen alles geworden ist (1 Kor 9,22, lobe ich deine Menschlichkeit – aber nur, wenn sie voll und echt ist.

Wie kannst du aber voll und echt Mensch sein, wenn du dich selbst verloren hast? Auch du bist ein Mensch. Damit deine Menschlichkeit allumfassend und vollkommen sein kann, musst du also nicht nur für alle anderen, sondern auch für dich selbst ein aufmerksames Herzhaben. Denn was würde es dir nützen, wenn du – nach dem Wort des Herrn (Mt16,26) – alle gewinnen, aber als einzigen dich selbst verlieren würdest? Wenn also alle Menschen ein Recht auf dich haben, dann sei auch du selbst ein Mensch, der ein Recht auf sich selbst hat. Warum sollest einzig du selbst nichts von dir haben? Wie lange bist du noch ein Geist, der auszieht und nie wieder heimkehrt (Ps 78,39) ? Wie lange noch schenkst du allen anderen deine Aufmerksamkeit, nur nicht dir selber!

Ja, wer mit sich selbst schlecht umgeht, wem kann der gut sein? Denk also daran: Gönne dich dir selbst.

Ich sag nicht: Tu das immer, ich sage nicht: Tu das oft, aber ich sage: Tu es immer wieder einmal. Sei wie für alle anderen auch für dich selbst da, oder jedenfalls sei es nach allen anderen.

 BERNHARD VON CLAIRVAUX

Impuls vom 11.07.2020 "So oder so: Wir gehören Christus!" von Stefan Tausch

Die Benediktinermönche im sauerländischen Meschede haben dieses Pauluswort in der Architektur ihrer Klosterkirche aus den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts sehr gut und anschaulich zum Ausdruck gebracht. Mehrfach am Tag versammeln sich die Mönche in der Kirche zu liturgischen Feiern im Halbkreis um den Altar, dem Symbol für Christus; darüber hängt ein beeindruckendes großes Kreuz, ebenfalls Hinweis auf den Auferstandenen. Die andere Hälft des Kreises bildet der Klosterfriedhof, der direkt hinter der Kirche liegt – ebenfalls als Halbkreis angelegt. So bringen die Benediktiner architektonisch zum Ausdruckt, was unser christliches Leben im Kern ausmacht: ‚Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn.‘ (vgl. Röm 14, 7-9)

Wir gehören (zu) Jesus Christus; er ist Mitte und Dreh- und Angelpunkt unseres Glaubens – im Leben, im Sterben und auch im Tod. In guten und schlechten, in gesunden und kranken, in jungen und alten Tagen gilt und trägt das Wort des Apostels Paulus: ‚Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch Gewalten, weder Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.‘ (Röm 8,38f)

Aus dieser Glaubensüberzeugung heraus brachten die deutschen Bischöfe das Geheimnis unseres Glaubens mit folgenden Worten zum Ausdruck: Christen gedenken der Toten, weil sie leben, nicht damit sie leben. (aus: ‚Tote begraben und Trauernde trösten – Bestattungskultur im Wandel aus katholischer Sicht‘ – Herausgeber: Die deutschen Bischöfe, 20. Juni 2005 > S. 56)

Insofern verlassen uns unsere Verstorbenen, verlassen wir unsere Toten im Sterben nicht wirklich. Sie wechseln einzig die Seite. Sie sind uns lediglich ein Stück voraus, ohne dass wir sie und sie uns für immer verlieren: ‚Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn.‘ (vgl. Röm 14, 7-9)

Stefan Tausch

Impuls vom 04.07.2020 "Eine Oase der Barmherzigkeit" von Karin Stump

(Sach 9, 9-10;   Mt 11, 25-30 )

Leichtigkeit, Ruhe, Freude und Frieden – wer sehnte sich nicht danach. Viele kurzfristige Erlebnismöglichkeiten werden dazu auf dem Markt angeboten, versprechen Spaß, Abenteuer, intensives Erleben. Ist das unsere Rettung? Wohl eher kurzweiliges Vergnügen. Umfassender Friede oder Seelenheil sind dagegen schwer zu haben, schon gar nicht zu kaufen oder zu machen. Aber genau Frieden für die Völker und Ruhe für die Seele – das verheißt Jesus Christus.

„Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; er ist demütig. Er verkündet für die Völker den Frieden.“ Die prophetischen Worte der Lesung richteten sich an die Israeliten im babylonischen Exil. Der Prophet weiß: Gott kann nicht mit ansehen, wie sein Volk verkümmert. So sagt er ihm wieder seine Nähe und Hilfe zu und verspricht darüber hinaus Frieden „für die Völker“.

