Impuls der Woche

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Impuls vom 19.11.2022, "CHRISTKÖNIGSSONNTAG: Der entmachtete Tod"

CHRISTKÖNIGSSONNTAG: Der entmachtete Tod

 

Fast könnte man innerhalb der lukanischen Leidensgeschichte, der das heutige Evangelium zum Christkönigssonntag (Lk 23, 35b-43) entnommen ist, das in Anknüpfung an unsere aktuelle Novemberreihe ‚Leben mit / im / trotz Tod‘ gewählte Thema des heutigen Gottesdienstes als Zwischenüberschrift einfügen: ‚Der entmachtete Tod‘.

 

Auf den ersten Blick fällt natürlich erst einmal die wuchtige Macht des Todes ins Auge, weil mit dem unschuldigen Jesus zwei Verbrecher am Kreuz hängend quasi unmittelbar dem Tod ins Angesicht schauen. Hohn und Spott erfährt Christus nicht nur von den anwesenden Soldaten, sondern auch von den beiden nach eigenem Bekunden wohl zu Recht verurteilten Verbrechern.

 

Dem einen Verbrecher aber wird der Zynismus des anderen zu krass und gotteslästerlich. Und so erfährt er – der sich nach eigenem Bekunden zu Recht zum Tode verurteilt fühlt – im Angesicht des Todes die Gnade der Bekehrung zum hoffnungsvollen Glauben an Christus und setzt quasi alles auf eine Karte: ‘Denk an mich, wenn du in dein Reich kommst – wann und wie und wo auch immer das geschehen wird…!‘ An genau dieser Stelle entdecke ich bei den drei Gekreuzigten eine erste Entmachtung des Todes!

 

Und Jesus? In seiner eigenen Todesstunde erweist er sich als der wahre, liebende und barmherzige Christus, indem er mit einem einzigen bis heute faszinierenden, ergreifenden und markanten Satz den Tod zu entmachten weiß: ‚Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.‘

 

‚Geheimnis des Glaubens: im Tod ist Leben.‘ Unzählige ChristInnen schöpften und schöpfen aus dieser bis heute lebendigen und frohen Botschaft Kraft, Mut und Zuversicht – auch und möglicherweise sogar insbesondere in den schwersten Krisen ihres Lebens.

 

Zwei markante ‚theologische Zeitzeugen‘ aus dem 20. Jahrhundert sollen hier und jetzt heute Abend zu dieser in Erinnerung an Tod und Auferstehung Christi von Paulus formulierten ‚Entmachtung des Todes‘ zu Wort kommen:

 

Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag. In inhaltlicher Anknüpfung an diese vielen Menschen bekannten Worte des evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer verschriftlichte der von den Nazis kurz vor Kriegsende im April 1945 hingerichtete Christ an der Wende zum Jahr 1943 folgende zur ‚Entmachtung des Todes‘ passenden, allerdings weniger bekannten Gedanken:

 

Der Gedanke an den Tod ist uns in den letzten Jahren immer vertrauter geworden. Wir wundern uns selbst über die Gelassenheit, mit der wir Nachrichten von dem Tod unserer Altersgenossen aufnehmen. Wir können den Tod nicht mehr so hassen, wir haben in seinen Zügen etwas von Güte entdeckt und sind fast ausgesöhnt mit ihm. Im Grunde empfinden wir wohl, dass wir ihm schon gehören und dass jeder neue Tag ein Wunder ist.

Es wäre wohl nicht richtig zu sagen, dass wir gern sterben – obwohl keinem jene Müdigkeit unbekannt ist, die man doch unter keinen Umständen aufkommen lassen darf -, dazu sind wir schon zu neugierig oder etwas ernsthafter gesagt: wir möchten gern noch etwas vom Sinn unseres zerfahrenen Lebens zu sehen bekommen.

Wir heroisieren den Tod auch nicht, dazu ist uns das Leben zu groß und zu teuer. Erst recht weigern wir uns, den Sinn des Lebens in der Gefahr zu sehen, dafür sind wir nicht verzweifelt genug und wissen wir zu viel von den Gütern des Lebens, dafür kennen wir auch die Angst um das Leben zu gut und all die anderen zerstörenden Wirkungen einer dauernden Gefährdung des Lebens.

Noch lieben wir das Leben, aber ich glaube, der Tod kann uns nicht mehr sehr überraschen. Unseren Wunsch, er möchte uns nicht zufällig, jäh, abseits vom Wesentlichen, sondern in der Fülle des Lebens und in der Ganzheit des Einsatzes treffen, wagen wir uns seit den Erfahrungen des Krieges kaum mehr einzustehen.

Nicht die äußeren Umstände, sondern wir selbst werden es sein, die unseren Tod zu dem machen, was er sein kann, zum Tod in freier Einwilligung.‘ (Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung – Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, Herausgegeben von Eberhard Bethge, 16. Auflage 1997, Kaiser Taschenbücher, S. 24f)

 

Dietrich Bonhoeffer hat von dieser ‚Entmachtung des Todes‘ nicht nur ‚fromm geschrieben‘. Sogar kurz vor seiner Ermordung bezeugte er diese christliche Hoffnung in unerschütterlicher Zuversicht mit folgenden Worten: ‚Das ist das Ende – für mich der Beginn des Lebens‘ (Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung – Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, Herausgegeben von Eberhard Bethge, 16. Auflage 1997, Kaiser Taschenbücher, S. 227)

 

Jahre später wusste Pater Karl Rahner SJ die ‚Entmachtung des Todes‘ theologisch so ins Wort zu bringen: ‚Der Geist Gottes ist das Leben in uns, durch das wir schon hinter den Tod gekommen sind.

Er ist das Glück ohne Grenzen, das die Bäche unserer Tränen in ihren letzten Quellen schon zum Versiegen gebracht hat, auch wenn sie das Flachland unserer Alltagserfahrung noch so sehr überschwemmen.‘ (‚Karl Rahner: UNBEGREIFLICHER – SO NAH. Täglich ein Text‘, Matthias-Grünewald-Verlag Mainz, 1999, S. 139)

 

Stefan Tausch, Pastor

 

Evangelium: Lk 23, 35-43

 

35 Das Volk stand dabei und schaute zu; auch die führenden Männer verlachten ihn und sagten: Andere hat er gerettet, nun soll er sich selbst retten, wenn er der Christus Gottes ist, der Erwählte. 36 Auch die Soldaten verspotteten ihn; sie traten vor ihn hin, reichten ihm Essig 37 und sagten: Wenn du der König der Juden bist, dann rette dich selbst! 38 Über ihm war eine Aufschrift angebracht: Das ist der König der Juden. 39 Einer der Verbrecher, die neben ihm hingen, verhöhnte ihn: Bist du denn nicht der Christus? Dann rette dich selbst und auch uns! 40 Der andere aber wies ihn zurecht und sagte: Nicht einmal du fürchtest Gott? Dich hat doch das gleiche Urteil getroffen. 41 Uns geschieht recht, wir erhalten den Lohn für unsere Taten; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. 42 Dann sagte er: Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst! 43 Jesus antwortete ihm: Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.

Impuls vom 12.11.2022, "Volkstrauertag 2022: AUF LEBEN UND TOD"

Volkstrauertag 2022: AUF LEBEN UND TOD

 

Kein Stein bleibt auf dem anderen. Alles wird niedergerissen werden. Lasst euch durch Kriege und Unruhen nicht erschrecken! Es wird gewaltige Erdbeben und Seuchen und Hungersnöte geben! Schreckliche Dinge werden geschehen! Familienstreitereien! (vgl. Lk 21, 5-19 – Evangelium vom 33. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C)

 

Wie aktuelle Schlagzeilen und Nachrichten lesen sich diese Zitate am diesjährigen Volkstrauertag aus dem heutigen Sonntagsevangelium – zeitlose Erfahrungen und Schicksalsschläge auf Leben und Tod damals in der Bibel genauso wie heute im November 2022.

 

Der Volkstrauertag wurde 1919 vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge 

als Gedenktag für die gefallenen  deutschen Soldaten  des Ersten Weltkriegs  vorgeschlagen. Am 5. März 1922 fand die erste Gedenkstunde im Reichstag  statt. In den darauffolgenden Jahrzehnten durchlebte der Volkstrauertag inhaltlich und auch mit Blick auf das Datum des Gedenktages in der Weimarer Republik, in der Nazizeit, in DDR und Bundesrepublik eine wechselvolle Geschichte. Seit 1952, seit 70 Jahren also, wird der Gedenktag zwei Sonntage vor dem ersten Adventssonntag 

begangen. Seit Jahrzehnten geht es an diesem Tag um Fragen, Themen, Ereignisse AUF LEBEN UND TOD – erfunden und ins Leben gerufen aufgrund des grausamen und schrecklichen ersten Weltkrieges von 1914-18.

 

Passend dazu erinnere ich an einen Klassiker der Antikriegsliteratur, der seit einigen Wochen in einer Neuverfilmung in den Kinos zu sehen ist: ‚Im Westen nichts Neues‘ von Erich-Maria Remarque aus Osnabrück. Dazu zunächst einmal eine kurze inhaltliche Zusammenfassung des Buches:

 

Paul Bäumer gehört zu einer Gruppe von Soldaten an der Westfront im Ersten Weltkrieg. In der Ruhestellung hinter der Front erinnert er sich zurück an seine Schulzeit. Die patriotischen Reden seines Lehrers Kantorek hatten die ganze Klasse überzeugt, sich freiwillig zu melden.

Unter dem Drill ihres Ausbilders Unteroffizier Himmelstoß mussten sie bereits in der Grundausbildung lernen, dass alle ihnen bislang in der Schule vermittelten Werte auf dem Kasernenhof ihre Gültigkeit verlieren.

Sie wurden an die Westfront verlegt, wo sie von einer Gruppe alter Frontsoldaten um den erfahrenen Katczinsky in die Gefahren an der Front eingewiesen wurden. Zwischen „Kat“ und Bäumer hat sich ein Vater-Sohn ähnliches Verhältnis entwickelt. Paul lernt, zu überleben, die verschiedenen Geschosse schon am Klang zu unterscheiden, auch unter widrigsten Bedingungen etwas zu essen zu finden, und sich gegen den wirklichen Feind zu wehren – den Tod.

Bei einem kurzen Heimataufenthalt stellt Bäumer fest, wie sehr ihn die Erlebnisse an der Front verändert haben. Es ist ihm unmöglich, seiner Familie die grausamen Erfahrungen aus dem Schützengraben mitzuteilen. Enttäuscht kehrt er zurück zu den Menschen, die ihm nun am nächsten sind, seinen Kameraden an der Front.

Bei einem Angriff wird er durch Splitter verwundet und verbringt ein paar Wochen im Lazarett. In den nächsten Monaten zurück an der Front zerfällt Bäumers Gruppe. Einer nach dem anderen stirbt durch die Gas- und Granatenangriffe, im Trommelfeuer oder im Kampf Mann gegen Mann. Bis zuletzt auch er, nachdem er Verwundung und Wochen im Lazarett überlebt hat, als letzter seiner Gruppe kurz vor Ende des Krieges tödlich getroffen wird, »an einem Tag, der so ruhig und so still war, dass der Heeresbericht sich auf den Satz beschränkte, im Westen sei nichts Neues zu melden.«

 

Ein in mehrfacher Hinsicht brisantes Buch mit erschreckend zeitlos-aktuellem Inhalt: weil es zum Volkstrauertag passt; weil es auf erschütternde Weise zeigt, dass mehr als einhundert Jahre zurückliegende Kriegserfahrungen nicht verdrängt bzw. vergessen werden dürfen > deswegen wohl auch die aktuelle Neuverfilmung; weil es auf brutale Art und Weise an den aktuellen Krieg zwischen Russland und der Ukraine bzw. zwischen Russland und dem Westen und auch an viele andere Krisenherde auf der Welt erinnert; weil es uralte biblische Gedanken und Äußerungen aufgreift – ich erinnere an das heutige Sonntagsevangelium mit seinen klaren Bezügen zu Krieg und anderen schrecklichen Dingen.

 

Der Evangelist Lukas verfasste sein Evangelium nach der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 nach Christus, er hat also erlebt, dass der von vielen Zeitgenossen erwartete Weltuntergang ausgeblieben ist. Nach jüdischem Verständnis bedeutete die Zerstörung des Tempels nämlich das Ende der Welt. Genau diese Vorstellung aber relativiert Lukas. Deshalb läuft in Jesu Ausführungen alles auf die Mahnung zu, standhaft zu bleiben und sich durch nichts erschüttern zu lassen. Er widerspricht jeder Endzeithysterie sowie sämtlichen Verschwörungstheorien, die meinen, alle vermeintlichen Zeichen verstehen und deuten zu können. Ja, das Ende wird seine Schatten vorauswerfen, doch wer sich von all dem nicht beirren lässt und im Glauben an und Hoffen auf Jesus Christus nachfolgt, der wird das Leben gewinnen.

 

Passend ein Gedanke von Dietrich Bonhoeffer: Was ein Gott, so wie wir ihn uns denken, alles tun müsste und könnte, damit hat der Gott Jesu Christi nichts zu tun. (Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung – Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, Herausgegeben von Eberhard Bethge, 16. Auflage 1997, Kaiser Taschenbücher, S. 227)

 

In diesem Sinne abschließend das Ende des heutigen Evangeliums: „Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen.“

 

Stefan Tausch, Pastor

 

Evangelium: Lk 21, 5-19

 

Die Ankündigung der Zerstörung des Tempels

5 Als einige darüber sprachen, dass der Tempel mit schön bearbeiteten Steinen und Weihegeschenken geschmückt sei, sagte Jesus: 6 Es werden Tage kommen, an denen von allem, was ihr hier seht, kein Stein auf dem andern bleibt, der nicht niedergerissen wird.

 

Der Anfang der endzeitlichen Not

7 Sie fragten ihn: Meister, wann wird das geschehen und was ist das Zeichen, dass dies geschehen soll? 8 Er antwortete: Gebt Acht, dass man euch nicht irreführt! Denn viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen: Ich bin es! und: Die Zeit ist da. – Lauft ihnen nicht nach! 9 Wenn ihr von Kriegen und Unruhen hört, lasst euch nicht erschrecken! Denn das muss als Erstes geschehen; aber das Ende kommt noch nicht sofort. 10 Dann sagte er zu ihnen: Volk wird sich gegen Volk und Reich gegen Reich erheben. 11 Es wird gewaltige Erdbeben und an vielen Orten Seuchen und Hungersnöte geben; schreckliche Dinge werden geschehen und am Himmel wird man gewaltige Zeichen sehen. 12 Aber bevor das alles geschieht, wird man Hand an euch legen und euch verfolgen. Man wird euch den Synagogen und den Gefängnissen ausliefern, vor Könige und Statthalter bringen um meines Namens willen. 13 Dann werdet ihr Zeugnis ablegen können. 14 Nehmt euch also zu Herzen, nicht schon im Voraus für eure Verteidigung zu sorgen; 15 denn ich werde euch die Worte und die Weisheit eingeben, sodass alle eure Gegner nicht dagegen ankommen und nichts dagegen sagen können. 16 Sogar eure Eltern und Geschwister, eure Verwandten und Freunde werden euch ausliefern und manche von euch wird man töten. 17 Und ihr werdet um meines Namens willen von allen gehasst werden. 18 Und doch wird euch kein Haar gekrümmt werden. 19 Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen.

 

 

Impuls vom 05.11.2022, "Novemberreihe ‚Leben mit / im / trotz Tod‘"

Novemberreihe ‚Leben mit / im / trotz Tod‘

 

Wie ein roter Faden zieht sich durch die gesamte Novemberreihe das folgende Wort des hl. Paulus aus dem Römerbrief: Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? Ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn. (vgl. Röm 8,35-39) FAZIT: ‚Leben mit / im / trotz Tod‘ > Weder Tod noch Leben können uns scheiden von der Liebe Christi!

 

  1. ‚Leben MIT Tod‘

 

Wir alle müssen MIT dem Tod leben – ob uns das passt oder nicht > TODSICHER! Vielleicht das einzige, was tatsächlich TODSICHER früher oder später auf uns alle zukommt!

 

Passend dazu soll ein 8-jähriger Junge zu Wort kommen, den ich vor einigen Jahren in einem Kurs in St. Bonifatius in Elkeringhausen kennenlernen durfte, als die TeilnehmerInnen einen Meditationsweg zum Sonnengesang des hl. Franziskus gestalteten. Daniel wollte sich auf eigenen Wunsch ganz bewusst allein mit ‚Schwester Tod‘ aus dem Sonnengesang befassen. Bis heute sind seine nachfolgenden Worte am Franziskusweg in Elkeringhausen öffentlich nachzulesen. Daniel schreibt:

 

Tod

Wenn unser Opa stirbt, ist es etwas Schlimmes für uns.

Aber wenn wir mit Todesschmerzen im Krankenhaus liegen, wollen wir dann nicht lieber zu Schwester Tod und dann zu Gott, um ein neues Leben zu beginnen?

Oder wollen wir im Krankenhaus liegen und die Todesschmerzen ertragen?

Entscheidet Euch!                              (Daniel, 8 Jahre > Franziskus- und Sonnengesang-Baukurs in St. Bonifatius im August 2018)

 

Der hl. Paulus wusste darum und konnte so nüchtern und zugleich zuversichtlich im Römerbrief schreiben: Denn keiner von uns lebt sich selber und keiner stirbt sich selber: Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn. Denn Christus ist gestorben und lebendig geworden, um Herr zu sein über Tote und Lebende. (Röm 14,7-9)

 

Geheimnis des Glaubens:Leben und Tod lege ich dir vor. …Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen.‘ (vgl. Dtn 30,19)

 

  1. ‚Leben IM Tod‘

 

Dazu ein Wort Jesu aus dem Johannesevangelium: Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht. (Joh 12,24)

 

Geheimnis des Glaubens: IM Tod ist Leben!

 

  1. ‚Leben TROTZ Tod‘

 

Passend dazu heißt es in den Abschiedsreden im Johannesevangelium: Jesus erhob seine Augen zum Himmel und sagte: Vater, du hast mir Macht gegeben, damit ich allen, die du mir gegeben hast, ewiges Leben schenke.

Das aber ist das ewige Leben: dass sie dich, den einzigen wahren Gott, erkennen und den du gesandt hast, Jesus Christus. (vgl. Joh 17,1-3)

 

Geheimnis des Glaubens: Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.

 

Ich weiß bzw. ahne, was viele LeserInnen jetzt denken und fühlen: Meine Güte, das sagt sich alles so leicht daher. Die Realität meines Lebens, meines Glaubens sieht da doch ziemlich anders aus.

 

Ja, das darf sein! > Und das ist gut so! > Und all das ist auch nicht neu. Zweifel und Hader im Zusammenhang mit dem christlichen Glauben an ‚Leben mit / im / trotz Tod‘ gibt es quasi solange wie es die Auferstehung Jesu selbst gibt.

 

Schon wenige Jahrzehnte nach Kreuz und Auferstehung Jesu sah sich der heilige Paulus darum genötigt, der Gemeinde in Korinth ziemlich deutliche Worte zu schreiben, die auch für uns hier und heute gültig und aufschlussreich sein können: Wenn aber verkündet wird, dass Christus von den Toten auferweckt worden ist, wie können dann einige von euch sagen: Eine Auferstehung der Toten gibt es nicht? Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, ist auch Christus nicht auferweckt worden. Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer, leer auch euer Glaube. … Denn wenn Tote nicht auferweckt werden, ist auch Christus nicht auferweckt worden. Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube nutzlos. (vgl. 1 Kor 15,12-17)

 

Von Anfang an also hatten ChristInnen Probleme mit dem Glauben an das Geheimnis unseres christlichen Glaubens – für mein Empfinden tröstet das ungemein!  Trotzdem ist und bleibt das Ganze Schwarzbrot. Der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer formulierte es in einem seiner Bücher folgendermaßen: War die Auferstehung nur eine nette Geschichte, ein Marketing-Gag oder politische Provokation, fehlt dem Christentum seine pulsierende Mitte. (aus: ‚Trägt – Die Kunst, Hoffnung und Liebe zu glauben‘, HG: Heiner Wilmer, Herder 2020, S. 28)

 

Und genau deswegen nähern und stellen wir uns dem Leben und auch dem Tod in diesem November auf unterschiedliche Weise an unterschiedlichen Orten in Kooperation mit ganz unterschiedlichen Personen und Einrichtungen – praktisch, rechtlich, medizinisch, theologisch und auch humoristisch. Wir laden herzlich ein zu Gottesdiensten, Vorträgen, Filmen, Exkursionen sowie zu Literatur und Musik – passend zu folgendem beeindruckenden Wort der deutschen Bischöfe: Christen gedenken der Toten, weil sie leben, nicht damit sie leben. (aus: ‚Tote begraben und Trauernde trösten – Bestattungskultur im Wandel aus katholischer Sicht‘ – Herausgeber: Die deutschen Bischöfe, 20. Juni 2005 > S. 56)

 

Stefan Tausch, Pastor

Impuls vom 29.10.2022, „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“ (Martin Buber)

„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“ (Martin Buber)

 

Einem Menschen begegnen heißt: in sein Leben eintreten, so dass die Wege sich nie mehr ganz trennen können. Die Begegnung geschieht von beiden Seiten her. Zachäus, der Zöllner, steigt auf einen Baum, um Jesus zu sehen; Jesus schaut zu ihm hinauf und kehrt dann in sein Haus ein. Entsetzen bei den Frommen, Freude im Himmel. Freude auch im Herzen des Zöllners, weil er, zum ersten Mal vielleicht, Liebe erfährt. (Einunddreissigster Sonntag – im Jahreskreis im Schott: Zum Evangelium)

 

Diese einleitenden Worte zum Evangelium geben die Essenz der Begegnung zwischen Jesus und Zachäus wieder. Das gegenseitige aufeinander Zubewegen löst in beiden und auch für die umstehenden Menschen prägende – positive als auch negative – Emotionen aus. Die Freude im Himmel beschreibt dabei auch die Freude Jesu und für Zachäus selbst ist es ein unglaubliches Ereignis, das ihn nachhaltig verändert und zur Umkehr befähigt.

Wie schön ist die Erfahrung, dass andere Menschen uns solche Segensbegegnungen schenken können. Nicht selten durfte ich erleben, dass mir in einem sehr trüben und traurigen Moment ganz unerwartet eine Person über den Weg lief, die mich mit Kraft erfüllte und mir neue Anstöße und ermutigende Impulse gab, um wieder viel positiver in die Zukunft zu blicken. Dankbar blicke ich auf jede einzelne dieser Fügungen zurück und bin mir sehr sicher, dass Jesus dahinter steckt, der uns durch diese Menschen hindurch selbst begegnet.

Diese Begegnungen im Zwischenmenschlichen geben uns Halt, spenden Kraft und schenken Hoffnung – sie lassen uns Gott schauen, mitten im Alltag.

 

Oder wie es Rudolf Pesch formuliert: In der liebenden Begegnung mit dem Bruder leuchtet uns das Bild Christi auf, geschieht Epiphanie: im Lächeln des Kindes, im Blick des geliebten Menschen, im dankbaren Auge des Beschenkten, im sorgendurchfurchten Gesicht des Kranken – in jeder liebenden Bewegung des Herzens, in jedem Dank, jedem Du.

 

Thale Schmitz

 

Evangelium       

Lk 19, 1-10: Der Zöllner Zachäus in Jericho

1 Dann kam er nach Jericho und ging durch die Stadt. 2 Und siehe, da war ein Mann namens Zachäus; er war der oberste Zollpächter und war reich. 3 Er suchte Jesus, um zu sehen, wer er sei, doch er konnte es nicht wegen der Menschenmenge; denn er war klein von Gestalt. 4 Darum lief er voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um Jesus zu sehen, der dort vorbeikommen musste. 5 Als Jesus an die Stelle kam, schaute er hinauf und sagte zu ihm: Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus bleiben. 6 Da stieg er schnell herunter und nahm Jesus freudig bei sich auf. 7 Und alle, die das sahen, empörten sich und sagten: Er ist bei einem Sünder eingekehrt. 8 Zachäus aber wandte sich an den Herrn und sagte: Siehe, Herr, die Hälfte meines Vermögens gebe ich den Armen, und wenn ich von jemandem zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück. 9 Da sagte Jesus zu ihm: Heute ist diesem Haus Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist. 10 Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.

Impuls vom 22.10.2022, "Wenn wir uns doch viel mehr selbst-wert wären…"

Wenn wir uns doch viel mehr selbst-wert wären…

 

Jeder Mensch möchte seine Identität entdecken und sich so definieren, dass er sich wohlfühlt. Zu oft gebrauchen wir dazu Vergleiche mit anderen Menschen – irgendwoher muss der Vergleichswert ja kommen, den wir zu Rate ziehen wollen.

Dabei sind es doch nicht die Anderen, die über uns bestimmen! Und wer sagt eigentlich, dass diese oder jene dem Ideal entsprechen? Unseren eigenen Selbstwert sollten wir vielmehr in uns selbst suchen. Uns abhängig von dem Verhalten Anderer zu machen, ist nicht sehr glücksversprechend und lässt uns auf keinem festen Fundament stehen. In uns selbst gefestigt und mit unserem Sein zufrieden zu sein, ist die große Herausforderung, die Jesus mit uns angehen möchte. Und dabei spielt es keine Rolle, ob dieser Selbstwert von außen und für andere sichtbar ist – ich selbst möchte mir wert sein.

 

Sich über andere zu erheben bzw. abzuheben, um die Anderen unter sich zu wissen, ist eine große Missetat und lässt uns nicht gerechtfertigt nach Hause gehen (Lk 18, 14a) – so spricht Jesus selbst zu uns im heutigen Evangelium. Es versperrt uns vielmehr zahlreiche Wege zu ihm und zur Gnade Gottes. Von Vorurteilen befreit und nicht in der Abhängigkeit von der Bewertung durch andere zu stehen, erscheint mir ein wesentlich erfüllteres Leben zu versprechen. Noch dazu folgt die klare Lehre Jesu, die uns die Konsequenzen bzw. guten Verheißungen aufzeigt: Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden. (Lk 18, 14b)

Wir können uns selbst erniedrigen, indem wir Vergleiche mit anderen heranziehen – dies geschieht jedoch nicht um der anderen Willen. Jesus meint vielmehr, dass wir alle Erniedrigung durch andere nicht mit Gegengewalt abfangen und ertragen mögen, sondern auf ihn vertrauen und sicher sein dürfen, dass dieses Unrecht am Ende bei ihm in uns Vergeltung findet. Wir brauchen uns nicht mit anderen zu vergleichen oder gegen sie anzukämpfen – Jesus selbst schaut auf uns und schenkt uns seine Liebe und Gnade bedingungslos. Lasst uns gemeinsam und miteinander leben, das gegenseitige Fehlverhalten annehmen und verzeihen. Denn es macht keinen Menschen glücklich, abgehoben – wenn auch mit vermeintlich erhobenem und gekröntem Haupt – über allen anderen Mitmenschen zu schweben statt mit ihnen und mit Gott in Gemeinschaft zu leben.

 

Thale Schmitz

 

Evangelium       

Lk 18, 9-14: Das Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner

9 Einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten, erzählte Jesus dieses Gleichnis: 10 Zwei Männer gingen zum Tempel hinauf, um zu beten; der eine war ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. 11 Der Pharisäer stellte sich hin und sprach bei sich dieses Gebet: Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort. 12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den zehnten Teil meines ganzen Einkommens. 13 Der Zöllner aber blieb ganz hinten stehen und wollte nicht einmal seine Augen zum Himmel erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig! 14 Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt nach Hause hinab, der andere nicht. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.

Impuls vom 15.10.2022, "Es ströme das Recht... wie Wasser!"

Es ströme das Recht… wie Wasser!

 

„Allezeit beten und darin nicht nachlassen“ – das bedeutet auch für Gerechtigkeit einzustehen und diese ganz konsequent einzufordern. Beten und Recht fordern – Beten und Gerechtigkeit einklagen auf der einen und Glauben auf der anderen Seite – das gehört zusammen. Jesus möchte uns durch das Gleichnis von der bittenden Witwe und dem ungerechten Richter deutlich machen, dass das Recht wie Wasser zu strömen habe und wir uns mit aller Kraft dafür einsetzen mögen.

 

Die Witwe hat durch den Verlust ihres Mannes keinen Rückhalt, aber auch keinen Stand mehr in der Gesellschaft. Es ist zu vermuten, dass sie ihren Erbteil einklagt, da er ihr vorenthalten wird. Trotz ihrer niedrigen Stellung verhält sie sich eindrucksvoll. Sie wird nicht unsichtbar und unhörbar. Im Gegenteil: Sie spricht. Sie fordert. Sie ist penetrant. Und sie wird laut. Sie fordert eindringlich: Verhilf mir zu meinem Recht.

 

„Verschaffe mir Recht – Ich will ihr Recht verschaffen“ – Es ist diese Auseinandersetzung, weshalb Jesus diese Geschichte erzählt. Er ermutigt die Jüngerinnen und Jünger: „Lasst nicht nach, euer Recht zu fordern, bleibt dran, vertraut darauf, dass ihr es bekommt.“ Von den Menschen und von Gott gleichermaßen. So macht er uns ganz deutlich, dass er unseren Ruf nach Gerechtigkeit hört und ihm nachgeht. Er gibt uns Durchhaltevermögen, um dran zu bleiben und nicht aufzugeben.

 

So erfährt es auch die Witwe: Gott schenkt ihr die Kraft, sich beharrlich für Recht und Gerechtigkeit einzusetzen. Ihr ist versprochen, dass sie Gott gegen Unrecht und Ungerechtigkeit anrufen und um Recht und Gerechtigkeit bitten und beten darf. Und dabei nicht ungehört bleiben wird. Wir als Gemeinde Jesu sind daher bis heute gefordert, Recht und Gerechtigkeit zur Geltung zu bringen.

 

Zu gut kenne ich es, dass es nur zu unterdrückter Wut führt, wenn ich in Situationen nicht eingeschritten bin, anstatt die Stimme zu erheben. Gegenseitig dürfen wir uns ermutigen, dies ständig zu tun. Wir wollen nicht nachlassen, „bis das Recht strömt wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein mächtiger Strom”. (Martin Luther King)

 

Thale Schmitz

 

Evangelium       

Lk 18,1-8: Das Gleichnis vom Richter und der Witwe

1 Jesus sagte ihnen durch ein Gleichnis, dass sie allezeit beten und darin nicht nachlassen sollten: 2 In einer Stadt lebte ein Richter, der Gott nicht fürchtete und auf keinen Menschen Rücksicht nahm. 3 In der gleichen Stadt lebte auch eine Witwe, die immer wieder zu ihm kam und sagte: Verschaff mir Recht gegen meinen Widersacher! 4 Und er wollte lange Zeit nicht. Dann aber sagte er sich: Ich fürchte zwar Gott nicht und nehme auch auf keinen Menschen Rücksicht; 5 weil mich diese Witwe aber nicht in Ruhe lässt, will ich ihr Recht verschaffen. Sonst kommt sie am Ende noch und schlägt mich ins Gesicht. 6 Der Herr aber sprach: Hört, was der ungerechte Richter sagt! 7 Sollte Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht zu ihrem Recht verhelfen, sondern bei ihnen zögern? 8 Ich sage euch: Er wird ihnen unverzüglich ihr Recht verschaffen. Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, den Glauben auf der Erde finden?

Impuls vom 08.10.2022, "Du bist nicht nur geheilt - du bist gerettet!"

„Du bist nicht nur geheilt – du bist gerettet!“

 

Aussatz bedeutete für die Menschen damals, am Rande der Gesellschaft zu stehen und sich sogar von anderen Menschen fernhalten zu müssen. Eine vollkommene Isolation auf Lebenszeit, die wir vielleicht nur durch eine zeitlich beschränkte Corona-Quarantäne nachfühlen können (und auch diese „kurze“ Zeit der Separation war und ist für viele eine Grenzerfahrung).

Jesus hält sich im heutigen Evangelium bezeichnenderweise in einem Grenzgebiet auf und möchte gezielt diesen Menschen begegnen. Er heilt die Gruppe der zehn Aussätzigen, indem er sie zu den Priestern aussendet. Sie werden bereits auf dem Weg geheilt und das Ziel scheint beinahe gar nicht so relevant zu sein. Allerdings schickt Jesus sie zurück in die Zivilisation, denn die Priester werden als Teil der Gesellschaft mitten unter den Menschen gelebt haben. Jesus heilt sie also und ermöglicht ihnen so einen Weg zurück ins Leben – aus der Einsamkeit und Ausgrenzung zurück in die Gemeinschaft und die Begegnung mit ihren Familien und Freunden. Sicherlich sind sie über diese Kehrtwende überaus dankbar, doch nur einer kehrt auch wirklich um zu Jesus und bringt seinen Dank zum Ausdruck. Er hat sein Herz Gott geöffnet. Ihn hat der Glaube nicht nur gesund gemacht, sondern er ist gerettet. Er erkennt Gott in dem, was er erfahren hat – er sieht Gott in Jesus handeln.

 

Die Gruppe der Aussätzigen hält das gemeinsame Leid zusammen. Vermutlich haben sie sich durch ihr Schicksal verbündet und sich weniger über einen ihnen zugewandten Gott unterhalten. Alle werden sie unglaublich dankbar über das neu gewonnene Leben sein, aber nur einer macht die noch tiefere Gotteserfahrung – er kann Gott im realen Leben schauen. Jesus selbst spricht zu ihm: „Steh auf und geh! Dein Glaube hat dich gerettet.“ Erlöst und befreit kann er nun in ein neues Leben starten – das Gefühl mag einer Auferstehung gleichen. Der Samariter erkennt mit dem Herzen, wo er hingehört. Womöglich mag er die Erkrankung als Strafe interpretiert haben, doch Gott ist nicht länger sein strafendes Gegenüber geblieben, sondern hat ihm die Hand gereicht und ihn als sein Kind angenommen.

Vielleicht ist die Erzählung ein guter Anstoß dazu, schwierige Lebensphasen nicht zu beklagen und als Strafe anzusehen, sondern als gewinnbringende Chance zur Umkehr zu betrachten und darin Gott zu spüren, ihm näher zu kommen und an Bord zu gehen.

 

Thale Schmitz

 

 

Evangelium       

Lk 17,11-19: Der dankbare Samariter

11 Und es geschah auf dem Weg nach Jerusalem: Jesus zog durch das Grenzgebiet von Samarien und Galiläa. 12 Als er in ein Dorf hineingehen wollte, kamen ihm zehn Aussätzige entgegen. Sie blieben in der Ferne stehen 13 und riefen: Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns! 14 Als er sie sah, sagte er zu ihnen: Geht, zeigt euch den Priestern! Und es geschah, während sie hingingen, wurden sie rein. 15 Einer von ihnen aber kehrte um, als er sah, dass er geheilt war; und er lobte Gott mit lauter Stimme. 16 Er warf sich vor den Füßen Jesu auf das Angesicht und dankte ihm. Dieser Mann war ein Samariter. 17 Da sagte Jesus: Sind nicht zehn rein geworden? Wo sind die neun? 18 Ist denn keiner umgekehrt, um Gott zu ehren, außer diesem Fremden? 19 Und er sagte zu ihm: Steh auf und geh! Dein Glaube hat dich gerettet.

Impuls vom 01.10.2022, "Ist denn die Größe des Glaubens entscheidend?"

Ist denn die Größe des Glaubens entscheidend?

 

Auf das Anliegen der Jünger, in ihrem Glauben durch Jesus gestärkt zu werden, reagiert Jesus mit sehr undurchsichtigen Worten und Vergleichen. Er beschreibt, dass der persönliche Glaube in der Größe eines Senfkorns genügen würde, um von einem Maulbeerbaum zu fordern, dass er sich entwurzle und ins Meer umsiedelt. In einem weiteren Gedanken macht er uns darauf aufmerksam, dass wir alle Knechte sind und keine besondere Dankbarkeit oder Wertschätzung für unsere Aufgaben zu erwarten brauchen. Indem wir Gott und anderen Menschen in seinem Sinne dienen, gehen wir lediglich unserem gewöhnlichen Tagewerk nach. Dazu passt der Gedanke des folgenden, jüdischen Sprichwortes: „Wenn du dich an das Gesetz hältst, erwarte kein Lob, denn schließlich wurdest du dazu geschaffen.“

 

Wir neigen jedoch leicht dazu, mehr zu wollen, größere Dinge vollbringen zu wollen und dabei übersehen wir unsere „kleinen Berufungen“. Während ein Glaube, der Bäume verpflanzt, in unseren Augen gewaltig und überwältigend ist, zeigt uns Jesus im heutigen Evangelium, dass dahinter schnell unser Wunsch nach dem eigenen Wohl und der eigenen Ehre stehen kann. Auch wenn Gott seine erwählten Gläubigen als seine geliebten Kinder ansieht, und Jesus davon spricht, dass er uns „Freunde“ und nicht mehr „Sklaven“ nennt, bleibt der Aspekt bestehen, dass wir noch immer „unnütze Knechte“ sind. Es geht zuerst um Gott, um seine Ehre, seinen Willen und wir sollten das tun, was wir zu tun schuldig sind! In diesem Handeln setzen wir aber schon unseren noch so kleinen Glauben in Taten um. Und das ist es, worauf es ankommt!

Unser Wille und der Tatendrang, im Sinne Gottes zu handeln, führen uns auf die richtige Spur. So trägt unser Glaube Früchte und an ihren Taten werdet ihr sie erkennen! Wir brauchen nicht in den Gedanken verharren, ob unser Glaube groß genug ist. Viel eher dürfen wir den Heiligen Geist in uns wirken lassen, der machtvolle Taten durch uns zu vollbringen mag. James Edwards bringt dies gut auf den Punkt:

 

„Der Punkt ist klar. Christen, auch Apostel, zeichnen sich nicht durch die Größe ihres Glaubens aus, sondern durch den Einsatz ihres Glaubens; nicht die Größe des Glaubens entscheidet, sondern ob der Glaube zum Handeln führt, selbst dann, wenn er nur so groß wie ein Senfkorn ist.“

 

Thale Schmitz

 

Evangelium       

Lk 17, 5-10: Wenn ihr doch Glauben hättet wie ein Senfkorn!

5 Die Apostel baten den Herrn: Stärke unseren Glauben! 6 Der Herr erwiderte: Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Entwurzle dich und verpflanz dich ins Meer! und er würde euch gehorchen. 7 Wenn einer von euch einen Knecht hat, der pflügt oder das Vieh hütet, wird er etwa zu ihm, wenn er vom Feld kommt, sagen: Komm gleich her und begib dich zu Tisch? 8 Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Mach mir etwas zu essen, gürte dich und bediene mich, bis ich gegessen und getrunken habe; danach kannst auch du essen und trinken. 9 Bedankt er sich etwa bei dem Knecht, weil er getan hat, was ihm befohlen wurde? 10 So soll es auch bei euch sein: Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind unnütze Knechte; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan.

Impuls vom 24.09.2022, "Wer ist schon arm und wer ist reich?"

Wer ist schon arm und wer ist reich?

 

„Arm“ und „reich“ – diese beiden Begriffe rufen in uns häufig feste Bilder und Vorstellungen hervor. Sie zielen auf Besitz und Machtverhältnisse ab und sprechen so von äußeren und sichtbaren Lebensumständen. Obwohl diese Einschätzungen auch trügen können – denken wir zum Beispiel an Menschen, die sich durch ihre Optik und vermeintliche materielle Güter profilieren, aber in Wahrheit gar nicht reich sind.

In diesen Situationen zeigt sich sehr deutlich, dass das Leben doch oft nur Schein und Sein ist und jede und jeder sich ein Bild von der Welt macht, das sich teils manifestiert, jedoch gar nicht geprüft wurde. Und selbst wenn ein Mensch aufgrund seines Einflusses und seines Eigentums als „reich“ betitelt werden könnte, ist doch die Frage berechtigt, ob er sich als „reich“ empfindet im Sinne eines erfüllenden Lebens. Reich für die Außenwelt zu wirken, bedeutet noch längst nicht, dass die Seele reich an Herzenswärme, Begegnungen und Zuversicht ist.

 

Im heutigen Evangelium lesen wir von der Geschichte des Lazarus. Er war ein armer und darbender Mann auf Erden und sehnte sich sogar nach den Essensresten, die die Hunde bekamen. Im Himmel wird er von den Engeln in Abrahams Schoß getragen und erlebt ein Paradies, das er sich zuvor nicht hätte ausmalen können. Im Gegensatz zum „reichen“ Mann, welcher auf Erden sein Geld dazu verwendete, um sich selbst in edle Stoffe zu kleiden und große Feste zu feiern. Er findet sich nach seinem Tod in der Unterwelt wieder, in der er höllische Qualen leidet. Es ist sicherlich keine Sünde, irdischen Reichtum zu besitzen – zumal dieser auch in die Wiege gelegt und vererbt werden kann. Jedoch sind der Umgang und Einsatz von großer Bedeutung im Sinne eines christlichen Lebens. Verwende ich das Geld nur für mich oder setze ich es so ein, dass auch andere und vor allem bedürftige Menschen davon profitieren können?

 

Dem reichen Mann wäre es möglich gewesen, seinen Tisch zu verlängern und so noch weitere und bedürftige Menschen zu seinen Festen einzuladen. Indem er seine Festgesellschaft aus seinen Kreisen zusammenstellt, wird der Zaun zwischen den sozialen Gruppen immer höher gebaut.

Die wirklich offensichtliche Armut von Lazarus im irdischen Leben führt in den wahren Reichtum und das Seelenheil bei Gott. Das sollte uns doch zu denken geben.

 

Thale Schmitz

 

Evangelium       

Lk 16, 19-31: Das Beispiel vom reichen Mann und vom armen Lazarus

19 Es war einmal ein reicher Mann, der sich in Purpur und feines Leinen kleidete und Tag für Tag glanzvolle Feste feierte. 20 Vor der Tür des Reichen aber lag ein armer Mann namens Lazarus, dessen Leib voller Geschwüre war. 21 Er hätte gern seinen Hunger mit dem gestillt, was vom Tisch des Reichen herunterfiel. Stattdessen kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren. 22 Es geschah aber: Der Arme starb und wurde von den Engeln in Abrahams Schoß getragen. Auch der Reiche starb und wurde begraben. 23 In der Unterwelt, wo er qualvolle Schmerzen litt, blickte er auf und sah von Weitem Abraham und Lazarus in seinem Schoß. 24 Da rief er: Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir und schick Lazarus; er soll die Spitze seines Fingers ins Wasser tauchen und mir die Zunge kühlen, denn ich leide große Qual in diesem Feuer. 25 Abraham erwiderte: Mein Kind, erinnere dich daran, dass du schon zu Lebzeiten deine Wohltaten erhalten hast, Lazarus dagegen nur Schlechtes. Jetzt wird er hier getröstet, du aber leidest große Qual. 26 Außerdem ist zwischen uns und euch ein tiefer, unüberwindlicher Abgrund, sodass niemand von hier zu euch oder von dort zu uns kommen kann, selbst wenn er wollte. 27 Da sagte der Reiche: Dann bitte ich dich, Vater, schick ihn in das Haus meines Vaters! 28 Denn ich habe noch fünf Brüder. Er soll sie warnen, damit nicht auch sie an diesen Ort der Qual kommen. 29 Abraham aber sagte: Sie haben Mose und die Propheten, auf die sollen sie hören. 30 Er erwiderte: Nein, Vater Abraham, aber wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, werden sie umkehren. 31 Darauf sagte Abraham zu ihm: Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht.