Als Jesus auf einem Esel in Jerusalem einzieht, sehen seine Freunde diese Verheißungen erfüllt.

Die Zeit des Friedens ist schon da, trotz allen Unfriedens. Wenn wir uns am Ende fühlen, kann Gott mit uns anfangen! Wenn wir heimatlos sind, kann Gott uns Heimat werden. Wenn wir schuldig geworden sind, kann Gott uns vergeben.

Jesus kannte die unzähligen Gesetzesvorschriften der Schriftgelehrten damals, die für einfache Menschen so schwer einzuhalten waren. Er weiß um die Alltagsbeschwernisse heute. Jesus lädt ein, Lasten abzulegen. Jesus ordnet die Gebote von innen her neu. Im Zentrum steht: Barmherzigkeit.

Bin ich nicht auch manchmal so eine Kluge, die andere ausgrenzt? Wo muss ich meine Haltung ändern? Und die Kirche? Legt sie nicht Menschen Lasten auf durch theologische Prinzipien, kirchliche Gebote und Vorschriften? Wie steht es um Großmut, um Barmherzigkeit in unseren Gemeinschaften?

Zuweilen legen wir uns auch selbst strenge Regeln auf. Da tut Jesu Ruf einfach gut. Er ist wie eine Oase der Barmherzigkeit.

Barmherzig anderen Raum geben, Last abnehmen. Und die Klugen und Unbarmherzigen auch mal konfrontieren. So bringt Jesus Frieden.

Karin Stump

Impuls vom 27.06.2020 "Was für ein Kreuz mit dem Kreuz!" von Stefan Tausch

‚Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert.‘ (vgl. Mt 10,38)  Für viele bedeutet das Kreuz Christi Ärgernis, Last und Irritation. Viele möchte es abschütteln und ausblenden, weil es vermeintlich nicht zur ‚frohen Botschaft‘ passt. Nicht wenige betrachten es als brutales Folterinstrument und nicht als befreiendes PLUS-Zeichen, das Himmel und Erde verbindet. Dazu einige wenige sehr deutliche Worte von Papst Franziskus: ‚Derselbe Petrus (…) sagt zu ihm (Jesus): Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. Ich folge dir, aber sprich mir nicht vom Kreuz. Das tut nichts zur Sache. Ich folge dir mit anderen Möglichkeiten, ohne das Kreuz. – Wenn wir ohne das Kreuz gehen, wenn wir ohne das Kreuz aufbauen und Christus ohne Kreuz bekennen, sind wir nicht Jünger des Herrn: Wir sind weltlich, wir sind Bischöfe, Priester, Kardinäle, Päpste, aber nicht Jünger des Herrn.‘ (Papst Franziskus, Predigt an die Kardinäle am 14. März 2013 in der Sixtinischen Kapelle) <zitiert aus: Schott-Messbuch für die Sonn- und Festtage des Lesejahres A, 2019, Herder, S. 515f>

Wie wir es auch drehen und wenden: Das Wort vom Kreuz war, ist und bleibt vielen ein Kreuz, ein Rätsel – ein ‚Kreuz-Worträtsel‘. Schon der hl. Paulus wusste darum: ‚Die Juden fordern Zeichen, die Griechen suchen Weisheit. Wir dagegen verkünden Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Heiden, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit.‘ (1 Kor 1, 22-24)

Der Franziskanermönch Bruder Helmut Schlegel OFM komponierte in Erinnerung an die Berufungsgeschichte seines Ordensgründers vor dem Kreuz in der kleinen Kirche St. Damiano in Assisi dazu vor einigen Jahren das nachfolgend zitierte Lied:

 1) Ein Kreuz durchkreuzte seine Pläne, durchkreuzte seine Träume,
vom Kreuze her sprach Er das unerhörte Wort:

Franziskus, baue meine Kirche auf, sie ist zerfallen und entstellt,
verlasse dich und traue deinem Gott, dein Glaube verwandelt die Welt.

2) Ein Kreuz durchkreuzte seine Fragen, durchkreuzte all sein Suchen,
vom Kreuze her wies Er ihm einen neuen Weg:

Franziskus, baue meine Kirche auf, vom Reichtum ist sie ganz entstellt.

Sei arm wie ich und gehe meinen Weg, deine Hoffnung verwandelt die Welt.

3) Ein Kreuz durchkreuzte seine Hände, durchkreuzte seine Füße,
vom Kreuze her traf Er sein ungeschütztes Herz:

Franziskus, baue meine Kirche auf, sie ist gespalten und entstellt.

Trag ihre Wunden, halte bei mir aus, deine Liebe verwandelt die Welt.