 

Impuls vom 17.09.2022, "Es kann nur einen geben..."

Es kann nur einen geben…

 

Zu gut kennen wir Menschen es doch, dass wir unseren Werten und Vorhaben treu bleiben wollen und dennoch versucht sind, kleine Abstriche oder Ausnahmen zu machen. Zumeist sind es keine großen Sünden, die wir so begehen – ich denke beispielhaft an ein paar Süßigkeiten, obwohl wir doch fasten wollten. Es bewirkt allerdings, dass wir nicht ganz im Einklang sind mit uns selbst. Je nach Situation und Begebenheit ist es sogar möglich, dass wir uns unzufrieden machen durch unser Verhalten und frustriert sind.

 

Im heutigen Evangelium ist diese Problematik noch einmal in größeren und vor allem konsequenzreicheren Kontext gesetzt. Was geschieht, wenn wir uns mehr an Besitz, den Mammon, binden als an unseren himmlischen Vater?

Dann fehlt uns nicht nur der Einklang mit uns selbst, sondern auch mit Gott. Er, der uns beschützen und begleiten möchte, möge doch eine wichtige Rolle in unserem Leben spielen.

Vielleicht klingt es für einige Menschen so, als würde uns großer Besitz nicht vergönnt sein, wenn wir nach Gott unser Leben ausrichten. Dabei steckt auch eine große Befreiung darin, sich vom Besitz und irdischen Gütern zu lösen. Wenn uns das gelingt, spielen Vergleiche und Konkurrenz untereinander kaum eine Rolle mehr und wir können im Vertrauen darauf leben, dass wir versorgt werden. Ohne dass wir dafür in Vorleistung gehen müssen, ist es uns ein gegebenes Geschenk, dass wir uns nicht sorgen brauchen.

 

All das bedeutet nicht, dass uns der hier genannte Einklang allzeit gelingen kann und muss. Wichtig ist nur, dass wir das Ziel im Blick behalten und unseren irdischen Besitz zwar wertschätzen, aber ihn keine Macht über uns gewinnen lassen. Unser Vermögen mögen wir dazu einsetzen, Menschen zusammen zu bringen und Gemeinschaft zu stiften – keinesfalls um einen Zaun zwischen uns und den Himmel zu setzen. Die Gefahren der Welt vermag Gott für uns und von uns abzuschirmen.

 

Thale Schmitz

 

Evangelium       

Lk 16, 10-13:  Vom Umgang mit Besitz

10 Wer in den kleinsten Dingen zuverlässig ist, der ist es auch in den großen, und wer bei den kleinsten Dingen Unrecht tut, der tut es auch bei den großen.

11 Wenn ihr nun im Umgang mit dem ungerechten Mammon nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann das wahre Gut anvertrauen?

12 Und wenn ihr im Umgang mit dem fremden Gut nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann das Eure geben?

13 Kein Sklave kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.

 

Impuls vom 10.09.2022. "Kommt alle zu mir... > GRATIS - AUS GNADE!"

Kommt alle zu mir… > GRATIS – AUS GNADE!

 

Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken.  Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht. (Mt 11, 28-30)

 

Jesus spricht und lädt ein:

Kommt alle zu mir. Nicht nur die Frommen und Zufriedenen, sondern auch die, die es zu nichts gebracht haben, die Bettler, die Penner, die Ausbeuter; die Säufer, die Süchtigen, die Huren und Ehebrecher.

Kommt alle zu mir, die ihr Gott verloren habt und nicht mehr glauben könnt.

Kommt zu mir, traut euch mir zu, vertraut euch mir an, werdet meine JüngerInnen.

Kommt und geht mit mir, dann findet ihr den Herzensfrieden und die Geborgenheit wieder, die ihr verloren habt, weil ihr auf falschen Wegen suchtet.

 

Gottes Revolution wird selbst Sünder in Bekehrte verwandeln.

 

Und sie sind gekommen, zuallererst die, die von sich selbst nichts mehr erwartet haben, die gefangen waren in ihren Süchten und eingesperrt in ihren schlechten Ruf. Die Verfahrenheit ihrer Existenz hat sie feinfühlig gemacht für das, was einzig Macht hat, sie zu erlösen aus diesem quälenden Teufelskreis der Entfremdung: weil da einer war, der ihnen einen neuen Anfang geschenkt hat, ohne Vorleistung und Vorbedingung, einfach so – gratis, aus Gnade!

 

Sie haben gespürt, was Jesus durch seinen Umgang mit ihnen beglaubigt hat: Gott ist barmherzig!

 

Und, so heißt es, es waren viele, die da kamen. Wir können kommen, etwa, wie wir sind, wo wir uns befinden, wie schlecht wir über uns selbst denken. Hauptsache, wir kommen! Da ist einer, der uns mit offenen Armen aufnimmt. (vgl. Gemeinde-Bibel, Die Lesungen und Evangelien der Messfeier für die Wochentage der Lesejahre I und II, S. 334)

 

Stefan Tausch, Pastor

 

Evangelium Lk 15, 1-10

Das Doppelgleichnis vom verlorenen Schaf und von der verlorenen Drachme

1 Alle Zöllner und Sünder kamen zu ihm, um ihn zu hören. 2 Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Dieser nimmt Sünder auf und isst mit ihnen. 3 Da erzählte er ihnen dieses Gleichnis und sagte: 4 Wenn einer von euch hundert Schafe hat und eins davon verliert, lässt er dann nicht die neunundneunzig in der Wüste zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet? 5 Und wenn er es gefunden hat, nimmt er es voll Freude auf die Schultern, 6 und wenn er nach Hause kommt, ruft er die Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir, denn ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war! 7 Ich sage euch: Ebenso wird im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die keine Umkehr nötig haben. 8 Oder wenn eine Frau zehn Drachmen hat und eine davon verliert, zündet sie dann nicht eine Lampe an, fegt das Haus und sucht sorgfältig, bis sie die Drachme findet? 9 Und wenn sie diese gefunden hat, ruft sie die Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt: Freut euch mit mir, denn ich habe die Drachme wiedergefunden, die ich verloren hatte! 10 Ebenso, sage ich euch, herrscht bei den Engeln Gottes Freude über einen einzigen Sünder, der umkehrt.

 

Impuls vom 03.09.2022, "Sein Weg - ein Ding der Unmöglichkeit?"

Sein Weg – ein Ding der Unmöglichkeit?

 

Jesus nachzufolgen ist eine große Aufgabe, die uns vor die ein oder andere Herausforderung stellt. Viele Menschen, die ihr Leben im christlichen Sinne gestalten wollen, fürchten, nicht gut genug zu sein. Der Druck bzw. die selbsterzeugten Ansprüche an sich selbst sind zu hoch. Sicherlich fordert uns Jesus heraus – er lockt uns aus der Komfortzone und möchte uns wachsen sehen. Dennoch bedeutet es nicht, dass wir unter Druck stehen und unter Versagensängsten leiden sollen. Dabei ist es auch gar nicht der richtige Gedanke, sich mit anderen ChristInnen zu vergleichen oder sich selbst einen Maßstab zu setzen. Denn Jesus verlangt nicht von allen das Gleiche, schon gar nicht das Unmögliche. Er ruft jeden auf seinen ihm eigenen Weg – entsprechend seiner Charismen und Fähigkeiten.

 

Gleichzeitig ist es wichtig zu bedenken, dass wir als Einzelpersonen das Reich Gottes nicht auf Erden finden geschweige denn erschaffen können. Wir brauchen unsere Mitmenschen und die Gemeinschaft, um die Sache Jesu am laufen zu halten.

Vielleicht ist das Bild des Zahnrades an einer Fahrradkette dazu ganz passend. Als unterschiedliche Glieder einer großen Gemeinschaftskette halten wir zusammen und Jesus verbindet uns und legt – metaphorisch wie das Zahnrad – unterschiedliche Charismen in uns, die wir der bzw. seiner Gemeinschaft zur Verfügung stellen können. So bleibt das Rad am laufen und es bewegt sich weiter fort in der Welt.

 

Ganz nach dem Motto: „To keep your balance, you must keep moving!“

„Um die Balance zu halten, müssen wir uns weiter bewegen!“

 

In Bewegung bleiben und das Ziel immer im Blick zu behalten, ist sicherlich anzustreben. Doch auch wenn es mal nicht gelingt oder phasenweise ins Stolpern gerät, ist es kein Weltuntergang. Unser Gott ist ein verzeihender Gott und geht auch die ungeraden Wege mit!

 

Denn auch wenn es mal knarzt und knackt in der Kette, reißt sie nicht sofort, sondern läuft weiter. Vielmehr kann ein lautes Quietschen uns darauf aufmerksam machen, dass wir das Ziel neu fokussieren und vielleicht sogar die Richtung ändern mögen.

 

Thale Schmitz

 

Evangelium       

Lk 14, 25-33: Die Forderungen der Nachfolge

25 Viele Menschen begleiteten ihn; da wandte er sich an sie und sagte:

26 Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein.

27 Wer nicht sein Kreuz trägt und hinter mir hergeht, der kann nicht mein Jünger sein.

28 Denn wenn einer von euch einen Turm bauen will, setzt er sich dann nicht zuerst hin und berechnet die Kosten, ob seine Mittel für das ganze Vorhaben ausreichen?

29 Sonst könnte es geschehen, dass er das Fundament gelegt hat, dann aber den Bau nicht fertigstellen kann. Und alle, die es sehen, würden ihn verspotten 30 und sagen: Der da hat einen Bau begonnen und konnte ihn nicht zu Ende führen.

31 Oder wenn ein König gegen einen anderen in den Krieg zieht, setzt er sich dann nicht zuerst hin und überlegt, ob er sich mit seinen zehntausend Mann dem entgegenstellen kann, der mit zwanzigtausend gegen ihn anrückt?

32 Kann er es nicht, dann schickt er eine Gesandtschaft, solange der andere noch weit weg ist, und bittet um Frieden.

33 Ebenso kann keiner von euch mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet.

Impuls vom 27.08.2022, "Wie viel ist Dir genug?"

Wie viel ist Dir genug?

Sehr vielen Menschen fällt es schwer, sich unterzuordnen. Sie streben nach Reichtum und Masse und möchten sich in gehobener Sicherheit wissen. Doch wozu das alles?

Konkurrenzdenken hat bislang noch niemandem gutgetan, sondern vielmehr Stress, Druck und Unzufriedenheit ausgelöst. Neid und Eifersucht sind an der Tagesordnung und es braucht immer die anderen, um einen Vergleichswert bemessen zu können.

 

Ich bewundere Menschen, die mit wenig so zufrieden sind und sein können! Dabei ist es natürlich ohnehin eine sehr subjektive Einschätzung, die jede/r für sich vornimmt. Das Glück und die innere Zufriedenheit hängen nicht an unserem Besitz und an unseren Leistungen. Vielmehr spielen andere Faktoren eine wichtige Rolle: unsere Mitmenschen, unser Lebensgefühl (innerer Frieden) und der Glaube an Gott.

 

Im aktuellen Evangelium spricht Jesus die bekannten Worte „Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ (Lk 14, 11) Unsere Ansprüche und Erwartungen an unser Leben und an uns selbst übertragen sich schnell auf das Miteinander mit anderen Menschen. Ich selbst kenne die Gedanken zu gut, dass ich darüber grübele, ob ich womöglich zu wenig oder sogar zu viel gegeben habe. Sorge des Ungleichgewichts in Freundschaften und Beziehungen spielen da mit rein, aber auch manchmal die Angst, für das Wohlwollen und die Großzügigkeit ausgenutzt zu werden. Es ist so schade, das Geben und Schenken nicht einfach genießen zu können und manchmal so ins Grübeln zu geraten. Dabei können wir doch gar nicht enttäuscht werden. Selbst wenn eine Person unser Handeln oder unsere Gabe nicht wertschätzt, dürfen wir doch sicher sein, dass Gott sie sieht und wohlwollend betrachtet. Es ist eine große Lebensaufgabe zu dem Schritt zu gelangen, nicht zurück zu verlangen oder in eine Erwartungshaltung dem anderen gegenüber zu kommen. Doch es ist alle Mühen wert, denn in dieser Umkehr liegt so viel Kraft und Erlösung – unter anderem von den beschriebenen Gedanken und Gefühlen. Er schickt uns in die Freiheit und zu innerer Ruhe und Zufriedenheit.

 

Lieber in einer Hütte wohnen, in der man glücklich ist, als in einem Palast, in dem man weint.“ (Zitat aus China)

 

Thale Schmitz

 

 

Evangelium Lk 14, 1.7-14:

 

1 Und es geschah: Jesus kam an einem Sabbat in das Haus eines führenden Pharisäers zum Essen. Da beobachtete man ihn genau. 7 Als er bemerkte, wie sich die Gäste die Ehrenplätze aussuchten, erzählte er ihnen ein Gleichnis. Er sagte zu ihnen: 8 Wenn du von jemandem zu einer Hochzeit eingeladen bist, nimm nicht den Ehrenplatz ein! Denn es könnte ein anderer von ihm eingeladen sein, der vornehmer ist als du, 9 und dann würde der Gastgeber, der dich und ihn eingeladen hat, kommen und zu dir sagen: Mach diesem hier Platz! Du aber wärst beschämt und müsstest den untersten Platz einnehmen. 10 Vielmehr, wenn du eingeladen bist, geh hin und nimm den untersten Platz ein, damit dein Gastgeber zu dir kommt und sagt: Mein Freund, rück weiter hinauf! Das wird für dich eine Ehre sein vor allen anderen Gästen. 11 Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden. 12 Dann sagte er zu dem Gastgeber: Wenn du mittags oder abends ein Essen gibst, lade nicht deine Freunde oder deine Brüder, deine Verwandten oder reiche Nachbarn ein; sonst laden auch sie dich wieder ein und dir ist es vergolten. 13 Nein, wenn du ein Essen gibst, dann lade Arme, Verkrüppelte, Lahme und Blinde ein. 14 Du wirst selig sein, denn sie haben nichts, um es dir zu vergelten; es wird dir vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten.

Impuls vom 20.08.2022, "Brich auf, bewege dich..."

Brich auf, bewege dich…

…denn nur ein erster Schritt verändert dich, verändert mich, brich auf, bewege dich. (Thomas Laubach/Thomas Quast in: ‚Kreuzungen – Neues Geistliches Lied, 11. Auflage 2014, S. 39)

 

„AUFBRECHEN findet da statt, wo ein Bisheriges veraltet ist und zurückbleiben muss … Die alte, die mittlere, die neue und die heutige Kirchengeschichte ist fortlaufend eine offene oder verborgene Geschichte solcher Aufbrüche. Das nicht genug zu beleuchtende und zu bedenkende Modell: der Auszug Israels aus Ägypten in das ihm verheißene Land.

 

Aufbrechen vollzieht sich also in einer Krisis:

Entschlossener Abschied wird da genommen von etwas Bekanntem, jetzt noch sehr Nahem, das vielleicht (etwa in Gestalt der berühmten Fleischtöpfe Ägyptens) auch seine Vorteile hatte.

Und entschlossene Zuwendung findet da statt etwas noch Fernem, in Hoffnung Bejahtem, das immerhin den Nachteil hat, in seiner herrlichen Gestalt noch reichlich unbekannt zu sein.

 

Indem die Kirche aufbricht, hat sie gewählt, sich zu entscheiden. Sie hat sich das Heimweh nach dem, was sie hinter sich lässt, im Voraus verboten. Sie begrüßt und liebt schon, was vor ihr liegt. Sie ist noch hier und doch nicht mehr hier, noch nicht dort und doch schon dort.

 

Sie hat eine weite Wanderschaft vor sich – auch Kämpfe, auch Leiden, auch Hunger und Durst. Nicht zu verkennen: sie seufzt. Aber noch weniger zu verkennen: sie freut sich. Dementsprechend denkt, redet, handelt sie. In dieser Krisis besteht das Aufbrechen der Kirche: das noch gefangene, schon befreite Volk Gottes.“ (vgl. Karl Barth in: Schott-Messbuch für die Wochentage, Teil II, Herder-Verlag 1997, S. 91f)

 

In diesem Sinne gilt der oben bereits zitierte Liedruf für Einzelpersonen genauso wie für die gesamte Kirche: Brich auf, bewege dich, denn nur ein erster Schritt verändert dich, verändert mich, brich auf, bewege dich.

 

Passend dazu inspiriert und ermutigt uns in diesen Zeiten mit ihren bisweilen massiven Um-, Auf- und Durchbrüche des hl. Paulus: „Brüder und Schwestern, ich bilde mir nicht ein, dass ich es schon ergriffen hätte. Eines aber tue ich: Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist. Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis: der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.“ (Phil 3,13f)

 

Stefan Tausch, Pastor

Impuls vom 13.08.2022, "Feuer entfacht Neues!"

Feuer entfacht Neues!

Das heutige Evangelium und die Worte Jesu klingen gewaltig – beinahe angsteinflößend. Er sei gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen und somit alles in Brand zu setzen. Ist das nicht zerstörerisch und gar nicht im Sinne Gottes?

Die gute Nachricht ist jedoch, dass nach einem Brand der Boden genährt ist und wieder Neues auf der Erde entstehen kann. Dies ist auch die Intention Jesu – vieles muss auf der Erde verändert und runtergebrannt werden, sodass Neues entstehen kann. Bildlich gesprochen ist der Geist Gottes das Feuer, in dem alles geprüft und geläutert und in Reinheit vollendet wird. Ein Grund für wahre Hoffnung!

 

Am 14. August begehen wir den Gedenktag des Heiligen Maximilian Kolbe. Er ist Namenspatron des Katholischen Centrums hier in Dortmund und hat als Märtyrer im Zweiten Weltkrieg unter den Nationalsozialisten gelitten und wurde von ihnen ermordet. Immer wieder hat er versucht, den Menschen Hoffnung zu geben – ganz egal wie sehr das kriegerische Feuer des Regimes sich über ihm auszubreiten vermochte. Als Franziskaner-Minorit hatte er Flüchtlingen Zuflucht gewährt und wurde von der Gestapo verhaftet. Über das Warschauer Zentralgefängnis wurde er nach Auschwitz deportiert, wo er weiter als Priester und Seelsorger im Geheimen wirkte.

Für einen Mithäftling und Familienvater ging er in den Hungerbunker und wurde dort am 14. August 1941 durch Phenolspritzen ermordet. Anschließend wurden die Leichen im Krematorium verbrannt.

Er ging somit selbst in Flammen auf und hat mit seiner Geschichte die Menschen berührt, ihnen Kraft und Hoffnung und Leben geschenkt und all dies ist auf fruchtbaren Boden gestoßen. Er hat das Leiden Christi selbst angenommen und ist für einen anderen in den Tod gegangen. Erschreckend zeigt das ausgewählte Bild, wie die Nationalsozialisten und die ausführenden Männer Macht über seinen Körper gewinnen konnten. Doch seine Botschaft, seine Würde und was er im Herzen trug, kann ihm keiner nehmen. Er hat all dies an die Nachwelt hinterlassen und aus dem bedrohlichen Feuer viele Taten der Nächstenliebe und große Fruchtbarkeit entstehen lassen.

 

Viele Feuer und Brände im Leben – auch innerlich im eigenen Herzen – können wir nicht abwenden, doch wir können Großes, Neues und Gutes daraus entstehen lassen.

 

Thale Schmitz

 

Evangelium:

 

Lk 12, 49-53: Die Zeit der Entscheidung

 

49 Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen! 50 Ich muss mit einer Taufe getauft werden und wie bin ich bedrängt, bis sie vollzogen ist. 51 Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf der Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, sondern Spaltung.

52 Denn von nun an werden fünf Menschen im gleichen Haus in Zwietracht leben: Drei werden gegen zwei stehen und zwei gegen drei; 53 der Vater wird gegen den Sohn stehen und der Sohn gegen den Vater, die Mutter gegen die Tochter und die Tochter gegen die Mutter, die Schwiegermutter gegen ihre Schwiegertochter und die Schwiegertochter gegen die Schwiegermutter.

Impuls vom 06.08.2022, "Denn er kann überall sein..."

Denn er kann überall sein…

Das ausgewählte Bild lässt vielleicht vermuten, dass es sich um einen österlichen Impuls handelt – So ist es auch, denn Ostern wirkt jeden Tag in unser Leben hinein.

 

Das Leiden und Auferstehen Jesu hat uns so viel Hoffnung gebracht, dass alles erstrahlt und die Frohe Botschaft allgegenwärtig ist. Manchmal strahlt das Licht auch nur hintergründig – wie es hier auf dem Bild zu erkennen ist. Doch es ist immer da und hört niemals auf zu leuchten.

 

Im Sonntagsevangelium ermahnt Jesus seine Jünger zur Aufmerksamkeit – er spricht: Haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet. (Lk 12, 40) Damit ist nicht nur die Endzeitvorstellung des Kommens Jesu gemeint. Nein! Er wirkt in unseren Alltag in zahlreichen Momenten und ist präsent für uns ansprechbar. Doch um ihn zu erkennen, braucht es Aufmerksamkeit und auch eine gewisse Erwartungshaltung. Nicht in dem Sinne, dass Jesus immer da sein muss und uns stets aus der Bedrängnis zu führen hat, sondern die Erwartung und der Glaube daran, dass er da ist und wirkmächtig sein kann. Wir müssen nur ganz genau hinschauen und in uns und in Situationen hineinspüren. Gott sozusagen in allen Dingen suchen und dort auch erwarten und vermuten. Indem wir so für ihn bereit und offen sind, entsteht eine große Vorfreude auf ihn, in der wir leben dürfen.

 

Manchmal ist es natürlich gar nicht so ersichtlich. Es gibt die Situationen, in denen wir keinen Ausweg mehr sehen und plötzlich tut sich eine Lösung auf, die wir auf übermenschlichen Beistand zurückführen können oder dürfen. Allerdings fühlen sich Wege manchmal auch richtig an, jedoch werden die Pläne durch negative Ereignisse und vielleicht sogar Katastrophen zerstört und unmöglich gemacht. Ich erinnere mich an Zeiten der Verzweiflung und Abgeschlagenheit in meinem Leben, in denen ich die gegebene Situation absolut nicht akzeptieren konnte. Mit etwas Abstand und im Nachhinein konnte ich jedoch erkennen, dass es sehr gut war, dass ich in meinen Plänen und ihrer Umsetzung ausgebremst wurde. Dankbar durfte ich sein, dass es nicht anders gekommen war. Gott setzt auch Grenzen, die uns bewahren, aber auch zurechtweisen. Lasst uns in Erwartung auf viele Begegnungen mit ihm leben!

Thale Schmitz

 

Evangelium:

 

Lk 12, 35-40: Haltet auch ihr euch bereit!                                         KURZFASSUNG

 

35 Eure Hüften sollen gegürtet sein und eure Lampen brennen! 36 Seid wie Menschen, die auf ihren Herrn warten, der von einer Hochzeit zurückkehrt, damit sie ihm sogleich öffnen, wenn er kommt und anklopft! 37 Selig die Knechte, die der Herr wach findet, wenn er kommt! Amen, ich sage euch: Er wird sich gürten, sie am Tisch Platz nehmen lassen und sie der Reihe nach bedienen. 38 Und kommt er erst in der zweiten oder dritten Nachtwache und findet sie wach – selig sind sie. 39 Bedenkt: Wenn der Herr des Hauses wüsste, in welcher Stunde der Dieb kommt, so würde er verhindern, dass man in sein Haus einbricht. 40 Haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.

 

Lk 12, 32-48: Haltet auch ihr euch bereit!

 

32 Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben. 33 Verkauft euren Besitz und gebt Almosen! Macht euch Geldbeutel, die nicht alt werden! Verschafft euch einen Schatz, der nicht abnimmt, im Himmel, wo kein Dieb ihn findet und keine Motte ihn frisst! 34 Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz.

35 Eure Hüften sollen gegürtet sein und eure Lampen brennen! 36 Seid wie Menschen, die auf ihren Herrn warten, der von einer Hochzeit zurückkehrt, damit sie ihm sogleich öffnen, wenn er kommt und anklopft! 37 Selig die Knechte, die der Herr wach findet, wenn er kommt! Amen, ich sage euch: Er wird sich gürten, sie am Tisch Platz nehmen lassen und sie der Reihe nach bedienen. 38 Und kommt er erst in der zweiten oder dritten Nachtwache und findet sie wach – selig sind sie. 39 Bedenkt: Wenn der Herr des Hauses wüsste, in welcher Stunde der Dieb kommt, so würde er verhindern, dass man in sein Haus einbricht. 40 Haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet. 41 Da sagte Petrus: Herr, sagst du dieses Gleichnis nur zu uns oder auch zu allen? 42 Der Herr antwortete: Wer ist denn der treue und kluge Verwalter, den der Herr über sein Gesinde einsetzen wird, damit er ihnen zur rechten Zeit die Tagesration gibt? 43 Selig der Knecht, den der Herr damit beschäftigt findet, wenn er kommt! 44 Wahrhaftig, ich sage euch: Er wird ihn über sein ganzes Vermögen einsetzen. 45 Wenn aber der Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr verspätet sich zu kommen! und anfängt, die Knechte und Mägde zu schlagen, auch zu essen und zu trinken und sich zu berauschen, 46 dann wird der Herr jenes Knechtes an einem Tag kommen, an dem er es nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt; und der Herr wird ihn in Stücke hauen und ihm seinen Platz unter den Ungläubigen zuweisen. 47 Der Knecht, der den Willen seines Herrn kennt, sich aber nicht darum kümmert und nicht danach handelt, der wird viele Schläge bekommen. 48 Wer aber, ohne den Willen des Herrn zu kennen, etwas tut, was Schläge verdient, der wird wenig Schläge bekommen. Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel zurückgefordert werden, und wem man viel anvertraut hat, von dem wird man umso mehr verlangen.

Impuls vom 30.07.2022, "Nimm alles von mir, was mich fernhält von dir!"

Nimm alles von mir, was mich fernhält von dir!

Aller Reichtum verfällt, aber es gibt etwas Besseres, einen Reichtum „vor Gott“: nicht das, was der Mensch hat, sondern das, was Gott aus ihm gemacht hat.

Gott, ich bitte dich um Verzeihung, wo ich dich in meinem Leben durch andere Dinge ersetzen wollte, wo ich falschen Sicherheiten vertraut habe. Ich will dir wieder den ersten Platz in meinem Leben einräumen und nur auf dich vertrauen. Nimm alles von mir weg, was mich nicht wirklich satt macht und fülle du dann meine Armut mit deinem Reichtum.

Gebet zur Eucharistiefeier im Schott zum 18. Sonntag im Jahreskreis

 

Um sich an den vielen schönen und guten Dingen, mit denen uns die Welt beschenkt, wirklich erfreuen zu können, müssen wir uns von ihnen lösen. Sich lösen bedeutet nicht, ihnen gegenüber gleichgültig oder uninteressiert zu sein, sondern heißt, nicht von ihnen Besitz ergreifen zu wollen.

Ein Leben ohne Besitz ist ein freies Leben. Darin vor allem besteht ein Leben der „Loslösung“. Es ist ein Leben, in dem wir frei sind, um zu loben und zu danken.

Henri Nouwen

 

Was sich nicht kaufen lässt

Ein Bett, aber keinen Schlaf.

Bücher, aber keine Intelligenz.

Essen, aber keinen Appetit.

Schmuck, aber keine Schönheit.

Häuser, aber keine Gemeinschaft.

Medizin, aber keine Gesundheit.

Luxusartikel, aber keine Freude!

Allerlei, aber kein Glück.

Sogar eine Kirche,

aber niemals den Himmel!

AUS GUATEMALA

 

Evangelium:

 

Lk 12, 13-21: Die Vorläufigkeit des Besitzes

 

13 Einer aus der Volksmenge bat Jesus: Meister, sag meinem Bruder, er soll das Erbe mit mir teilen! 14 Er erwiderte ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbteiler bei euch eingesetzt? 15 Dann sagte er zu den Leuten: Gebt Acht, hütet euch vor jeder Art von Habgier! Denn das Leben eines Menschen besteht nicht darin, dass einer im Überfluss seines Besitzes lebt. 16 Und er erzählte ihnen folgendes Gleichnis: Auf den Feldern eines reichen Mannes stand eine gute Ernte. 17 Da überlegte er bei sich selbst: Was soll ich tun? Ich habe keinen Platz, wo ich meine Ernte unterbringen könnte. 18 Schließlich sagte er: So will ich es machen: Ich werde meine Scheunen abreißen und größere bauen; dort werde ich mein ganzes Getreide und meine Vorräte unterbringen. 19 Dann werde ich zu meiner Seele sagen: Seele, nun hast du einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht. Ruh dich aus, iss und trink und freue dich! 20 Da sprach Gott zu ihm: Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern. Wem wird dann das gehören, was du angehäuft hast? 21 So geht es einem, der nur für sich selbst Schätze sammelt, aber bei Gott nicht reich ist.

Impuls vom 23.07.2022, "Welch ein Glück, Freunde zu haben!"

Welch ein Glück, Freunde zu haben!

Gerade in diesen Zeiten ist es mir noch einmal mehr bewusst geworden, wie groß das Privileg ist, gute Freunde zu haben. Sowohl ganz nah als auch in der Ferne ist es ein Segen zu wissen, dass da jemand ist, der oder die an mich denkt, mir physischen und/oder seelischen Beistand leistet und einfach verfügbar und ansprechbar für mich ist. Auch wenn Gott diese Rolle für uns einnimmt, brauchen wir doch Gemeinschaft und die reale Sicherheit von Menschen, die uns direkt umgeben und mit denen wir in Kommunikation und Austausch treten können.

Jesus geht im Sonntagsevangelium auf das Wesen der Freundschaft ein. Ganz deutlich sagt er, dass ein Freund allein um seines Freundseins willen auf das Hilfegesuch oder eine Bitte eingehen wird. Es steht ganz außer Frage, dass er oder sie den bequemen Weg wählt und sich mit Ausreden aus der Unterstützung zurückzieht. Die bedingungslose Präsenz und der große Einsatz für den/die jeweils andere/n ist ein Wesensmerkmal wahrer und guter Freundschaft.

Immer wieder im Leben kommen wir in Situationen der Bedrängnis, die uns vielleicht Angst machen, in denen wir Halt und Unterstützung brauchen. Im aktuellen Alltag sind viele in häuslicher Quarantäne und so darauf angewiesen, dass jemand für sie einkaufen geht. Es ist nicht selbstverständlich, dass dies immerzu möglich ist und es Menschen/Freunde in der direkten Umgebung gibt, die dies übernehmen können.

Diese Erfahrung habe ich in sehr beglückender Weise machen dürfen, denn in einer Zeit der Corona-Erkrankung habe ich von meinen Freunden zahlreiche Angebote zum Einkaufen bekommen, sodass ich noch nicht einmal darum bitten musste. Täglich bekam ich mindestens eine Nachricht, in der ich gefragt wurde, ob mir noch etwas fehlt oder ich etwas brauche. Einer Freundin bin ich dafür besonders dankbar und habe ihr sehr deutlich zum Ausdruck gebracht, dass es wirklich nicht selbstverständlich ist. Daraufhin sagte sie: „Ich würde mir das, glaube ich, selber mehr wünschen, dass das selbstverständlich ist.“ Ich denke von dieser Sehnsucht können viele Menschen berichten. Doch wir können schon jetzt und in jedem Moment daran mitwirken.

Lasst uns Freunde füreinander sein, uns gegenseitig Halt und Sicherheit schenken. Dazu müssen wir auch gar nicht engste Vertraute oder schon lange Bekannte sein. Jedem Menschen Freund sein zu dürfen und ihm/ihr freundschaftlich und aufmerksam gegenüber zu treten, ist ein großes Geschenk, das uns allen zu einem Leben in Fülle verhilft – im Wissen umeinander sind wir so alle gut versorgt und können uns aufeinander verlassen.

Thale Schmitz

 

Evangelium:

Lukas 11, 1-13: Das Vaterunser und der Aufruf zum beharrlichen Bitten

1 Und es geschah: Jesus betete einmal an einem Ort; als er das Gebet beendet hatte, sagte einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger beten gelehrt hat! 2 Da sagte er zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: Vater, geheiligt werde dein Name. / Dein Reich komme. 3 Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen! 4 Und erlass uns unsere Sünden; / denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist. / Und führe uns nicht in Versuchung! 5 Dann sagte er zu ihnen: Wenn einer von euch einen Freund hat und um Mitternacht zu ihm geht und sagt: Freund, leih mir drei Brote; 6 denn einer meiner Freunde, der auf Reisen ist, ist zu mir gekommen und ich habe ihm nichts anzubieten!, 7 wird dann der Mann drinnen antworten: Lass mich in Ruhe, die Tür ist schon verschlossen und meine Kinder schlafen bei mir; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben? 8 Ich sage euch: Wenn er schon nicht deswegen aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seiner Zudringlichkeit aufstehen und ihm geben, was er braucht. 9 Darum sage ich euch: Bittet und es wird euch gegeben; sucht und ihr werdet finden; klopft an und es wird euch geöffnet. 10 Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet. 11 Oder welcher Vater unter euch, den der Sohn um einen Fisch bittet, gibt ihm statt eines Fisches eine Schlange 12 oder einen Skorpion, wenn er um ein Ei bittet? 13 Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten.

Impuls vom 16.07.2022, "Das wird ein Fest - aber nicht für den/die Gastgeber/in!"

Das wird ein Fest – aber nicht für den/die Gastgeber/in!

Ein großes Fest oder eine Familienfeier bedeuten für den Gastgebenden in unserer Gesellschaft häufig sehr viel Stress. Die Vorbereitungen und der Wunsch, dass alles perfekt wird, lösen enormen Druck aus und so kann sich zum Beispiel das Geburtstagskind gar nicht richtig auf die eigene Feier freuen. Dabei sind doch die Gemeinschaft und das Zusammenkommen vieler naher Menschen, die wir vermutlich sehr selten nur alle gemeinsam sehen können, das Wichtigste!

Die ausrichtende Person hat von dieser Gemeinschaft meist nicht viel, da sie durchgängig versucht, alle Gäste gut zu versorgen und keine leeren Gläser vorzufinden. Die Gäste haben es umso bequemer, da sie sich untereinander gemütlich austauschen können und noch dazu bedient werden. Schon als kleines Kind war mir dieses Szenario schleierhaft. Sollte denn nicht das Geburtstagskind verwöhnt werden und im Fokus stehen?

Ich erinnere mich dabei auch an meine eigene Familie. Meine Mutter war häufig sehr gestresst, wenn wir eingeladen hatten und zweifelte noch dazu an ihren tollen Speisen und Vorbereitungen. Natürlich halfen wir alle mit, denn es sollte ja auch alles sauber und ordentlich sein im Haus. Die Gesamtsituation machte uns allerdings alle stets nervös. Schon damals fand ich es völlig übertrieben, dass alles perfekt und blitzblank sein sollte. Es kam mir fast künstlich vor, denn bei einem Spontanbesuch würden die Gäste unser Haus ja auch anders vorfinden. Die Anspannung löste sich manchmal erst nach der Feier, wenn es ans Aufräumen ging. Das taten wir allerdings überraschend gern im Anschluss – schade ist es dennoch, dass die Feier an sich viel weniger genossen wurde.

Jesus zeigt uns stellvertretend in seinen Worten zu Marta, dass es genau auf diese Dinge gar nicht ankommt. Ganz beim Gast zu sein und sich nur ihm zu widmen – wie Maria es tut -, bringt so viel mehr Erfüllung. Sich einem Leistungsdruck als Gastgeberin hinzugeben, führt gewiss nicht ans Ziel. Vielleicht verpassen wir sogar alles, wenn der Druck und die vermeintliche Bewertung anderer im Vordergrund stehen. Eine Einladung auszusprechen und Menschen zusammenzubringen, ist bereits eine große Wohltat, die für alle Gäste ein Geschenk ist. Das Drumherum ist zweitrangig und so dürfen wir auch als Gastgeber/in selbstbewusst einfach die Gemeinschaft genießen.

Thale Schmitz

Evangelium:

Lk 10, 38-42: Maria und Marta

38 Als sie weiterzogen, kam er in ein Dorf. Eine Frau namens Marta nahm ihn gastlich auf.

39 Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu.

40 Marta aber war ganz davon in Anspruch genommen zu dienen. Sie kam zu ihm und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die Arbeit mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen!

41 Der Herr antwortete: Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen.

42 Aber nur eines ist notwendig. Maria hat den guten Teil gewählt, der wird ihr nicht genommen werden.

 

Impuls vom 09.07.2022, "Handle danach und du wirst leben!"

Handle danach und du wirst leben!

Im heutigen Evangelium geht es um die Nächstenliebe – ein Wort, das sicherlich jeder Mensch schon einmal gehört hat, aber es vielleicht ganz unterschiedlich auffasst oder inhaltlich gar nicht richtig einordnen kann. So stellt der Gesetzeslehrer zurecht gewisse Nachfragen an Jesus, die dieser allerdings nicht mit großen Erklärungen beantwortet.

Interessant ist, dass geschrieben steht: Der Gesetzeslehrer wollte sich rechtfertigen (Lk 10, 29a). Rechtfertigen, wofür? Es hatte ihn niemand darum gebeten und es bleibt unklar, ob er seine Fragen allgemein rechtfertigen möchte oder vielleicht seine Unwissenheit, indem er noch eine weitere Nachfrage stellt.

Ich finde das Bedürfnis zur Rechtfertigung bei uns Menschen ein wirklich spannendes Phänomen. In vielen Situationen wollen wir unser Handeln und Denken begründen und erklären, um sicherzugehen, dass es bei unserem Gegenüber nicht falsch rüberkommt. Wir legen viel zu viel Wert auf die Meinungen der anderen und verstricken uns in Rechtfertigungen, anstatt einfach selbstbewusst zu unserem Tun zu stehen und davon überzeugt zu sein.

Ich kenne die Situation selber sehr gut, dass ich mein Denken und Handeln infrage stelle bzw. viel mehr, dass etwas von mir falsch überkommt, was ich gar nicht so gemeint habe. Früher bin ich stets den Weg der Rechtfertigung gegangen und habe mich versucht zu erklären. Oftmals war dies dann zu viel des Guten und die schrägen Gedanken und möglichen Falschinterpretationen wurden so in meinem Gegenüber erst entfacht. Aus diesen Erfahrungen habe ich viel gelernt und mir ein ganz neues Selbstbewusstsein angeeignet. Zweifel und Bedenken im Nachhinein zuzulassen, ist dabei völlig in Ordnung. Jedoch sollten wir uns immer wieder bewusstmachen, dass die Kommunikation auf beiden Seiten wichtig ist. Hätte wirklich jemand etwas in den falschen Hals bekommen, können wir genauso gut darauf setzen, dass dies angesprochen wird.

Bezogen auf die Nächstenliebe ist es aus auch eine Gegenseitigkeit, die wir Menschen uns entgegenbringen dürfen. Den/Die Andere/n mit liebevollen Augen sehen und ihm/ihr nichts Böses unterstellen wollen. In Interaktion zu bleiben und sich durch Gedanken nicht vom (Re-)Agieren abhalten zu lassen, ist dabei das Wichtigste. Vertrauen wir auf unser Gewissen und handeln wir so, wie wir es von Jesus gelernt haben – auch uns selbst gegenüber.

Thale Schmitz

Evangelium:

Lk 10, 25-37: Der barmherzige Samariter als Beispiel

25 Und siehe, ein Gesetzeslehrer stand auf, um Jesus auf die Probe zu stellen, und fragte ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben? 26 Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? 27 Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst. 28 Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben! 29 Der Gesetzeslehrer wollte sich rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster? 30 Darauf antwortete ihm Jesus: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halbtot liegen. 31 Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging vorüber. 32 Ebenso kam auch ein Levit zu der Stelle; er sah ihn und ging vorüber. 33 Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam zu ihm; er sah ihn und hatte Mitleid, 34 ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein eigenes Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn. 35 Und am nächsten Tag holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme. 36 Wer von diesen dreien meinst du, ist dem der Nächste geworden, der von den Räubern überfallen wurde? 37 Der Gesetzeslehrer antwortete: Der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle du genauso!

Impuls vom 02.07.2022, "Esst und trinkt, was man euch anbietet!"

Esst und trinkt, was man euch anbietet!

Jesus erwählt weitere 72 Menschen, um sie auszusenden und in seinem Namen die Frohe Botschaft und das Kommen des Reiches Gottes zu verkünden. Seine Forderungen, die er ihnen mitgibt, klingen überwiegend sehr herausfordernd. Denn sie sollen kein Geld, keinen Vorrat und keine Kleidung mitnehmen und er schickt sie bewusst wie Schafe mitten unter die Wölfe. (Lk 10, 3b) Weniger schwierig klingt der Satz „Esst und trinkt, was man euch anbietet“. Es hätte die nachfolgenden Jünger – neben den anderen Bedingungen – vermutlich nicht überrascht, wenn sie in gewisser Weise auch auf das Essen hätten verzichten und fasten sollen.

In meinen Gedanken erschien direkt das Bild einer Essenstafel im Hier und Jetzt. Unvermeidlich wurde mir bewusst, wie viele Menschen in der heutigen Gesellschaft vorsichtig damit sind, alles zu essen, was ihnen vorgesetzt wird. Aus unterschiedlichen Gründen sind sie empfindlich aufgrund von Unverträglichkeiten, ethischen Werten (vegetarisch/vegan) oder weil es einfach viele Lebensmittel gibt, die ihnen nicht schmecken. So ist das Vermögen oder auch die Bereitschaft, sich ganz auf die Menschen und auch ihre Ernährung und Küche einzulassen, sehr begrenzt. Die Neugier auf das Unbekannte hält den vielen Filtern schwer stand und das kulturelle Erleben wird sowohl bewusst als auch unbewusst erschwert.

Gastfreundschaft ganz anzunehmen und zu genießen, ist durch eingefahrene Gewohnheiten zumindest in unserer Gesellschaft für einige Menschen (sicherlich nicht alle!) gar nicht so einfach. Zu sehr nehmen persönliche Vorstellungen und auch Privilegien Raum ein, dass wir unsere eigenen Bedürfnisse ungern zurückstellen.

Einfach offen sein für das, was kommt und liebevoll angeboten wird, geht mit Kontrollverlust einher – ein Phänomen, das wirklich gern vermieden wird. Doch indem wir aus Unsicherheit Geschenke und Zuneigungen ablehnen, entsteht automatisch eine Distanz.

Dieses Bild ist tatsächlich sehr gut auf unseren Glauben übertragbar. Jesus hält uns einiges hin, was wir nicht verstehen und wohinter wir den Sinn noch nicht erahnen können. Doch er weiß und weist den Weg für uns. Wir dürfen offen sein und seine Gaben ohne Zögern empfangen. Wir sollten zumindest mal davon probieren – denn vielleicht ist es der beste Geschmack, den wir uns hätten vorstellen können.