4) Ein Kreuz durchkreuzt auch deine Wege, durchkreuzt auch deine Schritte;

vom Kreuze her fragt Er dich heute wieder an:

Baust du heut mit mir meine Kirche auf? Sie ist von Zweifeln ganz entstellt.

Hab Mut und leb‘ das Evangelium, dein Anfang verwandelt die Welt.

 ‚Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert.‘ (vgl. Mt 10,38)  Ein damals wie heute provokantes Wort Jesu, an dem sich die Geister zu allen Zeiten schieden und scheiden: ‚Denn das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit; uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft.‘ (1 Kor 1,18)

Impuls vom 20.06.2020 "Von Spatzen und Würde" von Stefan Kaiser

(Evangelium Mt 10,26-33)

Der Zusammenhang zwischen einem gewöhnlichen Spatz und der Würde ist etwas, was damals zur Zeit Jesu wie heute ein wichtiges Thema ist. Denn der entscheidende Satz, der die Wichtigkeit dieses Zusammenhangs unterstreicht, ist in Mt 10,26 zu finden: „Fürchtet euch nicht vor den Menschen!“.

Jesus weiß darum, dass wir damals wie heute am meisten Angst vor den Menschen haben müssen. Es ist kein Relikt vergangener Tage, dass Menschen sich vor Menschen fürchten müssen, wenn sie eine bestimmte Religion ausüben, wenn sie einem bestimmten Volk angehören oder eine gegenüber dem Mainstream eigentümliche Lebensweise führen.

Im Gegenteil, heute scheint die Furcht und auch die Wut noch größer zu sein als in den vermeintlich barbarischen Zeitaltern längst vergangener Jahrhunderte. In unseren heute so hoch kultivierten und humanisierten Gesellschaften müssen sich immer noch viele Menschen vor anderen Menschen fürchten.

Wie viele schwarze Menschen haben in Amerika aber auch anderswo auf der Welt Angst um ihre Rechte? Wie viele Juden haben weltweit Angst vor einem wieder aufflammenden Antisemitismus – auch hier in Deutschland? Wie viele Menschen nehmen wieder Begriffe wie „Rasse“, „Untermenschen“ oder „Neger“ in den Mund? Wie viele folgen der AfD und ihrer Diskriminierung nach ethnischen Kriterien. Viele Homosexuelle oder transsexuelle Menschen werden hier zulande und weltweit immer noch diskriminiert und ihre sexuelle Orientierung als krankhaft abgetan – auch innerhalb der römisch-katholischen Kirche.

Und da sagt Jesus: „Fürchtet euch nicht vor den Menschen!“ Und hinzu kommt das Bild von dem Spatz. Spatzen sind wahrlich nichts Besonderes. Sie gibt es in Massen, deshalb sind sie kaum etwas wert. Sie stolzieren nicht wie Pfauen, können nicht sprechen wie Papageien, sind nicht so majestätisch wie Adler. Ihr Gefieder gibt nichts her, keinen Farbtupfer, nichts. Sie sind ganz und gar gewöhnlich.

Trotzdem wird kein einziger Spatz in den Augen Gottes vergessen. Trotzdem sind sie Gott alles wert! Sie sind und bleiben Geschöpf. Sie sind wertvoll in den Augen des Schöpfers. Sie verlieren nicht an Würde. Wenn es bei den Spatzen so ist, dann doch auch bei den Menschen.

In den Augen Gottes ist jedes seiner Geschöpfe unbezahlbar und würdevoll. Alle sind wertvoll in den Augen Gottes, egal was sie verdienen, egal welchen Beruf sie ausüben, egal ob systemrelevant oder ganz und gar irrelevant, egal ob weiß oder schwarz. Seine Geschöpfe verlieren niemals ihre Würde! Keiner kann und darf seinen Geschöpfen diese Würde nehmen.

Gott lädt dazu ein, immer und überall an die Würde des Menschen zu glauben und zudem verspricht er, dass er jedes Geschöpf immer würdevoll behandeln wird und jedem, der seiner Würde beraubt wurde, seine Würde wiederzugeben.

Wer an Gott glaubt, der muss an die Würde eines jeden Menschen glauben. Wer an Gott glaubt, muss im Gesicht der Menschen und der Geschöpfe erkennen, dass dort jemand oder etwas ist, der/das vom Scheitel bis zur Sohle geliebt ist, ein wertvolles Geschöpf, dessen Haare von Gott gezählt sind. Egal ob es der Bettler an der Kirchentür ist, der Drogenabhängige an der U-Bahnhaltestelle Stadtgarten oder mein Ehemann, meine Ehefrau, oder das Mastschwein in unserer Fleischproduktion.