Thale Schmitz

 

Evangelium:

Lk 10, 1-9: Die Aussendung der zweiundsiebzig Jünger

1 Danach suchte der Herr zweiundsiebzig andere aus und sandte sie zu zweit vor sich her in alle Städte und Ortschaften, in die er selbst gehen wollte.

2 Er sagte zu ihnen: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden!

3 Geht! Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe.

4 Nehmt keinen Geldbeutel mit, keine Vorratstasche und keine Schuhe! Grüßt niemanden auf dem Weg!

5 Wenn ihr in ein Haus kommt, so sagt als Erstes: Friede diesem Haus!

6 Und wenn dort ein Sohn des Friedens wohnt, wird euer Friede auf ihm ruhen; andernfalls wird er zu euch zurückkehren.

7 Bleibt in diesem Haus, esst und trinkt, was man euch anbietet; denn wer arbeitet, ist seines Lohnes wert. Zieht nicht von einem Haus in ein anderes!

8 Wenn ihr in eine Stadt kommt und man euch aufnimmt, so esst, was man euch vorsetzt.

9 Heilt die Kranken, die dort sind, und sagt ihnen: Das Reich Gottes ist euch nahe!

Impuls vom 25.06.2022, "Wer sich an Gott festmacht, der kann losgehen."

Wer sich an Gott festmacht, der kann losgehen.

Der obige Titel ist ein Zitat der Autorin Andrea Schwarz und greift die Thematik der Nachfolge im heutigen Sonntagsevangelium auf. Die Worte Jesu klingen sehr fordernd und womöglich bedrohlich für diejenigen, die sich auf ihn einlassen und ihm folgen möchten. Es klingt beinahe unempathisch, dass seine Jünger nicht einmal Abschied nehmen sollen von ihrer Familie oder einen nahestehenden Verstorbenen zuvor begraben dürfen. Ganz deutlich stellt Jesus die Relevanz der Verkündigung des Reiches Gottes heraus und dass dies höchste Priorität für die Nachfolge hat. Vermutlich haben diese scharfen Worte Jesu zu Verunsicherung und Zweifeln bei den Menschen geführt. Können sie – die ihm doch nachfolgen wollen – diesen Anforderungen gerecht werden und wollen sie das wirklich? Weitere Ausführungen von Andrea Schwarz können dazu inspirierende Impulse geben:

Wenn man sich auf einen einlässt, der von sich sagt: „Ich bin der Weg“, dann kann man nicht sitzen bleiben. Dann ist Aufbruch angesagt. Das kann ein innerer Aufbruch, ein inneres Losgehen sein, das können Wege sein, die mein Herz geht – das können aber auch ganz konkrete äußere Aufbrüche sein. Das heißt, sich einlassen auf Neues, Anderes, Ungewohntes – auf sein Wort hin. (Andrea Schwarz)

Nachfolge als Aufbruch zu begreifen, erscheint mir sehr passend. Und dennoch macht Andrea Schwarz hier gut deutlich, dass es auch „nur“ oder vorerst ein innerer Aufbruch sein kann, der mich im Herzen bewegt – auch wenn er nicht spürbar für andere oder durch Aktion sichtbar wird. Es ist eine Entscheidung, die von innen kommt und in ihrem Ausdruck variieren kann.

Sowieso gilt: Jesus akzeptiert unsere Entscheidung. Auch wenn sie negativ für die Nachfolge ausfällt, wird Jesus uns Menschen nicht ablehnen oder abweisen, wenn wir zu ihm (zurück-)kommen (Vgl. Jahreslosung 2022: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen. (Joh 6, 37)). Seine Ehrlichkeit und Transparenz machen ganz klar, welche Konsequenzen eine Nachfolge mit sich zieht und wir selbst können so auch die Konsequenzen einer Nicht-Nachfolge abwägen. Ist das, was wir empfangen nicht viel größer als jegliche, subjektive Einbußen und Einsätze, die Jesus von uns fordert?

Es liegt an uns – WIR können und dürfen uns für oder gegen die Nachfolge entscheiden und die Gnade Gottes in unserem Leben wirksam werden lassen.

Thale Schmitz

 

Evangelium: Der Weg Jesu nach Jerusalem

Lk 9, 51-62: Ablehnung und Konsequenz der Nachfolge

51 Es geschah aber: Als sich die Tage erfüllten, dass er hinweggenommen werden sollte, fasste Jesus den festen Entschluss, nach Jerusalem zu gehen. 52 Und er schickte Boten vor sich her. Diese gingen und kamen in ein Dorf der Samariter und wollten eine Unterkunft für ihn besorgen. 53 Aber man nahm ihn nicht auf, weil er auf dem Weg nach Jerusalem war. 54 Als die Jünger Jakobus und Johannes das sahen, sagten sie: Herr, sollen wir sagen, dass Feuer vom Himmel fällt und sie verzehrt? 55 Da wandte er sich um und wies sie zurecht. 56 Und sie gingen in ein anderes Dorf. 57 Als sie auf dem Weg weiterzogen, sagte ein Mann zu Jesus: Ich will dir nachfolgen, wohin du auch gehst. 58 Jesus antwortete ihm: Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann. 59 Zu einem anderen sagte er: Folge mir nach! Der erwiderte: Lass mich zuerst weggehen und meinen Vater begraben! 60 Jesus sagte zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkünde das Reich Gottes! 61 Wieder ein anderer sagte: Ich will dir nachfolgen, Herr. Zuvor aber lass mich Abschied nehmen von denen, die in meinem Hause sind. 62 Jesus erwiderte ihm: Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes.

Impuls vom 18.06.2022, "Ich aber - für wen halte ich IHN?"

Ich aber – für wen halte ich IHN?

Vieles im Leben wird von Mehrheitsmeinungen und Gesellschaftsansichten bestimmt. Ich erlebe häufig, dass es Menschen schwerfällt, eine eigene Meinung zu bilden. Zu stark sind die Außeneinflüsse, sodass wir verlernen in uns selbst hineinzuhorchen und auf das eigene Gefühl zu vertrauen.

Gerade im Glauben und im spirituellen Kontext ist es die persönliche Beziehung zu Gott, die wir pflegen und gestalten wollen. Obwohl die Religiosität ganz individuell und vor allem Privatsphäre ist, gibt es doch viele Gegenstimmen und Diskussionsforen in unserer Gesellschaft und in der Welt. Innerhalb der Communities müssen Menschen sich nicht rechtfertigen, sondern haben im religiösen Sinne Gleichgesinnte gefunden. Tritt man doch aus diesen Rahmen heraus, werden viele bekennende Christen und Christinnen – genauso wie Juden und Jüdinnen, Muslime und Musliminnen z.B. – die Situation kennen, infrage gestellt zu werden. Dabei handelt es sich häufig um Menschen, die großes Interesse daran haben und/oder diese Glaubensebene nicht haben sowie nicht nachvollziehen können. Im Studium – außerhalb des theologischen Kontextes – habe ich diese Nachfragen sehr oft erlebt. Tatsächlich mit ganz unterschiedlichen Hintergründen der Fragenden: Von provokativer Nachfrage bis hin zu Ausdruck von Respekt oder sogar dem Eingeständnis, selber gläubig zu sein und sich nicht so leicht dazu bekennen zu können. Jede Begegnung habe ich als sehr wertvoll empfunden. Die eigene Auseinandersetzung wurde durch die Nachfragen stets vertieft und die neuen Impulse regten weiterführende Gedanken in mir an.

Dass wir uns zu unserem Glauben bekennen und von unserem Gott Zeugnis geben, sollte uns auch durch Provokation und Unverständnis nicht genommen werden. Denn das Wichtigste für eine gelingende Gottesbeziehung ist der ganz eigene und persönliche tiefe Glaube und die Gewissheit, fest dahinter zu stehen und auf die Frage „Für wen halte ich meinen Gott?“ deutlich und klar antworten zu können. Ohne Rechenschaft ablegen zu müssen, schenkt mir diese Gewissheit Standfestigkeit im Glauben, der mich in Hoffnung, Sicherheit und Zuversicht leben lässt. Die Klarheit in der bleibenden Unklarheit (siehe Bild) scheint der Schlüssel zu einem erfüllten Leben mit Gott zu sein. Die Perspektive mit Jesus Christus den Lebensweg gemeinsam zu gehen, lässt uns wie Petrus klar und deutlich auf die Frage im Titel antworten: Für den Christus Gottes (Lk 9, 20b).

Thale Schmitz

 

Evangelium:

Lk 9, 18-24:

18 Und es geschah: Jesus betete für sich allein und die Jünger waren bei ihm. Da fragte er sie: Für wen halten mich die Leute?

19 Sie antworteten: Einige für Johannes den Täufer, andere für Elija; wieder andere sagen: Einer der alten Propheten ist auferstanden.

20 Da sagte er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Petrus antwortete: Für den Christus Gottes.

21 Doch er befahl ihnen und wies sie an, es niemandem zu sagen.

22 Und er sagte: Der Menschensohn muss vieles erleiden und von den Ältesten, den Hohepriestern und den Schriftgelehrten verworfen werden; er muss getötet und am dritten Tage auferweckt werden.

23 Zu allen sagte er: Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.

24 Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es retten.

Impuls vom 11.06.2022, "Keine Last, die wir nicht tragen könnten..."

Keine Last, die wir nicht tragen könnten…

Dreieinig und doch dreifaltig – die Zahl drei ist eine symbolische und stärkende Zahl, die mir häufig als Orientierung dient. Aller guten Dinge sind drei ist daher ein sehr passendes Sprichwort.

Allen dreien – Vater, Sohn und heiligem Geist – ist in ihrer Einheit auch gemein, dass sie uns niemals eine Last aufbürden würden, die wir nicht tragen könnten. Jesus bringt es im heutigen Evangelium sehr deutlich ins Wort und spricht: Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. (Joh 16, 12) Er hat ein Gespür dafür, was er seinen Jüngern und Nachfolgern zumuten kann.

Gott legt uns nie mehr auf, als wir tragen können. (Dietrich Bonhoeffer)

In Anlehnung an diesen Gedanken fiel mir das gerade genannte Zitat von Dietrich Bonhoeffer ein. Es ermutigt mich immer wieder neu, jede Herausforderung anzunehmen und durchzuhalten statt nachzulassen, wenn es brenzlig wird.

Auch die Jünger werden sich in einer brenzligen Situation wiedergefunden haben. Denn Jesus kündigt an, bald nicht mehr bei ihnen zu sein. Es wird ihnen schwergefallen sein, seine Worte zu verstehen und richtig einzuordnen. Dennoch dürfen sie darauf vertrauen, dass der Herr es gut mit ihnen meint und ihnen nichts auferlegt, was sie nicht tragen könnten. Er will ihnen und uns heute die Herausforderungen des Lebens nicht zumuten, sondern vielmehr zutrauen!

Jesus nachzufolgen, bedeutet, sein Kreuz auf sich zu nehmen. Das Bild des skulpturalen Kreuzweges auf dem Friedhof in Brilon-Madfeld (Hochsauerlandkreis) zeigt in sehr eindrücklicher Weise, wie viel Kraft und Entschlossenheit es braucht, um immer neu aufzustehen und sich sowie das Kreuz wieder aufzurichten. Indem wir uns wieder erheben, wird auch das Kreuz erhoben – ganz im Jesu Sinne.

Die tiefe Verbundenheit zwischen Vater, Sohn und Geist ist uns Zeichen und Stärke zugleich. Sie zeigt uns, dass auch wir diese Verbindung haben, sowie leben und gestalten können. Niemand muss sein Kreuz allein tragen! Wir können und dürfen unsere Last teilen und sollen sie sogar Jesus anvertrauen und ihn mittragen lassen. Er lässt uns nicht allein und schenkt uns in seiner Dreieinigkeit den Geist der Wahrheit. Er wird uns leiten, ihm dürfen wir ganz vertrauen und in Zuversicht und Hoffnung leben.

Thale Schmitz

 

Evangelium:

Joh 16, 12-15:

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern:

12 Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen.

13 Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in der ganzen Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selbst heraus reden, sondern er wird reden, was er hört, und euch verkünden, was kommen wird.

14 Er wird mich verherrlichen; denn er wird von dem, was mein ist, nehmen und es euch verkünden.

15 Alles, was der Vater hat, ist mein; darum habe ich gesagt: Er nimmt von dem, was mein ist, und wird es euch verkünden.

Impuls vom 04.06.2022, "7 PLUS - Pfingsten ist da!"

7 PLUS – Pfingsten ist da!

Beim Verfassen dieser Zeilen ist unsere Aktion zwar noch nicht im Gange, doch voller Vorfreude blicken wir auf die bevorstehenden, sicherlich zahlreichen Begegnungen in der Stadt. Den Menschen ein Geschenk zu machen, in Form von 7 symbolischen Gegenständen, die uns dem Herabkommen des Heiligen Geistes näher bringen mögen, scheint uns eine tolle Möglichkeit, Pfingsten spürbar zu machen und mit den Menschen in der Stadt – in unserem Forum – ins Gespräch zu kommen.

Was sich hinter den Geschenken bzw. in den Tüten verbirgt, können Sie unter der folgenden Homepage herausfinden: http://7.plus.ruhr/ 

Was ist das Besondere an dieser Aktion? Erstmalig starten wir ein Projekt gemeinsam mit den citypastoralen Teams in Bochum und Essen – „Citypastoral an der A40“. Das bedeutet, wir sind in allen drei Städten gemeinsam unterwegs und verteilen die Tüten. Außerdem haben wir über die Pfingsttage verteilt jeweils einen Gottesdienst geplant. Die symbolische Zahl 7 begegnet uns in verschiedenen Kontexten und besticht durch die hohe Metaphorik. Wer auch noch das PLUS genießen möchte, liest einfach auf der Homepage weiter und erhält begeisternde Hintergrundinformationen und Anregungen.

Während Sie nun diese Zeilen lesen, liegt die Verteil-Aktion sowie der thematisch passende Gottesdienst in Dortmund bereits hinter uns. Ich selbst bin gespannt, wie wir den Tag erleben werden. Ist unser Wunsch in Erfüllung gegangen, in großer Offenheit und Freiheit auf die Menschen zuzugehen und sie durch unsere Begegnung und die Aktion 7 PLUS zu begeistern?

Wie es im Evangelium zum Vorabend zu Pfingsten heißt, ist der Geist am Pfingstsamstag noch nicht gegeben. Jedoch können wir die Menschen auf das Herabkommen des Heiligen Geist vielleicht in gewisser Weise vorbereiten – auf ihn aufmerksam machen und seine Potentiale für die Menschen bewusstmachen. Gewiss ist der Heilige Geist uns heute jederzeit zugegen – wenn wir ihn nur einlassen. Das Pfingstfest und die 7 PLUS Aktion unterstützen uns, ihn in diesen Tagen auf ganz besondere Weise zu spüren und ihm vor allem nachzuspüren. Vielleicht können unsere kleinen Geschenke und die dazugehörigen Impulse und Anregungen auf der Homepage dabei helfen. Lassen Sie sich überraschen und nutzen Sie diese Tage mal ganz besonders, um darauf zu achten, wo der Heilige Geist Ihnen im Alltag begegnet.

Thale Schmitz

 

 

Evangelium:

Joh 7, 37-39:

37 Am letzten Tag des Festes, dem großen Tag, stellte sich Jesus hin und rief: Wer Durst hat, komme zu mir und es trinke,

38 wer an mich glaubt! Wie die Schrift sagt: Aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser fließen.

39 Damit meinte er den Geist, den alle empfangen sollten, die an ihn glauben; denn der Geist war noch nicht gegeben, weil Jesus noch nicht verherrlicht war.

Impuls vom 28.05.2022, "Wozu ist Christsein gut?"

Wozu ist Christsein gut?

Angesichts dieser bedrohlichen Gedanken stellt sich mir die Frage, wozu Christsein bei alldem gut ist? Dabei kommt mir als erstes das Friedensgebet des Heiligen Franziskus von Assisi in den Sinn – insbesondere die folgenden Verse:

Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens,

dass ich Liebe übe, wo man hasst;

dass ich verzeihe, wo man beleidigt;

dass ich verbinde, wo Streit ist.

 

Sicherlich ist dies ein gutes und zielführendes Vorhaben, das mehr Macht gewinnt, wenn die Einheit aller Christen auf der Erde dem entgegenstrebt. Christsein bedeutet, dass wir so leben, wie Jesus gelebt hat; dass wir zu anderen hingehen und ihnen konkret helfen. Wir dürfen Gottes Hilfe anbieten, weil Gott in uns allen lebt und der Heilige Geist uns erfüllt. Dazu brauchen wir einen aufmerksamen Blick, um zu sehen, wo Gottes Hilfe benötigt wird; wo wir vergeben können; wo wir Freude schenken dürfen und Trostlosigkeit verschwindet. Gott möchte nicht, dass wir uns trostlos fühlen. Er schenkt uns die Kraft, die Traurigkeit zu überwinden und auch unsere Mitmenschen dort heraus zu holen. Der Heilige Geist wirkt wie eine Energiequelle (wie eine Glühbirne) auf die Welt ein und steht in fester Verbindung zu ihr. Auch wenn die Welt gespalten ist bzw. wird und das Sicherheitsschloss nicht mehr hält, bleibt dennoch die Perspektive erhalten, stets zur Einheit zurückzufinden.

 

Thale Schmitz

 

Evangelium:

Joh 17, 20–26

20 Ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben.

21 Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.

22 Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins sind, wie wir eins sind,

23 ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und sie ebenso geliebt hast, wie du mich geliebt hast.

24 Vater, ich will, dass alle, die du mir gegeben hast, dort bei mir sind, wo ich bin. Sie sollen meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast, weil du mich schon geliebt hast vor Grundlegung der Welt.

25 Gerechter Vater, die Welt hat dich nicht erkannt, ich aber habe dich erkannt und sie haben erkannt, dass du mich gesandt hast.

26 Ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen ist und ich in ihnen bin.

Impuls vom 21.05.2022, "Dein Geist weht, wo er will!"

Dein Geist weht, wo er will!

In Vorfreude auf Pfingsten verspricht uns Jesus im heutigen Evangelium den Heiligen Geist, der uns immer wieder – auch wenn Jesus nicht mehr sichtbar für die Jünger ist – allgegenwärtig ist. Er lässt uns die Gegenwart Jesu spüren und bestätigt uns den geschenkten Frieden Jesu stets neu. Welch ein Segen, dass wir für den Heiligen Geist bitten dürfen und gerade in schwierigen Situationen seinen Beistand erbeten können.

Der (Lied-)Titel „Dein Geist weht, wo er will“ klingt im ersten Moment sehr unberechenbar für uns Menschen. Wir haben keinen Einfluss auf das Wirken des Heiligen Geistes, doch durch das Gebet öffnen wir uns für ihn und lassen ihn bei uns Wohnung finden. Genau wie Jesus es beschreibt: Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten; mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm Wohnung nehmen. (Joh 14, 23)

Und doch ist es die Unverfügbarkeit, die uns so viel Hoffnung und Zuversicht schenkt. Der Heilige Geist trägt den Frieden in und durch die Welt und wird dort spürbar, wo ihm Einlass gewährt wird. Die Inhalte des Liedtextes geben uns weitere Impulse:

Dein Geist weht, wo Er will, wir können es nur ahnen. Er greift nach unsren Herzen und bricht sich neue Bahnen.

Dein Geist weht, wo Er will, Er spricht in unsre Stille, in allen Sprachen redet Er, verkündet Gottes Wille.

Dein Geist weht, wo Er will, ist Antrieb für die Liebe, die Hoffnung hat Er aufgeweckt, wo sonst nur Trauer bliebe.

Dein Geist weht, wo Er will, Er ist wie ein Erfinder, aus Erde hat Er uns gemacht als Seines Geistes Kinder.

ER greift nach unseren Herzen – wir müssen sie ihm nur öffnen.

ER spricht in unsere Stille – wir brauchen nur still zu werden.

ER schenkt uns Hoffnung sowie Mut und Wagnis zur Liebe.

ER ist wie ein Erfinder und zeigt uns neue Wege, Perspektiven und Lösungen, die wir nicht für möglich gehalten haben.

Dein Geist ist in dieser Welt, er will uns berühren und Dich bei uns wohnen lassen.

Thale Schmitz

 

Evangelium:

Joh 14, 23–29

23 Jesus antwortete ihm: Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten; mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm Wohnung nehmen.

24 Wer mich nicht liebt, hält meine Worte nicht. Und das Wort, das ihr hört, stammt nicht von mir, sondern vom Vater, der mich gesandt hat.

25 Das habe ich zu euch gesagt, während ich noch bei euch bin.

26 Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.

27 Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht, wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch. Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht.

28 Ihr habt gehört, dass ich zu euch sagte: Ich gehe fort und komme wieder zu euch. Wenn ihr mich liebtet, würdet ihr euch freuen, dass ich zum Vater gehe; denn der Vater ist größer als ich.

29 Jetzt schon habe ich es euch gesagt, bevor es geschieht, damit ihr, wenn es geschieht, zum Glauben kommt.

Impuls vom 14.05.2022, "DER HERR AM UFER"

DER HERR AM UFER

 

Wenn wir am Ende sind mit unsrer Kraft,

mit unsrer Hoffnung, daß ein neuer Morgen kommt,

wenn wir enttäuscht die Hände sinken lassen

und meinen, alle Mühe war vergebens,

wenn unsre Netze leer sind, leer wie unsre Hände,

dann stehst du, Herr, am Ufer.

 

Wenn etwas uns gelingt, womit wir nicht gerechnet,

wenn etwas uns geschenkt wird, unverdient,

wenn meine Frau ein treuer Kumpel ist

und wenn die Kinder etwas aus sich machen,

wenn es so viele Gründe gibt zum Danke-sagen,

dann stehst du, Herr, am Ufer.

 

Wenn wir an Menschen denken, die der Hunger quält,

denen der Reis fehlt und der Fisch, ihr täglich Brot,

wenn wir an jene denken, die nach Liebe hungern,

nach Anerkennung, Zärtlichkeit, Gerechtigkeit,

wenn wir an unsre eigene unerfüllte Sehnsucht denken,

dann stehst du, Herr, am Ufer.

 

Wenn uns die Schuld bedrückt, weil wir verleugnet

haben und verraten oder einfach nur vergessen,

wenn uns ein Name einfällt, den wir schwer enttäuscht,

den wir zu wenig liebten, dem wir Unrecht taten,

wenn wir uns fragen, ob wir dich wohl lieben, Gott,

dann stehst du, Herr, am Ufer.

 

Wenn wir zurück an unsre Jugend denken,

an unsre Pläne, die Begeisterung, den Schwung von einst,

wenn wir uns heute sehen und bedenken,

was denn die Früchte sind aus allen diesen Knospen,

wenn wir versuchen, mühsam das zu lernen jetzt:

mich führen lassen, wohin ich nicht will,

und trotzdem dieser Führung zu vertrauen,

dann stehst du, Herr, am Ufer.

 

Wenn wir uns sammeln jetzt um einen schlichten Tisch,

auf dem nichts steht als etwas Brot und Wein,

ein Bissen nur, ein Schluck zum Überleben,

wenn wir das alles, was sich angesammelt hat in uns

an Hoffnung und Enttäuschung der vergangenen Woche,

zusammenfassen in die knappe Bitte:

„Herr, bleibe bei uns!“ – jetzt in dieser Stunde,

und gleich, wenn wir hinausgehn,

und morgen, wenn der graue Alltag wieder kommt,

dann stehst du, Herr, am Ufer.

 

Hermann Josef Coenen

Impuls vom 07.05.2022, "Ist der gute Hirt uns allzeit nah?"

Ist der gute Hirt uns allzeit nah?

Die Verse im heutigen Evangelium sprechen von Jesu Zusage, immer für uns da zu sein. Beim Lesen der Zeilen empfinde ich beinahe eine Art Kuschel-Theologie. Es klingt nach Wohlgefühl und Geborgenheit, die Jesus uns verspricht. Aber ist das in dieser Weise realistisch bzw. spür- und erlebbar in unserem Alltag?

Mit einem Blick auf den Beginn des Lebens zeigt sich vielleicht ein vergleichbares Gefühl. Wohlgeborgen und geschützt ist der ungeborene Mensch im Mutterleib und hört immer wieder die vertraute Stimme der Mutter und darüber hinaus die Stimmen der Menschen in ihrem nächsten Umfeld. Das Kind im Bauch wird auch die Wärme und Berührungen der Mutter spüren, aber auch das Schwere mittragen.

 

Durch einige Gespräche mit einer werdenden Mutter, die ich im Rahmen einer Exerzitienwoche vor vielen Jahren kennenlernen durfte, wurde mir noch einmal mehr bewusst, wie tief und innig die Beziehung zwischen dem ungeborenen Kind und der Mutter ist. Sehr belastet von ihren Lebensumständen und beladen von Schuldgefühlen brachte sie mir gegenüber sehr ehrlich ins Wort, dass sie nicht gewollt hat, dass ihr ungeborenes Kind dies nun alles miterleben und mittragen muss.

Diese Aussage berührte mich sehr und beschäftigte mich nachdrücklich. Über diese Auswirkungen für das Kind hatte ich zuvor noch nie tiefgründig nachgedacht.

Einige Menschen bezeichnen die Geburt als erstes gewaltsames Trauma im Leben. Plötzlich wird es laut und eng für das Kind und es findet sich in einer undurchsichtigen Welt wieder. Das Geborgenheitsgefühl ist durch diesen abrupten Wechsel durchbrochen. Durch die Fürsorge und Zuneigung der Eltern und der Mitmenschen kann diese Geborgenheit wieder geschenkt und spürbar werden. Aber vielleicht ist es auch schon vor der Geburt zu Grenzerfahrungen für das Kind gekommen.

 

Sicherlich ist das ganze Leben durchwoben von Herausforderungen, Hoch- und Tiefpunkten sowie Glück und Trauer. Wir dürfen Momente der Geborgenheit erleben, aber auch Momente großer Unsicherheiten und Ängste. Und auch wenn alles noch so ausweglos scheint, ist Jesus Christus, unser guter Hirte, uns nah. Er verspricht: Ich gebe ihnen ewiges Leben. Sie werden niemals zugrunde gehen und niemand wird sie meiner Hand entreißen. (Joh 10, 28)

 

Thale Schmitz

 

 

Evangelium

Joh 10, 27-30: Ich gebe meinen Schafen ewiges Leben

In jener Zeit sprach Jesus:

27 Meine Schafe hören auf meine Stimme;

ich kenne sie

und sie folgen mir.

28 Ich gebe ihnen ewiges Leben.

Sie werden niemals zugrunde gehen

und niemand wird sie meiner Hand entreißen.

29 Mein Vater, der sie mir gab, ist größer als alle

und niemand kann sie der Hand meines Vaters entreißen.

30 Ich und der Vater sind eins.

Impuls vom 30.04.2022, "Glauben die Jünger denn nicht stark genug?"

Glauben die Jünger denn nicht stark genug?

 

In diesen Wochen der Osterzeit lesen wir immer wieder von den Offenbarungen Jesu an seine Jünger. Er tritt ganz real in ihr Leben zurück und zeigt sich in ihrem Alltag. Auch im heutigen Evangelium geschieht es so: Jesus offenbart sich seinen Jüngern zum dritten Male. Diesmal brauchen sie wesentlich weniger Zeit, um ihn zu erkennen. Seine Zeichen und Wunder sprechen für sich und einer der Jünger spricht es laut aus: „Es ist der Herr!“ (Joh 21, 7b) Es werden keine weiteren Zweifel ins Wort gebracht und auch keine Rückfragen zur Vergewisserung gestellt. Denn sie wussten, dass es der Herr war. (Joh 21, 12b)

Dennoch stellt sich die Frage, warum Jesus sich so viele Male offenbaren muss. Waren nicht auch die vorherigen Begegnungen mit dem Auferstandenen prägend genug, um den Jüngern jegliche Zweifel an dem Osterwunder zu nehmen? Glauben die Jünger denn nicht stark genug, dass auch eine einzelne Begegnung mit ihrem auferstandenen Herrn Großes in Ihnen bewirkt hätte?

Ich denke, dass dies völlig gerechtfertigt ist. Zudem ist es sehr gut übertragbar auf unseren Glauben und unsere Lebenssituation heute. Ein einmaliges Erleben kann einen großen und festen Glauben bewirken und die gesamte Weltsicht verändern. Jedoch sind Bestärkung und Bekräftigung von Nöten, um ihn groß und aufrecht zu erhalten.

Diese Erfahrung mache ich selber immer wieder. Nach einer intensiven Zeit mit Gott im Rahmen von Exerzitien, einer spirituellen Fahrt oder eines Taizé-Besuches oder -Treffens ist der Glaube neu entfacht und wieder stärker für mich spürbar. Dieses Gefühl und diese Wahrnehmung tragen sich weiter in meinen Alltag, doch nach einer gewissen Zeit ebbt es dann auch wieder etwas ab. Es tut sehr gut, immer wieder besondere Gotteserfahrungen machen zu dürfen und diese in einer Gruppe und Weggemeinschaft teilen zu können.

Sicherlich haben auch die Jünger, die die Weggemeinschaft für und mit Jesus gebildet haben, dieses große Bedürfnis gehabt. Sie brauchten die Begegnungen mit ihrem auferstandenen Herrn, um ihrem Glauben Gestalt geben zu können und diesen auszubauen. Gerade nach einer Zeit großer Ernüchterung, Trauer und Verzweiflung in den Tagen nach Jesu Leiden. Wir brauchen Hoffnung, die immer neu erfahrbar wird.

 

Thale Schmitz

 

Evangelium

Joh 21, 1-19:

Die Erscheinung Jesu am See von Tiberias

1 Danach offenbarte sich Jesus den Jüngern noch einmal, am See von Tiberias, und er offenbarte sich in folgender Weise. 2 Simon Petrus, Thomas, genannt Didymus, Natanaël aus Kana in Galiläa, die Söhne des Zebedäus und zwei andere von seinen Jüngern waren zusammen. 3 Simon Petrus sagte zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sagten zu ihm: Wir kommen auch mit. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot. Aber in dieser Nacht fingen sie nichts. 4 Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. 5 Jesus sagte zu ihnen: Meine Kinder, habt ihr keinen Fisch zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. 6 Er aber sagte zu ihnen: Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus und ihr werdet etwas finden. Sie warfen das Netz aus und konnten es nicht wieder einholen, so voller Fische war es. 7 Da sagte der Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr sei, gürtete er sich das Obergewand um, weil er nackt war, und sprang in den See. 8 Dann kamen die anderen Jünger mit dem Boot – sie waren nämlich nicht weit vom Land entfernt, nur etwa zweihundert Ellen – und zogen das Netz mit den Fischen hinter sich her. 9 Als sie an Land gingen, sahen sie am Boden ein Kohlenfeuer und darauf Fisch und Brot liegen. 10 Jesus sagte zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt! 11 Da stieg Simon Petrus ans Ufer und zog das Netz an Land. Es war mit hundertdreiundfünfzig großen Fischen gefüllt, und obwohl es so viele waren, zerriss das Netz nicht. 12 Jesus sagte zu ihnen: Kommt her und esst! Keiner von den Jüngern wagte ihn zu befragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war. 13 Jesus trat heran, nahm das Brot und gab es ihnen, ebenso den Fisch. 14 Dies war schon das dritte Mal, dass Jesus sich den Jüngern offenbarte, seit er von den Toten auferstanden war.

Der Auftrag an Petrus und sein Ruf in die Nachfolge

15 Als sie gegessen hatten, sagte Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Lämmer! 16 Zum zweiten Mal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe! 17 Zum dritten Mal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Da wurde Petrus traurig, weil Jesus ihn zum dritten Mal gefragt hatte: Liebst du mich? Er gab ihm zur Antwort: Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe! 18 Amen, amen, ich sage dir: Als du jünger warst, hast du dich selbst gegürtet und gingst, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst. 19 Das sagte Jesus, um anzudeuten, durch welchen Tod er Gott verherrlichen werde. Nach diesen Worten sagte er zu ihm: Folge mir nach!

Impuls vom 23.04.2022, "Verpasst Thomas die einzigartige Chance?"

Verpasst Thomas die einzigartige Chance?

Anhand der Bibelstelle im heutigen Evangelium durfte ich erleben, wie durch einen intensiven Austausch im Rahmen eines Bibelteilens viele neue Erkenntnisse entstehen können. So bekam ich durch eigene Impulse in der Stille sowie Anregungen aus meiner Austauschgruppe ein ganz neues Bild von Thomas, dem Jünger Jesu, der vermeintlich nicht glauben wollte. Einige Gedanken möchte ich auch hier nun teilen:

Vermutlich war es für Thomas schwer auszuhalten, solch ein prägendes, einschneidendes Erlebnis mit Jesu Erscheinen versäumt zu haben. Seine Reaktion und seine Worte waren inhaltlich vielleicht gar nicht in seiner Wut begründet. Er drückte auf diese Weise vielmehr seinen Frust darüber aus, dass er nicht dabei gewesen war.

Bestärkt sehe ich diese hypothetische Vorstellung darin, dass es bei der realen Begegnung von Thomas mit dem auferstandenen Jesus letztendlich gar nicht zu einer Berührung der Wunden Jesu kommt. Was Thomas ankündigt, sehen zu müssen, um glauben zu können, findet praktisch nicht statt, als Jesus wieder durch die verschlossene Tür in die Mitte der Jünger tritt. Jesus fordert Thomas zwar dazu auf, doch es steht nicht geschrieben, dass Thomas dem nachgeht. Allein die Erscheinung und der Friedensgruß Jesu scheinen in ihm tiefen Glauben ausgelöst zu haben.

Thomas erlebt also acht Tage lang eine Zeit der inneren Unruhe – die anderen Jünger hatten den nötigen Frieden bereits von Jesus zugesagt bekommen. Dies hat den Druck in Thomas sicherlich erhöht. Acht Tage des Grübelns und Nachdenkens enden jedoch in erlösender Befreiung, als Jesus sich auch ihm offenbart.

Der Friede Gottes ist kraftspendendes und lebensnotwendiges Gut für uns Menschen. Durch Jesus den Heiligen Geist eingehaucht zu bekommen, ist zudem eine erfrischende und hoffnungsspende Vorstellung. Darauf möchte ich mich immer wieder in schwierigen Momenten besinnen – die Augen schließen, Jesu Atemhauch spüren und neue Kraft schöpfen.

Durch geschlossene Türen tritt Jesus in unser Leben und jede Angstsituation hinein. Er bringt uns Frieden und neue Geisteskraft für jede Herausforderung. Wir dürfen sicher sein: Auch wenn wir eine Situation verpassen und ihm vermeintlich nicht begegnen, gibt es eine zweite (und sicherlich viele weitere) Chancen. Wir brauchen nicht in Unruhe zu verfallen, sondern dürfen auf ihn hoffen und ihm vertrauen.

 

Thale Schmitz

 

Evangelium

Joh 20, 19-31:

Die Erscheinung Jesu vor allen Jüngern am Osterabend

19 Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! 20 Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen. 21 Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. 22 Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! 23 Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.

Eine weitere Erscheinung Jesu und der Glaube des Thomas

24 Thomas, der Didymus genannt wurde, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. 25 Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in das Mal der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht. 26 Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder drinnen versammelt und Thomas war dabei. Da kam Jesus bei verschlossenen Türen, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! 27 Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger hierher aus und sieh meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! 28 Thomas antwortete und sagte zu ihm: Mein Herr und mein Gott! 29 Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.

Erster Schluss des Johannesevangeliums

30 Noch viele andere Zeichen hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind. 31 Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben Leben habt in seinem Namen.

Impuls zu Ostern, "Leiden-schaf(f)!t"

Leiden-schaf(f)t!

Die Ostergeschichte zeigt uns eine oft nicht wahrgenommene Bedeutung des Wortes „Leidenschaft“. Die Leidensgeschichte Jesu wird auch häufig als „Passion Christi“ betitelt, selten jedoch als „Leidenschaft Christi“.

Dabei sind Passion und Leidenschaft doch weitestgehend Synonyme, wenn wir an die etymologische Herkunft des Wortes denken oder auch an die Herleitung aus dem Englischen mit dem Wort passion.

Leidenschaft klingt für mich nach einem Gefühl von Erfülltsein, ganz in den Bann gezogen sein durch eine Erkenntnis oder Tätigkeit, die mich antreibt, weiterzumachen. Durchweg positiv konnotiert ist dieses Wort, wenn ich es kontextunabhängig betrachte und im Idealfall kann ich eine Leidenschaft mit meinem Beruf verknüpfen und so zur Berufung werden lassen.

Die Passion Christi rückt diese Gedanken allerdings in ein anderes Licht. Sie erzählt von Leid und einer ganzen Leidensgeschichte, die weniger davon spricht, dass Jesus seine Leidenschaft im zuvor genannten Sinne ausleben kann. Doch an dieser Stelle tritt eine neue Sichtweise auf und ich erkenne das Wort in anderer Weise: Leiden schaf(f)t (…)! Leiden lässt etwas entstehen, schafft Neues! Gerade die Geschichte Jesu zeigt uns, dass Leiden Hoffnung und Erlösung schaffen und bedeuten kann. Dazu schreibt und singt Oliver Fietz in seinem Lied „Jesus, du meine Passion“:

Dein Leiden schafft, was kein Mensch sonst vermag. (ABAKUS Musik)

Aber auch wenn wir in die eigenen Lebens- und Leidensgeschichten schauen, werden wir feststellen, dass eine schwierige Zeit – eine Krise, eine Trennung, eine Krankheit oder der Verlust eines Menschen – uns oft neue Perspektiven eröffnet hat. Ich bin sicher, dass tiefe Leidenserfahrungen etwas in uns auslösen, uns prägen und Raum für neue Leidenschaften im „eigentlichen“ Sinne schaffen können. Dabei gilt auch, dass das Leiden geschafft und getragen werden will. Das Durchhalten, Annehmen und Akzeptieren von großen Herausforderungen und Schmerzen ist sicherlich nicht einfach. Glücklicherweise müssen wir auch durch die größten Ängste nicht alleine gehen und dürfen sicher sein: Da geht einer mit und begleitet uns!

Leiden lässt das Leben in neuem Licht (!) sehen.

Thale Schmitz

Impuls vom 09.04.2022, "Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien."

Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien.

Ganz aus dem Kontext des Evangeliums gerissen, erinnert mich dieser Vers aus dem Lukasevangelium (Lk 19, 40) an die Stolpersteine – ein Projekt, das die Erinnerung an die Vertreibung und Vernichtung der Juden, der Zigeuner / Sinti und Roma, der politisch Verfolgten, der Homosexuellen, der Zeugen Jehovas und der Euthanasieopfer im Nationalsozialismus lebendig erhält. (www.stolpersteine.eu)

Damals in der Schule sind wir im Rahmen des Religionsunterrichtes durch die Straßen gelaufen und haben nach den Stolpersteinen in unserer Heimatstadt Ausschau gehalten. Begleitet wurden wir dabei von Gunter Demnig, der die Stolpersteine seit 1996 verlegt. Zuvor waren sie mir nie aufgefallen, doch die Idee berührte mich sehr. Es folgte eine von uns SchülerInnen organisierte Podiumsdiskussion. Menschen aus unterschiedlichen Bereichen sowie SchülerInnen besetzten das Podium und es wurden auch Negativstimmen zur Idee der Stolpersteine laut. Ein Mann war der Ansicht, dass die Stolpersteine zur Erinnerung der verschleppten und ermordeten Menschen im Nationalsozialismus nicht würdig seien, da man sie mit Füßen trete.

Seitdem liegt es mir besonders am Herzen, die Stolpersteine, die mir sozusagen vor die Füße fallen, bewusst zu lesen und einen Moment innezuhalten. Sehe ich Menschen, die sie stattdessen gar nicht wahrnehmen und leider nicht über sie stolpern, stelle ich mir vor, wie die Steine am liebsten schreien würden. Sie schreien nach Aufmerksamkeit, Erkenntnis und vor allem Gedenken. Und sie tun dies in Stellvertretung für die Menschen, an die sie erinnern.

Dieses Bild finden wir auch im heutigen Evangelium des Einzugs Jesu in Jerusalem wieder. Die Pharisäer wollen die Jünger zum Schweigen bewegen, doch Jesus erwidert: Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien. (Lk 19, 40) So gibt er ihnen die Botschaft mit, dass niemand mundtot gemacht werden kann. Das Geschehene wird in Erinnerung behalten. Steine überdauern unser Menschenleben und begleiten uns auch als Grabsteine im Tod. Sie beinhalten unsere Lebensdaten und häufig auch einen Spruch oder eine andere Gestaltung, die uns einen persönlichen Ausdruck verleiht. In dieser Symbolik bekommen Steine Vieles mit, was uns Menschen bewegt. So stelle ich mir auch vor, wie die Steine zurzeit in der Ukraine schreien und aus all der Unbegreiflichkeit vor Wut zerbrechen und dennoch nichts in Vergessenheit gerät.

Thale Schmitz

 

Evangelium

Lk 19, 28-40: Der Einzug Jesu in Jerusalem

28 Nach dieser Rede zog Jesus voran und ging nach Jerusalem hinauf. 29 Und es geschah: Er kam in die Nähe von Betfage und Betanien, an den Berg, der Ölberg heißt, da schickte er zwei seiner Jünger aus 30 und sagte: Geht in das Dorf, das vor uns liegt! Wenn ihr hineinkommt, werdet ihr dort ein Fohlen angebunden finden, auf dem noch nie ein Mensch gesessen hat. Bindet es los und bringt es her! 31 Und wenn euch jemand fragt: Warum bindet ihr es los?, dann antwortet: Der Herr braucht es. 32 Die Ausgesandten machten sich auf den Weg und fanden alles so, wie er es ihnen gesagt hatte. 33 Als sie das Fohlen losbanden, sagten die Leute, denen es gehörte: Warum bindet ihr das Fohlen los? 34 Sie antworteten: Weil der Herr es braucht. 35 Dann führten sie es zu Jesus, legten ihre Kleider auf das Fohlen und halfen Jesus hinauf. 36 Während er dahinritt, breiteten die Jünger ihre Kleider auf dem Weg aus. 37 Als er sich schon dem Abhang des Ölbergs näherte, begann die Schar der Jünger freudig und mit lauter Stimme Gott zu loben wegen all der Machttaten, die sie gesehen hatten. 38 Sie riefen: Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn. Im Himmel Friede und Ehre in der Höhe! 39 Da riefen ihm einige Pharisäer aus der Menge zu: Meister, weise deine Jünger zurecht! 40 Er erwiderte: Ich sage euch: Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien.

Impuls vom 02.04.2022, "Wer bin ich über andere zu urteilen?"

Wer bin ich über andere zu urteilen?!

Lange habe ich mich gefragt, warum ich große Diskussionen mit anschuldigendem Charakter untereinander (z.B. in politischen Kontexten) nicht gut verfolgen und ertragen konnte. Ich bezog es auf ein Desinteresse an Politik im Allgemeinen oder in Bezug auf das Diskussionsthema. Diese mir selbst zugeschriebene Eigenschaft bedauerte ich sehr. Gehört es nicht dazu, dass genau diese Themen besprochen und von mir gehört werden?

Mittlerweile verstehe ich, dass ich nicht den Themen ausweichen will, sondern der Umgang unter den Diskutierenden und die Atmosphäre in diesen Kontexten für mich ein großes Problem darstellen. Häufig ist es in hitzigen Diskussionen so, dass die verschiedenen Seiten ihre starke Meinung vertreten und zumeist darauf beharren. Sie wollen fest und standhaft bleiben und weisen andere und/oder gegensätzliche Meinungen gänzlich ab. In diesem Zuge geht aus meiner Sicht eine Verurteilung anderer Denkweisen einher. Natürlich sind dieser Prozess und diese wechselseitige Spannung gerade in der Politik natürlich und notwendig, jedoch fehlt mir eine Ebene der Wertschätzung und gegenseitiger Anerkennung.

In noch extremerer Weise erleben wir es im heutigen Evangelium: Die Schriftgelehrten und Pharisäer bringen Jesus voller gemeinschaftlicher Überzeugung eine Frau und beschuldigen sie des Ehebruchs. Neben der Tatsache, dass sie die Frau zum Tode verurteilen wollen, nutzen sie die Gelegenheit obendrein, um Jesus auf die Probe zu stellen. In all der Aufruhr bleibt Jesus jedoch ganz gelassen, denn er bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde (Joh 8, 6b). Diese Ruhe provoziert die Anklagenden vermutlich sehr. Dabei ist es ein guter Hinweis Jesu, nicht zu voreilig zu handeln und eine Reaktion zu zeigen. Vielmehr empfiehlt sich eine Zeit des Nachdenkens und Reflektierens. Die Entlarvung der Schriftgelehrten und Pharisäer durch Jesus bringt sie auf den Boden der Tatsachen zurück und lässt sie die eigene Sündhaftigkeit erkennen. Dabei ist auch interessant, dass die Ältesten zuerst verstehen und den Ort verlassen – vielleicht aufgrund der erworbenen Lebensweisheit.

Auch wenn wir rechtschaffend leben wollen, müssen wir Menschen nicht verurteilen. Das steht uns gar nicht zu! Vielleicht gelingt es uns sogar das Leben und Handeln anderer Menschen überhaupt nicht zu beurteilen und so zu leben und leben zu lassen.

Thale Schmitz

 

Evangelium

Joh 8, 1-11: Jesus und die Ehebrecherin

1 Jesus aber ging zum Ölberg.

2 Und frühmorgens kam er wieder in den Tempel, und alles Volk kam zu ihm, und er setzte sich und lehrte sie.

3 Aber die Schriftgelehrten und Pharisäer brachten eine Frau, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte

4 und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden.

5 Mose aber hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?

6 Das sagten sie aber, ihn zu versuchen, damit sie ihn verklagen könnten. Aber Jesus bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.

7 Als sie nun fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.

8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.

9 Als sie aber das hörten, gingen sie weg, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand.

10 Jesus aber richtete sich auf und fragte sie: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt?

11 Sie antwortete: Niemand, Herr. Und Jesus sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

Impuls vom 26.03.2022, "Worauf hoffe ich?"

Worauf hoffe ich?

Ich hoffe auf mir zugewandte Menschen, die mich stützen und begleiten.

Ich hoffe, dass die Welt sich immer weiterdreht und wir auf das Gute bedacht sind.

Ich hoffe auf Veränderungen, die das Reich Gottes auf Erden näher bringen und uns Menschen auf das Wesentliche besinnen lassen.

Ich hoffe, dass viele den Mut haben und das Wagnis wagen, zu dem zu stehen, was sie denken und fühlen – zu revolutionieren und auch zu rebellieren.

Ich hoffe, dass es weniger Krankheit gibt und die Hoffnung über das Leid stets siegt.

Ich hoffe, dass ich geliebt bin – von oben und von Menschen, die mich umgeben.

Ich hoffe, dass es keine Kriege mehr gibt und die Menschheit sich entscheidet, in den Frieden zu ziehen.

Ich hoffe, dass mein Gebet einen Hörer hat und Gott nur eine Handbreit hinter meiner Schulter steht.

Ich hoffe, dass die Ehrlichkeit gewinnt und die Menschen sich zugewandt sind.

Ich hoffe auf die richtigen Worte im richtigen Moment und dass dann plötzlich alles stimmt.

Ich hoffe auf ein Licht in dunkler Nacht, das auch die finstersten Stunden erträglich macht.

Ich hoffe, dass alles gut wird, selbst dann, wenn es gar nicht danach aussieht.

Ich hoffe, dass ich Versprechen halten kann und mein Leben etwas bewirken kann.

Ich hoffe auf Wunder, die hinterrücks passieren und Träume, die in Erfüllung gehen.

Ich hoffe, dass wir einander ein Segen sind und dieser in der Welt spürbar wird.

Ich hoffe, dass Gedichte und Texte Mut machen und wir Vieles wieder gut machen.

Ich hoffe, dass die Tür weit offen steht, wenn ich wieder heimkomme – genau wie es der verlorene Sohn erleben durfte.

Und was hoffen Sie? Worauf hoffst du?

Thale Schmitz

 

Evangelium

Lk 15, 1-3. 11-32

Vom verlorenen Schaf

1 Es nahten sich ihm aber allerlei Zöllner und Sünder, um ihn zu hören.

2 Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen.

3 Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach:

Vom verlorenen Sohn

11 Und er sprach: Ein Mensch hatte zwei Söhne.

12 Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie.

13 Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen.

14 Als er nun all das Seine verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er fing an zu darben

15 und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten.

16 Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm.

17 Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger!

18 Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir.

19 Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner!

20 Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater.

Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn.

21 Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße.

22 Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße

23 und bringt das gemästete Kalb und schlachtet’s; lasst uns essen und fröhlich sein!

24 Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.

25 Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen

26 und rief zu sich einen der Knechte und fragte, was das wäre.

27 Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiederhat.

28 Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn.

29 Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre.

30 Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet.

31 Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein.

32 Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.

Impuls vom 19.03.2022, "Buße tun heißt abwarten und vertrauen"

Buße tun heißt abwarten und vertrauen

Abwarten ist eine große Herausforderung für viele Menschen. Unsicherheit beängstigt und am liebsten hätten wir stets die Kontrolle über unser Handeln und auch über die äußeren Lebensumstände. Obwohl ich mich im Vertrauen übe, bin ich wesentlich entspannter, wenn ich weiß, was vor mir liegt und alles im Griff habe. Das ist eigentlich schade, denn Unerwartetes kann doch so erfrischend und überraschend sein. Ich denke, dass auch Optimismus und die Fähigkeit des Abwartens bzw. Abwarten Könnens eng verzahnt sind. Wer vertraut und das Positive absieht, kann auch darauf warten. Diese Gedanken finden sich im Gleichnis vom Feigenbaum, welches den zweiten Teil des Sonntagsevangeliums umfasst. Der Weingärtner scheint hoffnungsvoll auf das Blühen des Feigenbaums zu warten; der Besitzer dagegen ist viel voreiliger und will den nutzlosen Baum nicht länger vom Boden ernähren lassen. Gedeihen lassen, zulassen, dass es Hoffnung und neues Leben gibt – das scheint der Schlüssel zu sein.

Doch inwiefern steht dieses Gleichnis im Zusammenhang mit dem ersten Teil des Evangeliums? Jesus macht darin deutlich, dass nicht die Sünden aufgerechnet werden, sondern dass die Buße und der Wille zur Umkehr zählen. Im Umkehrschluss beinhalten diese Worte das große Geschenk, welches uns Jesus gemacht hat: Er ist für unsere Sünden gestorben und gibt uns immer wieder eine neue Chance zur Umkehr. Der Glaube an das Gute in mir selbst und das von Gott Geschaffene spielt dabei eine große Rolle. Die Hoffnung nicht aufzugeben und auf das Fruchtbare zu vertrauen, sind die Schlüssel- und Königsdisziplinen. Jesus hat uns die Fähigkeit geschenkt, unser Tun und Handeln zu reflektieren und falsche Wege zu erkennen. Dennoch ermahnt er uns im heutigen Text, dies nicht zu vergessen. Ausnahmslos jeder und jede hat seine Daseinsberechtigung vor Gott. Auch wenn wir uns mal wertlos und nutzlos fühlen und aus unserer Sicht keine Frucht bringen, bleibt diese bedingungslos bestehen. Vielleicht ist es die große Herausforderung, die Früchte am Baum überhaupt erkennen und somit finden zu können. Die Augen offenhalten, das Gute suchend – auch in mir – scheint mir ein guter Weg zu sein.

Buße tun bedeutet also auch Abwarten und Gedeihen lassen. Geduldig sein im Vertrauen auf Gott und aufmerksam bleiben für seine Botschaften, das ist das Ziel!

Thale Schmitz

 

Evangelium

Lk 13, 1-9: Der Untergang der Galiläer. / Das Gleichnis vom Feigenbaum

1 Es kamen aber zu der Zeit einige, die berichteten ihm von den Galiläern, deren Blut Pilatus mit ihren Opfern vermischt hatte.

2 Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Meint ihr, dass diese Galiläer mehr gesündigt haben als alle anderen Galiläer, weil sie das erlitten haben?

3 Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen.

4 Oder meint ihr, dass die achtzehn, auf die der Turm in Siloah fiel und sie erschlug, schuldiger gewesen sind als alle anderen Menschen, die in Jerusalem wohnen?

5 Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen.

Das Gleichnis vom Feigenbaum

6 Er sagte ihnen aber dies Gleichnis: Es hatte einer einen Feigenbaum, der war gepflanzt in seinem Weinberg, und er kam und suchte Frucht darauf und fand keine.

7 Da sprach er zu dem Weingärtner: Siehe, ich bin nun drei Jahre lang hergekommen und habe Frucht gesucht an diesem Feigenbaum und finde keine. So hau ihn ab! Was nimmt er dem Boden die Kraft?

8 Er aber antwortete und sprach zu ihm: Herr, lass ihn noch dies Jahr, bis ich ihn umgrabe und ihn dünge;

9 vielleicht bringt er doch noch Frucht; wenn aber nicht, so hau ihn ab.

Impuls vom 12.03.2022, "ES IST FÜNF VOR ZWÖLF – Lasset uns beten!"

ES IST FÜNF VOR ZWÖLF – Lasset uns beten!

In Dortmund laden die Katholische Stadtkirche und das Katholische Forum montags bis samstags um 11.55 Uhr draußen im Propsteihof zu einem  Friedensgebet ein – passend zu einem zeitlos starken Gedanken aus dem GOTTESLOB von 1975, wo es unter der Nummer 1 u.a. heißt: Der Christ hat nicht nur den Auftrag, für sich selbst zu beten; betend wird er zur Stimme der Kirche in der ganzen Welt. Gott braucht mein Gebet nicht, aber mein Leben braucht das Gebet.  Gebet hat nicht die Absicht, die Welt aktiv zu verändern. Aber seine verwandelnde Kraft verändert den Menschen.

In inhaltlicher Anlehnung an das seit dem Golfkrieg Anfang der 1990er Jahre tägliche Friedensgebet der Benediktinerinnenabtei St. Scholastika in Dinklage laden wir mitten am Tag zum Gebet ein – passend zu folgendem Gedicht von Reinhold Schneider (1903-1958) aus dem Jahr 1936:

Allein den Betern kann es noch gelingen,
das Schwert ob unsren Häuptern aufzuhalten
und diese Welt den richtenden Gewalten
durch ein geheiligt Leben abzuringen.

Denn Täter werden nie den Himmel zwingen:
was sie vereinen, wird sich wieder spalten,
was sie erneuern, über Nacht veralten,
und was sie stiften, Not und Elend bringen.

Jetzt ist die Zeit, da sich das Heil verbirgt,
und Menschenhochmut auf dem Markte feiert,
indes im Dom die Beter sich verhüllen,
bis Gott aus unsern Opfern Segen wirkt
und in den Tiefen, die kein Aug entschleiert,
die trockenen Brunnen sich mit Leben füllen.


In Anknüpfung an das Gedicht geht unser Beten um Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung über den Krieg Russlands gegen die Ukraine hinaus – einige Intentionen seien exemplarisch aufgeführt: Paralympics in Peking, Klimakrise, Kirchenkrise, Corona, Missbrauchsskandale, Fußballweltmeisterschaft in Katar, Terror und Gewalt…

Wozu das Ganze? Was soll das Beten bringen? Die Antwort hängt ab vom je persönlichen Gottesbild und Gebetsverständnis. In Anknüpfung an die obigen GOTTESLOB-Gedanken antworte ich auf die Frage nach Sinn und Zweck des Betens mit folgendem Zitat aus einem mich faszinierenden Buch: Das Boot, Symbol für mich und mein zerbrechliches Leben wie für die große Gemeinschaft und ihre Probleme, hält derweil stand und kommt voran. Nicht, weil der Wind sich legt, nicht, weil es keine Probleme mehr gibt, sondern durch das leise Wunder der weiter rudernden Ruderer, die sich gegenseitig stützen und Mut machen. Gott handelt nicht als unser Ersatzmann, er holt uns nicht aus den Stürmen heraus, sondern stützt und hält uns in den Stürmen. Gott bewahrt uns nicht VOR allem Leid, aber er bewahrt und trägt uns IN allem Leid. (vgl. ‚Die nackten Fragen des Evangeliums‘, HG: Ermes Ronchi, Verlag Neue Stadt, S. 36f)

Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt. (Mt 28,20b) In tiefem Vertrauen auf diese Verheißung Jesu folgen wir so in guten wie in schlechten Zeiten der biblischen Einladung: Betet ohne Unterlass. (1 Thess 5,17)

Impuls vom 05.03.2022, "Und das soll euch als Zeichen dienen" (Lk 2,12a)

Und das soll euch als Zeichen dienen (Lk 2,12a)

Sich Versuchungen zum Bösen nicht hinzugeben, ist die eine Sache. Denn die Gefahr verleitet zu werden, ist allgegenwärtig. Da heißt es aufmerksam und wachsam sein und das eigene Handeln zu prüfen und zu reflektieren.

Eine andere Sache ist es, dass Gute glauben zu wollen und voll Zuversicht auf positive Veränderungen hoffen zu können.

Schon häufig habe ich Menschen erlebt, die über Gott erbost waren. Sie hatten in einer schwierigen Lage zu ihm gebetet und behaupteten, sie seien nicht erhört worden. Solch eine Aussage zu treffen, löste in mir beinahe Gänsehaut aus, denn woran machen sie das fest? Ich erinnere mich in meiner frühen Jugend an ein Gespräch mit einer damaligen Freundin, deren Mutter eine Krebsdiagnose diagnostiziert bekommen hatte. Mir gegenüber äußerte sie dominierend über ihre Trauer, dass man mit Gott nichts anfangen könne. Sie habe zu ihm gebetet und es sei absolut nichts passiert. Natürlich saß der Schock bei ihr noch tief, aber es stand dennoch recht gut um ihre Mutter. Sie hatte allen Grund zu hoffen, dass die Mutter vollständig geheilt würde. Anhand dieser Erfahrung ist mir bewusst geworden, wie starrsinnig zuweilen deutliche Zeichen von Gott erwartet werden. Viele Menschen brauchen wirklich sichtbare Bestätigungen Gottes, ohne die sie nicht weiter vertrauensvoll am Glauben festhalten.

Mit Blick auf das Sonntagsevangelium, das die Versuchung Jesu in der Wüste durch den Teufel beschreibt, frage ich mich: Wenn wir doch nicht versucht werden wollen – vom Teufel schon gar nicht, aber natürlich auch nicht von Gott: Ist es dann rechtmäßig, dass wir unseren Herrn versuchen, indem wir um Zeichen und Bestätigung unserer Wünsche und Vorstellungen bitten bzw. diese sogar fordern? Die Antwort finden wir schon in der Bibel geschrieben: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen! (Mt 4,7) Damit möchte ich nicht ausschließen, dass es spürbare Zeichen und Wunder geben kann. Doch wie in dem nachfolgenden Bild dargestellt, wird es auf ein gesprochenes Gebet wohl keine direkte Antwort, die im Himmel zeichenhaft geschrieben steht, geben.

Wie der Vers im Weihnachtsevangelium und hier als Titel suggeriert, durften die Hirten damals wahre Zeichen im Erleben des neugeborenen Jesus sehen und spüren. Dies bleibt uns in dieser Form vielleicht verwehrt, aber genau darauf basiert das große Geheimnis unseres Glaubens, das wir in unseren Herzen bewahren dürfen.

Thale Schmitz

 

Evangelium

Lk 4, 1-13: Jesu Versuchung

1 Jesus aber, voll Heiligen Geistes, kam zurück vom Jordan. Und er wurde vom Geist in der Wüste umhergeführt 2 vierzig Tage lang und von dem Teufel versucht. Und er aß nichts in diesen Tagen, und als sie ein Ende hatten, hungerte ihn. 3 Der Teufel aber sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so sprich zu diesem Stein, dass er Brot werde. 4 Und Jesus antwortete ihm: Es steht geschrieben (5. Mose 8,3): »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.« 5 Und der Teufel führte ihn hoch hinauf und zeigte ihm alle Reiche der ganzen Welt in einem Augenblick 6 und sprach zu ihm: Alle diese Macht will ich dir geben und ihre Herrlichkeit; denn sie ist mir übergeben und ich gebe sie, wem ich will. 7 Wenn du mich nun anbetest, so soll sie ganz dein sein. 8 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Es steht geschrieben (5. Mose 6,13): »Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten und ihm allein dienen.« 9 Und er führte ihn nach Jerusalem und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich von hier hinunter; 10 denn es steht geschrieben (Psalm 91,11-12): »Er wird befehlen seinen Engeln für dich, dass sie dich bewahren.« 11 Und: »Sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.« 12 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Es ist gesagt (5. Mose 6,16): »Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.« 13 Und als der Teufel alle Versuchung vollendet hatte, wich er von ihm bis zur bestimmten Zeit.

 

 

Impuls vom 26.02.2022, "Nur Betrunkene sprechen die Wahrheit?!"

Nur Betrunkene sprechen die Wahrheit?!

Vielleicht mag es etwas flapsig und zudem weit hergeholt klingen, aber der Abschlussvers des heutigen Evangeliums „Wovon das Herz überfließt, davon spricht der Mund“ löste in mir folgende Erinnerungen aus: Situationen (vor allem im Jugendalter), in denen Freunde, Bekannte oder auch ganz fremde Menschen im betrunkenen Zustand plötzlich ganz offen und ehrlich ihre Gefühle und Gedanken preisgaben. Dahinter steckt in meinem Verständnis, dass wir Menschen uns viel zu häufig unserer wahren Gefühle schämen und sie nicht zu äußern wagen. Dabei sind es in der Regel Ängste, nicht angenommen zu werden oder sich zu blamieren, die uns daran hindern. In Situationen der Trunkenheit werden die Schamgefühle und Ängste in gewisser Weise abgeschaltet. So kommt es dazu, dass der Mund zu sprechen beginnt und genau die Themen preisgibt, wovon das Herz in Wahrheit überquillt.

Diese Zeilen und Gedanken sollen in keinem Fall dazu verleiten, den Alkohol zu nutzen, um Geheimnisse oder Ähnliches aufzudecken. Doch ich glaube, dass wir viel daraus lernen können. Trotz aller Ängste und Bedenken kann es so befreiend sein, endlich die Wahrheit sagen zu können und vielleicht sogar einer Person gegenüber Gefühle einzugestehen. Diese Erfahrungen dürfen uns zeigen, wie wertvoll und beziehungsstärkend eine ehrliche und wahrhaftige Nachricht und Botschaft sein kann. Natürlich kann es passieren, dass unser Gegenüber diese Wahrheit nicht hören will, Gefühle nicht erwidert oder uns peinlich zur Schau bzw. bloßstellt. Ich denke niemand kann verleugnen, dass solch ein Erlebnis prägt und verletzt. Doch die Verarbeitung und der Umgang mit dieser Verletzung macht uns stärker, erfahrener und lässt uns am Ende häufig mit erhobenem Haupt aus diesem Lernprozess hervorgehen. Also was spricht noch dagegen, sein persönliches Empfinden zu äußern?

Spannend finde ich an dem nachfolgenden Bild, dass die Realität in die eine Richtung und die Wahrheit und die Lügen gleichzeitig in die andere Richtung zeigen… Sicherlich gibt es im Leben Momente, in denen diese beiden parallel existieren oder miteinander verschwimmen. Unser Ziel könnte es jedoch sein, das Schild der Wahrheit auf die andere Seite zu ziehen, sodass Wahrheit und Realität der gleichen Richtung entgegenstreben und sich verbünden. Dazu dürfen wir in einem ersten Schritt auch ehrlich zu uns selbst sein – am besten und auch, wenn wir ganz klar im Kopf sind.

Thale Schmitz

Evangelium

Lk 6, 39-45: Wovon das Herz überfließt, davon spricht der Mund.

39 Er sprach aber auch in Gleichnissen zu ihnen: Kann etwa ein Blinder einen Blinden führen? Werden nicht beide in eine Grube fallen? 40 Ein Jünger steht nicht über dem Meister; jeder aber, der alles gelernt hat, wird wie sein Meister sein. 41 Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht? 42 Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Bruder, lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen, während du selbst den Balken in deinem Auge nicht siehst? Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; dann kannst du zusehen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen. 43 Es gibt keinen guten Baum, der schlechte Früchte bringt, noch einen schlechten Baum, der gute Früchte bringt. 44 Denn jeden Baum erkennt man an seinen Früchten: Von den Disteln pflückt man keine Feigen und vom Dornstrauch erntet man keine Trauben. 45 Der gute Mensch bringt aus dem guten Schatz seines Herzens das Gute hervor und der böse Mensch bringt aus dem bösen das Böse hervor. Denn wovon das Herz überfließt, davon spricht sein Mund.

Impuls vom 19.02.2022, "Seid barmherzig wie auch euer Vater barmherzig ist!"

Seid barmherzig wie auch euer Vater barmherzig ist!

Dieser Vers war im vergangenen Jahr die Jahreslosung und befindet sich im heutigen Sonntagsevangelium (Lk 6, 36). Daher begleitete er mich sehr intensiv und auch beim erneuten Lesen des Evangeliums ploppen sofort wieder Erinnerungen und spezifische Erfahrungen in mir auf, die mich stark geprägt haben und mir sehr lehrreich waren.

So denke ich an meine damals beste Freundin in der Schulzeit. Wir hatten eine wirklich enge Freundschaft und haben so ziemlich alles geteilt, was Jugendliche so teilen können. Nach einem heftigen Streit haben sich unsere Lebenswege sehr plötzlich komplett getrennt. Dieses Erleben war für mich mit großer Trauer, aber auch Phasen enormer Wut verbunden. Immer wieder ploppten Erinnerungen und Situationen in mir auf, die mich bis vor Kurzem – beinahe 10 Jahre später – noch traurig stimmten. Vor wenigen Wochen sind wir uns durch eine gemeinsame Freundin aus der Schulzeit sehr unverhofft wiederbegegnet und durften beide spüren, wie sich Versöhnung anfühlen kann. Ich bin unendlich erleichtert und dankbar für dieses Erlebnis und kann die Freude darüber auch beim Verfassen dieser Zeilen wieder deutlich und wohltuend empfinden.

Ein langer Lernprozess war es für mich auch, mich davon zu lösen, gewisse Erwartungen an Menschen zu stellen, denen ich etwas Gutes getan oder geschenkt hatte. Viel zu oft war ich früher enttäuscht und fühlte mich benutzt – dabei hatten meine Mitmenschen ja auch gar nicht von mir erwartet, dass ich dieses oder jenes für sie tat. Ehrliche Gespräche mit guten Freunden brachten mir die Erkenntnis, dass ich mein Handeln und auch meine Gefühle dazu reflektieren konnte und so einen guten Umgang fand. Dies bewahrte mich davor, ungerechte, negative Gedanken zu hegen, die womöglich einen Konflikt oder sogar einen Beziehungsabbruch zur Folge hatten.

Wir müssen uns nicht sofort in die Arme fallen, wie es das Bild suggeriert. Doch die Offenheit zur Versöhnung und das Loslösen von dem Bedürfnis, andere zu be- oder sogar zu verurteilen, macht uns frei und verspricht Heilung. Es ist eine große Herausforderung, genau für jene zu beten, die uns verletzt oder benutzt haben, aber es lohnt sich und lässt uns großen Segen erfahren. Egal was geschieht oder uns widerfährt – Barmherzigkeit ist ein guter Ratgeber, der uns den inneren Frieden erhält. Und vielleicht ist der Begriff der Barmherzigkeit nicht nur ein Ratgeber, sondern vielmehr eine innere (Lebens-)Haltung…

Thale Schmitz

Impuls vom 12.02.2022, "Die Auserkorenen?!"

Die Auserkorenen?!

Oft sprechen wir davon, dass man in ein Leben hineingeboren wird – bzw. in eine Familie, die wir uns nicht aussuchen können und deren Lebensumstände und soziale Verhältnisse uns stark prägen (werden). Doch es gibt ja die Möglichkeit, einen anderen eigenen Lebensweg einzuschlagen! Dabei fallen mir einige Freundinnen und Freunde im direkten Umfeld ein, die ich dafür sehr bewundere. Denn sicherlich ist es kein Zuckerschlecken, aus Mustern und Familienstrukturen auszubrechen und ganz andere Wege zu wählen… Es erfordert das Aushalten von Konflikten und vor allem das Schwimmen gegen den vorgelebten (Familien-)Strom. Die Unterstützung von den Eltern, die ich zuweilen als selbstverständlich annehmen konnte und durfte, ist in dieser Situation nicht vorhanden und so heißt es erst einmal alleine durchboxen.

Die Worte Jesu im heutigen Evangelium lassen den direkten Kontrast zwischen arm und reich sehr deutlich werden. Sie klingen für mich sogar so stark kategorisierend und pauschalisierend, dass in meinem Kopf das Bild entsteht, wie Jesus in dieser Situation die Menschen in Gruppen einsortiert und mit dem Finger auf sie zeigt. Es ist keine schöne Vorstellung, denn gerade in der heutigen Zeit müssen wir uns so sehr zusammenreißen und sollten aufhören, in Mustern und Schubladen zu denken und stattdessen versuchen, Stereotype aufzubrechen. Doch ist das die Botschaft Jesu in seiner Feldrede? Die Begriffe arm und reich werden oftmals auf der materiellen Ebene verstanden und bedeuten doch vor Gott so viel mehr…

Der oder die „Arme vor Gott“ vertraut nicht auf sich selbst oder auf materielle Reichtümer. Er beharrt nicht auf die eigene Meinung – vielmehr wird in Entscheidungsprozessen zugehört und auf Gott vertraut. Auch die Anregungen anderer werden nicht außer Acht gelassen. Egal wie schwer ein Lebensweg sein mag, es lohnt sich das Leid durchzustehen, denn die durch Jesus gegebene Hoffnung bleibt.

Das, was ist und gegeben wurde, muss nicht bleiben – wir dürfen ausbrechen und eigene Wege wählen, die sich richtig anfühlen. Im Vertrauen auf Gott und im Gespräch mit unseren Mitmenschen haben wir die Option, aus Kategorien auszubrechen. Vielleicht ist es uns sogar möglich, die vermeintlichen Gruppen, die unter Pauschalisierungen leiden, näher zueinander zu bringen und so die Schere(n) in unserer Gesellschaft immer kleiner zu machen. Das Leben ist nicht in Stein gemeißelt!

Thale Schmitz

Impuls vom 05.02.2022, "Doch auf dein Wort hin werde ich die Netze auswerfen!"

Doch auf dein Wort hin werde ich die Netze auswerfen!

Ohne dass ich diesen Bibelvers (Lk 5, 5b) im Kontext seiner Erzählung gesehen habe, begleitet er mich schon eine lange Zeit. Auf einem Kalenderblatt war er einmal mit einem Fischerboot in einem Hafen abgedruckt. Ich habe ihn ausgeschnitten und an die Pinnwand geheftet. Für mich spricht er von ganzheitlicher Nachfolge und davon, das eigene Leben soweit es uns möglich ist im Sinne Jesu zu gestalten und in seine Hände zu legen. Als Zeugin kann und darf ich durch mein Verhalten und Erscheinungswesen meinem Glauben an Jesus Christus ein Gesicht geben.

Mit Blick auf die gesamte Situation, in welcher Simon Petrus diesen Satz spricht, werden mir noch mehr Aspekte bewusst. Obwohl er und die anderen Fischer schon die ganze Nacht erfolglos mit den Booten unterwegs waren und keinen einzigen Fisch fangen konnten, zögert Simon Petrus nicht. Er hört auf das Wort Jesu und spricht die Worte: Doch auf dein Wort werde ich die Netze auswerfen! (Lk 5, 5b) In diesem Zuge kommen mir zweierlei Interpretationsweisen in den Sinn: Erst einmal legt Simon Petrus mit diesem Satz die Verantwortung in Jesu Hände – etwa nach dem Motto „Wenn du das sagst, schauen wir mal was passiert…“ Dies passt auch zu Petri Reaktion, als er das Wunder der vielen gefangenen Fische sieht. Er wirft sich Jesus zu Füßen und bekennt sich zu seinem sündhaften Dasein. Andererseits liegt in seinem Handeln und in dem Ausspruch dieses Satzes auch ein enormes Vertrauen. Dies ist notwendig, um nach so langer Erfolglosigkeit dennoch einen erneuten Versuch zu starten. Denn es hätte Simon Petrus auch so sinnlos erscheinen können, dass er sich weiteren Mühen verweigert.

Sinnhaftigkeit des Handelns ist tatsächlich ein sehr großer Faktor für meine eigene Motivation. Ich kann es oft schwer ertragen, wenn viel Arbeit und Anstrengung vergebens waren. Daher spricht mir dieser Vers genau das notwendige Vertrauen zu, welches ich in Momenten des Zweifelns und in Überlegungen der vermeintlichen Sinnhaftig/-losigkeit brauche. Immer wieder kann ich mir so neu bewusst werden, dass ich die nächsten Schritte gar nicht vorhersehen kann, sondern auf gute Fügungen hoffen darf. Dies bezieht sich natürlich nicht nur auf mich und mein eigenes Leben, sondern auch auf meine Mitmenschen und wie ich ihnen begegne.

Jesus gewann vor 2000 Jahren die Herzen der Fischer. Können wir dies auch? Authentisch, glaubwürdig und vorbildlich?

Thale Schmitz

Impuls vom 29.01.2022, "Und dann kam die Wut..."

Und dann kam die Wut…

Sicherlich haben viele von uns schon einmal erlebt, wie die Atmosphäre und Stimmung einer Situation oder innerhalb einer Gruppe plötzlich drastisch kippt und ins Negative umschlägt. Als wäre ein Schalter ganz unerwartet umgelegt worden und die Menschen sind gar nicht mehr wiederzuerkennen. Da wir nicht in die Köpfe der oder des Anderen schauen können, sind die ablaufenden Kaskaden häufig absolut nicht nachvollziehbar und somit auch schnell beängstigend. Wird die Entrüstung über eine Angelegenheit oder eine Person bzw. das Verhalten oder Gesagte einer Person geteilt, stiftet dies oft zu gemeinschaftlichem Handeln und Entfachung impulsiven Verhaltens an. Die Situation gerät außer Kontrolle – sowohl für die Handelnden als auch die Betroffenen.

Solch eine Situation widerfährt Jesus im heutigen Evangelium: Zu Beginn des Gesprächs stimmen ihm ausnahmslos alle zu. Doch als er beginnt auch unangenehme Themen anzusprechen, die die Zuhörenden in Unruhe verfallen lassen, eskaliert die Situation. Die Anwesenden protestieren förmlich gegen die vermeintlichen Wahrheiten, die sie nicht ertragen können und wollen Jesus aus ihrer Wut heraus von einem Berg hinabstürzen.

In einem Lied von Oliver Fietz heißt es: Wer von der Liebe singt, der kann vom Kreuz nicht schweigen. An diese Zeilen musste ich beim Lesen des Evangeliums denken, denn die Frohe Botschaft bzw. die angenehmen Teile davon, die wollen die Menschen hören und glauben. Jedoch ist die Botschaft Jesu keine kuschelige und bequeme, sondern ganz im Gegenteil: sie fordert heraus und beruft uns immer wieder zur Neuorientierung. Weiter im Refrain des Liedes heißt es: Doch Jesu Kreuz verehren, heißt es auf sich zu nehmen. Hier wird noch einmal ganz deutlich, dass die Nachfolge Christi kein gebuchtes „Harmonie“-Paket ist, sondern auch Jesu Kreuzestod in sich birgt und die Last des Kreuzes im Leben eines Gläubigen immer wieder spürbar werden wird. Doch sie verspricht große Erlösung und ein erfülltes Leben, das vor Schwierigkeiten keinen Halt macht, sondern sie angeht und kraftvoll überwindet.

Vielleicht bedarf es in jeder Situation, die noch so aufwühlend und verärgernd erscheint, einer Zeit der Selbstbesinnung: Ist meine Wut gerade richtig und berechtigt? Und auf wen oder vielleicht sogar eher was bezieht sie sich überhaupt? Sicherlich gibt es Erlebnisse im Leben, die mit einer Phase der Wut durchlebt und verarbeitet werden müssen, doch es lohnt sich ganz bestimmt sich zurückzuziehen und zu hinterfragen.

Thale Schmitz

Impuls vom 22.01.2022, "Die Bibel weist den Weg"

Die Bibel weist den Weg

Kennen Sie, kennst Du es auch, dass in gewissen Momenten plötzlich ein Vers aus der Bibel ins Auge springt und Antworten gibt auf gerade ganz akute Fragen und Situationen, die einer Lösung bedürfen? Das können Zitate und Sprüche in einem Kalender oder einem Impulsblatt sein oder sie hängen einfach irgendwo an der Wand. Oder es ist sogar manchmal so, dass die Bibel aufgeschlagen wird und – ohne eine bewusste Orientierung oder gezielt ein Kapitel im Sinn zu haben – stoßen wir auf eine Erzählung oder einen Bibelvers, der genau unsere Frage oder Situation aufgreift und Handlungsmöglichkeiten oder sogar Lösungen aufzeigt. Vielleicht bedarf es dennoch eines Weiterdenkens und Dranbleibens an einzelnen Gedanken, um eine Lösung zu finden und über das weitere Handeln zu entscheiden, doch der Impuls ist gesetzt.

Sehr ähnlich geht es Jesus im heutigen Evangelium. Er bekommt die Schriftrolle des Propheten Jesaja gereicht, öffnet sie und findet die folgende Stelle:

Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn er hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe. (Lk 1, 18-19)

Mit diesen Worten kann er sich als Sohn Gottes ganz genau identifizieren und äußert dies gegenüber der Gemeinde in der Synagoge. So könnte von einer Mini-Predigt bzw. Darlegung der Schrift gesprochen werden, denn er entgegnet: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt. (Lk 1, 21b) Sicherlich war diese Erfahrung auch für Jesus selbst sehr eindrucksvoll, da die Schrift ihn in seinem Tun bestärkte und bestätigte.

So erging es auch mir schon häufig: Wenn ich in einer schwierigen oder nachdenklichen Situation war, begegnete mir ein Bibelvers, der mir eine neue Perspektive bot und mich mit neuer Zuversicht erfüllte. Im Gespräch mit einigen Freunden, die ich im Rahmen eines Hauskreises kennenlernte, erfuhr ich von vielen weiteren Erfahrungen, in denen auch sog. Tageslosungen wie für die Situation der- oder desjenigen gemacht waren. Es ist gut zu wissen, dass wir durch die Heilige Schrift – Gotteswort in Menschenwort – Hinweise finden können, die uns einen neuen Durchblick verschaffen.

Thale Schmitz

Impuls vom 15.01.2022, "Geheime Zeichen und Wunder"

Geheime Zeichen und Wunder

Können wir geheime Zeichen und Wunder, die wir uns nicht erklären können, einfach annehmen und wertschätzen? Häufig ist es doch so, dass Unerklärliches uns ängstigt und wir dem Ursprung irgendwie auf die Schliche kommen wollen. Statt sich über ein wundersames Geschenk zu freuen und dankbar zu sein, werden so Gründe gesucht, die die Situation oder das Geschehene aufklären.

Solch eine Situation begegnet uns auch im heutigen Evangelium. Jesus verwandelt Wasser in Wein und der Verantwortliche für die große Hochzeitsfeier in Kana wirft dem Bräutigam vor, dass er den guten Wein zurückgehalten habe. Stattdessen hätte er sich vielleicht einfach freuen können, dass noch neuer Wein plötzlich aufgetaucht ist… Das ist doch sehr schade, denn aus einem Gefühl der überraschenden Freude über diese wundersame Begebenheit wird ein negatives, abwertendes Gefühl gegenüber dem Bräutigam. Vermutlich gab es für den zuständigen Organisator der Feier auch gar keine andere Option als diese Sichtweise und so fehlte ihm der Blick für ein Wunder.

Es ist erstaunlich, dass die Diener und Jünger, die Bescheid wussten und Jesu Handeln gesehen hatten, stillschweigen. Vielleicht ist dies doch noch gut nachvollziehbar, da sie selbst noch sehr verwundert sind. Es lässt sie den Atem anhalten. Doch Jesu große Stärke zu schweigen und sich nicht seiner Wundertat zu rühmen, ist sehr eindrucksvoll. Er lässt geheime Zeichen und Wunder geschehen, ohne uns Menschen genauer Auskunft darüber zu geben. Wir selbst sind dafür verantwortlich sie zu erkennen und überhaupt wahrzunehmen, sowie einen Umgang zu finden. Das sollte allerdings keineswegs Druck auslösen und uns in eine Hab-Acht-Stellung manövrieren, sondern viel mehr erkennen lassen, dass Unerwartetes, dessen Ursprung wir nicht kennen und auch unentdeckt bleibt, großes Glück bedeuten kann.

Vielleicht ist der Wein, an dem das Wunder Jesu hier vollzogen/festgemacht wird, ein tolles Symbol oder eine gute Metapher. Jesus hat im Blick bzw. in dieser Erzählung ist es die Gottesmutter Maria, die ihn auf den fehlenden Wein hinweist und ihn auffordert zu handeln, was getan werden muss, um die glückliche Feier aufrecht zu erhalten. Und so spüren die Gäste keinen Mangel. Durch den neuen Wein, der auch noch anders und besser zu schmecken scheint, schenkt er den Menschen einen neuen Geschmack fürs Leben – einen liebevollen Geschmack, wenn man ihn nur ganz genau (aus)kostet.

Thale Schmitz

Impuls vom 08.01.2022, "...und der Himmel brach auf!"

…und der Himmel brach auf!

Wie viele andere Menschen lässt auch Jesus sich von Johannes im Jordan taufen. Er ist dabei einer unter vielen, doch das Geschehen nach seiner Taufe macht die besondere Stellung Jesu unmittelbar deutlich:

Und während er betete, öffnete sich der Himmel und der Heilige Geist kam sichtbar in Gestalt einer Taube auf ihn herab und eine Stimme aus dem Himmel sprach:

Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden. (Lk 3, 21b-22)

Wieder ist es ein Epiphanie-Geschehen, welches Jesus von Gottes Stimme selbst und durch den Heiligen Geist in Form der Taube zum Sohn Gottes deklariert. Sicherlich war dies eine unglaublich eindrucksvolle und prägende Erscheinung für alle Anwesenden sowie für Jesus selbst. Das Erleben dieser Situation wird die Menschen überwältigt haben. Daher hat die Metapher „Der Himmel bricht auf“ bis heute seine Berechtigung. Erst vor Kurzem durfte ich genau so eine Erfahrung machen und ganz real erleben. An einem recht trüben und grauen Tag ging ich ein Stück des Jakobsweges durch ein großes Waldgebiet. Ich machte eine Pause an einer Lichtung, die sich an der Grenze zwischen dem Wald und zahlreichen Feldern befand. Es war so nebelig, dass ich kaum etwas vor mir erkennen konnte und auch in meinem Kopf waren eher trübe Gedanken, die mich beschäftigten. Wie ich so dort auf einer Bank saß, brach plötzlich der Himmel auf und mit voller Kraft schien die Sonne zwischen den Wolken hindurch. Sie überstrahlte nach und nach alle Felder, die vor mir lagen und schenkte ganz viel Licht und Wärme. Die positive Energie überschwemmte mich förmlich und ich schnappte mir meinen Rucksack und zog voller Euphorie und Tatendrang weiter. Auch die komplizierten Verstrickungen meiner Gedanken lösten sich und ich konnte völlig befreit und frohen Mutes weitergehen. Dass Gott mir in dieser Situation und insgesamt an diesem Tag besonders nahe war, konnte ich ganz real spüren und diese Nähe ließ mich alle Ängste und Sorgen vergessen.

Wenn der Himmel sich öffnet, ist das nicht nur eine äußerliche Sache, sondern es ist vor allem etwas Innerlich-Religiöses. Von der göttlichen Natur strömt Fülle des Lichts in die menschliche Natur Jesu, […] um mit schöpferischer Gewalt aus seinen menschlichen Worten und Taten eine neue Welt, ein neues Leben, eine Neuschöpfung zu machen: die Welt des Göttlichen mitten im Menschlichen.

Richard Gutzwiller

Thale Schmitz

Impuls zum 06.01.2022, "Wir haben seinen Stern gesehen!"

Wir haben seinen Stern gesehen!

Am heutigen Hochfest der Epiphanie – Erscheinung des Herrn gelangen die Heiligen Drei Könige bzw. Sterndeuter, wie es im Evangelium nach Matthäus heißt, zum Christuskind. Von einem Stern geführt und geleitet dürfen sie dem neugeborenen König der Juden persönlich begegnen. Auf ihrem Weg kommen sie zum regierenden König Herodes und fragen nach dem Königskind, denn sie haben seinen Stern aufgehen sehen (Mt 2, 2).
Ein riesengroßes Geschenk ist die Begegnung mit dem Kind in Betlehem. Die Drei Reisenden werden an ihrem Ziel von großer Freude erfüllt und die Realpräsenz des Königskindes lässt sie niederfallen und ihm huldigen.

Kennen Sie, kennst Du solche Begegnungen, die im Inneren ein Licht aufleuchten lassen? Die einfach guttun und ein Lächeln schenken? Vielleicht sind sie nicht vergleichbar mit der realen Begegnung unseres Herrn Jesus Christus, doch ich glaube, dass uns Erlebnisse geschenkt werden, die solch eine Erfahrung erahnen lassen. Ich spüre es immer wieder, wie sehr mich Zufallsbegegnungen – oder eher tolle Fügungen – mit Glück erfüllen und mich mit neuer Kraft beleben. Solche Segensbegegnungen, die uns diese tiefe Dankbarkeit spüren lassen, wünsche ich jeder und jedem von uns.