Gott hält uns immer wieder an, den Standard der Nächstenliebe, der Barmherzigkeit, der gegenseitigen Anerkennung der Würde beizubehalten, dafür einzutreten und keine Furcht zu zeigen.

So möchte ich mit einem Satz schließen, den Ferdinand von Schirach aus einem alten englischen Gerichtsurteil über die Würde der Menschen zitiert:

„Wir werden häufig dazu gezwungen, Standards aufzustellen, die wir selbst nicht erreichen, und Regeln festzulegen, die wir nicht selbst befriedigen können… Es ist nicht notwendig, auf die schreckliche Gefahr hinzuweisen, die es bedeutet, diese Grundsätze aufzugeben.“ (zitiert nach Ferdinand von Schirach, Die Würde ist antastbar. Essays, 5. Aufl., München 2000, 17)

Impuls vom 13.06.2020 "Vollmacht" von Karin Stump

(Ex 19, 2-6a;  Mt 9, 36 – 10, 8)

Wem geben Sie eine Vollmacht? Zum Beispiel für Ihre Bankangelegenheiten oder für den Fall, dass einmal eine Betreuung von Nöten wäre? Diese Person wählen Sie sicherlich genau aus. Das ist schließlich Vertrauenssache.

Mit Vollmacht oder voller Macht – so erleben wir manchmal Personen, denen diese Macht qua Amt zukommt, oder die diese Macht ergreifen – oder eine innere Autorität ausstrahlen.

Jesus sieht erschöpfte Menschen, die die Auflagen der damaligen jüdischen Obrigkeit nicht erfüllen können und sich von Gott verlassen oder verstoßen fühlen. Diese Menschen sind für Jesus wie ein Erntefeld, um das er sich sorgen will. Ihnen zuerst gilt: „Das Himmelreich ist nahe!“ Jesus kehrt die Verhältnisse um, spricht gerade den Menschen Gottes Nähe zu, denen sie nach gängigem Denken ferne scheint.

Dazu wählt Jesus 12 Jünger aus und gibt ihnen „Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben und alle Krankheiten und Leiden zu heilen.“

Wie gut wäre es, wenn das gelingen könnte, alle Krankheiten und Leiden zu heilen. Im Moment denken wir besonders an Corona. Aber es gibt noch so viele andere Krankheiten. Und es gibt die seelischen Leiden, die durch das Virus ausgelöst oder verstärkt wurden. Es fehlen physische Kontakte. Auch Gewalttaten sind gestiegen. Frauenhäuser verzeichnen Nachfrage. – Das sind Erntefelder heute.

Das Bild der Ernte steht auch für das Gericht Gottes. Gott wird scheiden, ent-scheiden darüber, was gut und förderlich ist für sein Reich. Da gilt es falsches religiöses und soziales Verhalten abzustellen. Aufrichten, Gottes Nähe zusprechen, befähigen – so zeigt sich Gottes Menschenfreundlichkeit. Das gibt eine gute Ernte!  Für die bisherigen Unterdrücker und Ausbeuter ist das bedrohlich (wie etwa für die fleischverarbeitende Industrie, die zum Teil auf sklavenähnlichen Arbeitsverhältnissen beruht). Für die bislang zu kurz Gekommenen ist Gottes Gericht eine Freude, wie ein Erntefest!

Gottes Nähe zusprechen, Menschen aufrichten, das braucht es heute, wo viele Menschen ohne Ruhe und Ziel sind, in sozialen Nöten, einsam oder krank.

Jesus beauftragt seine Freunde zur Mitarbeit. Er praktiziert „empowerment“, Be-vollmächtigung – und Vertrauen.

Setzen wir an die Stelle der 12 Apostelnamen unsere eigenen Namen. Jesus ruft seine Jünger und Jüngerinnen heute: Gaby, Maria, Wolfgang, Andreas… Als Getaufte und Gefirmte oder Konfirmierte sind wir gestärkt, die Nöte unserer Mitmenschen, gerade der Schwächsten, zu sehen. In der Voll-macht Jesu sind wir gerufen, jede und jeder auf die eigene Weise, Menschen kreativ und befreiend zu begegnen: „Das Himmelreich ist nahe.“

Karin Stump

Impuls vom 06.06.2020 "Glauben" von Stefan Kaiser

Was für ein schönes Evangelium (Joh 3,16-18)! Welch schöne und ermutigende Grundaussagen! Gott liebt diese Welt. Jesus kommt, nicht um die Welt zu richten, sondern um sie zu retten. Uns wird ein liebender Gott verkündet, der uns alle retten will.