Manchmal können es auch ganz andere Zeichen sein, die neue Hoffnung schenken – ein Hinweis, ein Brief, eine Erkenntnis… Vergleichbar mit dem hinweisenden Stern, dem die Sterndeuter folgen. Auch wenn diese Zeichen uns nicht direkt zu Jesus hinführen, bringen sie uns doch näher zu ihm. Manch eine oder einer mag nun denken: „Naja aber das waren doch Sterndeuter und somit Experten, um die wichtigen Zeichen bzw. in diesem Fall den Stern zu erkennen.“ Doch sicherlich können wir alle die Zeichen und Wunder in unserem Leben entdecken – wenn wir nur genau hinschauen. So kann es gelingen, dass wir die Lichtkraft erspüren und unseren persönlichen Stern finden, der uns den Weg für unser Leben und zu unserem Herrn hin weist:

Aus dem Himmel eine Erde machen
aus der Erde einen Himmel
wo jeder aus seiner Lichtkraft
einen Stern ziehen kann.
Rose Ausländer

Thale Schmitz

Impuls vom 01.01.2022, "Ein gesegnetes neues Jahr!"

Ein gesegnetes neues Jahr!

Bricht der erste Morgen des neuen Jahres an,
so erscheint der Himmel nicht anders
als am Tag zuvor, aber doch ist einem seltsam
frisch zu Mute.
Yoshida Kenkõ

Dieses Empfinden am Neujahrstag wünsche ich uns allen – auf dass wir Gottes Himmel offen sehen und alles für möglich halten im Neuen Jahr 2022! Das neue Jahr bedeutet neue Gnade, neue Kraft, neue Hoffnung. Über unseren Leben und der ganzen Welt steht eine wunderbare Aussicht. Das Leben veraltet nicht, sondern wächst einer Vollendung und Erneuerung entgegen. Es gibt nicht nur alte und junge Menschen, sondern auch neue Menschen. Es gibt nicht nur unsere alte Erde und einen verborgenen Himmel, sondern einmal eine neue Erde und einen neuen Himmel, in dem Gerechtigkeit wohnt.

Und nur weil die Nacht uns Ruhe bringt
Kann Morgen neu entfachen
Nur weil die Nacht ein Ende ist
Wo Altes gestern werden kann
Nur weil gestern niemals heute ist
Ist jeder Morgen Neuanfang
Mona Harry

Mögen uns diese Ermutigungen im Neuen Jahr 2022 stets begleiten, sodass wir auch in schwierigen Momenten uns darauf zurückbesinnen und neue Kraft schöpfen können. Das neue Jahr ist ein ungeschriebenes Blatt und wir können es mit Gottes Hilfe gestalten. Denn Jesus spricht: „Siehe: ich mache alles neu!“ (Offenbarung 21,5)

Thale Schmitz

Impuls vom 24.12.2021, "Weihnachten findet statt!"

Weihnachten findet statt!

Weihnachten – wir sind angekommen! Der Advent ist vorbei und wir dürfen besinnlich die Geburt unseres Herrn Jesus Christus feiern. Dieses Ankommen oder auch der Versuch des Zugehens auf Weihnachten sieht für viele Menschen ganz unterschiedlich aus – in voller Vorfreude oder eher beschwerlich und sogar traurig. Vielleicht ist das Weihnachtsfest für einige Menschen auch gar kein Anlass zur Freude, sondern vielmehr eine Zeit, die irgendwie hinter sich gebracht werden muss. Vermutlich fällt es auch in diesem Jahr vielen Menschen nicht leicht, sich zu freuen oder aufgrund der Pandemie-Umstände die Zeit wirklich zu genießen, ohne Sorgen im Hinterkopf zu haben. Viele verbringen die Tage auch ganz alleine zuhause und haben mit Einsamkeit zu kämpfen. Häufiger hörte ich in den Adventswochen den Satz „Es gibt doch gar nichts zu feiern!“ Das hat mich ziemlich traurig gestimmt und so beschloss ich mich, auf das Eigentliche und vor allem Wesentliche des Weihnachtsfestes zurück zu besinnen: Jesus Christus kommt zu uns auf die Erde!

Die Weihnachtsbotschaft von der Freude fällt nicht aus, weil es in unserer Welt so viel Leid und Tränen, Angst und Sorge gibt, sondern gerade deswegen und dann „erst recht“ werden Geburt und Kommen Jesu Christi verständlich.
Weihnachten fällt nicht aus, wenn Trauer und Leid die Menschen bedrängen, sondern es fällt hinein in die ganze Dunkelheit irdischen Lebens. Mitten in Leid und Weh, Schuld und Not müssen wir „erst recht“ Weihnachten feiern, das Kommen Christi besingen, den Retter anbeten und den Heiland finden.
Wir dürfen gewiss sein: Die Erlösung ist nahe und sie ist Anlass zur Hellen Freude:
Weihnacht sagt:
Alle Zeit ist schon umfasst von der Ewigkeit,
die selber Zeit wurde.
Alle Tränen sind im Innersten schon versiegt,
weil Gott selbst sie mitgeweint hat
und schon aus seinen eigenen Augen wischte.
Alle Hoffnung ist eigentlich schon Besitz,
weil Gott schon von der Welt besessen ist.
Die Nacht der Welt ist schon hell geworden.
Karl Rahner
Thale Schmitz

Impuls vom 18.12.2021, "Weil in der Herberge kein Platz für sie war..."

Weil in der Herberge kein Platz für sie war…

Dieser Satz ist für einige von uns vermutlich der charakteristischste Satz des Weihnachtsevangeliums. Er hat sich eingeprägt und ist auch der Grund für die Wendung der Erzählung und weist den Weg für Maria und Josef in den Stall und somit zur Krippe.

Eine Geschichte von Ruth Schmidt-Mumm („Wie man zum Engel wird“) erzählt von einem Krippenspiel einer Schulklasse, die den jüngeren Schüler Tim bittet, aushilfsweise den engstirnigen Wirt zu spielen. Dazu folgen nun ein paar Ausschnitte:

Die Vorstellung begann. Joseph und Maria betraten die Bühne, wanderten schleppenden Schrittes zur Herberge und klopften an. Die Fensterläden öffneten sich und heraus schaute Tim unter seiner großen Wirtsmütze. „Habt Ihr ein Zimmer frei“ fragte Joseph mit müder Stimme.
„Ja, gerne“, antwortete Tim freundlich. Schweigen breitete sich aus im Saal und erst recht auf der Bühne. Joseph versuchte vergeblich irgendwo zwischen den Kulissen Lehrer Larsen mit einem Hilfezeichen zu entdecken. Maria blickte auf ihre Schuhe.
„Ich glaube, Sie lügen“, entrang es sich schließlich Josephs Mund. Die Antwort aus der Herberge war ein unüberhörbares „Nein“. […] Nach einer weiteren Schreckenssekunde nahm er Maria an der Hand und wanderte ungeachtet des Angebotes weiter zum Stall. […]
Tim erklärte, dass Joseph eine so traurige Stimme gehabt hätte, da hätte er nicht Nein sagen können, und zu Hause hätten sie auch immer Platz für alle, notfalls auf der Luftmatratze.

Tim bekommt bei der zweiten Aufführung eine neue Chance:

Der große Saal war voll bis zum letzten Sitzplatz. Dann ging der Vorhang auf, das heilige Paar erschien und wanderte – wie es aussah etwas zögerlich – auf die Herberge zu. Joseph klopfte an die Läden, aber alles blieb still. Er pochte erneut, aber sie öffneten sich nicht. Maria entrang sich ein Schluchzen.
Schließlich rief Joseph mit lauter Stimme. „Hier ist wohl kein Zimmer frei?“ In die schweigende Stille, in der man eine Nadel hätte fallen hören, ertönte ein leises, aber deutliches „Doch.“

Daraufhin wurde Tim als Engel eingesetzt und fühlte sich endlich am richtigen Platz.

In diesem Sinne möchten auch wir an Heiligabend die Türen öffnen und herzlich zu den üblichen Öffnungszeiten (10-18 Uhr) ins Refugium einladen!

Stefan Kaiser                   Thale Schmitz                       Stefan Tausch

Impuls vom 11.12.2021, "Die sind doch alle..."

Die sind doch alle…

Eines der größten Themen in unserer Gesellschaft ist es, dass stark kritisiert wird, Menschen in bestimmte Gruppen zu sortieren und sie gewissermaßen zu kategorisieren. Auch das Wort Ethnie sowie ethnische/r Hintergrund oder Abstammung ist aus vielen Perspektiven kein wertfreier Begriff mehr. Personengruppen, die zum Beispiel durch das äußere Erscheinungsbild gebildet werden, bekommen gewisse Eigenschaft zugeschrieben und leiden so unter starken Verallgemeinerungstendenzen und der Voreingenommenheit des Gegenübers.

Zu Recht setzen sich viele Menschen dafür ein, dass in der Gesellschaft und generell nicht pauschalisiert wird – dies beugt Rassismus und jeder Art von Diskriminierung vor. Dennoch denke ich, dass es sinnvoll ist, die verschiedenen Kulturen in der Form kennenzulernen, dass ich um gewisse Eigenheiten (aus meiner Sicht mit meinem eigenen, kulturellen Hintergrund) weiß sowie besondere Prioritäten und Relevanzen kenne. Ich erinnere mich an einen Kindergeburtstag in den Niederlanden, wo ich als sehr unhöflich wahrgenommen wurde, da ich nicht auch den Eltern und der ganzen Familie gratuliert habe, was dort als ganz selbstverständlich gilt. Natürlich birgt dies wiederum die Gefahr, dass ich nach diesen Erkenntnissen über alle Menschen einer bestimmen Nation gleich denke und sie nicht individuell genug betrachte. Deshalb ist das vorsichtige Herantasten an mein Gegenüber sowie an meine eigenen Gedanken, die ich mir über jemanden mache, ungeheuer wichtig. Sowieso sind die direkte Kommunikation und der Austausch aus erster Hand der idealste Weg, um feinfühlig miteinander umzugehen.

Auch Johannes der Täufer reagiert ganz spezifisch auf die Menschen mit Blick auf den Hintergrund ihrer Tätigkeit. Kritisch betrachtet pauschalisiert er und sortiert die Ratsuchenden in Personengruppen. Er reagiert dementsprechend und gibt ihnen spezifische Antworten auf die jeweils gleiche Frage „Was sollen wir tun?“ (Lk 3, 10.12.14.) Doch ist das schlecht oder gar zu verurteilen? Ich habe den Eindruck, dass die Fragenden sehr dankbar für die Antworten sind, die sie speziell in ihrem Leben umsetzen können und die ihnen klare Handlungsmöglichkeiten aufweisen.

Ein gewisses Wissen umeinander – eingeschlossen der Herkunft und Lebenssituation, aber gleichzeitig ausgeschlossen von verallgemeinerten Unterstellungen – ist sicherlich gewinnbringend für ein gutes Miteinander und darf uns als Ziel gelten.

Ludwig Gotthard Kosegarten wusste es schon im 18. Jahrhundert wie folgt zu sagen:
„Wir mögen sein wer wir wollen, Reiche oder Arme, Vornehme oder Niedrige, Priester oder Layen, Christen oder Juden, weiße, schwarze, braune, kupferrothe oder olivenfarbige Menschen, wir sind alle miteinander einerlei Fleisches und Blutes.“

Thale Schmitz

Impuls vom 04.12.2021, "Fange bei mir an..."

Fange bei mir an…

Im Zugehen auf Weihnachten sind einige vielleicht schon in eine besinnliche Adventsstimmung gekommen, die Raum und Zeit schenkt, um sich auf die wirklich wichtigen und wesentlichen Dinge im eigenen Leben zu fokussieren.

Was sind das für Dinge in meinem Leben und wie kann ich sie genauer in den Blick nehmen? Ist die Adventszeit für mich in diesem Jahr eine besondere Zeit zur Umkehr?

Der Evangeliumstext ermutigt uns dazu, den Weg bereitzumachen und alles wegzuräumen, was die Gegenwart Jesu zu uns verstellt. Darum können wir ihn inständig bitten, denn: Jede Schlucht soll aufgefüllt und jeder Berg und Hügel abgetragen werden. Was krumm ist, soll gerade, was uneben ist, soll zum ebenen Weg werden. (Lk 3, 5)

Alles in unserem Leben und in unserem Umfeld zu begradigen und neue Wege zu ebnen, ist sicherlich eine große Aufgabe und Herausforderung. Doch dieser dürfen wir uns gerade in der Adventszeit hoffnungsvoll stellen, um die große Sehnsucht nach Jesus Christus ein Stück weit zu stillen. Und alle Menschen werden das Heil Gottes schauen. (Lk 3, 6) Nichts könnte mich zuversichtlicher stimmen!

Damit jedoch alle das Heil Gottes schauen können, reicht es nicht aus, dass jeder und jede nur auf sich schaut und die eigene Gottesbeziehung aufrechterhält. Ziel ist es auch, dass wir anderen den Weg bereitmachen und sie in gewisser Weise zu Jesus hinführen. Bei diesem Gedanken erinnere ich mich an ein kürzlich gelesenes Gedicht aus China:

Herr, erwecke deine Kirche und fange bei mir an.

Herr, baue deine Gemeinde auf und fange bei mir an.

Herr, lass Frieden und Gotteserkenntnis überall auf Erden kommen und fange bei mir an.

Herr, bringe Liebe und Wahrheit zu allen Menschen und fange bei mir an.

Auch wenn wir bei uns selbst im Kleinen beginnen, kann und wird Großes daraus erwachsen. Darauf dürfen wir vertrauen und die Adventszeit zum Ankommen und Umkehren nutzen, um so die Magie des Weihnachtsfestes ganzheitlich zu spüren.

Thale Schmitz

Impuls vom 27.11.2021, "Ankommen - das wünsche ich Dir!"

Ankommen – das wünsche ich Dir!

Schon seit ein paar Wochen lebe ich in froher Erwartung auf den Advent. Jedes Jahr wieder spüre ich eine Sehnsucht nach einer erlösenden Zeit, die mir neue Kraft und Hoffnung schenkt und mir einen Neustart ermöglicht.
Die Besinnungszeit und das Ankommen in diesen Wochen bringen sehr viel Ruhe und atmosphärische Momente in mein Leben und ich kann mich auf die wirklich wichtigen Dinge in meinem Leben fokussieren. Natürlich geht es mir – wie vielen anderen Menschen auch – so, dass es zahlreiche Termine im Dezember gibt und es häufig auch sehr hektisch wird. Und dennoch: Die Stimmung in der Stadt, auf den Märkten und in vielen zwischenmenschlichen Kontexten lässt mich eine besinnliche Atmosphäre spüren, die bei all dem Trubel genug Ruhe und Zeit für mich selbst zulässt.
Der anstehende Jahreswechsel spielt sicherlich mit hinein, aber für mich ist es genau der Advent, der mir neue Perspektiven eröffnet und mir zeigt, was ich vielleicht verändern möchte in meinem Leben oder wo ich neue Möglichkeiten für mich entdecken kann.

Und schließlich dürfen wir Christinnen und Christen an Weihnachten ankommen. Die wahre und pure Freude an diesem Fest erspüren und im schönsten Fall alle uns lieben Menschen um uns herum versammeln. Das ist für mich das größte Glück. Dazu gehört es auch ganz eindeutig, Jesus Christus in unserer Mitte zu begrüßen und willkommen zu heißen. Voller Dankbarkeit darf ich spüren, dass die Erlösung nahe ist und Hoffnung und Zuversicht im Rahmen dieses Festes noch einmal in besonders vollem Maße in mir aufblühen. Die Weihnachtstage geben mir das zurück, was ich im vergangenen Jahr in gewisser Weise verloren habe. Vielleicht aufgrund von aufwühlenden Erlebnissen und Herausforderungen oder auch durch den normalen Wahnsinn des Alltags: Freude, Glaube, Hoffnung und Zuversicht kehren zurück und lassen mich inneren Frieden finden.

Eine Postkarte mit dem Spruch „Ankommen – Das wünsche ich Dir!“ ist mir eine liebgewonnene Nachricht an Freundinnen und Freunde geworden und damit möchte ich genau dieses Lebensgefühl im Advent und im Zugehen auf Weihnachten weitergeben. Und so wünsche ich auch Ihnen und Euch eine gesegnete Adventszeit und ein besinnliches Ankommen – bei Ihnen und Euch selbst und vor allem bei Jesus.

Thale Schmitz

Impuls vom 20.11.2021, "Königliches Scheitern?!"

Königliches Scheitern?!

Am heutigen Christkönigssonntag feiern wir Jesus, unseren Herrn, als König. Doch entspricht Jesus einem König, wie wir ihn uns im herrschaftlichen Sinne und voller Prunk vorstellen?
In Jesus ist die Wahrheit Gottes sichtbar geworden. Vom Kreuz hat Christus die Königsherrschaft angetreten. Er entgegnet Petrus ganz deutlich: Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Wenn mein Königtum von dieser Welt wäre, würden meine Leute kämpfen, damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde. (Joh 18, 36)
Jesus fordert uns auf, die Nöte der Menschen wahrzunehmen und entsprechend zu handeln. Das ist zugegebenermaßen ein hoher Anspruch. Ihn zu erfüllen, wird uns nicht immer gelingen. Aber auch mit unserem Scheitern dürfen wir „königlich“ umgehen.
„Königlich scheitern?!“
In unserer Gesellschaft ist das Scheitern ein wohl eher negativ konnotierter Begriff und es will vermieden werden. Ich denke in diesem Kontext – etwas flapsig ausgedrückt – an das folgende Sprichwort: „Hinfallen, aufstehen, Krone richten und weiterlaufen.“
Es ist nicht schlimm, hinzufallen und zu scheitern. Wer hinfällt, kann aufstehen und es weiter probieren. Dabei erleben wir sicherlich zahlreiche Hoch- und Tiefpunkte, sammeln Erkenntnisse und können uns weiterentwickeln. Aber es gar nicht erst zu probieren – das wäre alles andere als königlich.
Jesus ist kein König, der sich mit Glanz und Reichtum rühmen möchte, sondern er ist ein königliches Vorbild für uns. Er ermutigt uns durch sein Handeln und Sein, für unsere Werte und uns selbst einzustehen sowie ein Scheitern zuzulassen. Dranbleiben und sich nicht unterkriegen lassen – auch durch höhere Autoritäten – das ist die Devise!
Wir können uns selbstbewusst vor den Spiegel stellen, die Krone richten und zielsicher in den Tag gehen und in die Zukunft blicken.
Thale Schmitz

Impuls vom 13.11.2021, "So erkennt auch ihr, dass er nahe vor der Tür ist."

So erkennt auch ihr, dass er nahe vor der Tür ist.

Dieser Titel ist ein Vers aus dem heutigen Evangelium (Mk 13, 29) und er beschreibt so eindringlich, wie wir Christen uns vermutlich häufig hier auf Erden fühlen: Wir spüren, dass unser Gott uns nahekommt und erahnen ihn in gewissen Situationen – vielleicht sogar zum Greifen nahe –, aber im irdischen Leben werden wir ihn niemals ganz und in seiner Vollkommenheit erfassen können. Eine unendliche Sehnsucht umtreibt uns im Herzen und wie Franz Kamphaus sehr passend beschreibt sind Christen „Menschen, die daheim noch Heimweh haben“ (Franz Kamphaus).
Wenn ich das Wort Heimweh höre, klingen in mir viele Erinnerungen und Emotionen nach. In der Kindheit hatte ich häufig mit diesem Schmerz des Heimwehs zu kämpfen – sei es auf Klassenfahrt, einer Chorfreizeit oder in einem Messdienerlager. Ich kann es noch sehr gut nachspüren, welch ein zermürbendes Gefühl der Sehnsucht und Traurigkeit mich umgab. Wenn ich dann wieder zuhause war, war ich unendlich froh und erleichtert, wieder bei meiner Familie zu sein und schätzte es noch mehr als sonst, daheim zu sein. Doch Franz Kamphaus beschreibt ein Heimweh, das hier auf Erden nicht vorüber geht…
Dieses Heimweh ist jedoch wesentlich positiver konnotiert. Als Christinnen und Christen dürfen wir hoffnungsvoll in die Zukunft blicken und gespannt sein auf das, was kommt. Diese Zuversicht schenkt uns ein weiterer Vers des heutigen Markus-Evangeliums, in welchem geschrieben steht (Mk 13, 31):
Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.
Mit anderen Worten bedeutet es, dass nichts in der Welt von Dauer ist. Die Ewigkeit finden wir nur bei Gott – doch diese wird uns definitiv zugesichert. So können wir uns in der Eucharistiefeier in eine Spannung zwischen Gedächtnis und Erwartung auf das Kommen des Erlösers begeben. Den Zeitpunkt kennt nur Gott allein, jedoch dürfen wir gewiss sein, dass er unsere Tränen abwischt und rechtschaffend für alle, wirklich alle wirken wird. Bis dahin mag unsere Hoffnung greifen und unser Glaube möge uns tragen, bis wir ihn schauen – von Angesicht zu Angesicht.

Thale Schmitz

Impuls vom 06.11.2021, "Armut bedeutet Glück?!"

Armut bedeutet Glück?!

Eine prägende Erfahrung in meiner Kindheit war jedes Jahr aufs Neue die Sternsinger-Aktion. Es machte mir große Freude, zahlreichen Menschen zu begegnen und ihr Zuhause zu sehen. So bekam ich mit meiner Gruppe immer nur einen kleinen und kurzen Einblick in das Leben der Menschen, die wir besuchten, doch ich empfand es als sehr erfüllend, jedem und jeder Einzelnen den Segen zu bringen und ins Gespräch zu kommen. Auch wenn es stets nur ein erster Eindruck war, bekam ich schnell eine grobe Vorstellung von der Lebenssituation. So war es besonders berührend, dass ein älterer Herr, der in sehr bescheidenen Wohnverhältnissen leben musste, uns – ohne groß darüber nachzudenken – einen 5-Euro-Schein in die Dose spendete.
Dieses Erlebnis ploppt sofort in mir auf, wenn ich das heutige Evangelium lese, in welchem eine Witwe mehr in den Opferkasten hineingeworfen hat als alle andern (Mk 12, 43b). Auch wenn es nur zwei kleine Münzen waren, die sie gab, war es doch für sie ihr gesamter Lebensunterhalt und eine viel größere Spende, als wenn andere etwas von ihrem Überfluss hergeben. Und das Wunderschöne dabei ist, dass die arme Frau durch ihr Handeln nicht in Sorgen um das Morgen gerät, sondern glücklich ist! Sie freut sich, dass ihre Gabe angenommen wurde und Gott sie sieht – in dieser Situation schaut Jesus sogar ganz bewusst auf sie und nimmt sie zum Vorbild für seine Jünger. Die arme Witwe hat trotz ihrer Narben im Leben und der stets gegenwärtigen Armut großes Vertrauen in Gott, dass er für sie sorgen wird. Vielleicht entsteht eine besondere und nahe Gottesbeziehung erst aus der Not heraus, doch so mündet die Not in unbeschreiblichem Glück.
Mit diesen Gedanken möchte ich nicht behaupten, dass Armut der einzige Weg zum Glück ist, doch ich möchte den Appell stark machen, dass es sich lohnt, auf die Armen zu schauen und von ihnen zu lernen, dass uns die wirklich wichtigen Dinge im Leben geschenkt werden und wir sie nicht verdienen können. Auch wenn ich nicht in finanziellen Nöten lebe, bin ich angewiesen auf die Gnade Gottes und möchte mich nicht vor ihm verschanzen hinter meinen vermeintlichen Sicherheiten. Lasst uns – wie es in dem Graffiti heißt („Wenn du mehr hast als du brauchst, bau nen längeren Tisch, keinen längeren Zaun“) – mit unserem Überfluss keine höheren Zäune bauen, die uns von Gott fernhalten, sondern längere Tische und Tafeln errichten, um mit allen Menschen gemeinsam Mahl zu feiern und das Leben zu genießen.
Thale Schmitz

Impuls vom 30.10.2021, "Schweigen ist Silber"

Schweigen ist Silber

Neben zahlreichen, wichtigen Lehren Jesu bleibe ich im heutigen Evangelium gedanklich vor allem am letzten Vers bzw. Satz hängen:
Und keiner wagte mehr, Jesus eine Frage zu stellen. (Mk 12, 34)
Die Ehrfurcht vor den Worten Jesu zur Nächstenliebe ist so groß, dass die Menschen nur staunen können und verblüfft schweigen. Sie wagen es nicht bzw. trauen sich nicht einmal mehr eine Nachfrage zu stellen. Vermutlich kreisen die Gedanken und sie reflektieren das Gehörte und versuchen es einzuordnen.

Sicherlich ist es eine gute Idee, in sich zu gehen, bewusst zu schweigen und die Worte nachklingen zu lassen. Denn Gott flüstert und die Welt ist laut, heißt es in einer Weisheit. In der Stille ist es besonders gut möglich, mit Gott ins Gespräch zu kommen und sich ganz auf ihn zu fokussieren. Gewissermaßen lösen wir uns so von den irdischen Impulsen und werden offen und frei für die Stimme des himmlischen Vaters.

Es ist spannend darüber nachzudenken, was auf die beschriebene Situation im Evangelium folgt, welche Prozesse die zuhörenden Menschen durchlaufen und welche Schlüsse sie daraus ziehen. Ich kann mir gut vorstellen, dass das Staunen über die Worte Jesu stets größer wurde und die Menschen immer mehr Facetten erkannten und begreifen konnten. Schweigen ist Silber – so heißt es im Volksmund – und Reden ist Gold. Den Glanz der Botschaft im Schweigen zu erkennen und das silberne Schimmern zu erleben, verhilft uns zum nächsten Schritt. Nämlich dass wir über unsere Erkenntnis mit anderen Menschen sprechen und die Frohe Botschaft zu einer goldenen Erfahrung heranwachsen sehen untereinander.

Das folgende Gedicht fasst all diese Gedanken noch einmal zusammen:

Wenn du nicht hinhörst, der Stille nicht dienst
Nicht vernimmst, was Ewigkeit weiss
Wenn du nur Lautes erhörst
Nur bereits Gehörtes –
Bleibt die Welt
Wie sie ist                                                                     Matthias Krieg

Thale Schmitz

Impuls vom 23.10.2021, "Blind"

Blind

Blind – blind treibe ich umher und sehe den Weg nicht mehr.

Wo ist der Weg? Was ist das Ziel?

Weiß ich eigentlich, was ich will? Was mir wirklich wichtig ist?
Orientierungslos laufe ich durch das Leben – bin auf der Suche nach Glück!

Dabei möchte ich doch nur den Sinn meines Lebens erkennen…

„Glück ist nichts, was wir uns durch immer mehr Leistung erarbeiten müssen, sondern vielmehr etwas, das uns das Leben einfach schenken möchte – wenn es uns denn gelingt, die Hände frei zu haben.“ (Andreas Knapp)

Die Hände frei haben, nicht festbeißen oder an Dingen festkrallen, die doch nur irdisches Glück verheißen sollen….
Es fällt mir schwer, die Kontrolle abzugeben, geschweige denn loszulassen.

Doch vielleicht ist es genau das, was mich befreien wird!
Wenn wir für die Wirklichkeit Gottes offen sind, dann ist das ein großes Glück.

Ich will auf diese innere Stimme hören, mich ganz ihr widmen und begreifen, dass sie mich aus dem Dunkel herausführt.
Jesus, wo bist du? – Dein Wort ist das Licht, das den Weg zum wahren Leben weist. Deine Umarmungen spüre ich in stillen Momenten – wenn ich ganz bewusst schweige und nur bei dir sein will. Du bist da! Ich kann nicht tiefer fallen als in deines Vaters starke und gütige Hände.

Wenn ich mir alldem bewusst werde, verlassen mich alle meine Ängste und Sorgen, und ich verstehe, was ich wirklich brauche.
Nun weiß ich, wo und noch viel mehr, bei wem ich mein Glück finden darf und kann.

Wie der blinde Bettler, den du, Jesus, geheilt hast, möchte ich ganz gezielt auf dich zulaufen und dich um deinen Segen bitten.

Ich schäme mich nicht meiner Taten und Vergangenheit – bewusst werfe ich den Mantel und alle Masken ab und möchte ganz dir gehören. Denn du machst mich ganz heil und zeigst mir, dass ich unendlich geliebt bin. Dein JA erweist mir mein vollkommenes Lebensglück und meine Sicht wird langsam schärfer…

Und auch wenn das Glück Pause macht, ist der Sinn noch da!

Thale Schmitz

Impuls vom 16.10.2021, "Wer bin ich?"

Wer bin ich?

 

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,

ich träte aus meiner Zelle

gelassen und heiter und fest

wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

 

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,

ich spräche mit meinen Bewachern

frei und freundlich und klar,

als hätte ich zu gebieten.

 

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,

ich trüge die Tage des Unglücks

gleichmütig, lächelnd und stolz,

wie einer, der Siegen gewohnt ist.

 

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?

Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?

Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,

ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,

hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,

dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,

zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,

umgetrieben vom Warten auf große Dinge,

ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,

müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,

matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

 

Wer bin ich? Der oder jener?

Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?

Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler

und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?

Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,

das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

 

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.

Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

 

Dietrich Bonhoeffer

 

(aus: ‚Widerstand und Ergebung – Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft‘, HG: Eberhard Bethge, Kaiser-Taschenbücher 1997, S. 187)

Impuls vom 09.10.2021, "Welche Sicherheit brauchen wir wirklich?"

Welche Sicherheit brauchen wir wirklich?

Jeder Mensch braucht Sicherheiten in seinem Leben, die ihm ermöglichen, so weit wie möglich unbeschwert den Alltag zu meistern und wirklich lebendig zu sein. Wer sich sicher fühlt, kann unbefangener handeln und sich, mit einem Grundvertrauen ausgestattet, Situationen stellen und sogar in Wagnisse begeben.

Welche Sicherheiten sind das und wie werden sie uns Menschen geschenkt?

Ich denke, dass viele im ersten Moment und in erster Instanz an die finanzielle Sicherheit denken. Sie ermöglicht uns, dass wir für unseren Lebensunterhalt sorgen und somit alles Lebensnotwendige mit eigenen Mitteln aufbringen können. Bei besonders stabiler, finanzieller Sicherheit dürfen wir uns sogar das ein oder andere Luxusgut gönnen, ohne dabei an anderer Stelle Abstriche machen zu müssen.

Geld und Finanzen sind in meinen Ohren Begriffe, die häufig Gänsehaut auslösen. Das Thema Geld spiegelt meiner Meinung nach sehr oft Machtkämpfe zwischen Menschen, Gruppen, Ländern und Nationen (usw.) wider. Das Maß an Geld symbolisiert dabei die Macht, die ein Befehlshaber hat bzw. ausführen kann. Im Kampf um die eigene (finanzielle) Sicherheit werden dabei andere Menschen aus dem Blick verloren oder sogar bewusst benachteiligt. Doch ist diese Sicherheit beständig?

Dann gibt es aber auch jene Menschen, die diese Art der Sicherheit überhaupt nicht benötigen, sondern ihr Leben vielfältig und teilweise sogar unbeständig gestalten – so wie ihnen der Sinn danach steht, auch wenn dadurch keine finanzielle Sicherheit gewährleistet ist. Solche Lebenskünstler – wie ich gerne zu sagen pflege – bewundere ich sehr, denn sie scheinen einen anderen Sicherheitsanker zu haben, der ihnen das Vertrauen schenkt, nicht in eine leere Zukunft zu gelangen. Diese Lebensform zeugt von ungeheurem Vertrauen und bietet den Menschen große Freiheit, denn sie müssen sich nicht an die gesellschaftlichen Vorstellungen einer vermeintlich sicheren Lebensweise anpassen.

Vielleicht ist es das Vertrauen in Gott, dass diesen Menschen die benötigte Sicherheit gibt und das finde ich so erstrebenswert. Denn das Greifen nach Gott ist immer möglich

und wir müssen dafür gar nichts leisten, um seine geschenkte Sicherheit zu erhalten! Wir dürfen uns einfach fallen lassen und im Vertrauen auf ihn in den Himmel blicken: Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. (Mt 6, 26).

Thale Schmitz

Impuls vom 02.10.2021, "Gott ist meine Unterbrechung "

Gott ist meine Unterbrechung

In diesen Tagen nehme ich an Exerzitien im Alltag teil, die als kurze Impulse auf mein Smartphone geschickt werden. Die Exerzitien sollen kurze Oasentage „zwischendrin“ ermöglichen und beschäftigen sich mit dem Sonnengesang des Heiligen Franziskus.

Der Sonnengesang ist das wohl bekannteste Gebet des Franziskus und ist eine Hymne auf die von Gott geschaffene Schöpfung – zugleich gibt der Sonnengesang Anlass zum Lobe Gottes für alles, was er für uns Menschen ins Leben gerufen hat.

Der erste Tag der Exerzitien stand unter dem Leitwort der ersten Strophe des Sonnengesanges:

Höchster, allmächtiger, guter Herr,

dein sind das Lob, die Herrlichkeit und Ehre und jeglicher Segen.

Dir allein, Höchster, gebühren sie,

und kein Mensch ist würdig, dich zu nennen.

(Aus dem Sonnengesang des Franziskus)

Nach einem auditiven Impuls kristallisierte sich die folgende Frage heraus, die über den Tag wirken konnte und zu der die Teilnehmenden in aller Offenheit und Freiheit ihre möglichen Antworten auf einer Online-Plattform (www.menti.com) eintragen konnten:

Wer oder was oder wie ist Gott heute für dich?

Da ich selbst schon häufig mit verschiedenen Menschen(-gruppen) und in unterschiedlichen Kontexten über diese Frage gesprochen habe, vermutete ich, dass die Ergebnisse dieser Umfrage mich nicht besonders wundern bzw. große neue Erkenntnisse für mich bereithalten würden. Doch ich wurde überrascht, denn in der großen Wolke (die Antworten wurden grafisch in dieser Form dargestellt) fiel mir sehr schnell – neben einigen anderen – „Die Unterbrechung“ ins Auge. In dieser im ersten Moment unerwarteten Antwort liegt soviel Wahrheit und sofort hatte ich einige selbsterlebte Situationen im Kopf, in denen Gott mir die wohltuende Unterbrechung war, indem er mir eine Pause schenkte, neue Kraft gab und ich mit frischen Gedanken und Mut weitermachen konnte – wie ein wärmendes Licht, das mir den Weg weist.

Thale Schmitz

Impuls vom 25.09.2021, "Mensch, lasse das Ärgernis nicht zu!"

Mensch, lasse das Ärgernis nicht zu!

Im zweiten Teil des heutigen Evangeliums hören wir in Jesu Rede häufig das Wort Ärgernis. Er spricht von der Hand, dem Fuß und dem Auge, die allesamt ein Ärgernis geben können und dass es besser sei diese Körperteile gewaltsam zu entfernen, als dass wir diese Ärgernisse zulassen.

Ein Ärgernis – dieses Wort klingt in meinen Ohren recht abgeschwächt und nach keiner allzu großen Sache. Jesus hingegen meint mit dem Ausdruck ein Ärgernis geben allerdings, dass jemand einen Menschen um seinen Glauben bringt oder ihn zu etwas Bösem verleitet. Das ist aus meiner Sicht nicht nur ein kleines Ärgernis, sondern viel eher ein riesiger Skandal! Die ursprüngliche Herkunft bzw. Übersetzung bestärkt diesen Eindruck: es wird übersetzt aus dem Griechischen mit dem Wort „skándalon“. Jesu Ausführungen bestätigen dies wiederum, denn in Vers 42 heißt es:

Wer einem von diesen Kleinen, die an mich glauben, Ärgernis gibt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde. (Mk 9,42)

Das bedeutet womöglich, dass der Tod und das Ausscheiden aus dem irdischen Leben eine bessere Alternative wären, als in dieser Form zu sündigen. Weiter spricht Jesus außerdem von der Hölle und dem nie erlöschenden Feuer, das uns drohe.

In Anlehnung an das uns allen vermutlich bekannte Spiel „Mensch, ärgere dich nicht!“ denke ich, dass wir uns in Bezug auf das Evangelium heute als Appell zurufen sollten: „Mensch, ärgere dich nicht, sondern handle – lasse das Ärgernis nicht zu!“ Dazu müssen wir uns bewusst machen, dass wir vielleicht auch oft unbewusst handeln und so Situationen erzeugen, die nicht im Sinne Jesu sind und reflektiert werden müssen.

Das Spiel suggeriert in meinen Augen auch, dass die Spielenden sich nicht über Kleinigkeiten ärgern sollen – wie zum Beispiel, wenn ein Mitspieler das eigene Püppchen schlägt und alles wieder von vorne begonnen werden muss. Vielleicht ist es auch keine Kleinigkeit mehr, wenn dies zum x-ten Male passiert, aber in Verbindung mit dem Evangelium und dem Vergleich des Ausmaßes des Ärgernisses, sollten wir uns diese Art von Ärgernis nicht allzu sehr zu Herzen nehmen. Vielmehr dürfen wir es als neue Chance und erfüllende Herausforderung betrachten, nochmal zu beginnen und zu schauen, wohin der Weg uns führt und welches Glück noch auf uns wartet.

Thale Schmitz

Impuls vom 18.09.2021, "Und er stellte ein Kind in ihre Mitte"

Und er stellte ein Kind in ihre Mitte

Das Streben nach größtmöglichem Erfolg und dem vergleichsweise besten Leistungen bestimmt unsere Gesellschaft und unsere persönlichen Ziele vielfach noch heute – auch für die Jünger war es damals schon ein großes Thema und die Reaktion Jesu ist in gewisser Weise verblüffend: Er stellte ein Kind in ihre Mitte (Mk 9, 36).

Nicht weil es unschuldig ist oder dies symbolisieren soll – der Vergleichspunkt ist vielmehr das Vertrauen des Kindes. Denn es vertraut darauf, dass es nichts leisten muss, um die lebensnotwendigen Dinge zu erhalten. Jesus selbst begegnet uns in den Kleinen, Geringen, Schwachen, Machtlosen und Armen; in denen, die sonst wenig ernst genommen werden und auf die sonst keiner hört. Jesus möchte seine Jünger und auch uns darauf aufmerksam machen, dass wir uns nicht über andere erheben müssen, um erfolgreich bzw. viel eher glücklich und zufrieden sein. Dieses Verhalten hat für ihn keinen Wert und soll in seiner Nachfolge auch keinen Platz haben. Seine Botschaft ist eine andere: Wir müssen nichts leisten! Und wir dürfen verstehen, dass wir unseren Selbstwert nicht in Konkurrenz zu anderen erleisten müssen. So können wir darauf verzichten, uns mit aller Kraft nach oben kämpfen zu wollen. Denn wir müssen nicht ständig unsere Stärke und Überlegenheit demonstrieren, um von Jesus umsorgt zu werden.

Das Evangelium ist und bleibt eine Provokation, eine dauernde Anfrage an jede und jeden von uns, wie ernst wir die Worte und Zeichenhandlungen Jesu nehmen und wie weit sie unseren Alltag und unser Leben prägen, als Einzelne, als Glaubensgemeinschaft, als Gemeinde und als Kirche. Nur wenn wir wie ein Kind werden – also offen, unbefangen, vertrauensvoll – wird uns das Reich Gottes zuteil. Es ist ein Geschenk. Gott öffnet uns die Arme und segnet uns und auch wir können unsere Arme und Hände und unser Herz für andere öffnen. Wir können Fürsprecher sein für diejenigen, die keine Aufmerksamkeit und Anerkennung erhalten und von vielen einfach nicht gesehen werden.

Lasst uns wie die Kinder sein und „Nicht müde werden, sondern dem Wunder leise wie einem Vogel die Hand hinhalten“ (Hilde Domin).

Vielleicht fordert uns das Bild noch ein wenig mehr dazu heraus.

Thale Schmitz

Impuls vom 11.09.2021, "Ihr aber, für wen haltet ihr mich?"

„Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“

Das zu diesem Impuls ausgewählte Bild trägt den Titel Grenzen menschlicher Erkenntnis. Es ist sicherlich kein Bild, das mich durch seine Optik oder seine offensichtliche Botschaft und Aussagekraft angesprochen hat – das Interesse wurde durch den gewählten Titel geweckt.

Ja, unsere menschliche Erkenntnis ist begrenzt und sicherlich gibt es Situationen und Themen, die uns in die Ecke drängen – uns einmauern und keinen sichtbaren Ausweg ebnen.

Ähnlich erging es vermutlich einigen der Jünger Jesu, als er sie – wie im heutigen Evangelium geschrieben steht – explizit fragt: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ (Mk 8, 29a). Vorausgegangen war, dass viele Menschen ganz unterschiedliche Auffassungen über Jesus hatten und ihn unter anderem für Johannes den Täufer oder Elija hielten. Auch die Jünger haben unterschiedliche Meinungen – so antwortet Simon Petrus entschlossen: „Du bist der Christus!“ (Mk 8, 29b). Petrus dagegen beginnt, ihn zurechtzuweisen. Jesus belehrt seine Jünger über die Geschehnisse, die ihm bevorstehen und macht die Notwendigkeit der Kreuzesnachfolge deutlich. Wahrhaftig nachfolgen, kann nur, wer sich selbst verleugnet, das Kreuz auf sich nimmt und um Jesu Willen sein Leben verliert. Nur so kann er oder sie es retten.

Dies sind starke und auch harte Worte, wenn die Jünger und auch wir heute reflektieren, was dies für unser Leben bedeutet – wenn wir es in der Nachfolge Jesu gestalten wollen. Die Investitionen und das geforderte Vertrauen sind enorm hoch. Noch dazu fehlen das vollumfassende Erkennen und Begreifen der Sinnhaftigkeit des angekündigten Leidens Jesu. Die Grenzen menschlicher Erkenntnis werden in diesem Kontext und in dieser Situation besonders deutlich und das vollständige Verstehen ist wohl nur ein Wunsch, der bruchstückhaft bleiben wird.

Und dennoch: Trotz dieser Unsicherheiten und des Wagnisses auf den irdisch beinahe unbegreiflichen Gott zu vertrauen, finden Menschen zu einem festen Glauben. Unsere eigenen Grenzen zu akzeptieren und auch die menschliche Erkenntnis als begrenzt wahrzunehmen, kann uns helfen, unsere Bruchstückhaftigkeit im irdischen Leben anzunehmen. So hoffen wir auf die Vollendung durch Gott in seiner Vollkommenheit – symbolisch ausgedrückt durch den herzförmigen Stein in der Ecke dieses Bildes.

Thale Schmitz

Impuls vom 04.09.2021, "Effata - Öffne dich!"

Effata – Öffne dich!

Diesen Ausruf Jesu hören wir im heutigen Evangelium und er hat meiner Meinung nach auf so vielen Ebenen Bedeutsamkeit und Tiefe. Mich persönlich erinnert das Wort „Effata“ in besonderer Weise an meine ersten Jahre in Münster, in denen ich in der Jugendkirche effata[!] sehr aktiv war und dort meine Heimatgemeinde gefunden hatte. Diese Zeit war geprägt von zahlreichen Möglichkeiten und Ideen, die wir Jugendliche und junge Erwachsene spinnen und umsetzen durften. Wir sind auch dort hinausgegangen zu den Menschen und haben mitten im sozialen Raum Projekte gestartet und sind ganz offen und unvoreingenommen auf die Menschen in der Stadt zugegangen. Einen Zufluchtsort gestalteten wir den Menschen in der Stadt durch die offene Kirche, die wir mit verschiedenen Stationen und Impulsen gestalteten. Diese Angebote sprachen die Menschen sehr an und so konnten wir Menschen aller Altersgruppen bei unseren Veranstaltungen, Gottesdiensten und Projekten begrüßen.

In der Wundererzählung des heutigen Evangeliums hören wir von der Heilung eines taubstummen Mannes. Er konnte zuvor in seinem Leben keine Offenheit, wie sie für uns beinahe selbstverständlich ist, wahrnehmen. Durch sein taubes Gehör konnte er keine akustischen Reize aufnehmen und daher keine Worte hören und verstehen, sodass ihm das Erlernen der Sprache bzw. des Sprechens verwehrt geblieben ist. Durch die Berührung Jesu sind dem betroffenen Mann plötzlich alle diese Zugänge zur Welt eröffnet worden und ein ganz neues, viel reicheres Leben mit einer detaillierteren Wahrnehmung der Welt steht ihm nun bevor. Zudem kann er nun in aktivem Beisein Jesu Worte und die Frohe Botschaft hören, die sein Leben prägen und begleiten werden – sowie zu immer wieder neuen Aufbrüchen motivieren.

Wir können uns nichts Besseres wünschen, als dass Jesus auch in unser Leben tritt, uns heilend berührt und uns das befreiende Wort „Effata – Öffne dich!“ zusagt. Dies gilt nicht nur für physiologische Gegebenheiten wie unserem Gehör oder unserem Sprachrohr, sondern auch unserem Herzen. Jesus kann unser Herz berühren und es für ihn öffnen. Das hat wiederum Einfluss auf unser gesamtes Sein und Handeln. Wir werden offen für viele Menschen und Anliegen in unserem Umfeld.

Uns der Wichtigkeit bewusst zu sein, immer ein offenes Ohr für Jesus und seine Botschaften an uns zu haben, hat das Potenzial ungeahnte Veränderungen in und um uns wahrzunehmen und zu erleben.

Thale Schmitz

Impuls vom 28.08.2021, "Wie geht beten?"

Wie geht beten?

In verschiedenen Kontexten und im Gespräch mit vielen, ganz unterschiedlichen Menschen habe ich schon oft über das Thema „Beten“ gesprochen. Häufig kommt dabei die Frage auf „Wie geht beten eigentlich richtig?“ oder „Wie finde ich überhaupt einen Zugang zum Beten oder den Weg in eine Gebetshaltung?“.

Es scheint der Anspruch erhoben zu werden, dass Beten ein ganz bestimmtes Ritual ist, welches gewissen Anforderungen zu entsprechen habe. Dabei kommt es gar nicht so sehr darauf an, wie wir beten, sondern welcher Wunsch oder welche Sehnsucht dahintersteckt. Menschen, denen das beten schwerfällt, versuche ich gerne mit einem Zitat von Georges Bernanos zu ermutigen: „Schon der Wunsch zu beten ist ein Gebet.

Wir müssen dabei keinen Anforderungen entsprechen oder uns an ein ritualisiertes Verhalten anpassen. Das, was uns bewegt, können wir vor Gott bringen und ihm verbal oder nonverbal mitteilen – Dankbarkeit, Sorgen und Bitten… Auch Worte der Wut und der Klage dürfen ihren Platz finden. Schon das Bedürfnis, mich ihm anzuvertrauen, bringt mich näher zu Gott und ermöglicht Kommunikation und Beziehung zueinander.

Es gibt keine Vorgaben und Grenzen. Daher können wir in uns hineinhorchen und selber spüren, was (zum Beispiel eine Kerze) und welche Gebetsform uns dabei unterstützt, näher in die Gegenwart Gottes zu treten und diese Sehnsucht ein Stück weit zu stillen.

Spirituelle Erfahrungen und prägende Erlebnisse können unsere Gebete sicherlich vertiefen und so kann jeder und jede für sich herausfinden, welche Rituale ihm oder ihr persönlich guttun oder welchen Kontext und welches Umfeld es braucht, um gut beten zu können. Ein fokussiertes Gebet, das nicht durch eventuelle äußere Umstände beeinflusst wird, verspricht meist eine besondere Tiefe, die befreiende Wirkung haben kann und uns auch hilft, Sorgen und Nöte im Gebet und durch das Gebet loszulassen und an Gott abzugeben. Dabei dürfen wir ihm auch Menschen anvertrauen, denen wir gerne helfen würden, dabei allerdings an unsere irdischen Grenzen stoßen.

Denn wie es Martin Luther einst sagte:

Beten heißt: Gott den Sack vor die Füße werfen.

 

Thale Schmitz

Impuls vom 21.08.2021, "Wohin sonst sollten wir gehen?"

Wohin sonst sollten wir gehen?

Die Worte des Simon Petrus am Ende des heutigen Evangeliums, die er in Reaktion auf die sich zurückziehenden, ungläubigen Jünger äußert, lauten:

Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes. (Joh 6, 68-69)

Viele – vermutlich eine Mehrheit – der Jünger murren über Jesu harte Worte und schenken ihm keinen Glauben mehr. Sie beschließen, ihm nicht mehr nachzufolgen. Daraufhin fragt Jesus die zwölf Jünger, die ihm am nächsten stehen, ob auch sie gehen wollen, worauf Simon Petrus ihm diese starke Antwort gibt. Sie zeugt von großer Glaubenskraft, die nicht durch die Meinungen und das Verhalten anderer irritiert oder ins Wanken gebracht werden kann.

Vielleicht ernten auch wir manchmal Hohn und Spott, wenn wir zu unserem Glauben stehen und unser Christsein bekunden. Viele Menschen in unserer Gesellschaft haben den Bezug zum Glauben verloren oder niemals erfahren und so ist ihnen das Vertrauen in eine übermenschliche Kraft und in einen nicht greifbaren bzw. nicht augenscheinlich sichtbaren Gott einfach fremd. Es kommt ihnen vielleicht sogar mystisch vor; und so kann der Glaube schnell auch lächerlichen Charakter erhalten. Simon Petrus antwortet so gefestigt, dass wir mutmaßen können, dass ihn nichts dergleichen von seinem Glauben an Jesus Christus abbringen könne. In dieser Haltung fällt es schwer zu akzeptieren, dass wir nicht alle unsere Mitmenschen mit der Frohen Botschaft erreichen können. Doch gleichzeitig können wir durch die eigene Standfestigkeit im persönlichen Glauben wachsen und uns Glaubensproben stellen.

Mir kommt beim Lesen der Bibelstelle ein modernes, christliches Lied von Thea Eichholz in den Sinn. Es trägt den Titel „Wohin sonst“ und beinhaltet folgenden Text:

Herr, wohin sonst sollten wir gehen? Wo auf der Welt fänden wir Glück?

Niemand, kein Mensch kann uns so viel geben wie du.

Du führst uns zum Leben zurück – Nur du schenkst uns Lebensglück.

Diese Zeilen greifen die Worte von Simon Petrus noch einmal auf und machen deutlich, dass Jesus Christus uns der richtweisende Kompass sein kann, auf den wir uns verlassen und mit dem wir ihm entgegen gehen dürfen.

Thale Schmitz

Impuls vom 14.08.2021, "Bewegung - Begegnung - Gastfreundschaft - Ermutigung - Freude - Auftanken"

Bewegung – Begegnung – Gastfreundschaft – Ermutigung – Freude – Auftanken

All diese Stichworte aus dem heutigen Evangelium vom Hochfest ‚Mariä Aufnahme in den Himmel‘ ((Lk 1,39-56) passen und erinnern an die gestrige Eröffnung unseres neuen Refugiums, das künftig dienstags bis samstags von 10 – 18 Uhr genau das ermöglichen will: Bewegung – Begegnung – Gastfreundschaft – Ermutigung – Freude – Auftanken.

 

Sehr ähnliche Erfahrungen machen die beiden Frauen: Maria ist schwanger und macht sich auf den Weg zu ihrer ebenfalls schwangeren Cousine Elisabeth.

 

Damals wie heute steht der sehr präsente Christus im Mittelpunkt: buchstäblich verborgen und unsichtbar sowie zugleich lebendig und inspirierend löst er in den beiden schwangeren Frauen große Freude aus.

 

Wie Maria wollen auch wir uns als pastorale GrenzgängerInnen mutig und leidenschaftlich auf den Weg machen. Dabei gilt es, sich wie Maria in Höhen und Tiefen auf Überraschungen und Begegnungen einzulassen. Und wie Elisabeth wollen wir uns in Gastfreundschaft üben und uns zweckfrei, aber nicht sinnlos, niedrigschwellig, aber nicht unterschwellig für unsere Gäste und ihre erfrischenden wie anstrengenden Anliegen öffnen.

 

In neugierig-lustvoller Haltung wollen wir Menschen begrüßen und willkommen heißen! Dabei zählt für uns der einzelne Mensch – egal wie. Diesen Dienst verrichten wir im klaren Bewusstsein um unsere bisweilen engen Grenzen in der geistlichen Haltung, dass Gott in uns allen Menschen begegnen möge!

 

Passend dazu jetzt Gedanken aus der evangelischen Stadtkirche in Monschau, wo KirchenbesucherInnen im Eingangsbereich in Anlehnung an einen Text aus der Kathedrale von Coventry in England mit folgenden Worten begrüßt werden:

 

Überschrift: ‚Deus nostrum Refugium‘‚Gott ist unsere Zuflucht, unser Rückzugsort‘

 

Wir heißen die willkommen,

die allein leben, verheiratet, geschieden, verwitwet, homosexuell, verwirrt, saureich sind,

bequem leben oder bettelarm sind.

 

Wir heißen dich willkommen,

gleichgültig, ob du singen kannst wie Pavarotti oder eher still vor dich hinbrummst.

Egal, ob du nur mal vorbeikommst, gerade erst aufgewacht bist oder direkt aus dem Gefängnis kommst.

Es kümmert uns nicht, ob du noch christlicher bist als der Erzbischof von Canterbury oder das letzte Mal vor zehn Jahren zu Weihnachten in einer Kirche warst.

 

Wir heißen die willkommen,

die älter als 60, aber immer noch nicht erwachsen sind, und die Jugendlichen, die viel zu schnell groß werden.

Sportliche Mütter, Fußballväter, hungernde Künstler, Bäume-Umarmer, Kaffeetrinker, Vegetarier, Junk-Food-Esser.

Die gerade auf Entzug oder immer noch abhängig sind.

 

Wir heißen dich willkommen,

wenn du Probleme hast, so richtig am Boden bist oder ‚organisierte Religion‘ nicht magst (darauf sind wir selbst nicht so scharf).

 

Wir heißen die willkommen,

die meinen, dass die Erde flach ist, die zu hart arbeiten, nicht arbeiten, nicht lesen können

oder die bloß hier sind, weil Oma zu Besuch gekommen ist und diese Kirche besichtigen wollte.

 

Wir heißen die willkommen,

die tätowiert oder gepierct sind, beides zugleich oder nichts davon.

Die gerade jetzt ein Gebet gut gebrauchen könnten, die als Kinder schaufelweise mit Religion abgefüllt wurden,

die sich auf dem Eifelsteig verlaufen und nur aus Versehen hier gelandet sind.

 

Wir heißen Pilger, Touristen, Suchende, Zweifler willkommen und DICH!

Stefan Tausch, Pastor

Impuls vom 07.08.2021, "Lass Gras über die Sache wachsen!"

Lass Gras über die Sache wachsen!

Im heutigen Evangelium murren die Juden gegen Jesus und seine Verkündigung in intensiver Weise. Jesus fordert sie auf, dies zu unterlassen und belehrt sie.

Auch wenn es vielleicht nicht offensichtlich passend ist, kam mir eine Postkarte einer Freundin mit dem folgenden Spruch in den Sinn:

„Das Gras wird gebeten über die Sache zu wachsen – das Gras bitte!“

Gerade wenn ich wirklich verärgert über etwas bin oder sogar richtig wütend, hilft mir dieser Spruch zu realisieren, dass ich Zeit ins Land ziehen lassen sollte, um wieder gelassener zu werden und die Situation ruhiger und mit neuen Augen betrachten zu können. Sicherlich erging es den Juden damals ähnlich – sie waren irritiert und sogar empört über die Aussprachen Jesu, in denen er sich selbst als das Brot des Lebens deklariert und als vom Himmel herabgekommen beschreibt. Dies konnten sie schwer hinnehmen, geschweige denn glauben, und murrten daher über die vermeintliche Überheblichkeit Jesu.
Wie geschrieben steht, gab es zahlreiche Menschen, die sozusagen Gras über die Sache wachsen ließen und die erst durch den von Gott geschenkten Glauben auch Jesus glauben konnten. In dieser Redewendung steckt viel Metaphorik und sie provoziert die Frage, was Gras damit zu tun hat, dass ich Dinge hinter mir lassen soll? Erst einmal ist Gras grün – die Farbe der Hoffnung – und durch die Jahreszeiten hindurch ändert sich diese Eigenschaft auch nicht, egal wie düster der Himmel gerade ist. Es ist somit ein Zeichen, dass alles wieder gut wird, auch wenn es etwas Zeit dazu braucht. Gras braucht tatsächlich auch viel Zeit zum Wachsen – es wächst so langsam, dass wir sein Wachstum kaum bemerken. Doch wenn wir einige Wochen nicht hingeschaut haben, stellen wir fest, dass es viel höher gewachsen ist. Dies lässt sich sehr gut auf die Gefühlsebene übertragen. Denn die positiven Gefühle sind im ersten Moment der Wut gar nicht vorhanden, werden aber unbemerkt immer größer. Wenn dann jedoch die nächste verärgernde Situation kommt, sind die guten Gefühle wieder weg und werden verdrängt. Doch wir brauchen auch die negativen Gefühle als Gegengewicht, um die positiven wiederum besser spüren zu können. Daher müssen wir das Gras auch mähen. Es kann nicht riesengroß werden, denn es würde umknicken und vertrocknen und in sich selbst ersticken.

Also: Lass Gras über die Sache wachsen!

Thale Schmitz

Impuls vom 31.07.2021, "Auf der Suche"

Auf der Suche

Im heutigen Evangelium begeben sich die Menschen auf die Suche nach Jesus. Sie hatten ihn am Ufer des Sees von Galiläa nicht finden können und fuhren mit Booten nach Kafarnaum, um dort weiter nach ihm zu suchen. Sie fühlten aufgrund der Erfahrungen mit ihm eine tiefe Sehnsucht nach seinen Worten und der inspirierenden Aura, die ihn umgab.
Jesus hat in den Menschen etwas entzündet, dass sie dazu antreibt, ihm zu folgen und in Kontakt mit ihm zu stehen. Sie sind und bleiben auf der Suche und wollen ihrem Herrn nahe sein.
Suchende sind auch wir heute auf der Erde und obwohl wir Jesus nicht unmittelbar im irdischen Sinne begegnen können, hat unser Glaube an ihn eine entflammende Wirkung auf uns und für andere. Die lodernde Flamme des Glaubens glüht stets weiter und in uns bleiben die Motivation und der Antrieb erhalten, diesem Jesus nachfolgen zu wollen. Wir müssen meist gar nichts bewusst tun, denn das Streben und die Sehnsucht wächst ganz von allein. Ich finde es faszinierend, wie dieser Mensch durch seine Ausstrahlung, seine Lehre und Lebensweise die Menschen nachhaltig angesteckt hat. Und nicht nur das – er hat uns auch befähigt, diese Botschaft weiterzutragen und uns durch unsere persönlichen Eigenschaften und Begabungen dafür einzusetzen, dass wir auch in Zukunft die Menschen vom Reich Gottes begeistern können.

In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst. (Augustinus)

Dieser Satz von Augustinus ist gerade in Bezug auf den Glauben und seine Vermittlung und Weitergabe mehr als passend. Man kann noch so theoretisch von vermeintlichen Überzeugungen und Werten reden – wenn sie nicht leidenschaftlich gelebt und verkörpert werden und wir nicht für diese Begeisterung brennen, springt der Funke beim Anderen nicht über und entzündet in ihm kein neues Feuer.
In einem Lied heißt es „Pilger sind wir Menschen, suchen Gottes Wort, unerfüllte Sehnsucht treibt uns fort und fort“ (Auf der Suche, 64). Vielleicht vermögen diese Zeilen den Gefühlszustand von einigen von uns zu beschreiben. Ähnlich wie Heißluftballons leben wir und bewegen uns zwischen Himmel und Erde – im Vertrauen auf Jesus Christus, in Begegnung mit ihm und der Heimkehr bei ihm als Ziel.

Thale Schmitz

Impuls vom 24.07.2021, "...und es reichte für alle"

…und es reichte für alle

Die Erfahrung der Jünger und aller Menschen, die das Wunder der Brotvermehrung durch Jesus miterlebt haben, ist in diesen Tagen und vor allem der letzten Woche eine sehr aktuelle. Viele Menschen haben durch die Überschwemmungen alles verloren, was sie besaßen. Komplette Häuser sind zerstört worden – durch die Wassermassen überschwemmt oder sogar durch Stromreaktionen in Flammen aufgegangen. Alles Hab und Gut wurde vernichtet und viele Menschen sind ums Leben gekommen – die konkrete Zahl ist bis heute nicht abschätzbar.
Und doch ist durch diese Katastrophe und das große Unglück für die Betroffenen Hoffnung und Zuversicht spürbar, denn viele Menschen sind bereit zu teilen. Sie spenden finanzielle Mittel, um die Hilfsorganisationen vor Ort zu unterstützen und den Menschen Notunterkünfte einzurichten. Viele sammeln u.a. Kleidung, Decken, Sachspenden jeglicher Art und auch Spielzeuge für all die Kinder, die ihre persönlichen Spielsachen und Kuscheltiere verloren haben. Einige Hotelbetreiber stellen ihre Gästezimmer zur Verfügung und es gibt sogar handwerkliche Betriebe, die ihre eigenen Tätigkeiten ruhen lassen und Aufträge verschieben, um mit dem gesamten Team in den Katastrophengebieten zu helfen und die Aufräumarbeiten schnellstmöglich voranzutreiben, sodass die Menschen – so weit möglich – bald wieder in ihr Zuhause zurückkehren können. Natürlich werden auch Lebensmittel gespendet und bereitgestellt, sodass niemand in diesen Tagen Hunger leiden muss.
Die Menschen teilen im wahrsten Sinne des Wortes das Brot und merken: Es reicht für alle und die Menge der Betroffenen war satt geworden (Joh 6,12). Die Bereitschaft, zu teilen und vom eigenen Besitz abzugeben, hat wundersame Wirkung. Denn sie stiftet Gemeinschaft, lässt Menschen zusammenkommen, um gemeinsam herausfordernde Lebenssituationen und daraus resultierendes Leid durchzustehen – auch wenn es noch so ausweglos erscheint und die Trauer unendlich groß ist. Sicherlich haben sich die Menschen perspektivlos gefühlt oder fühlen sich noch stets so und wussten nicht, wie sie ohne jeglichen Besitz weiterleben sollten – noch dazu die Trauer um unersetzbare Güter und noch viel mehr um die verstorbenen Angehörigen und Mitmenschen. Sie durften in diesen Tagen die Erfahrung machen, dass die Hilfsbereitschaft ihrer Mitmenschen enorm ist und dass ihre Gaben für Alle reichen – auch wenn dies niemand erwartet hätte.

Thale Schmitz

Impuls vom 17.07.2021, "Wo ein Wille ist, ist auch ein Umweg!"

Wo ein Wille ist, ist auch ein Umweg!

Vor kurzem habe ich ein sehr irritierendes Zitat mit unbekanntem Verfasser in einem christlichen Online-Format (365 STEPS) für junge Erwachsene gelesen. Es lautet:

Gott zerstört deine Pläne, bevor sie dich zerstören.

Ich war erstaunt über die Radikalität und das vermeintliche Handeln Gottes, das in diesem Satz mit Zerstörung assoziiert wird. Dennoch brachte es mich zum Nachdenken und in tieferer Auseinandersetzung wurde mir bewusst, dass ich selbst schon häufig in meinem Leben aufgrund meiner Verbissenheit an falschen Plänen festhielt. Wenn ich mir etwas vorgenommen hatte und dies oftmals sehr genau durgeplant umsetzen wollte, fiel und fällt es mir unfassbar schwer, im Falle des Nichtgelingens von diesen Vorhaben abzulassen und neue Wege oder auch Umwege zu gehen. Ich konnte die Gedanken nicht loslassen und hielt zwanghaft an meinen ursprünglichen Plänen fest, auch wenn längst absehbar war, dass sie keine gute Idee waren und mir auch gar nicht gut taten. In diesem Sinne ist das genannte Zitat eine ziemlich befreiende Vorstellung – denn bevor mich meine Verbissenheit und mein Festhalten an falschen Zielen in einer Art Tragödie enden lässt, möchte Gott eingreifen und bewirken, dass ich loslasse und neue Wege gehe – dass ich mich frei mache für neue Möglichkeiten und Perspektiven, die ich aufgrund meines Starrsinns gar nicht mehr sehen konnte. Diese Erfahrung kann ich im Nachhinein in einigen Lebenssituationen herausstellen und erkennen, dass das Eingeständnis einer gescheiterten Planung oder einer falsch eingeschätzten Zielvorstellung mich gar nicht deprimiert hat oder enttäuscht zurückließ, sondern befreiend war.

Die Hoffnung und der Glaube daran, dass Gott uns in all unseren Vorhaben unterstützt und uns mithilfe seiner Kraft zu unseren Zielen verhelfen möchte, ist sicherlich nicht falsch. Doch Gott setzt uns auch Grenzen. Es ist notwendig, dass er uns darauf aufmerksam macht, wenn wir über unsere Ziele hinausschießen oder sogar falsche verfolgen und dabei nicht mehr auf heilsamen Wegen unterwegs sind. Daher ist es eine gute Idee, auch in Prozessen immer wieder zu versuchen, auf Gottes Stimme zu hören und so zu prüfen, ob wir uns auf einem richtigen Pfad befinden oder nicht doch ein Neuweg schon für uns bereitgestellt ist.

Thale Schmitz

 

Impuls vom 10.07.2021, "Was lasse ich mir meinen Glauben an Jesus Christus kosten?"

Was lasse ich mir meinen Glauben an Jesus Christus kosten?

Die Aussendung der Jünger Jesu ist eine beispielhafte Erzählung dafür, was es heißen kann, sich einer Aufgabe oder einem Projekt völlig hinzugeben. Jesus fordert die Zwölf auf, alles – wirklich alles – hinter sich zu lassen und in fremde Gebiete zu ziehen. Kein Essen, keinen Besitz und auch kein Geld sollten sie mitnehmen und ganz im Vertrauen auf Gott losziehen, um den Menschen überall von der Frohen Botschaft zu verkünden.

Ist es nicht erstaunlich, dass die Jünger all dies in Kauf genommen haben? Sie gaben ihr altes Leben auf, verließen ihre Heimat und ihre Familien und gingen das volle Risiko im Vertrauen auf ihren Herrn ein. So folgten sie Jesus unmittelbar nach und widmeten ihr ganzes Leben dieser Nachfolge.

Auch wir sind heute auf dem Weg mit und für Jesus und wollen in seiner Nachfolge stehen. Sicherlich hat dies ganz individuell für uns eine unterschiedliche Bedeutung und Gewichtung im Ausdruck und in der Ausprägung unseres Lebens und Handelns. Daher ist es für jede und jeden von uns spannend, sich die folgende Frage zu stellen:

Was lasse ich mir meinen Glauben an Jesus Christus kosten?

In der persönlichen Ausgestaltung des Lebens und Alltages versuchen Christen und Christinnen im Sinne Jesu zu handeln und seine Werte zu leben. Dies können wir sowohl im Inneren tun, als auch durch deutliches Heraustragen unserer christlichen Überzeugungen nach außen. Doch wie weit sind wir bereit, zu gehen, wenn es um konfrontative Kontexte und Situationen geht und es Konfliktpotenzial geben kann? Bleiben wir dabei standhaft und unserer Haltung treu, auch wenn es sich negativ auf uns auswirken mag?

Häufig kommen wir in Situationen, in denen es einfacher und angenehmer wäre, nur auf sich selbst zu schauen und profitorientiert zu handeln – dazu sind wir sicherlich auch hin und wieder verleitet, aber in Berufung auf Jesus Christus versuchen wir, egoistische Verhaltensmuster abzulegen und uns an der von ihm gelebten Nächstenliebe zu orientieren. In dieser Hingabe und im Vertrauen darauf, dass Gott uns auf diese Weise einen guten (Lebens-)Weg weist, können wir Halt finden und uns so für ihn und stets für ein bisschen mehr Reich Gottes auf Erden einsetzen. Vielleicht können wir uns darauf immer wieder zurückbesinnen und uns hinterfragen, was wir für dieses Ziel – das Reich Gottes auf Erden zu erweitern – einbringen und leisten können.

 

Thale Schmitz

Impuls vom 03.07.2021, „Der Loslassende ergreift“

„Der Loslassende ergreift“

Einer meiner Lieblingsverse aus der Bibel entstammt der 2. Lesung des heutigen Sonntages und lautet: „Meine Gnade ist alles, was du brauchst! Denn gerade wenn du schwach bist, wirkt meine Kraft ganz besonders an dir.“ (2 Kor 12, 9)

Diese Worte richtet der Apostel Paulus in seinem zweiten Brief an die Gemeinde in Korinth mit der Absicht und Ermutigung, sich seiner Schwachheit zu rühmen, damit die Kraft Christi auf uns Menschen herabkomme.

Schwäche und Schwachheit sind sehr negativ geprägte Begriffe in unserer Gesellschaft und werden schnell mit persönlichem Versagen assoziiert, das mit allen Mitteln vermieden werden will. Durch diese Worte des Paulus bekommt die Thematik jedoch eine ganz andere Bedeutung und es schlägt eine Kehrtwende ein. Denn gerade wenn wir schwach sind, dürfen wir die Kraft und ermutigende Energie unseres Herrn ganz besonders spüren – eine Erfahrung, die uns reicher macht und uns Gott näher bringt. Diese Erkenntnis war für mich in einer sehr schweren Zeit unglaublich befreiend und gab mir die Kraft, aufzustehen und weiterzumachen. Neue Motivation stieg in mir auf und der innere Ansporn und die hoffnungs- und vertrauensvolle Haltung erfüllten mich mit der notwendigen Stärke.

Vielen Menschen fällt es schwer, loszulassen und eigenes Scheitern zu akzeptieren. Dabei kann es ungemein befreiend sein, sich von festgefahrenen Plänen zu lösen und vielleicht unerreichbare oder zu große Ziele fallen zu lassen. Außerdem sind Erfahrungen des Scheiterns – wie auch Lebenskrisen und -brüche – niemals als gut oder schlecht vorherbestimmt. Sie helfen uns, zu wachsen im Persönlichen und haben oft ungeahnte positive Folgen für unsere Lebensgestaltung und auch die Tiefe unseres Glaubens. Wir haben es in der Hand, ob Erfahrungen des Scheiterns fruchtbar werden und uns zu neuen Ufern und einem neuen Aufbruch verhelfen. Scheitern ist sogar notwendig, um Entwicklungen voranzutreiben und einen neuen Weg einzuschlagen, der so viel Gutes für uns bereithält. Ich glaube, dass jede Wendung, die Gott in unsere Geschichte schreibt, zielführend sein kann und dass diese Geschichte nicht begrenzt ist – sie hat kein Ende. Jedes neue Kapitel bringt Gottes Zweck und sein Reich voran und wenn wir uns ganz darauf einlassen, werden wir feststellen, dass der Loslassende ergreift.

Thale Schmitz

Impuls vom 26.06.2021, "Deine Geschichte ist der Schlüssel“

„Deine Geschichte ist der Schlüssel“

Vor einigen Wochen habe ich ein Zitat mit dem Titel „Bekenntnis“ gelesen, welches mir durch das heutige Evangelium noch einmal in Erinnerung gerufen wurde:

Deine Geschichte ist der Schlüssel,

der das Gefängnis eines anderen Menschen aufschließen kann.    (Unbekannt)

Dabei beziehe ich mich bei den zwei ineinander geschobenen Wundererzählungen Jesu im heutigen Evangelium auf die Krankenheilung der von Blutfluss geplagten Frau. Diese Frau versuchte bereits seit vielen Jahren mithilfe verschiedenster Ärzte ihr Leiden zu lindern und erfuhr lediglich Verschlimmerung. Überzeugt von Jesu Heilskraft drängte sie sich durch die Menge, um sein Gewand zu berühren. Und sofort versiegte die Quelle des Blutes und sie spürte in ihrem Leib, dass sie von ihrem Leiden geheilt war. (Mk 5, 29) Jesus nahm es ebenfalls unmittelbar wahr, dass eine Kraft von ihm ausströmte und stellte die Menge zur Rede, wer von ihnen sein Gewand berührt hatte. Die Frau stellte sich furchtergriffen, bekannte ihre Tat beschämt und fiel vor Jesus nieder. Dieser erwiderte jedoch: Meine Tochter, dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden!  Du sollst von deinem Leiden geheilt sein. (Mk 5, 34)

Ohne Zweifel werden alle Menschen, die dieses Geschehen miterlebt haben, mehr als verblüfft gewesen sein. Wie konnte Jesus diese eine Berührung unter so vielen in besonderer Weise wahrnehmen? Und die betroffene Frau selbst wird gestaunt haben, dass Jesus trotz ihrer vermeintlich unreinen Tat nicht wütend war, sondern sie bestärkte und ihr Mut zusprach, dass sie durch ihren eigenen, festen Glauben gerettet sei und von ihrer Krankheit geheilt sein würde. Was für ein Zuspruch, den die Frau als eigenen Verdienst dank ihres festen Vertrauens in Jesus verstehen darf. Diese Erfahrung ist ein Schlüsselerlebnis – für die Frau, für die umstehenden Menschen und für uns. Ein fester Glaube und die innere, wahre und tiefe Überzeugung, dass Jesus Christus uns erretten kann, führen uns zum Heil und zu einem Leben in Fülle. Diese Erzählung ist ein Schlüssel, der uns aus unseren Bedrängnissen – unserem Gefängnis – befreien kann. Und genauso können wir durch eigene Erlebnisse und Erfahrungen mit Gott anderen Menschen ein Schlüssel sein, indem wir davon berichten und von unserem Glauben erzählen. Als Zeugen der Hoffnung können wir den Menschen Wege zum Vertrauen aufzeigen und ihnen helfen, sich aus ihren Fesseln zu befreien.

Thale Schmitz

Impuls vom 19.06.2021, "Lass mich ganz auf Dich vertrauen!"

Lass mich ganz auf Dich vertrauen!

Im heutigen Evangelium (Mk 4, 35-41) lesen wir von einem der Wunder Jesu. Er befiehlt einem heftigen Wirbelsturm auf offener See, still zu werden. Zuvor hatte er seelenruhig auf einem vom Untergang bedrohten Boot geschlafen. Seine Jünger hatten ihn aufgeweckt und gerufen: „Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?“

Nachdem Jesus dem Sturmwind Einhalt geboten hatte, waren sie jedoch nicht erleichtert, sondern wurden von großer Angst ergriffen. Sie fürchteten sich vor Jesus, da er solch große Macht besaß, dass ihm sogar der Wind und das Meer gehorchten.

Diese Perikope und Wundererzählung bietet viele Anknüpfungspunkte. Ich persönlich finde es sehr besonders, dass Jesus in dieser Situation schläft – das einzige Mal in der gesamten Bibel. Nur zu gut kenne ich es, dass mich innere Unruhe, aufregende Zeiten und insgesamt viele Lebensumstände um den Schlaf bringen können. In solchen Situationen kann ich kaum zur Ruhe kommen. Und wenn es mir gelingt einzuschlafen, wecken mich kleinste Geräusche auch schon wieder auf.

Ich denke, dass es seinem absoluten Gottvertrauen zu verdanken ist, dass Jesus völlig angstbefreit lebt und schlafen kann. Daher kann er sorgenfrei und tief ruhen, und auch die wilde Unruhe um ihn herum weckt ihn nicht auf. Erst durch das Rufen der Jünger wird er wach und dies schreckt ihn dennoch nicht panisch auf, sondern er bleibt ganz gelassen. Die Jünger reagieren menschlich und werden von Furcht ergriffen – darum ist das gegenteilige Verhalten Jesu eine sehr wichtige Lektion für sie.

Bewundernswert ist das Gottvertrauen Jesu und führt uns Menschen vor Augen, wie erstrebenswert solch tiefer Glaube ist, da er uns Sicherheit bietet und inneren Frieden, der von Angst befreit. Gleichzeitig wird deutlich, dass Jesus in Bezug auf diese Eigenschaft vom vollkommenen Menschsein abweicht. Eine komplette Furchtlosigkeit ist für uns Menschen sehr schwierig und vermutlich nie ganz zu verwirklichen, dennoch können wir uns diesem festen Gottvertrauen annähern und uns immer wieder auf Jesus besinnen – vielleicht sogar auf sein Verhalten in genau dieser Situation des gefährlichen Sturmes. Diese Herausforderung anzunehmen und im Leben umzusetzen, ist mit viel Kraft und Durchhaltevermögen verbunden, doch es lohnt sich immer wieder, neu anzufangen und den unerreichbar erscheinenden Berg zu erklimmen.

Thale Schmitz

Impuls vom 12.06.2021, "Unsere Sehnsucht nach Heimat"

Unsere Sehnsucht nach Heimat

 

Kaum ein Begriff ist für uns Menschen so emotionsgeladen wie das Wort Heimat. Nahezu jeder und jede von uns hat zahlreiche Assoziationen dazu – seien es Orte, Menschen, Gefühle der Sicherheit und Vertrautheit und vieles mehr. Die Familie bedeutet für viele Heimat – sie ist der feste Grund, wo wir unsere Wurzeln haben und sie ist in vielen Fällen ein Ort, an den wir stets zurückkehren und Kraft tanken können. Auch für mich ist der Begriff von hoher Bedeutsamkeit. Ich verbinde ihn mit einem Wohlgefühl und er ruft Bilder einer (Natur-)Idylle in mir hervor. Eine tiefe Verknüpfung sehe ich auch zur Kindheit und dem Heranwachsen in Sicherheit, mit dem Rückhalt meiner Familie, die mir eine feste Basis ist.

Schauen wir auf die Bibel, so wird schnell deutlich, dass Heimat durchweg ein großes Thema ist. Adam und Eva erleben im Paradies erst einmal die perfekte Heimat. Doch ab dem Moment ihrer Vertreibung aus dem Paradies bleibt die Menschheit, das Volkes Gottes nur noch auf der Suche nach Heimat und eine tiefe Sehnsucht umtreibt sie. Durch die Geschichten in der Bibel wird sichtbar, dass Heimat nicht fest verankert und beständig ist – wie wir es vielleicht in unseren Vorstellungen ersehnen –, sondern ganz im Gegenteil: Sie ist vergänglich und wir müssen akzeptieren, dass sie sich verändert und immer im Fluss ist. Daher ist das Thema auch immer wieder von Schmerzen durchzogen, beim Verlassen der Familie, durch den Beginn eines neuen Lebensabschnittes, durch Verletzungen in Beziehungen oder der Gemeinde, durch die Wohnsituation und die Konstellation der Menschen in meinem Umfeld oder sogar durch den Tod von geliebten Menschen. Heimat ist also für keine/n von uns ein durchweg positives Thema, sondern immer auch eine schmerzliche Herausforderung. Dabei sind die Menschen, die wir auch aus irdischer Sicht als Heimatlose bezeichnen würden, noch gar nicht einbezogen. Kinder und Jugendliche, sowie später Erwachsene haben teilweise oder sogar seit ihrer Geburt nicht in einer festen Familienkonstellation leben können und haben nicht die festen Wurzeln, die ihnen Rückhalt und Sicherheit bieten. Ich denke, dass Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe die Rolle der Familie nie ganz ersetzen können und durch das Wechseln der Einrichtungen ist es vermutlich noch schwieriger für die betroffenen Menschen.

Dennoch bin ich überzeugt, dass sie und wir alle niemals als heimatlos gelten müssen. Wir alle können und dürfen bei Jesus ein Zuhause finden, wo wir angenommen sind mit allem, was uns ausmacht; wo wir ein Leben in Sicherheit geschenkt bekommen und wo wir vor allem bedingungslos wertgeschätzt werden. Gottes Antwort auf unsere Sehnsucht nach Heimat lautet: Unsere irdische Heimat ist vergänglich, doch Jesus ist unsere unvergängliche Heimat – er ist der dritte Tempel wie er es selbst in der Bibel sagt. Jesus ist der Ort, an dem wir bedingungslos, beständig und bewusst immer wieder unsere Heimat finden dürfen – überall zu jeder Zeit, wie es auch in der heutigen Lesung im zweiten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth heißt:

Wir sind immer zuversichtlich, auch wenn wir wissen, dass wir fern vom Herrn in der Fremde leben, solange wir in diesem Leib zu Hause sind (2 Kor 5,6).

Sehr passend sind auch die Songtexte des kanadischen Musikers Danny Plett in seinem Lied „Mein Zuhaus“, wovon der Refrain folgende Zeilen enthält:

Mein Heimatland und mein Zuhaus

Bist du mein Gott, Tag ein, Tag aus

Der Ort, der jede Sehnsucht stillt

Der Ort, der jede Lücke füllt

 

Thale Schmitz

Impuls vom 05.06.2021, "Berufen sein"

Berufen sein

Gleich mehrere Male bin ich in diesen Tagen auf das Thema „Berufung“ gestoßen und stellte mich der Frage, was Berufen sein bedeutet.

Eine Begegnung auf der Rikscha war der erste Impuls in dieser Woche, denn eine junge Sozialarbeiterin fuhr bei mir mit und im gegenseitigen Austausch erzählte sie mir, dass sie sich zu ihrem Job und ihrer Aufgabe berufen fühle und sie das Gefühl habe, auch bei mir eine Berufung zu meiner jetzigen Tätigkeit zu verspüren.

Diese Gedanken bewegten mich sehr und schon am folgenden Tag fiel mir ein Themenheft mit dem Titel „Berufung“ in die Hände.

Berufung klingt in den meisten Ohren nach etwas wirklich Großem! Menschen mit großen Ambitionen – zumeist sogar heiliggesprochene Personen – gelten als (von Gott) Berufene und eine „normale“ Erwerbstätigkeit wird oft nicht als solch eine Besonderheit wahrgenommen.

Ich denke, dass diese Ansicht falsch ist, denn meiner Meinung nach ist jeder Mensch zu etwas und zu verschiedenen Dingen berufen – in seiner Art zu leben, in seinem Beruf und/oder für eine spezielle Aufgabe (u.a.). Wir sind jedoch alle zum Ebenbild Gottes berufen und zu seinem Volk. Wie wir an Pfingsten gehört haben, hat jeder und jede von uns von Gott geschenkte Geistesgaben und Fähigkeiten, die er oder sie in die Welt tragen und einbringen kann. Glücklicherweise erleben wir daher auch solch eine schöne Vielfalt untereinander und können uns gegenseitig helfen, unterstützen und ergänzen. In meiner Vorstellung ist Berufung auch kein spezifischer Punkt, sondern ein Ort oder Platz, auf dem wir uns bewegen können – an dem uns Gott mit unseren Begabungen, unserer Geschichte und unseren Grundwerten am besten gebrauchen kann.

Die eigene Berufung zu erkennen und gefunden zu haben, ist ein unglaubliches Geschenk, das zu einem Leben in Fülle wie es Christus uns verspricht, verhilft.

Wie die zahlreichen Berufungsgeschichten in der Bibel zeigen, war es für die Menschen stets eine Herausforderung, den Ruf Gottes zu hören, ihn einzuordnen und zu verstehen sowie ihm nachzugehen. Es gehört jedes Mal Mut dazu, den Weg mit Gott zu beschreiten und vor allem Pläne zu ändern und Risiken einzugehen. Wir müssen dabei aber nicht warten, bis wir einen hörbaren Ruf empfangen, denn der Neustart bei Gott steht uns immer offen. Es ist ein Lebensstil, in dem wir uns ganz für ihn öffnen, in seine Gegenwart treten und somit bekräftigen, dass wir bereit sind, seinen Willen zu tun. Wenn wir realisieren, dass Gottes Wille in jedem Moment alles trägt, beginnt das Leben der Nachfolge. Und daraus erwächst die unglaubliche Freude und Schönheit des christlichen Lebens.

„Mut steht am Anfang und die Belohnung am Ende“ – diesen Spruch lese ich mehrmals täglich an meinem Schreibtisch. Er macht mir bewusst, dass sich das Risiko lohnt; dass Gott ein gutes Ende für uns vorgesehen hat und dass wir ihm vertrauen dürfen. Darum können wir alle ermutigt unsere Lebenswege mit ihm gehen und in Gemeinschaft und Vertrauen auf ihn voranschreiten – geleitet vom Heiligen Geist, der uns unsere Berufungen zeigen will und uns zur Nachfolge im Hier und Jetzt aufruft.

„Es gehört zu deiner Berufung, das Evangelium von den Dächern zu rufen,

nicht nur durch das Wort, sondern durch dein Leben.“ (Charles de Foucauld)

 

Thale Schmitz

Impuls vom 29.05.2021, "Pfingsten nachklingen lassen"

Pfingsten nachklingen lassen

An Pfingsten haben wir uns begeistern lassen, haben uns vielleicht begeisternde Eindrücke und Begegnungen vergegenwärtigt und konnten geistbewegt nach vorne blicken und die nächsten Schritte in unserem Leben gehen oder uns sogar besonderen Herausforderungen stellen.

Im Nachklang an das Pfingstfest habe ich die Pfingstsequenz[1] meditiert und auf mich wirken lassen. Sie beschreibt in 10 Strophen bildhaft und zugleich deutlich die Wirkkraft des Heiligen Geistes mitten in der Welt, mitten im Leben, mitten im Alltag.

Am meisten hat mich dabei die 5. Strophe angesprochen:

Komm, o du glückselig Licht,

fülle Herz und Angesicht,

dring bis auf der Seele Grund.

 

Im Gebet zum Heiligen Geist fühle ich, dass er mich tröstet, mir Halt gibt und mir nahe sein will. Dennoch verspüre ich häufig die Sehnsucht, dass er noch tiefer in mir wirkt – bis auf der Seele Grund. Die Erfahrung, dass er mein Herz und Angesicht erfüllt und mich für etwas brennen lässt – vor allem für ihn selbst – ist mir jedoch sicherlich nicht unbekannt. Ganz nach der Redensart „Wovon das Herz voll ist, geht der Mund über“ konnte ich erfahren, wie ich durch Worte und Ausstrahlung andere Menschen berühren und gewissermaßen „begeistern“ durfte.