Der zentrale Schlüssel zu dieser Rettung ist jenes Verb, das am häufigsten in diesen drei Versen auftaucht, nämlich ganze vier Mal. Es ist das Verb: „glauben“.

Wenn ich mich jetzt jedoch auf den Westenhellweg stellen und den Menschen zurufen würde „Der Glaube wird dich retten“, würden die meisten wahrscheinlich kopfschüttelnd an mir vorbeigehen.

Viele Menschen würden wahrscheinlich sagen, dass sie an nichts glauben wollen, was sie nicht sehen können und „Glaube“ an sich sowieso eine mindere und unbegründete Art der Erkenntnis und heute nicht mehr zeitgemäß sei.

Aber das Wort „glauben“, welches das griechische Wort πίστις (pistis) meint und das auf das hebräische Wort אמן (aman) zurückgeht, steht für „vertrauen“ oder „sein Herz an etwas hängen“ oder „sich an oder in etwas festmachen“.

Dabei ist das Festmachen in oder an etwas eine essentielle Angelegenheit, die Leben gelingen lässt. Und die Dinge, in und an denen wir uns festmachen, sind nicht immer unbedingt Dinge, die wissenschaftlich begründbar sind oder je sein werden. Es sind oft Dinge, auf die wir vertrauen müssen oder die von unserem Herz bestimmt werden.

Diese Bedeutungen des Verbes „glauben“ werden von uns im Alltag unbewusst andauernd praktiziert. Und jene Situationen, in denen wir dieses Verständnis von „glauben“ nutzen, kann uns helfen zu verstehen, warum der Glaube unsere Rettung sein kann.

Ein aktuelles Beispiel, bei dem Menschen ihr Herz an etwas festmachen, wo der Glaube an eine Aussage Leben retten will und was skurriler Weise anscheinend nicht als in dieser Welt wissenschaftlich evident angesehen wird, ist der Ausspruch der aktuellen Protestbewegung in Amerika, die sich gegen Polizeigewalt richtet: „Black lives matter“ (Das Leben von Schwarzen zählt).

Ich finde es bestürzend, dass man das überhaupt sagen muss. Denn das impliziert, dass es nicht selbstverständlich ist und dass es auch anders sein könnte. Dass es genau so wahr sein könnte, dass schwarzes Leben nicht zählt.

Die Statistik über Polizeigewalt in Amerika gegen Schwarze und Hispanics zeigt, dass in Amerika anscheinend nicht jeder Mensch, nicht jeder Polizist so glaubt.

Ein Blick in die Geschichte von Amerika zeigt, dass der Glaube, dass Schwarze die gleichen Rechte haben wie Weiße, nicht immer ein Gegenstand war, an dem sich das Herz der Menschen hang. Die wenigsten machten sich an diesem Glauben fest.

Ein Blick in unsere eigene, deutsche Vergangenheit zeigt auch, dass die Würde aller Menschen ein recht neuer Glaube ist, an dem sich der Staat hängt.

Der Glaube an die Würde eines jeden Menschen, ein „Sich darin festmachen“, ein „sein Herz daran hängen“ kann der Schlüssel zur Rettung vieler sein und eventuell auch die eigene Rettung vor großem Unheil.

Und so gehen wir zurück zum christlichen Glauben und unserem Evangelium.

Christlich zu glauben heißt nicht, dass ich Glaubenssätze aufsagen und alles, was in der Bibel steht, naturwissenschaftlich erklären kann und muss oder blind jeder Aussage der Bibel unhinterfragt Wahrheit zugestehen muss.

Christlich zu glauben bedeutet, zu schauen, ob ich mein Herz an jenen Gott hängen möchte, der mir in Jesus Christus begegenet.

Das Angebot, das uns der christliche Glaube macht, ist, darauf zu vertrauen, dass da ein Gott ist, der uns liebt, der das Beste für uns möchte. Das Angebot des christlichen Glaubens ist es, dass da ein Gott ist, der uns zeigt, dass Liebe eine Kraft ist, die die Welt verändern kann. Es ist das Angebot, dass das Suchen des Göttlichen in meinem Nächsten zu einem wirklich würdevollen Umgang miteinander führt.

Es ist das Angebot unseres Gottes, sich in ihm und seiner Liebe festzumachen und damit heilsames, rettendes Leben für die Welt zu leben.

Und wenn wir versuchen wollen, aus dieser Perspektive heraus unser Leben zu gestalten, können wir bewusst das hebräische Wort für „glauben“ nutzen: nämlich Aman, beziehungsweise: Amen.

Ich glaube, dass der christliche Glaube, die christliche Perspektive auf diese Welt die Welt und unser Miteinander rettend und heilsam gestalten kann. Mache ich mein Herz daran fest, halte ich es für wahr; vertraue ich darauf, erfahre ich Rettung.

Der Glaube, also unser „Amen“, rettet.

 

Ihr Stefan Kaiser

Impuls vom 30.05.2020 "Der Heilige Geist – die göttliche Störung!" von Stefan Tausch

Isolierstation, Quarantäne, Kontaktsperre, Besuchsverbot! Wie in strengen Coronazeiten waren ‚die Jünger am Abend des ersten Tages der Woche aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen.‘ (vgl. Joh 20,19) Aus Angst also besser auf Nummer sicher gehen! Einigeln, abschotten, erinnern und trauern über die ‘gute alte Zeit mit Jesus’, als die Welt noch in Ordnung war: ‚Er war einer von uns, einer für uns. Er hatte uns angesteckt mit dem Feuer der Liebe. Und jetzt? Sein Kreuz, sein Tod durchkreuzte unsere Pläne. Jetzt sind wir angesteckt vom Angstvirus – Angst vor den Juden und im Grunde genauso viel Angst um uns selbst, um unser Leben, unsere Zukunft, unsere schöne Gemeinschaft. Alles bröckelt. Alles droht zusammenzufallen wie ein Kartenhaus.‘

Und dann überwindet der Auferstandene plötzlich und unerwartet ihre Isolation   hinter gut gesicherten und verbarrikadierten Türen: ‚Friede! Seid gesandt! Empfangt den Heiligen Geist!‘ (vgl. Joh 20, 19-22) Auf Rückzug und Resignation folgt jetzt der  dynamische Aufbruch weit hinaus über alle bisher wie auch immer gezogenen Grenzen. Katholisch im wahrsten Sinne des Wortes: weltweit, weltoffen, weltumfassend. Die frohe Botschaft des Auferstandenen überwindet sämtliche  Barrieren und alle Skepsis. Schluss mit aller Angst vor der  Ansteckungsgefahr des heiligen Geistes!

Ja, der heilige Geist überrascht, irritiert und ruft heraus aus alten Denkmustern – um des Lebens, um der Liebe, um des Friedens willen!

Darum lasst Euch vom heiligen Geist beunruhigen, unterbrechen und wachrütteln: Die beiden ‘Elemente’, die in der Pfingstgeschichte als die Begleiterscheinungen und Symbole des Heiligen Geistes erscheinen, Sturmwind und Feuer, sind die unheimlichsten unter allen Elementen, und sie lassen nichts, was sie ergreifen, an seinem Ort und in seinem Zustand. … Wer an den Heiligen Geist als die schöpferische Aktivität Gottes glaubt und in diesem Glauben um das Kommen dieses Geistes bittet, der muss wissen, dass er damit die göttliche Störung herbeiruft und sich dafür offen hält, dass Gott ihn stört in seinem ‘Besitz’, in seinen Gewohnheiten, auch seinen Denkgewohnheiten, wenn sie nicht mehr dafür taugen, ein Gefäß der heilsamen Unruhe und der aufregenden Wahrheit zu sein. Wer also bittet: ‘Komm, Heiliger Geist!’, muss auch bereit sein zu bitten: Komm und störe mich, wo ich gestört werden muss. (Schott-Messbuch für die Sonn- und Festtage des Lesejahres A, 2019, Herder, S. 339)

In diesem Sinne wünsche ich uns, unserer Zeit stürmisch-feurige Zeiten!

 

Impuls vom 23.05.2020 "Verherrlichung" von Stefan Kaiser

„Ich habe dich auf Erden verherrlicht.“ So betet Jesus in Joh 17,4.

Aber was meint „verherrlichen“? In der biblischen Sprache bedeutet „verherrlichen“ „die Ehre erweisen“. Dabei meint „verherrlichen“ jedoch nicht unterwürfig zu sein. Es meint auch nicht, einer Gottheit irgendwelche Gaben zukommen zu lassen oder durch Rituale, Gebärden und Reichtümer die Würde einer Gottheit zu unterstreichen oder gar erst herzustellen.

Um die biblische Bedeutung von „verherrlichen“ zu verdeutlichen, lohnt der Blick auf Jesus und seinen Satz: „Ich habe dich auf Erden verherrlicht.“ (Joh 17,4)

Wie hat Jesus Gott verherrlicht? Indem er von Gott erzählte, indem er zu den Ausgestoßenen ging, indem er den Menschen half und sie heilte. In diesen Taten verherrlichte er Gott. In diesen Taten ließ er die Herrlichkeit Gottes aufleuchten. In seinem Wirken und in seinen Taten ließ er den liebenden Gott mitten in seiner herrlich geschaffenen Welt in seiner Herrlichkeit aufleuchten.