Wie jemand gestimmt ist, sieht man ihm oder ihr in der Regel auch an. Dies einzuschätzen ist zurzeit durch das Tragen des Mundschutzes leider erschwert, denn Worte ohne Mimik zu interpretieren ist oft gar nicht so einfach. So stellt sich noch mehr die Frage, was mein Gegenüber gerade im Herzen bewegt und ob sich dies in seinem Angesicht wiederspiegelt. Dennoch ist der Heilige Geist gerade im Zwischenmenschlichen allgegenwärtig und kann unsere Herzen bewegen. Zum Beispiel wenn sich jemand im Streit öffnet und zur Klärung bereit ist und so Versöhnung möglich wird. Sehr häufig kann so über Ereignisse und positive Wendungen gestaunt werden – bei uns selbst und auch bei Anderen. Zu gut kenne ich die Situation, dass ich vom Schlimmsten ausgehe und dann verläuft ein Gespräch bzw. vermeintlicher Konflikt viel harmonischer und ruhiger als erwartet. Der Heilige Geist greift oft sehr überraschend ein und führt Lösungen herbei, die ich selbst nicht bewirken konnte und auch nicht gesehen habe. Das Tolle ist, dass er meist auf unser Bitten hin erscheint und wirkt, aber manchmal auch einfach so zu uns kommt, ohne dass wir ihn bewusst darum gebeten haben. Und vielleicht – das wünsche ich uns allen – ist er uns ein stetiger Wegbegleiter, der nur zu unterschiedlichen Zeitpunkten in verschiedener Intensität für uns spürbar wird. Der Heilige Geist sieht es, wenn wir traurig sind und weiß, was wir brauchen – darauf dürfen wir hoffen.

 

Thale Schmitz

[1] Die Pfingstsequenz „Veni Sancte Spiritus“ wurde im 13. Jahrhundert verfasst und wird traditionell an Pfingstsonntag vor dem Evangelium (im direkten Anschluss an das Halleluja) hymnenartig gesungen.

Impuls vom 22.05.2021, "Wie kann ich den Heiligen Geist empfangen?"

„Wie kann ich den Heiligen Geist empfangen?“

Der Heilige Geist wird häufig in Form einer weißen Taube dargestellt, die auf uns Menschen herabkommt, zu uns tritt und viel symbolische Verwendung findet. Mich erinnert diese Metaphorik sehr an einige Veranstaltungen in meinem Studium – vor allem an Seminare und Vorlesungen im Bereich der Geisttheologie und Gnadenlehre. Die Dozentin gab mehrfach Zeugnis davon, wie sie in Zeiten schwerer Krankheit in ihrer Jugend durch eine hineinflatternde Taube ihre Berufung erfuhr und aus dieser Geisterfahrung heraus ihre Studienwahl traf und die Hochschulkarriere anstrebte.

Solche Erzählungen gehen sehr nahe und lassen den Heiligen Geist in gewisser Weise spürbar werden. Doch oft stellt sich die Frage: Wie kann ich mich dem Heiligen Geist Gottes nähern, seine Stimme hören und verstehen, was er mir sagen will? Gerade in Entscheidungsprozessen ist es für viele besonders wichtig, den Heiligen Geist einzubeziehen und nach seiner Stimme zu lauschen. Dies gelingt durch Kontemplation (Hinhören und Beobachten) und Meditation (Nachsinnen) – natürlich in völlig individueller und situationsspezifischer Weise –, doch ein Vers aus der Bibel erwies sich für mich darüber hinaus als besonders erkenntnisreich:

11Und wenn sie euch hinführen und überantworten werden, so sorgt euch nicht vorher, was ihr reden sollt; sondern was euch in jener Stunde gegeben wird, das redet. Denn ihr seid’s nicht, die da reden, sondern der Heilige Geist. (Mk 13, 11)

Diese Zeilen zeigten mir auf, dass ich gerade durch meine eigenen Worte und meine eigene Stimme dem Heiligen Geist am nächsten komme. Wir dürfen darauf vertrauen, dass wir in unserer persönlichen Nähe zu Gott den Heiligen Geist geschickt bekommen und in seinem Sinne reden werden. Dabei denke ich vor allem an Situationen und Herausforderungen, in denen die Wortwahl und die Formulierungen eine große Rolle spielen und die womöglich mit großer Nervosität verbunden sind. Im Gebet um den Heiligen Geist für solche Momente habe ich schon mehrfach erfahren können, dass Gott mir Ruhe schenkt und seinen Heiligen Geist durch mich sprechen lässt.

Es wäre natürlich viel einfacher, wenn wir einfach einem Schild direkt Richtung „Geist“ folgen oder eine Heiliger-Geist-Taste betätigen könnten, lohnt es sich stets geduldig nach ihm Ausschau zu halten und nachzuhorchen oder auch um ein Zeichen zu bitten. Es übt uns darin – besonders am heutigen Pfingstfest – dankbar dafür zu sein, dass Gott uns durch ihn begegnet und ihn uns (aus-)schenkt – immer wieder neu!

„Gott spricht heute zu jedem von uns und zu uns als Gemeinschaft der Kirche durch die Zeichen der Zeit. Sie zu erkennen, Gottes Geist wirken zu lassen und sich mutig zu seinem Glauben zu bekennen, das ist Pfingsten!“ (Gertrud Brem)

Thale Schmitz

Impuls vom 15.05.2021, „… damit auch sie in der Wahrheit geheiligt sind“

„… damit auch sie in der Wahrheit geheiligt sind“

Mit den Worten „Und ich heilige mich für sie, damit auch sie in der Wahrheit geheiligt sind“ (Joh 17, 19) beendet Jesus das heutige Evangelium. Geheiligt sein ist bereits ein wahnsinnig großer Begriff, doch auch noch in der Wahrheit!

Was ist Wahrheit überhaupt und was bedeutet sie für uns Menschen? Dieser Frage möchte ich nachgehen und versuchen, mögliche Antworten zu finden.

Geht man dem Begriff etymologisch auf die Spur, scheint „Wahrheit“ ein Beziehungsbegriff zu sein und stammt aus dem Begriffsfeld Vertrauen und Treue. Sie steht für Zuverlässigkeit, Beständigkeit und Vertrauenswürdigkeit. Oft hören wir – auch in theologischen Bezügen – den Satz „Die Wahrheit soll ans Licht kommen“. Dieser entspricht sehr gut der Haltung der Theologie. Der Maßstab dieser Haltung ist für uns Christinnen und Christen die Bibel und somit das Wort Gottes, welches für Befreiung und Erlösung sowie Rechtschaffenheit steht.

Doch welchen Maßstab haben wir Menschen ganz individuell und persönlich, um der Wahrheit nachzugehen? Worauf hören wir bei der Suche nach Wahrheit?

Ich vermute, dass die Stimme des Herzens ein großes Kriterium und uns der größte Wegweiser ist. Diese Stimme folgt einer eigenen Logik und Sprache und meist können rationale Gedanken und Argumente dabei wenig ausmachen.

Dabei gilt es sich aber auch bewusst zu machen, dass Wahrheit kein durchweg positiver Begriff ist. Wahre Worte können wehtun oder sogar schaden. Dabei denke ich an Situationen, in denen man jemandem auf sein schlechtes/ungesundes Aussehen aufmerksam macht. Es gibt aber auch die Momente, in denen man die Wahrheit nicht hören will, aber glücklicherweise von einem Freund auf falsches Verhalten hingewiesen wird und so neuen Antrieb für Veränderung und Handeln erhält.

Wahrheit kann also quälen oder ermutigen, sie kann Mut machen oder das Herz erschweren. Und dennoch erleichtern Ehrlichkeit und Klarheit unser tägliches Miteinander und unsere Beziehungen enorm. Ein Appell von Benjamin Ferencz (US-amerikanischer Jurist und einer der Chefankläger im Rahmen der Nürnberger Prozesse) schreibt und ermutigt uns in seinem Buch „Sag immer Deine Wahrheit. Was mich 100 Jahre Leben gelehrt haben.“ mit den Worten: Sprich sie aus, auch wenn niemand zuhört.

Thale Schmitz

Impuls vom 09.05.2021, "Vom Warum? zum sinnstiftenden Wozu?"

„Vom Warum? zum sinnstiftenden Wozu?

Vermutlich hat jeder und jede im persönlichen Leben schon Momente erlebt, in denen der vertrauensvolle Glaube an Gott infrage gestellt wurde. Wie konnte das passieren? Warum muss ich solches Leid ertragen und gab es keine anderen Möglichkeiten und Optionen für IHN, um das Unheil abzuwenden?

Diese Fragen sind gerade in existenziellen Nöten und bei schwerwiegenden Grenzerfahrungen völlig verständlich und nachvollziehbar, doch helfen sie uns in den meisten Fällen leider nicht weiter und lassen uns womöglich noch mehr die Hoffnung und infolgedessen den Glauben verlieren. Das Vertrauen auf Jesus Christus ist eine große Herausforderung und letzten Endes ein anhaltendes Risiko, doch lohnt es sich, daran festzuhalten. Denn gerade im Leiden und in der Dunkelheit, wenn wir uns kraftlos und vielleicht sogar aussichtslos gefangen fühlen, ist die Möglichkeit, Gott und seine bestärkende Kraft zu spüren, ganz nah. Dabei denke ich auch an meinen Lieblingsvers aus der Bibel: „Aber er hat zu mir gesagt: »Meine Gnade ist alles, was du brauchst! Denn gerade wenn du schwach bist, wirkt meine Kraft ganz besonders an dir.«“ (2 Kor 12,9).

Es wäre fatal sich einzureden, dass hinter jedem Unglück eine Sinnhaftigkeit stehen müsse und dass Gott sich dabei schon etwas gedacht haben wird. Dennoch kann es uns helfen, aus dem verzweifelten „Warum?“, das nach den Gründen und Ursprüngen fragt, ein hoffnungsvoll in die Zukunft blickendes „Wozu?“ werden zu lassen: Wozu kann ich diesen Leidensprozess nutzen? Wozu habe ich diese Erfahrungen gemacht?

Aus negativen Erlebnissen und Dingen, die uns wiederfahren, das Beste draus zu machen, ist sicherlich eine tolle Eigenschaft und hilft uns, durch die schweren Zeiten hindurchzugehen. Den Ereignissen dadurch Sinnhaftigkeit zu schenken, eröffnet uns die Chance, dem Sinn des eigenen Lebens näher zu kommen und uns dafür in Bewegung zu setzen. In einem Gebetstext von Jana Vanik bin ich an folgenden Zeilen hängengeblieben: „Ein Blick auf deine Füße und ich kann weiter gehen.“ Dieser hoffnungsvolle Blick auf Jesus, der uns ermutigt weiterzumachen und nicht aufzugeben, löst bereits neue Kraft in uns aus und beinhaltet zudem die unglaublich schöne Aufforderung, in seinem Namen und in seiner Nachfolge auf dieser Erde weiter zu wirken und für ihn weiterzugehen – Schritt für Schritt.

Thale Schmitz

Impuls vom 02.05.2021, "Du kannst die Welt nicht retten!“

„Du kannst die Welt nicht retten!“

In meiner Jugend begann ich recht früh damit, die Dinge in der Welt sehr kritisch zu hinterfragen. Ich war schockiert über gewisse Zustände in unserer Gesellschaft und nahm mir fest vor, durch mein Auftreten und Handeln, aber auch durch meinen späteren Beruf einen Unterschied zu machen. Traurig und ernüchternd war es für mich, dass teilweise selbst enge Freundinnen und Freunde mich ausbremsen wollten und auf meine Vorhaben mit Aussagen wie „Thale, du kannst die Welt nicht retten!“ reagierten. Dies ärgerte mich und ich war enttäuscht über die Tatenlosigkeit der anderen und die fehlende Motivation sowie den fehlenden Mut zur Veränderung. „Aber wenn doch alle oder zumindest die Mehrheit anders denken würden?!“, diese Gedanken beschäftigten mich zu Beginn sehr und trugen eher zur Entmutigung bei.

In der 1. Lesung am heutigen 5. Sonntag der Osterzeit lesen wir in der Apostelgeschichte (Apg 9,26-31) von der Fürsprache des Barnabas für Saulus. Saulus – nun auch Nachfolger Jesu – kehrt zurück und die Gemeinde sowie die Apostel sind ihm gegenüber misstrauisch. Barnabas setzt sich für ihn ein, schenkt Ermutigung für beide Seiten und führt die Menschen zusammen. Er hat den Mut, um auf Saulus zuzugehen, ihm Vertrauen zu schenken und auch vor den anderen für ihn Fürsprache zu halten – auch wenn dies womöglich mit Risiken verbunden ist.

Ich glaube, dass diese Bibelstelle bzw. die biblische Person des Barnabas sehr gut beschreiben, welche persönliche Vision ich letztendlich entwickelt habe – ich möchte zur Ermutigerin werden! Aus dieser Eigenschaft heraus erhielt Barnabas, der eigentlich Josef heißt, auch seinen Spitznamen mit der Bedeutung „Der, der andere ermutigt“. Scheinbar hat er so viele Menschen durch seine Ermutigung positiv geprägt, dass sie ihn nur noch Barnabas nannten – welch ein Kompliment und eine starke Aussage über ihn! Vielleicht können einige Impulsfragen helfen, noch weiter und vor allem tiefer über unsere eigene Persönlichkeit nachzudenken: Was macht mich aus? Wie kann ich jemand sein, der so einen starken positiven Einfluss hat wie Barnabas? Welchen Namen würden mir die Menschen in meinem Umfeld geben?

In jedem Fall sollten wir uns nicht über andere ärgern oder uns durch sie entmutigen lassen. Wir können viel besser zum Ermutiger werden und es wagen, groß zu träumen und Chancen der Veränderung in der Welt zu sehen. Dabei gibt es nichts zu verlieren.

Wir können die Steine auf unserem Lebensweg selber legen und sind eingeladen, sie stets neu anzuordnen.

Thale Schmitz

Impuls vom 25.04.2021, "Den Glauben teilen: Herausforderung und Chance zugleich?!"

„Den Glauben teilen: Herausforderung und Chance zugleich?!“

Wie wir uns vielleicht manchmal im Supermarkt fragen, ob in einem bestimmten Produkt oder Lebensmittel wirklich das drin ist, was draufsteht, können wir uns auch in Bezug auf unseren Glauben hinterfragen: „Was ist meine persönliche Botschaft? Ist bei mir drin, was draufsteht?“ Dahinter steckt auch eine gewisse Erwartungshaltung. Wir gehen davon aus, dass die Angaben, die ein Produzent uns macht, stimmen und wir wollen ihnen vertrauen und Glauben schenken können. Als Christen und Christinnen für unser Umfeld und unsere Mitmenschen authentisch und glaubwürdig zu sein und unseren Glauben überhaupt zu zeigen und ins Gespräch zu bringen, ist vermutlich die größere Herausforderung.

Denn der persönliche Glaube ist kein Zustand – er ist vielmehr ein Auf und Ab und ein stetig fortschreitender Weg inklusive anhaltendem Suchen und zahlreichen Fragen. Gleichzeitig ist er aber keineswegs eine übermenschliche Sache, sondern ein Geschenk Gottes an uns, das wir in aller Offenheit und Freiheit annehmen dürfen.

Den eigenen Glauben zu bekennen, ins Wort zu bringen und Glaubenszeuge zu sein, erfordert Mut und ist für manche Menschen sogar je nach Kontext und Gegenüber mit einer gewissen Scham verbunden und sehr herausfordernd. Es kommt erschwerend hinzu, dass der Glaube inzwischen kein Teil der herrschenden Kultur mehr ist. Doch gerade darin liegt die große Chance – wir können deutlich zeigen, was in ihm steckt! Jeder und jede einzelne Christin kann seine christliche Identität bezeugen und über den persönlichen Glauben Auskunft geben – wir können zeigen, wer wir sind und wofür wir brennen: Für Jesus Christus, unseren guten Hirten, der jeden einzelnen Menschen kennt, immer für uns da ist und sein Leben für uns hingegeben hat. Wie er es uns selbst im heutigen Evangelium nach Johannes (Kapitel 10) zusagt:

14Ich bin der gute Hirt;

ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich,

15wie mich der Vater kennt

und ich den Vater kenne;

und ich gebe mein Leben hin für die Schafe.

 

Diese Zusicherung kann uns die nötige Kraft geben, um uns zu öffnen und aus dem eigenen Leben und Glauben kein Rätsel zu machen. Ergreifen wir diese herausfordernde Chance und nehmen uns stützend an der Hand, um das Reich Gottes jeden Tag ein Stückchen mehr auf Erden zu verwirklichen.

 

Thale Schmitz

Impuls vom 18.04.2021, „Auf hoffnungsvollen Wegen…“

„Auf hoffnungsvollen Wegen…“

 

Ostern ist die Geburtsstunde der Hoffnung und gerade in dieser österlichen Zeit ist diese Hoffnung womöglich besonders spürbar und wir können uns auf hoffnungsvolle Wege begeben. Einige Worte und Bilder von Kardinal Raniero Cantalamessa – Kapuzinerpater und Fastenprediger des Päpstlichen Hauses – stießen mir dabei ins Auge und können helfen, dieser Hoffnung auf die Spur zu kommen: Er beschreibt die drei theologischen Tugenden mit drei Schwestern – zwei große und ein kleines Mädchen. Die kleine Schwester von ihnen zieht die anderen beiden händchenhaltend voran (nicht wie vielleicht andersherum vermutet). Sie steht für die Hoffnung und zieht ihre großen Schwestern – den Glauben und die Nächstenliebe – mit sich mit. Ich empfinde diese Metaphorik als sehr passend. Sie beschreibt sehr gut, wie Menschen sich fühlen, die die Perspektive verloren haben und durch neue Hoffnung wiederbelebt werden, zurück zum Glauben finden und den Dienst am Nächsten wieder wahrnehmen können, auch indem die Hoffnung weiter geschenkt wird. Pater Raniero Cantalamessa bringt es wie folgt auf den Punkt: „Jedes Mal, wenn ein Keim der Hoffnung im Herzen eines Menschen wiederauflebt, ist es wie ein Wunder: Alles wird anders, auch wenn sich nichts verändert hat“ (In: Christ in der Gegenwart Nr. 14/2021, S. 4).

Doch wie kann dieser Weg zur Hoffnung ganz praktisch aussehen? Wie kann ich mich bewusst auf den Weg machen zu ihr?

4 Schritte auf dem Weg zur Hoffnung können uns ein Wegweiser sein:

Der erste Schritt ist ein geistliches Ritual – Beten oder ein Gottesdienst zum Beispiel. Dabei Hören (2. Schritt) wir auf Gottes Wort oder nehmen Aspekte aus der Lesung mit, die uns weiter beschäftigen und die uns anleiten zu Erinnern (3. Schritt). Denn Hoffnung braucht ihre Zeit und wird ganz beispielhaft durch die Kar- und Ostertage durchlebt und neu entfacht. Auch in den Wochen darauf verstärkt sich die Erinnerung und das Herz kommt in Bewegung (4. Schritt). Die Geschichte der Emmaus-Jünger zeigt uns, dass auch sie diese Schritte gegangen sind und gehen mussten, um wieder Hoffnung zu schöpfen. Nach erster Abwehr bzw. des Nicht-Glauben-Könnens der Auferstehung Jesu klingt das Gehörte, Erlebte und Gesehene nach und die Hoffnung kehrt zurück, sodass sie auch anderen davon erzählen können. Sie sind auch nicht sofort in der Lage, pure Freude zu empfinden, sondern Verwunderung tritt ein. Erst Schritt für Schritt erinnern sie sich an die Worte Jesu und was geschehen ist, und die Hoffnung setzt sich langsam zusammen. Der Funke wird größer und plötzlich macht alles Sinn. Die Auferstehung Jesu als unser Licht ist der beste Grund zur Hoffnung, denn Jesus ist uns vorausgegangen, um die himmlische Welt vorzubereiten.

Auch wenn die Jünger vor und nach seiner Auferstehung eine schwere Zeit durchleben, können sie – wie auch wir heute – sicher sein, dass sein Licht in unser Leben hineinstrahlt, sowohl in die Vergangenheit als auch in die Gegenwart und Zukunft.

Wir Emmaus-Jünger heute dürfen diese Botschaft weitertragen und können Großes bewirken, wie es Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben „Misericordia et misera“ (zum Abschluss des Außerordentlichen Heiligen Jahres der Barmherzigkeit) schreibt: Die tiefe Leere so vieler kann durch die Hoffnung, die wir im Herzen tragen, und durch die Freude, die daraus hervorgeht, aufgefüllt werden.

Thale Schmitz

Impuls vom 10.04.2021, „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist

 

Am Weißen Sonntag, dem 2. Sonntag der Osterzeit, feiert die Kirche seit dem Jahre 2000 auch das Fest der Barmherzigkeit Gottes. Papst Johannes Paul II. legte es vor 21 Jahren bei der Heiligsprechung von Sr. Faustyna Kowalska fest. Sie war eine polnische Mystikerin und gehörte den Schwestern der Muttergottes der Barmherzigkeit an. Im Zuge dessen war sie weltweit als Verkünderin der Barmherzigkeit Gottes bekannt.

Barmherzigkeit ist ein großes Wort, das in Bezug auf Religion und Glaube vielfach gebraucht wird – nicht zuletzt ist es in diesem Jahr zentraler Aspekt der Jahreslosung[1]: „Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“(Lk 6,36).

Doch was bedeutet Barmherzigkeit eigentlich und wie können wir Menschen uns dieser Barmherzigkeit Gottes annähern?

Ein erster Gedanke wird die meisten an das Gleichnis vom barmherzigen Samariter führen und es entsteht schnell eine Vorstellung von diesem Begriff: sich hingeben für einen anderen, sei er noch so fremd und für ihn sorgen – ein beispielhafter Akt der tätigen Nächstenliebe und ein ganz selbstloses Handeln. Die Definition von Barmherzigkeit bedeutet also im Zwischenmenschlichen, jemandem in der Not zu helfen. Im Kontext des Glaubens und der Beziehung zwischen Gott und den Menschen könnte Barmherzigkeit so verstanden werden, dass wir Gläubigen um die Vergebung der Sünden und die Wohlgesonnenheit unseres Gottes bitten – auch wenn wir sie nicht verdient haben. Da Gott barmherzig ist, vergibt er uns Menschen. Aus diesem Glauben dürfen wir leben und dieses große Glück stets neu wahrnehmen in Hinwendung zu Gott. Die Jahreslosung motiviert uns dieses Geschenk auch an anderen offenbar werden zu lassen, indem wir es aktiv weitergeben und selbst im Umgang miteinander praktizieren. Damit ist gewiss auch die Barmherzigkeit uns selbst gegenüber gemeint. Wir dürfen uns selbst vergeben – ich glaube dies ist ein großes Anliegen unseres Gottes und seiner bedingungslosen, lebensverändernden Barmherzigkeit.

Thale Schmitz

[1] Die Jahreslosung wird von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen ausgewählt. Der Bibelvers gilt vielen Christinnen und Christen vor allem im deutschsprachigen Raum als Leitgedanke für das Jahr.

Impuls vom 03.04.2021 (Ostersonntag), "Und dann war da Glanz und dann war da Licht"

„Und dann war da Glanz und dann war da Licht“

Ostern hat für mich eine tiefgreifende Bedeutung, die ich jedes Jahr neu erleben darf. Es ist beinahe unbeschreiblich, wie durch intensives Durchleben der Kar- und Ostertage das Leiden Jesu nachspürbar wird und wie aus Fassungslosigkeit neue Hoffnung entsteht.

Ahnungslos und sprachlos stehen wir wie die Jünger damals vor dem Kreuz und trotz des nahenden Osterereignisses ist die Bestürzung unbeschreiblich groß. Einen Kreuzweg zu laufen und die durchlebten Stationen Jesu nachzugehen, lösen auch heute noch tiefe Emotionen von Trauer, Mitgefühl und Entsetzen über das Geschehene aus und lassen uns eingehen in die Leidensgeschichte Jesu. Obwohl das Osterfest uns rational bekannt ist und wir den Verlauf kennen, bedarf es doch jedes Jahr aufs Neue eines Prozesses des Begreifens. Dies braucht Zeit und bestimmt auch Gespräche und Austausch, um sich dem Geheimnis des christlichen Glaubens zu nähern und zu vergegenwärtigen. Die Karwoche schenkt uns diese Gelegenheit, um im persönlichen Glauben zu wachsen und daraus Kraft zu schöpfen. Wir können so unsere Seele und unseren Geist auf das Nahende vorbereiten, so dass sich Traurigkeit in wahre Freude wandelt.

Denn mit der Feier der Osternacht beginnt das Unfassbare: die Fesseln werden gesprengt und in die tiefste Dunkelheit hinein strahlt das allerhellste Licht. Nach einer Zeit der Totenstille wird die 1. Kerze entzündet und Jesu Auferstehung verändert die Welt. Ein Lichtermeer voll Glanz gleicht diesem Empfinden purer Freude und Befreiung, denn die Erlösung ist nicht nur nahe – sie ist da!

Die Vergegenwärtigung dieses Ereignisses und die damit verbundenen Emotionen können mit einer durchschlagenen Mauer symbolisiert werden. Denn menschliche Grenzen sind nicht Gottes Grenzen und die Auferstehung Jesu zeigt uns, dass grenzenloses Leben und das Erleben von Grenzenlosigkeit durch ihn und mit ihm möglich sind. Möge uns diese Zuversicht auch durch unsere persönlichen Lebenssituationen und Herausforderungen begleiten und hoffnungsvoll in die Zukunft blicken lassen. Denn: „Wer Ostern kennt, kann nicht verzweifeln.“ (Dietrich Bonhoeffer)

Thale Schmitz

Impuls vom 01.04.2021 (Gründonnerstag), "Je tiefer - desto weiter"

JE TIEFER – DESTO WEITER

In der Eucharistie geht es nicht um die Eucharistie. Sie ist Sakrament, eine im Zeichen verdichtete Wirklichkeit. Sie führt uns über uns hinaus: auf den zuvorkommenden, sich uns hingebenden und mit uns kommunizierenden Gott des Lebens hin. In diesem Sinne geht es der Eucharistie nicht um sich selbst. Es geht in der Eucharistie ums Ganze des Lebens, vom Persönlichen zum Politischen, vom Kleinsten bis ins Universale. Es geht in ihr um die wirkliche Kommunion von Gott, Schöpfung und Mensch(heit). Auch wenn wir die Eucharistie in goldenen Gefäßen aufbewahren, ehren und sichern – als Sakrament ist die Eucharistie nicht zu fassen. Sie will ausstrahlen – bis in unser Niedrigstes und bis in unser Höchstes. In ihr erfahren wir einerseits leibhaftig, wie Gott sich in Christus klein macht bis ins Brot für unseren Lebenshunger, bis in unsere Hand, in unseren Mund, in unsern Leib hinein. Er kommuniziert mit der Ganzheit unseres geistigen, seelischen, leiblichen Lebens. Ja, er erniedrigt sich und inkarniert sich ‚bis in die tiefsten Fasern unseres Fleisches hinein‘ (Madeleine Delbrêl). Andererseits bewegt er uns, die Fixierung auf uns selbst und auf die Kirche zu überschreiten, zu transzendieren.

So lädt die Eucharistie uns ein, uns zu transzendieren ins Innerste: Gott in uns. Und zugleich lädt sie uns ein, uns zu transzendieren ins Äußerste: wir und alle und alles in Gott. So lebte der, der uns die Eucharistie als sein Testament hinterließ: Christus, im Innersten Gott verbunden und zugleich im Äußersten den Abgründen und der Armut der Menschen verbunden. ‚Tut dies! Lebt so!‘ Sagte Jesus nach den Einsetzungsworten und sagen wir heute noch.

Viele Jahre lud ich zu Einführungskursen ins kontemplative Beten ein. ‚Einführung ins Schweigegebet‘ nannten wir es, weil hierzulande kontemplativ zum Fremdwort selbst in der Kirche (!) wurde. ‚Ich bin keine Kirchgängerin‘, dachte die lebensfrohe und krisengeschüttelte Marita, als sie die Ankündigung las, ‚aber schweigen und Orientierung finden – das hab‘ ich nötig.‘ So entschied sich die alleinerziehende und schwerkranke Textilarbeiterin teilzunehmen. Im täglichen Üben des Schweigens begann sie dann Achterbahn zu fahren. Verletzungen und dunkle Erfahrungen, beginnend in der Kindheit, kamen ins Licht des Bewusstseins. Mit dieser Lebenswahrheit hielt sie sich tapfer ins Licht der göttlichen Gegenwart. Sie litt. Sie kämpfte. Begleitende Gespräche halfen in der sich offenbarenden, Jahrzehnte lang verdrängten Not. Und eines Tages platzt es aus ihr heraus: ‚Jetzt verstehe ich, wie der Weg geht: je tiefer – desto weiter!‘

Diese mystische Spur kann uns zu einem tieferen und weiteren Verständnis des Mysteriums der Eucharistiefeier führen. Mich selbst will ich bereiten, Christus in mich hineinzulassen bis in mir verborgene Tiefen. Aus dieser Tiefe will ich mich von ihm weiten lassen in die Welt hinein.

Vor jeder Eucharistiefeier will ich nicht nur etwas, sondern vor allem mich selbst vorbereiten, um real präsent und empfänglich zu werden für die Realpräsenz Christi in Wort, Sakrament, Gemeinde und Welt. Denn je tiefer mein Glaube sich gründet, desto tiefer wird er hinausgehen!

 

Georg Lauscher

 

(Quelle: ‘Pastoralblatt für die Diözesen Aachen, Berlin Hildesheim, Köln und Osnabrück‘, März 3/2021, 73. Jahrgang, S. 66)

Impuls vom 27.03.2021, "Die Zeit der leeren Kirchen"

Die Zeit der leeren Kirchen – von der Krise zur Vertiefung des Glaubens

 

Tomas Halik, Professor für Soziologie und Pfarrer der Akademischen Gemeinde Prag, veröffentlichte vor wenigen Wochen in seinem neuesten Buch Die Zeit der leeren Kirchen – von der Krise zur Vertiefung des Glaubens meinem Eindruck nach auch bzw. vielleicht sogar erst recht ein Jahr später lesens- und bedenkenswerte Erinnerungen an das Frühjahr 2020, als die uns bis heute umtreibende Corona-Pandemie mit ihren massiven daraus resultierenden Konsequenzen ausbrach. Aufgrund der aktuellen Corona-Schutzmaßnahmen zitiere ich zu Beginn der Karwoche 2021 im heutigen Impuls, wenngleich sich einige der damals gültigen Umstände hier und heute anders darstellen – der Kern seiner Gedanken aber gilt heute genauso oder vielleicht sogar noch mehr als vor zwölf Monaten:

 

Unsere Kirchen – genauso wie die Gebetshäuser anderer Kirchen und Religionen auf einem großen Teil unseres Planten – sind geschlossen. Es gilt ein vernünftiges Verbot von öffentlichen Gottesdiensten. …

Manche Pfarrgemeinen haben sofort eine Zwischenlösung angeboten: Es ist nichts passiert, man kann die Messen bequem online aus der eigenen Wohnung verfolgen, die Eucharistie durch einen ‚geistlichen Empfang‘ ersetzen. Unsere Pfarrgemeinde wird diesen Weg nicht gehen. Die ungewöhnliche Form des diesjährigen Fastens – auch des Fastens von dem gemeinsamen Feiern der Eucharistie – hat einen Sinn, über den wir nachdenken müssen.

Ich bin davon überzeugt, dass wir die Gewohnheit des Sonntagsgottesdienstes nicht so leicht mit dem Konsum einer Messe am Bildschirm ersetzen sollten und anstatt vor dem Altar vor dem Fernsehgerät oder vor dem Computer zu knien. Vielleicht für eine lange, nicht für eine kurze Zeit sollen wir neue Quellen und Formen des Erlebens und des Feierns des Geheimnisses unsers Glaubens schöpferisch entdecken.

Vielleicht sind die leeren und geschlossenen Kirchen ein prophetisches Warnzeichen: Wenn unsere Kirche und unsere Frömmigkeit nicht eine Reform durchgehen, eine Umkehr, eine Vertiefung, werden bald viele Kirchen gänzlich leer und geschlossen sein. Haben wir denn nicht schon seit geraumer Zeit in vielen Ländern … den langjährigen Trend der Entleerung, des Schließens und des Verkaufs von Kirchengebäuden, Klöstern und Priesterseminaren beobachten müssen?

Als der Tempel von Jerusalem zerstört wurde, musste das Judentum eine große Reform durchmachen: Die Ordnung der Opfer im Tempel wurde von der Ordnung der individuellen Gebete, von Familien- und Gruppengebeten ersetzt, der Altar des Tempels wurde vom Tisch der jüdischen Familie ersetzt, auf viele Ritualvorschriften musste verzichtet, viele Bibelstellen ganz neu begriffen werden. Der Nachdruck auf das Glaubensleben wurde auf das Studium der Schrift, auf das Gebet und auf das Verrichten guter Taten verlagert. Geschieht mit dem Christentum heute nicht etwas Ähnliches?

Vielleicht zeigen die geschlossenen Kirchen während der Pandemie eine nahe Zukunft, in der eine Form des Christentums untergehen wird, so wie der Tempel und die Heilige Stadt untergegangen sind, und unser Glaube wird sich mehr an jene eschatologische Zukunft annähern, in der es gemäß der Apokalypse des Johannes keinen Tempel mehr geben wird. Was wird die bisherige Form der Kirche ersetzen? (Quelle: Die Zeit der leeren Kirchen – von der Krise zur Vertiefung des Glaubens, HG: Tomas Halik, Herder, S. 59ff)

 

Ja, was wird die bisherige Form der Kirche ersetzen? Lange vor dem tschechischen Theologen Tomas Halik beschäftigte sich der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer mit dieser Frage und schrieb dazu bereits im Jahr 1944 u.a. folgendes: Unsere Kirche, die in diesen Jahren nur um ihre Selbsterhaltung gekämpft hat, als wäre sie ein Selbstzweck, ist unfähig, Träger des versöhnenden und erlösenden Wortes für die Menschen und für die Welt zu sein. Darum müssen die früheren Worte kraftlos werden und verstummen, und unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neugeboren werden aus diesem Beten und diesem Tun. … Es ist nicht unsere Sache, den Tag vorauszusagen – aber der Tag wird kommen -, an dem wieder Menschen berufen werden, das Wort Gottes so auszusprechen, dass sich die Welt darunter verändert und erneuert. Es wird eine neue Sprache sein, vielleicht ganz unreligiös, aber befreiend und erlösend, wie die Sprache Jesu, dass sich die Menschen über sie entsetzen und doch von ihrer Gewalt überwunden werden, die Sprache einer neuen Gerechtigkeit und Wahrheit, die Sprache, die den Frieden Gottes mit den Menschen und das Nahen seines Reiches verkündigt. (Quelle: Dietrich Bonhoeffer Widerstand und Ergebung, Gütersloher Verlagshaus, S. 156f)

 

Ja, was wird die bisherige Form der Kirche ersetzen? Eine von vielen möglichen Antworthilfen entdecke ich im folgenden Schriftwort: ‚Prüfet alles <!> und behaltet das Gute!‘ (1 Thess 5,21)

Stefan Tausch, Pastor

Impuls vom 20.03.2021, "Gibt es bewährte Tipps aus Spiritualität und Psychologie für das Bestehen der Corona-Krise?"

Gibt es bewährte Tipps aus Spiritualität und Psychologie für das Bestehen der Corona-Krise?

Heute für Sie einige ganz geerdete Wegweiser.

Verändern Sie keine wichtigen Entscheidungen und bleiben Sie bei einem guten Tagesrhythmus! In Krisenzeiten passieren Fehler, bewegen sich in uns dunkle Gedanken und negative Gefühle. Darum rät der heilige Ignatius, keine wichtigen Entscheidungen aus guten Zeiten zu verändern. Das beginnt mit dem Tagesrhythmus: Aufstehen, Hygiene, sinnvolle Tätigkeiten, regelmäßige Essenszeiten, usw. Es schafft Boden unter den Füßen, Struktur in den Alltag zu bringen und „sich nicht gehen zu lassen“.

Gehen Sie hinaus und pflegen Sie gute Kontakte! Sofa, Computer, Smartphone, Fernseher, den Homeoffice-Platz verlassen und hinausgehen. Spazierengehen in der Natur und im Wald, das hilft und ist gesund. Gute soziale Kontakte gehören in solchen Tagen besonders gepflegt. Aber meiden Sie Corona-Leugner, Masken-Verweigerer und die Jammerer auf hohem Niveau!

Bleiben Sie in Bewegung und tun Sie Einfaches oder auch ganz Neues! Gehen Sie, machen Sie Sport, bleiben Sie mit Leib und Geist in Bewegung! Üben Sie zum Beispiel (wieder) zu lachen! Es braucht gerade jetzt Aktivierung für das Gehirn. Auch einfache Tätigkeiten, die ablenken können, oder ganz neue Aufgaben (Hobby, Sprachen, Kochen lernen…), die Aufmerksamkeit verlangen, sind hilfreich.

Besonders wichtig: Gehen Sie mit Gott, der alles trägt, und pflegen Sie auch die Muße! Es ist heilsam, über die Krise hinauszuschauen. Es braucht eine neue Perspektive: Nicht die Krise bestimmt mich, sondern ich gehe mit der Krise um. Und dankbar sein für das, was mir (immer noch) möglich ist. Vor allem aber den Blickkontakt mit Christus suchen. Das ist die Beziehung, die trägt. Gewiss hilft auch die Muße: Sich etwas Gutes tun, ein Bad nehmen, Musik hören, ein Buch lesen. Und vergessen Sie nicht den guten Humor! Er ist ein besonderes Geschenk Gottes.

Mögen Sie so krisenfest werden!

Ihr P. Josef Maureder SJ (Wien)

 

(Quelle: 20. Februar 2021 IGNATIANISCHE NACHBARSCHAFTSHILFE)

Impuls vom 13.03.2021, "Durch uns zieh sie zu dir hin"

Impuls „Durch uns zieh sie zu dir hin“

(4. Fastensonntag B Eph 2,4-10 und Joh 3,14-21)

Aus Gnade sind wir gerettet (Eph 2,5). So sagt es die heutige Lesung und weiter steht dort: Er [Gott] hat uns mit Christus auferweckt […] (Eph 2,6). Der Glaube an diesen Jesus den Christus, der uns in seiner Liebe lebendig machen will (Eph 2,4), hat anscheinend Auswirkungen auf die Lebendigkeit unseres jetzigen und zukünftigen Lebens. Der Glaube, so die Schrift, weckt auf.

Diesen Gedanken greift auch das Evangelium auf. Das Evangelium weist zudem mit dem Bild der „Schlange in der Wüste“ darauf hin, dass dieser Lebenswunsch Gottes für seine Kinder schon immer größte Bedeutung im gesamten Wirken Gottes an seinem Volk hatte und nun in Jesus Christus seinen Höhepunkt erhält.

Denn wenn Jesus zu Nikodemus sagt, dass der Menschensohn wie einst die Schlange in der Wüste erhöht werden muss, damit der Mensch gerettet wird und er die Liebe des Vaters erkennt, dann sieht er das Wirken Gottes in ihm in der Kontinuität der gesamten Verkündigung.

Zur Erinnerung: Als Giftschlangen das Leben des murrenden Volkes Israel in der Wüste bedrohten, baten die Israeliten Mose um sein Gebet. Gott gab Moses die Anweisung, eine Kupferschlange an einem Stab zu befestigen. Wer von einer Schlange gebissen wird und die Kupferschlange ansieht, der wird überleben.

Das Buch der Weisheit greift diese Erzählung aus dem Buch Exodus auf und deutet diese. Dort wird die Kupferschlange als Rettungszeichen verstanden. Die Kupferschlange steht für das rettende Wirken Gottes, welches durch das Zeichen der Schlange oder durch sein Gesetz in der Tora repräsentiert wird. Jeder, der sich an das Gesetz Gottes hält, wird durch Gott selbst, den Retter aller, der durch diese Zeichen wirkt, gerettet. (Vgl.: Weish 16,5-14)

Und in der Tat, dieser Gott und sein Gesetz kann den Glaubenden retten und Leben verheißen, nicht erst durch Jesus Christus.

Ein gutes Beispiel ist das Talionsgesetz (Ex 21,23-25), das durch den Ausspruch „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ allgemein bekannt ist. Ein uraltes Gesetz der Tora. Jetzt werden viele fragen, was hat das denn mit liebevoller Rettung und der Lebendigkeit Gottes zu tun?

Die Antwort: Dieses Gesetz war nicht weniger als eine kulturelle Revolution und hat Menschen das Leben gerettet. Es war nämlich das erste Gesetz, das die Gewaltspiralen durchbrach und Gleiches maximal mit Gleichem vergalt. Statt: „Ich klaue dir ein Schaf, du klaust mir meine Schafsherde, ich verschleppe im Gegenzug sodann deine Tochter, du tötest darauf einen meiner Söhne, sodass ich mich gezwungen sehe, deine Sippe auszulöschen“, würde diese Gewaltspirale einfach mit „Schaf gegen Schaf“ enden.

Die Menschen erkannten, dass dies doch wesentlich besser sei als Mord und Totschlag und verbanden diese Erfahrung eines Leben schützenden Gesetzes mit ihrem Gott, der das Leben will, nicht den Mord.

Und so wie schon im Alten Testament die Entwicklung zu Vergebung, Milde und Barmherzigkeit ging, zeigt uns Gott in unüberbietbarer Weise in Jesus Christus, wie das Gesetz gänzlich richtig gelebt wird. In Jesus konnten die Menschen erfahren, was es heißt „Du sollst deinen Gott und deinen Nächsten lieben, wie dich selbst.“ (Dtn 6,4f. und Lev 19,18) Beides Gesetze aus der Tora, die im menschlichem Leben Jesu neu vorgelebt wurden.

Und mit diesem Jesus von Nazareth können wir eine Erfahrung machen, die uns retten und erlösen kann, hier und jetzt. Denn so wie die Menschen vor 3000 Jahren gemerkt haben, dass es Erlösung von Gewalt und Leben rettend ist, nur Gleiches mit Gleichem zu vergelten, so wie die Israeliten in der Wüste merkten, dass das Gesetz Gottes ihnen Heil schenken will, nicht Unheil, so merkten die Menschen im Umfeld Jesu, wie sehr Gott weiterhin plant, den Menschen aufzuzeigen, wie Leben miteinander und füreinander aussehen kann, das Frieden und Leben für alle garantiert.

Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat. (Joh 3,16). Das ist die Erlösungsbotschaft Gottes. Er will in Jesus den Menschen noch mehr zeigen, wie und was er ist, damit alle, die noch unentschieden sind, ihn erfahren und neu das Leben wählen können. Denn eine Wahl für oder wider Gott kann ich ja nur letztgültig treffen, wenn ich die Optionen kenne. Gott hat sich immer weiter offenbart, damit alle, die ihn noch nicht recht erkannt haben, wieder neu über ihre Optionen aufgeklärt werden und neu wählen können. Das Erlösungshandeln Gottes in Jesus ist vielleicht diese unüberbietbare Selbstoffenbarung Gottes. Durch Jesus Christus konnten die damaligen Menschen und wir heute wieder neu entscheiden, die Botschaft dieses Gottes anzunehmen oder nicht.