Und Gott ist jener, der seit Anbeginn der Welt alles Geschaffene an seiner Herrlichkeit teilhaben lassen will. Denn überall dort, wo sein Reich anbricht, sehen wir, wie schön, wie herrlich, diese Welt und das Leben in der Welt und miteinander sein können. Da haben wir Anteil an seiner Herrlichkeit und da ist das Leben seiner Geschöpfe antwortende Verherrlichung Gottes. So können wir Gott Ehre erweisen.

In Jesus Christus wird die Herrlichkeit Gottes in alles überbietender Weise sichtbar. Seine Herrlichkeit ist in allem Geschaffenen dort, wo Gott Raum bekommt, wo sein Reich aufbrechen darf, wo seine Welt als Schöpfung gesehen wird.

Die Herrlichkeit oder Verherrlichung Gottes ist nicht etwas, das man Gott, dem König erweisen bzw. darbieten muss, es ist etwas, dass ich in meinem Leben in dieser Welt hereinlassen bzw. aufleuchten lassen muss. In dieser Welt, mit Tod und Leid, ist uns dank Jesus gezeigt worden, dass die Verherrlichung Gottes unter uns aufbrechen kann, dass die Schöpfung, also auch wir Anteil an seiner Herrlichkeit gewinnen können.

Das geschieht auch heute: Besonders diese leidvollen Monate können zeigen, dass die Herrlichkeit Gottes nichts Jenseitiges ist, sondern etwas, das sich hier und heute durch Sie, durch mich, durch uns durchsetzen will. Denn Gott wird überall dort verherrlicht, wo Menschen heute füreinander beten, er wird dort verherrlicht, wo spontane Brieffreundschaften mit Einsamen geknüpft werden, er wird heute dort verherrlicht, wo Menschen Bedürftige unterstützen, wo Menschen aufeinander Rücksicht nehmen und einander schützen. Überall dort, wo wir heilend, betend, helfend wirken, dort lassen wir Gott in seiner Herrlichkeit eintreten, dort werden wir stückweise „zum Herrn“.

Der Kirchenvater Irenäus von Lyon (gest. um 200) schrieb: „Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch, das Leben des Menschen ist die Schau Gottes.“ (haer. IV, 20,7)

„In ihnen bin ich verherrlicht“ (Joh17,10), sagt Jesus am Ende seines Gebetes und meint damit uns. Mir macht diese Aussage Lust auf die Herrlichkeit Gottes. Zum einen kann ich von der Herrlichkeit meines Gottes berichten, indem ich aufzähle, welch herrliche Aktionen ich in den letzten Wochen beobachten konnte. Zum anderen macht es mich stolz, dass ich durch mein Wirken Gott Ehre erweisen und selbst Anteil an seiner Herrlichkeit erfahren kann.

Ich kann also, wie mir in der Taufe versprochen wurde, ein Stück weit Anteil an Gottes Königtum und damit an seiner Herrlichkeit bekommen. Seine Verherrlichung erhebt auch mich zur Herrlichkeit.

So wünsche ich uns allen in der kommenden Woche, mitten in dieser Welt, die an manchen Tagen wenig Herrliches zu bieten hat, dass wir die in ihr von Gott grundgelegte Herrlichkeit aufleuchten lassen können.

Ihr Stefan Kaiser

Impuls vom 16.05.2020 "Herzenssache" von Karin Stump

Kennen Sie die Karikatur: Da stehen Menschen bei einer Party beieinander. Ein Mann fragt das Paar, das ihm gegenüber steht: „Ach, Christen seid ihr. Christ, was macht man da so?“  Wie fremd ist doch manchen das Christsein geworden. „Christ, was macht man da so?“ – Wie würde Ihre Antwort lauten?  –

Ich würde nicht nur Gebote und Rituale aufzählen, wie etwa Taufe, Kirchgang, Feste im Kirchenjahr, Sakramentsempfang. Auch die Gebote der Gottes- und Nächstenliebe würde ich nicht als erstes nennen. Meine Antwort begänne etwa so: „Christin bin ich, weil Jesus Christus mein wichtigster Bezugspunkt ist. Er ist die Person, an der ich mich orientiere, auf die ich mich immer neu beziehe und die mir Kraft gibt.“ Und daraus folgt mein Handeln. Dieser Glaube, diese Liebe prägen das Verhalten und den Lebensstil von Christinnen und Christen.

Christus und seine Lebensart möchten uns Herzenssache sein.

Christsein bedeutet nicht äußeres Einhalten von Vorschriften und Gewohnheiten, nicht allein Riten feiern und Kirchengebote halten. Wenn das Herz nicht von der Liebe Christi und der Liebe zu Christus ergriffen wird, bleibt alles Fassade oder intellektuelles Gedankengebäude.

„Haltet in eurem Herzen, Christus, den Herrn, heilig!“ so der erste Satz der Lesung (1 Petr 3, 15). Es geht um den Funken der Liebe, der lebendig macht und auch in schweren Zeiten durchtragen will.

Aber Hand auf‘s Herz! Hat Jesus Christus, hat Gott diesen Platz in deinem Herzen? Ist er die Nummer eins, auf die für dich alles ankommt? Vielleicht ist dir im Laufe der Jahre das Feuer abhandengekommen. Vielleicht ist vieles fraglich geworden, durch die Anfragen einer nicht mehr christlichen Umwelt, durch den Wohlstand oder durch die Unglaubwürdigkeit und die Skandale und Krisen in der Kirche selbst. Oder durch Unrecht und Leid, das du siehst oder selbst erfährst.

„Haltet in eurem Herzen Christus, den Herrn, heilig! Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt.“ (1 Petr 3,15)

Gottes und Jesu Liebe zu dir und mir, zu jedem Menschen – und unsere antwortende Liebe sind das Zentrum christlichen Glaubens. Diese Liebe ist gewiss, auch und gerade in dieser Zeit, die uns so verunsichert, besorgt und Veränderung von uns erwartet. Herzenssache!

So können wir und andere spüren und erleben, was Jesus sagt: „Ihr seid in mir und ich bin in euch.“

Ihre Karin Stump

Impuls vom 09.05.2020 "Christus passiert" von Stefan Kaiser

Meine Frau arbeitet an der TU Dortmund am Institut für Katholische Theologie und gestaltet eine Lehrveranstaltung zur Christologie.

Ein nicht ganz einfaches Thema, denn unsere Glaubenswahrheit, dass Jesus wahrer Mensch und wahrer Gott sei, ist nicht ganz einfach zu denken. Oft versuchen die Studierenden, Jesu Leben zu zerstückeln und sagen: „Bei den Wunderheilungen war er wahrer Gott und am Kreuz war er wahrer Mensch“, so, als ob Jesus zwischen Gott und Mensch hin und her wechselt.

Andere Studierende zerbrechen sich den Kopf, ob Jesus „Gottes-Gene“ hatte, ob der eine Arm am Körper göttlich und der andere Arm menschlich sein könnte.

Und in der Tat, wie soll man sich das vorstellen: Jesus sei wahrer Gott und wahrer Mensch und seine Naturen sind ungetrennt und unvermischt.

Ich stelle mir das immer wie folgt vor (nach Wilfried Härle): Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem Konzert. Eine Klarinettenspielerin spielt ein Klarinettenkonzert von Mozart. Was hören Sie? Hören Sie die Klarinettistin? Hören Sie Mozart? Hören Sie, wie die Klarinettistin Mozart versteht? Wissen wir überhaupt, wie Mozart das Stück gespielt hätte und was von dem, was wir gerade hören, Mozart ist und was Interpretation der Klarinettistin?

Was hier passiert, ist eigentlich das, was wir von Jesus sagen. Sowohl das eine als auch das andere, ungetrennt und unvermischt. Wir hören zum einen die Klarinettistin, zum anderen aber auch Mozart. Sie sind zwar nicht dieselbe Person (unvermischt), aber auch können wir die beiden in dem, was wir hören, nicht trennen (ungetrennt).

Und so stelle ich mir Jesus vor: In ihm IST nicht Gott, in ihm und um ihn herum PASSIERT Gott. Jesus bringt all das von Gott in seinem Handeln und in seinem Leben  und in seinem Umfeld zum Klingen, was die Israeliten von ihrem Gott wussten: er befreit, er hilft, er heilt, er erlöst, er ist da.

Und so, wie in, durch und um Jesus herum Gott in überwältigender Art und Weise passierte, kann auch heute Gott in, durch und um uns herum passieren. Zum Beispiel dort, wo Menschen Gaben an einen Zaun hängen, um Menschen zu helfen, um da zu sein, um Menschen von Nöten zu erlösen.

Gott IST nicht statisch, Gott PASSIERT, ist dynamisch. Lassen Sie Gott um Ihnen herum in dieser Woche passieren.

Ihr Stefan Kaiser