Sie konnten sich nach Leben, Tod und Auferstehung Jesu neu entscheiden: Möchte ich ein Leben mit der Angst vor dem Tod oder ein Leben aus der Gewissheit eines Ewigen Lebens wagen, was zwar nicht die gesamte Angst beseitigt, aber die Perspektive auf Tod und Leben ändert. Ich konnte nach der Erfahrung Jesu neu wählen, ob ich meine größte Erfüllung im Leben in mir und meinem Reichtum sehen, inklusive der steten Angst, mein Reichtum verlieren zu können, oder ob ich vielleicht die größere Freude im sich verschenken und im Teilen erwarten kann. Ich konnte neu wählen zwischen einem Leben, dass nur auf sich selbst schaut, oder einem Leben, in dem ich an meine Berufung durch Gott für diese Welt und für die Menschen glaube. Das eine, so glaube ich, kann lähmen, dass andere kann lebendig machen.

Der Glaube an diesen Jesus rettet. Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, um die Welt zu richten, sondern damit wir gerettet werden (Joh 3,17). Glauben wir, so sind wir gerettet, und ich bin fest überzeugt, dass der Glaube schon hier eine neue Lebendigkeit schenkt.

Zumindest glaube ich diesen lebendigmachenden Glauben und sein rettendes Wirken in dem unzähligen Engagement so vieler Menschen erkennen zu können, die sich für andere einsetzen. Wenn ich allein hier an das Forum denke, fallen mir so viele Beispiele ein: Der Freundeskreis mit seiner Unterstützung für die Straßenkinder in Südafrika. Die Aktion Katharinen-Treppen, die ehrenamtlichen im Jordan-Treff oder im Nothilfezelt am U, die freundschaftlichen Banden der gegenseitigen Unterstützung, die seelsorgliche Arbeit und geistliche Begleitung.

Madeleine Delbrêl, die französische Mystikerin, würde in diesen Diensten beten: „Durch uns [,Gott,] zieh sie [,die Menschen,] zu dir hin, damit sie dir in uns begegnen.“ (Madeleine Delbrêl, Liturgie der Außenseiter).

Das rettende und erlösende Wirken Jesu Christi kann also auch durch Gott in uns und durch uns an den Menschen passieren. Durch unsere liebevolle Hinwendung an die Menschen aus dem Glauben an Jesus Christus heraus, können die Menschen eventuell Gott selbst durch uns erspüren und damit neu entscheiden, sich diesem Gott des Lebens zuzuwenden. Erlösungshandeln Gott durch uns, Begegnung des Gekreuzigten und seiner Botschaft in uns.

Die Möglichkeit, dass Gott durch uns erlösend wirkt, die Menschen in uns, den Erhöhten begegnen, ist ein bedenkenswerter Gedanke von Madeleine Delbrêl.

Als Katholiken glauben wir, dass Gott in dieser Welt durch die Sakramente wirkt. Wenn Gott durch uns wirkt, werden wir quasi zum Sakrament Gottes und jener Mensch, der mit und/oder durch uns eine Erfahrung mit dem Gott des Lebens macht, wird neu in die Lage versetzt, diesem Gott zu folgen und sich für ihn zu entscheiden.

Stefan Kaiser

Impuls vom 06.03.2020, "In der Krise hilft immer…"

In der Krise hilft immer…

 

Ökologie oder Kapitalismus, mehr Europa oder mehr Digitalisierung: Corona bestätigt jeden in dem, was ihm vorher schon das Liebste war

 

Nichts bestätigt die eigenen Lieblingsideen so zuversichtlich wie ein welterschütternder Einbruch des unvorhersehbar Neuen. Das klingt zunächst überraschend, ist aber der klare Befund, wenn man die politische und geistige Verarbeitung der Covid-19-Krise betrachtet. Es wird zwar ständig davon geredet, was für eine tiefe Zäsur Corona darstelle und dass jetzt fundamentales Umdenken nötig sei. Doch sind es in der Regel nur die anderen, die umdenken müssen, während man selbst offenbar die Lektionen der Pandemie schon gelernt hatte und längst auf dem richtigen Weg war, bevor die Krankheit sich überhaupt bemerkbar machte.

 

Papst Franziskus etwa ruft in seiner jüngsten Enzyklika mit dem Titel Fratelli tutti über die soziale Geschwisterlichkeit zu einem weitreichenden Mentalitätswandel auf: „Der Schmerz, die Unsicherheit und das Bewusstsein der eigenen Grenzen, welche die Pandemie hervorgerufen haben, appellieren an uns, unsere Lebensstile, unsere Beziehungen, die Organisation unserer Gesellschaft und vor allem den Sinn unserer Existenz zu überdenken.“ Dann macht das Kirchenoberhaupt klar, was es aus seiner Sicht in Zukunft zu meiden gilt: „Ist die Gesundheitskrise einmal überstanden, wäre es die schlimmste Reaktion, noch mehr in einen fieberhaften Konsumismus und in neue Formen der egoistischen Selbsterhaltung zu verfallen.“ Vor Kaufrausch und Eigennutz hat Franziskus natürlich auch vor Corona bereits ständig gewarnt. Die Kritik des entfesselten Kapitalismus ist sein Markenzeichen. Wie immer man die Qualität seiner Diagnose einschätzt: Die angeblich grundstürzende Viruskrise hat den Papst gerade nicht (wie behauptet) irritiert, sondern im Gegenteil in seiner vertrauten Sicht der Dinge bestärkt.

 

Genauso mit sich im Reinen, freilich im komplett entgegengesetzten Sinne, zeigt sich ein Organ von vergleichbarer lehramtlicher Autorität in einer konkurrierenden Glaubensgemeinschaft, der Kirche der Marktwirtschaft und Unternehmerfreiheit. „Der Kapitalismus rettet uns“, lautete am vergangenen Wochenende die ganzseitige Schlagzeile auf Seite eins der Neuen Zürcher Zeitung, des traditionsreichsten wirtschaftsliberalen Blattes im deutschen Sprachraum. Für die Zeitung ist Corona nicht (wie für den Papst) ein Argument gegen die individualistische Wettbewerbsgesellschaft, sondern vielmehr eines dafür: Die schnelle Entwicklung der Impfstoffe zeige, zu welchen Großtaten gewinnorientierte Privatfirmen fähig seien (auch wenn sie dabei, na ja, ein bisschen vom Staat unterstützt werden). Nur war die überragende Leistung gewinnorientierter Privatfirmen schon lange vor der Pandemie eine unerschütterliche Überzeugung der NZZ. Die Krise, in der sie die Rettung von anderswoher als von den segensreichen Marktkräften erhofft hätte, wurde noch nicht gefunden. Die Redaktion hat ihre Kapitalismushymne ebenso fertig aus der Schublade gezogen wie Papst Franziskus seine Kapitalismuskritik.

 

So steht es durchgängig mit dem vermeintlichen Lernen aus der Pandemie. Ökologen sehen die Vorzüge der Selbstbeschränkung und Entschleunigung bewiesen, weil exzessives Herumreisen das Virus verbreitet; sie waren aber bekanntlich schon vor, aus Klimagründen, gegen das exzessive Herumreisen. Ökologieskeptiker finden, dass Wachstum jetzt unbedingt Vorrang vor Umweltschutz haben müsse, um die ökonomischen Lockdown-Schäden zu beheben – als ob sie jemals Vorrang für den Umweltschutz gefordert hätten. Die Europäische Kommission will gegen Corona mehr Europäisierung, also das, was sie immer will. Brexiteers erkennen im europäischen Impfversagen die endgültige Rechtfertigung für den britischen Austritt aus der EU, an dem sie auch davor nicht gezweifelt haben. Chinafeinde haben dank der Ausbrütung der Seuche auf chinesischen Tiermärkten einen frischen Grund zur Chinafeindschaft, die seit Jahren ihr Weltbild beherrscht. Asienfreunde stellen mit Genugtuung fest, dass Corona die Machtverschiebung nach Fernost beschleunigt, über die sie bereits Dutzende von Leitartikeln verfasst haben. Und ist uns nicht auch vor der homeofficegetriebenen Karriere des virtuellen Meetings schon einmal zu Ohren gekommen, dass der Digitalisierung die Zukunft gehört?

 

Alle diese Analysen mögen jeweils falsch oder richtig sein; einige werden sich gewiss bestätigen. Nur kann man schwerlich so tun, als seien sie das Produkt von Überraschung, Neugier und Lernbereitschaft. Sie sind vielmehr Ausdruck fröhlicher Rechthaberei. Das gilt übrigens, was nicht verheimlicht werden soll, auch für diesen Artikel. Seinen Verfasser hat ebenfalls keineswegs erst die Corona-Debatte auf die Idee gebracht, dass der Mensch ideologisch träge ist und sich im Kopf gemeinhin nicht viel Aufregendes tut, wenn Wendepunkte, Neuaufbrüche und Paradigmenwechsel verkündet werden. Den Verdacht hegte er vielmehr schon lange, und auch ihm liefert die Pandemiediskussion bloß das willkommene Belegmaterial.

 

Gut möglich, dass dieser Rückfall in ausgefahrene Denkbahnen nicht unsere spezielle Schwäche, sondern vollkommen normal, womöglich sogar unvermeidlich ist. Es gibt zahlreiche historische Beispiele für den Reflex. Wenn in früheren Seuchenzeiten die damaligen Vordenker und Sinndeuter, also die Prediger auf der Kanzel und auf dem Marktplatz, ihre Katastropheninterpretationen vorlegten, waren sie auch nicht sonderlich originell. Unzucht und Völlerei, hieß es dann, allgemeiner Sittenverfall und mangelnde Frömmigkeit hätten den Zorn Gottes heraufbeschworen und die pestilenzialische Heimsuchung verschuldet. Genau diese Sünden hatte die Priesterschaft aber natürlich bereits vorher ausgiebig angeprangert; nur dass keiner auf sie hören wollte. Jetzt, in der Stunde der Not, witterte die Geistlichkeit die Chance, mit der bislang vergebens geschwungenen Bußkeule endlich einen Volltreffer zu landen.

 

Wahrscheinlich ist es einfach zu viel verlangt, ausgerechnet im dramatischen, zugespitzten Ausnahmezustand frische Ideen zu erwarten. Wenn das Gebälk des Lebens kracht, hat man schlicht die innere Freiheit nicht, sich richtig kühne Gedanken zu machen. Die akute Krise ist der passende Augenblick, um sich an Einsichten zu erinnern, die vielleicht noch nicht umgesetzt, aber im Prinzip längst akzeptiert sind; das Vorantreiben der Digitalisierung ist ein typisches Beispiel. Um auf das wirklich Neue zu kommen, braucht man dagegen – Ruhe.

 

Jan Ross

 (Quelle: DIE ZEIT Nr. 7, 11. Februar 2021, S. 5)

Impuls vom 27.02.2021, "Auferstehung im Leben"

2. Sonntag in der Fastenzeit Lesejahr B (Mk 9,2-10)

[…] und sie fragten einander, was das sei: von den Toten auferstehen (Mk 9,10).

Ich kann die Ratlosigkeit der Jünger verstehen. Die Frage nach der Auferstehung der Toten, die wir heute wahrscheinlich meistens zu schnell und zu kurz beantworten, brachte die Jünger Jesu zum Grübeln.

Zwar glaubten die Pharisäer sowie die Jesusbewegung jener Zeit an eine Art Auferstehung der Toten, was allein die Gerechtigkeit Gottes gebot. Da Gott ein Gott der Gerechtigkeit ist, der keinen Toten und das ihm widerfahrene Leid vergisst, musste den vielen, denen im Diesseits keine Gerechtigkeit widerfuhr, im Jenseits Gerechtigkeit verschafft werden. Ähnlich in den Anfängen der Kirche: Da sich die Gerechtigkeit Gottes nicht durchsetze und Menschen für ihren Glauben starben, so musste es doch die Hoffnung geben, dass für sie zumindest der Himmel offensteht.

Demgegenüber gab es auch jüdische Gruppen, die Zweifel an einer Auferstehung der Toten hatten. Wir kennen alle die Textstelle in diesem Evangelium (Mk 12,18-27), in der die Sadduzäer versuchten, die Auferstehung aufgrund von mythologischen Widersprüchen zu widerlegen. Da fragten sie Jesus, wie es denn im Himmel geregelt sei, wenn eine Frau mehrmals kinderlos Witwe wird und deshalb nach dem Gesetz der Schwagerehe den Bruder des verstorbenen Ehemannes heiraten muss, mit wem sie denn dann im Himmel verheiratet ist? Im Fallspeispiel der Sadduzäer heiratet die Witwe übrigens sieben Brüder nacheinander.

Jesus stellt den Sadduzäern ihren Irrtum dadurch dar, dass er zum einen erklärte, dass die Menschen im Himmel zu Engeln Gottes werden, die den patriarchalen Gesetzen der Ehe dann nicht mehr unterworfen sind. Zum anderen betonte er, dass Gott ein Gott der Lebenden ist, nicht der Toten.

Und hier wird es für uns spannend. Unabhängig von dem Leben nach dem Tod und wie dieses wohl aussehen mag, ist Gott zuallererst ein Gott der Lebenden.

Das wird dadurch deutlich, dass Gott eben nicht abwartet, um am Ende der Welt nur Gericht zu sprechen, sondern durch Jesus in diese Welt kommt und die Hungernden und Kranken an die Kraft Gottes erinnert.

In Jesus wird spürbar und sichtbar, dass Gott bei den lebenden Menschen sein will.

Und auch für die Jüngerinnen und Jünger und den Evangelisten, der diese Textstelle beschreibt, ist die Botschaft der Auferstehung nicht etwas für das Jenseits, sondern für das Hier und Jetzt.

Hier sei kurz auf das Osterfest vorgegriffen: Die Erfahrung der Jüngerinnen und Jünger, dass Gott lebt, er ein Gott der Lebenden ist, hat sie eben nicht in eine abwartende Stellung bis zum eigenen Tod oder bis zur Wiederkehr Christi geführt, sondern diese Erfahrung hat sie im Gegenteil in diesem Leben lebendiger denn je gemacht. In einer Phase der Resignation und Trauer hat sie die Erfahrung und der Glaube an eine zukünftige Auferstehung in der Gegenwart befreit, das Reich Gottes zu verkünden und so zu leben, wie Jesus es gelehrt hat.

„Von der Auferstehung zu reden heißt, Auferstehung zu praktizieren, denn Gott ist ein Gott der Lebenden.“ (Schottroff, 2002, Seite 17)

Der Auferstehungsglaube, den uns die Evangelien mit Jesus verkündigen, ist kein Auferstehungsglaube, der vertröstet und narkotisiert. Jesus spricht nicht von einem Gott, der erst nach dem Tod mächtig wird und Opfern Mitleid erweist.

Nein, in den Evangelien geht es immer um das Gegenmodell der Vertröstung. Beispielsweise zeigt uns die Heilung und Aufrichtung der „verkrümmten Frau“ im Lukasevangelium (Lk 13,10-17), dass Gottes Kraft bereits jetzt aufrichten will.

Es sind die vielen Auferstehungserfahrungen jener Menschen in den Evangelien, die uns lehren, dass besonders das Neue Testament Auferstehung auch als eine gegenwärtige Erfahrung des Neuwerdens und des Wandels versteht.

Und es sind die Jüngerinnen und Jünger, die durch die Auferstehung Jesu die Zerstörungskraft des Todes als die das Leben bestimmende Macht im Glauben überwunden haben und nun ganz neu leben konnten.

Luise Schottroff, eine evangelische Theologin, die einige Beiträge zur Thematik „Auferstehung im Leben“ verfasst hat, schreibt in diesem Zusammenhang: „Geboren zu werden [wird nun] nicht mehr als Beginn der Sterblichkeit und Vergänglichkeit, sondern als Beginn des Lebens und der Gottesbeziehung verstanden. Auferstehung sollte als Auferstehungspraxis, als Arbeit für das Leben begriffen werden.“ (Schotthoff, 2002, Seite 24).

Was heißt das nun für uns und diese Fastenzeit, in der wir uns ja erstmal auf das Fest der Auferstehung unseres Herrn vorbereiten?

Ich glaube, dieses Evangelium und diese Fastenzeit muss mehr denn je für uns eine Zeit sein, in der wir die vielen Auferstehungen in unserem Leben und unserer Umwelt wahrnehmen und uns auch vorbereiten, diese zu verkünden.

In einem bereits anderthalbjährigen Zeitraum des Verzichts und einem harten Winter-Lockdown konnte ich am letzten Wochenende so viele Menschen beobachten, die beim einbrechenden Frühling aufatmeten, den Weg in die Natur suchten und eine Hoffnung verspürten, dass das Leben auch wieder aufblühen kann. Dieser plötzliche Frühling wirkte auf die Menschen und ließ so manches Gemüht, dass nur noch Corona sah, neu aufblicken und wieder mehr an ein Leben nach dem Unheil glauben. Eine Botschaft, die wir Christen jedes Jahr an Ostern verkünden. Eine Botschaft, die jedes Jahr im Frühling von uns verkündet wird und die ein jedes Lebensjahr mit Höhen und Tiefen begleitet.

Als Christen haben wir die Pflicht, diese Hoffnung niemals zu vergessen und dürfen diesen Glauben in die Welt tragen, auch in den dunkelsten Tagen einer Pandemie.

Das letzte Wochenende war für mich schon ein kleines Zeichen, dass wir mit dieser Botschaft und mit diesem Glauben auch recht haben werden.

In Zeiten des ausfallenden Karnevals sprach vor kurzem ein Pfarrer in Köln davon, dass, sollte es wider Erwarten vor Ostern große Lockerungen geben, er Ostern sofort vorziehen würde, denn dann würde ja genau das eintreten, was an Ostern gefeiert wird: Auferstehung, hier und jetzt.

Und unabhängig von der momentanen Situation der Corona-Pandemie gibt es in unserem Leben so viele Momente der Auferstehung.

Da ist der Arbeitslose, der mir vor Kurzem berichtet hat, wieder einen Job bekommen zu haben. Nun könne er seine Miete doch wieder bezahlen und die Sackgasse, in der er sich befunden hat, ist überwunden.

Da ist der Flüchtling, der vor Krieg und Hunger geflohen ist, der sein Leben auf dem Mittelmeer schon beendet sah und nun mit dem Abitur in der Tasche einen Studienplatz in Deutschland sucht.

Da ist der depressive Mann, der durch die Begegnung mit seiner Verlobten neuen Halt und Stabilität bekam und nun mit der Hochzeit den Schritt in ein neues Leben wagt.

Da ist das Waisenkind, dass nach Zeiten in Heimen endlich wieder eine Familie gefunden hat und familiäre Geborgenheit erfährt.

Da ist der Anruf, der meine Einsamkeit durchbricht und mich erfahren lässt, dass es Menschen gibt, die an mich denken.

Der heutige Sonntag lädt uns ein, uns auf die Suche nach den gegenwärtigen Auferstehungserfahrungen zu machen. Er lädt uns ein, sie achtsam wahrzunehmen und sie mitzunehmen in das Osterfest, das Fest jenes Gottes, der ein Gott der Lebenden ist.

Seien wir also wachsam für die Auferstehung. Auf die jetzigen Auferstehungen und die kommende, die unser Leben schon jetzt verändern will.

Oder mit den Worten von Luise Schottroff: „Es gibt etwas, was uns nicht schlafen lässt. Die Kraft der Auferstehung verändert das Leben.“

Von Stefan Kaiser

 

Literatur: Luise Schottroff, „Es gibt etwas, das uns nicht schlafen lässt. Die Kraft der Auferstehung verändert das Leben.“ In: „Sich dem Leben in die Arme werfen. Auferstehungserfahrungen“, herausgeben von Luzia Sutter Rehmann et. al., Gütersloh 2002, Seite 16-29.

Impuls vom 20.02.2021, "Mehr ist weniger"

Mehr ist weniger

 

In meiner Bäckerei gibt es jeden Morgen über 15 verschiedene Brötchensorten. In der Frischtheke meines Supermarktes finde ich mehrere Regalmeter Käsesorten. Auf dem Wochenmarkt gibt es das ganze Jahr über Obst und Gemüse – mehr Sorten als ich überhaupt kenne. Unsere Kleiderschränke zuhause sind gut gefüllt – der Keller müsste dringend mal wieder entrümpelt werden. Ich vermute mal, nicht nur mir geht das so. Wir haben das Glück, in einem Teil der Welt zu leben, wo die Konsumgüter in Hülle und Fülle an jeder Ecke zu finden sind und unsere Müllverbrennungsanlagen ohne Unterbrechung durchlaufen. Eigentlich verrückt. Manchmal zerreißt mich meine Welt. Ich blende aus, was ich eigentlich sehen sollte: „Viele wissen, dass der gegenwärtige Fortschritt und die bloße Häufung von Gegenständen und Vergnügen nicht ausreichen, um dem menschlichen Herzen Sinn zu verleihen und Freude zu schenken … Die christliche Spiritualität schlägt ein anderes Verständnis von Lebensqualität vor und ermutigt zu einem prophetischen und kontemplativen Lebensstil, der fähig ist, sich zutiefst zu freuen, ohne auf Konsum versessen zu sein!“ (LS 209,222)

 

Papst Franziskus hat uns in seiner Umweltenzyklika Laudato Si‘ deutlich die Augen geöffnet. Was er dort bereits vor 5 Jahren aufgeschrieben hat, wissen wir eigentlich alle, zumindest spüren wir es. Die Fülle der Konsumgüter kann unseren Hunger nach Leben nicht stillen. Die 15 verschiedenen Brötchensorten machen uns nicht satt. Der gut gefüllte Kleiderschrank und der volle Keller sind nicht das Leben in Fülle, das uns Jesus Christus versprochen hat. Aber was ist zu tun, wenn wir „in der ständigen Hast“ und im „ständigen Lärm der fortdauernden und begierigen Zerstreuung oder im Kult der äußeren Erscheinung“ (LS 225) nicht das Glück unseres Lebens finden. Nicht die Zufriedenheit im Alltag – nicht den Sinn des Lebens?

 

Es ist kein Wunder, dass der Ordensmann Franziskus uns Enthaltsamkeit und Verzicht ans Herz legt. Aber er redet nicht vom bloßen Konsumverzicht – sondern von einer Haltung, die im innersten unseres Herzens beginnt. Dass wir in unserer hochtechnisierten Welt, in der der digitale Fortschritt den Takt angibt, wieder mehr auf unseren eigenen Herzschlag hören. Dass wir spüren, was uns und unseren Mitmenschen wirklich weiterhelfen und guttun würde. Es ist ein mehr an Mystik und Spiritualität, was uns wieder den nötigen Halt geben kann. „Während das Herz des Menschen immer leerer wird, braucht es immer nötiger Dinge, die er kaufen, besitzen und konsumieren kann!“ (LS 204), schreibt der Papst in seiner Enzyklika. Es braucht also einen neuen Geist, der in uns wieder lebendig wird. Der uns hilft, die Dinge in unserem Leben wieder in den Vordergrund zu rücken, die wichtig sind. Werte, die man eben nicht kaufen kann. Ich glaube, es ist richtig, wenn Papst Franziskus die tieferen Wurzeln unserer ökologischen und sozialen Krise im Fehler einer Ethik sieht. Eine Ethik, die unserem wirtschaftlichen und technologischen Handeln die Grenzen aufzeigt – und unser menschlich-solidarisches Handeln grenzenlos werden lässt in dem Geist Jesu: „Was ihr dem Geringsten meiner Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr mir getan!“ (Mt 25,45)

 

Petra Dierkes

 

(in: Pastoralblatt für die Diözesen Aachen, Berlin, Hildesheim, Köln und Osnabrück; Juni 6/2020, 72. Jahrgang; S. 162)

Impuls vom 13.02.2021, "Aussatz"

Impuls 6. Sonntag im Jahreskreis B (Mk 1,40-45)

Die Berichte über Jesus und die Heilung von Aussätzigen wirken oft wie archaische Erzählungen aus einer fernen Vergangenheit.

Aussatz, oft fälschlicher Weise ausschließlich mit Lepra in Verbindung gebracht, scheint heute für viele Menschen kein Thema mehr zu sein. Warum auch, denn das RKI hat 2019 ganze zwei Lepraerkrankungen in Deutschland festgestellt. Und da Lepra nicht so infektiös ist, wie viele glauben, ging von den Infizierten auch keine Gefahr aus.

Die biblischen Berichte, wie mit Aussätzigen zu verfahren sei, wirken auf uns heute wie Relikte längst vergangener Tage, zumal man heute bei Infektionskrankheiten eher den Arzt aufsuchen würde als den Priester.

Trotzdem denke ich, dass die biblischen Erzählungen der Zuwendung Jesu zu Aussätzigen, wobei der diffuse biblische Begriff Aussatz verschiedene Auffälligkeiten erfasst, die weder infektiös noch krankhaft sein mussten, heutzutage und besonders in der Corona-Pandemie aktueller denn je sind.

Die Corona-Pandemie zeigt uns nämlich, dass das Übel, welches wir biblisch als Aussatz bezeichnen und dem sich Jesus widmet, heute ganz aktuell ist. Wie viele Covid-19-Infizierte fühlen sich heute als aussätzig? Sie leiden nicht nur unter den akuten Symptomen, sondern empfinden oft auch Scham, haben Angst, nun gemieden zu werden, und bekommen oft Schuldzuweisungen für ihre Infektion. Oftmals ist die erste Frage an einen Infizierten nicht „wie geht es dir?“, sondern „wo hast du dich rumgetrieben?“, „warum hast du nicht aufgepasst?“ Schon das Wissen, dass jemand zum Corona-Test geht, veranlasst so manchen Vermieter in Mehrfamilienhäusern einen Brief zu schreiben, in dem er den Betroffenen bittet, ab nun nicht mehr den Fahrstuhl zu benutzen und im Treppenhaus seinen Gang lautstark anzukündigen. Infektionstechnisch richtig, emotional für den Betroffenen jedoch schmerzhaft.

Zu Beginn der Pandemie gab es viele rassistische Übergriffe gegen asiatisch stämmige Mitbürgerinnen und Mitbürger. Nur weil sie asiatisch aussahen, wurden sie gemieden und bezichtigt, das Virus hier einzuschleppen – auch wenn sie nachweislich seit Jahren nicht mehr in ihrem Geburtsland waren. Eine große Kampagne entstand, bei der unsere asiatisch-stämmigen Mitmenschen ihr Gesicht mit dem Slogan „Ich bin kein Virus“ zeigten.

Und es ist auch nicht allzu lange her, dass Menschen aus dem Kreis Gütersloh wie Aussätzige behandelt und ihre Autos zerkratzt wurden.

Die Corona-Pandemie wird auch in Zukunft so manche Fragen hinsichtlich „Aussatz“ an uns stellen. Schon heute wird darüber diskutiert, wie unser gesellschaftliches Leben aussehen soll, wenn ein Teil der Menschen geimpft ist. Dürfen dann nur Geimpfte am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und die „Nichtgeimpften“ werden von jeglichem Sozialkontakt ausgesperrt? Nach dieser Logik übrigens sollten wir dann unsere Kinder- und Jugendlichen noch eine lange Zeit von jeglichem gesellschaftlichen Leben ausgrenzen, denn für unter Achtzehnjährige gibt es ja bekanntlich momentan noch keinen Impfstoff.

Und darüber hinaus: Wie schotten wir uns von den Ländern und Menschen ab, die noch keinen Zugang zu Impfungen haben? Werden wir jedem Menschen mit farbiger Haut mit Zurückhaltung begegnen, weil er von einem Kontinent stammen könnte, der sich finanziell noch keine umfassende Impfstrategie leisten kann?

Man merkt, das Thema Aussatz erhält neue Brisanz.

Auch unabhängig von einer Pandemie ist Aussatz ein Übel unserer heutigen Gesellschaft und der Welt. Noch heute gibt es weltweit Menschen, die auf Grundlage ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe oder aber auch aufgrund ihres Milieus gemieden und wie Aussätzige behandelt werden.

Selbst in der Kirche werden manche Menschen immer noch wie Aussätzige behandelt – wiederverheiratete Geschiedene oder Homosexuelle beispielsweise.

Und so bekommt das Handeln Jesu und die Heilung eines Aussätzigen für unsere heutige Gesellschaft enorme Bedeutung.

Die Reinheitsvorschriften in der Tora hatten den Zweck, Infektionskrankheiten nach dem damaligen Stand des Wissens einzudämmen. Die Vorschiften sollen helfen, den Ernst der Lage zu erkennen und diese beherrschbar zu machen. Was die Vorschriften nicht fördern wollten: Spaltung und andauernde Isolation. Bei all dem Schutz der Mitmenschen enden die Vorschriften immer mit der Reintegration in die Gemeinschaft. Und die Vorschriften in der Tora unterscheiden zwischen der Krankheit und dem Menschen, sie verdammen nicht und sprechen auch nicht von Magie, wenn man wieder gesund wird.

Und hier setzt das Wirken Jesu an. Jesu Handeln an Aussätzigen soll uns zwischen der Krankheit und dem Menschen unterscheiden lehren. Jesus fängt nicht mit einer Anamnese an und fragt erst einmal: Wo hast du dich infiziert? Wie lange bist du schon krank? Welche Symptome hast du? Auch glaubt Jesus nicht an so etwas wie: Welche Schuld hast du dich aufgeladen, dass du krank geworden bist? Krankheit als Strafe Gottes steht dem Gott, den Jesus verkündet, diametral entgegen. Nein, Jesus hatte einfach Mitleid mit dem Menschen und will helfen.

Er durchbricht die Kategorie Rein und Unrein, wenn es um den Menschen geht. Er unterscheidet nicht zwischen krank und gesund, er will allen Menschen begegnen.

Besonders in diesen Pandemiezeiten, in denen die Gesundheit als höchstes Gut verkauft wird, will uns Jesus lehren, dass Krankheit und Makel keine Defizite an Würde bedeuten dürfen.

Lebenswert ist für diesen Gott, den Jesus verkündet, jedes Leben, in Krankheit und Gesundheit, mit und ohne Behinderung, so wie er uns auch verspricht, uns zu begleiten in Gesundheit und Krankheit.

Jesus durchbricht, egal ob es um Gesundheit und Krankheit oder um arm oder reich, Jude oder Griechisch, Mann oder Frau, Sklave oder Freier, König oder Bauer geht, jegliches „Schwarz-Weiß-Denken“.

Der Anfang allen Übels und Aussatzes ist es, Grenzen aufzubauen und von dem „Anderen“, dem „Abweichenden“ zu reden.

Wohin es führt, wenn ganze Gruppen von Menschen heute als „die Anderen“ bezeichnet und ausgegrenzt werden, sehen wir täglich: sei es bei den Rohingya in Myanmar, sei es der wieder aufkommende Antisemitismus in Deutschland, seien es die Uiguren in China, sei es, wenn Ex-Präsident Trump alle Flüchtlinge aus muslimischen Ländern Terroristen nennt, sei es die unbarmherzige Ausgrenzung von Flüchtlingen in Bosnien, sei es die Gleichsetzung oppositioneller Regierungskritiker mit westlich gesteuerten Terroristen in Belarus oder sei es eben, wie mir ein Obdachloser vor Kurzem berichtet hat, dass Menschen nun einen noch größeren Bogen um ihn machen, weil vermutet wird, dass, wenn man obdachlos ist und keine saubere Kleidung besitzt, man auch automatisch Corona hätte. Die Liste könnte im Großen und Kleinen weitergeführt werden.

 

Somit möchte uns das heutige Evangelium sagen: Wir leben mit Infektionskrankheiten, die gemeinsam bekämpft werden müssen, aber dabei dürfen wir den sozialen Zusammenhalt und vor allem den gegenseitigen Respekt nicht vernachlässigen. So, wie Gott sich mit „den Anderen“, „den Ausgegrenzten“ solidarisierte, um die Gräben zu überbrücken, dürfen wir als Christen zu Pandemiezeiten nicht in ein „Schwarz-Weiß-Denken“ verfallen.

Wir haben die Aufgabe, diese Welt zusammenzuhalten und die Würde eines jeden Menschen zu verteidigen, unabhängig vom momentanen Gesundheitszustand.

 

Von Stefan Kaiser

Impuls vom 06.02.2021, "Dein Wille geschehe"

DEIN WILLE GESCHEHE!

Sehr gut erinnere ich mich an folgende mehr als zwanzig Jahre zurückliegende Begebenheit etwa ein Jahr nach meiner Priesterweihe. Eine Ordensschwester kam zu mir und berichtete über eine erfolgreich verlaufene Operation: ‚Herr Pastor, unser Beten hat geholfen. Das Ergebnis ist gutartig. Sehen Sie, das Beten nutzt doch.‘ „Schwester, wäre unser Beten denn umsonst gewesen, wenn das Ergebnis anders ausgefallen wäre? Ist unser Beten nur gut und sinnvoll und berechtigt und richtig, wenn wir sichtbare Früchte erkennen können, die natürlich auch unseren Vorstellungen entsprechen müssen?!“

Ja, was soll das Beten? Wem oder wozu kann und will Beten dienen? Wie geht Beten eigentlich? Uralte und zugleich bis heute aktuelle Fragen, denen ich im Gespräch mit Kranken und Gesunden, mit jüngeren und älteren Menschen immer wieder begegne. Eine mögliche, vielleicht sogar die einzig wirklich tragende Antwort finde ich an verschiedenen Stellen in der Bibel, wenn Jesus selbst sich an einen einsamen Ort zum Beten zurückzieht! Mehrfach berichtet die Heilige Schrift, dass Jesus sich zum stillen Gebet und zum Austausch mit seinem himmlischen Vater zurückzieht – häufig sogar zum Ärgernis für die Menschen in seiner Umgebung, die für diesen Rückzug in die Stille oft nur ein verständnisloses Kopfschütteln übrighaben. ‚Alle suchen dich‘ hören wir Jesu Begleiter im heutigen Sonntagsevangelium zu Christus sagen, als sie ihn endlich gefunden hatten: ‚Alle suchen dich. Und du ziehst dich zurück, obwohl die ganze Stadt vor der Haustür versammelt ist.‘ Wir kennen solche Sprüche und Kommentare bis heute: ‚Warum soll ich in die Kirche rennen und beten? Zu Hause kann ich doch viel besser Gutes tun. Was soll ich da die Zeit verplempern? Wenn all die Menschen, die ständig in die Kirche gehen, die Zeit sinnvoller für gute Werke nutzen würden, dann sähe die Welt besser aus. So flüchten sie vor der Arbeit ins Gebet.‘ Wer kennt solche oder ähnliche Vorwürfe nicht – einmal, wenn ich mir solche Dinge vorwerfen lassen muss bzw. auch, wenn ich selber entsprechend austeile?!

Wie auch immer: Allen Kritikern und Sprücheklopfern zum Trotz zieht Christus sich häufig zum Beten in Stille und Einsamkeit zurück. Stets aufs Neue richtet er sein Leben aus an dem Willen seines göttlichen Vaters im Himmel! Und genau das ist der springende Punkt: Immer und immer wieder geht es Christus darum, im Gebet den Willen des Vaters zu erkennen, den er dann im Zusammenleben mit den Menschen in konkreten Liebeswerken umsetzt. So ermöglicht dieses Gebet zum Vater Christus immer wieder neu innere und äußere Freiheit und Gelassenheit, sich nicht durch Erwartungen und Gerede der Menschen beeinflussen, aufhalten oder gar beirren zu lassen!

Was hat das mit unserem persönlichen Gebetsleben zu tun? Ganz viel! Wir können gut und viel vom Vorbild Jesu lernen und auf unser Leben übertragen. Sein Gebetsleben kann und will für uns alle Richtschnur und Kompass sein  – und zwar in verschiedener Hinsicht: Jesus betet mal allein in der Stille und auch gemeinsam mit anderen in der Synagoge! Jesus betet regelmäßig und nicht nach Lust und Laune! Jesus betet mit frei formulierten Worten oder auch schweigend genauso wie er sich mit den Worten der alten Psalmen einklinkt in die Tradition seiner jüdischen Wurzeln. Jesu Beten ist Lobpreis und Dank gegenüber Gott zum einen und Hadern und Ringen zum andern > alles zu seiner Zeit! Jesus braucht das Gebet zum Vater und lässt sich durch nichts und niemanden davon abbringen! Für Jesus ist das Gebet eine sehr wichtige bzw. möglicherweise sogar die wichtigste Kraftquelle und Orientierung für sein gesamtes Leben! Jesus stellt nie die Frage nach Sinn und Zweck des Gebetes! Das gehört für ihn zum Leben wie die Luft zum Atmen! Jesus verzweckt sein Gebet nicht: ‚Göttlicher Vater, ich will, dass genau das und das geschieht und eintrifft.‘ Das entspricht nicht dem Beten Jesu. Christus ist so sehr von Gottvertrauen geprägt und getragen, dass er bedingungslos beten kann: DEIN WILLE GESCHEHE! Diese Worte lehrt er seine Jünger und damit auch uns im ‚Vater unser‘.

Und diese Worte betet er sogar im Angesicht seines bevorstehenden Leidens am Ölberg. Natürlich betet und bittet  er nicht um die Leiden der Kreuzigung. Natürlich betet er menschlich: ‚Vater, wenn möglich, lasse diesen Kelch an mir vorübergehen, ABER NICHT MEIN, SONDERN DEIN WILLE GESCHEHE!‘ Mit anderen Worten: Jesus betet nicht um innerweltliche Werte wie Reichtum, Gesundheit, Erfolg. Er weiß, dass es mehr gibt, als wir uns auf dieser Welt auch nur erhoffen, erdenken oder erbitten können, weil er an die unfassbare Allmacht seines Vaters glaubt.

Zurück zu der eingangs erwähnten Ordensschwester. Ich habe sie seinerzeit eingeladen und zu ermutigen versucht, in die Gebetsschule Jesu zu gehen und in Orientierung an seinem Vorbild mehr und mehr in seine Gebetspraxis  hineinzuwachsen. Hier und heute wiederhole ich diese Einladung. Vielleicht lockt und reizt es einige LeserInnen, sich darauf einzulassen?!

 Stefan Tausch, Pastor

Impuls vom 30.01.2021, "Bleib gesund! Und wenn nicht?"

Bleib gesund! Und wenn nicht?

 

Fast alle Briefe und Mails, die mich seit Neujahr erreichen, enden mit dem Satz: „Und bitt, bleib gesund!“ Das ist natürlich gut gemeint. Aber mir stößt es dennoch unangenehm auf. Denn mit dem guten Wunsch geht doch letztlich einher, dass kranke Menschen herabgesetzt werden. Wenn Gesundheit die Hauptsache ist, erscheint uns eine Erkrankung als Mangel, als Makel und als Defizit an Würde.

 

Schon schwangeren Frauen wird das Angstbild eingejagt, ihr Kind könne möglicherweise mit einer Behinderung zur Welt kommen. Sind denn nur gesunde Menschen lebenswert? Haben wir derartig monströse Gedanken nicht mit der letzten Diktatur überwunden? Auch die Bilder von fröhlichen und dankbaren Erstgeimpften im hochbetagten Alter hinterlassen einen faden Beigeschmack. Dass dann sogar Predigten gehalten wurden, die das Licht aus Betlehem mit den ersten Impfungen verglichen, ist mehr als bedenklich. Nicht dass ich falsch verstanden werde: Gott gebe, dass diese Pandemie auch durch erfolgreiche Impfungen ausgemerzt wird! Aber die Erkrankung selbst, die immer ein Widerfahrnis bleibt und deren Ursache jenseits von menschlicher Schuld beziehungsweise göttlicher Strafe zu suchen ist, durch eine derartige Überhöhung der Gesundheit in ein dunkles Licht zu tauchen, schadet einer Gesellschafft dauerhaft mehr als ein Virus.

 

Gesunde Gesellschaften würden Gesundheit und Krankheit, wie es Dietrich Bonhoeffer gedichtet hat, aus Gottes Hand getrost entgegennehmen: „Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus deiner guten und geliebten Hand.“ Ich wünsche mir Verantwortliche, die zu Beginn des Jahres 2021 nicht den Wunsch nach Gesundheit, sondern den Segen der Sternsinger als Wunsch unter alle Reden, Mails und Briefe schreiben: Christus segne Dein Zuhause im neuen Jahr 2021 (20*C+M+B*21). In Gesundheit und Krankheit gleichermaßen Gottes Trost zu erfahren, ist die menschenwürdigste Art des (Über-)Lebens.

 

Felix Evers

(Quelle: CHRIST IN DER GEGENWART Nr. 2/2021, S. 7)

Impuls vom 23.01.2021, "Freiheit ist nahe"

Impuls vom 23.01.2021 (Mt. 1,14-20)

„Das Reich Gottes ist nahe.“ (Mk 1,15) Im Kontext der ersten Jünger-Berufungen möchte ich diese Aussage einmal umformulieren: Die Freiheit ist nahe!

Wie komme ich darauf, diese Jünger-Berufungen so zu betiteln? Nun ja, mir war immer unklar, wie man so schnell – Markus sagt ja „sogleich“ – einfach alles stehen und liegen lassen kann. Wieso lässt man „sogleich“ alles hinter sich? Wie konnte dieser Jesus von Nazareth so eine Ausstrahlung haben, dass Menschen so reagierten?

Unabhängig davon, dass ein Evangelium natürlich nicht nur ein theologischer, sondern auch ein literarischer Text ist und die Jünger historisch bestimmt mal gezweifelt oder sich ein wenig Zeit erbeten haben, können wir jedoch historisch belegen, dass sie trotz allem „ja“ sagten. Die Jünger folgten dem Ruf Jesu. Aber warum? Und warum „sogleich“ oder zumindest so radikal nach dem Prozess der Entscheidung?

Hier kommt meiner Meinung nach die Freiheit ins Spiel.

Ich glaube nämlich, dass Jesu Ruf zum Reich Gottes die Freiheit des Menschseins verheißt. Was meine ich damit?

Damals wie heute werden Menschen oft als Produkt ihres sozialen Milieus angesehen und wesentlich darüber bestimmt, was sie beruflich machen, also über die Art, wie sie Geld verdienen. Und zurzeit Jesu hat das auch oft Sinn gemacht, da die Arbeitszeit 14 Stunden und mehr gedauert hat und dann nicht mehr viel vom „Leben“ übrigblieb. Und so hatte auch die deutsche Sprache recht, wenn sie vor 60 oder 80 Jahren aufgrund vergleichbarer Arbeitszeiten noch glaubte, Menschen einfach nach ihrem Beruf benennen zu können: Das ist der Bäcker, das ist die Bürokauffrau, das ist der Friseur, das ist die Verkäuferin, das ist der Priester.

Aber sind diese Menschen nicht viel mehr als ihr Beruf? Mein menschliches Leben ist doch mehr als das, womit ich mein Brot verdiene. Ein Mensch lebt nicht von dem, was er erarbeitet, sondern von der Wahrheit, die in ihm ist und zu der er berufen ist.

Eine zweite Schublade, in die wir andere Menschen oft stecken, ist die der biologischen Abstammung. Oft sehen wir Kinder als Produkt der Erbanlagen der Eltern. In der nordischen Sprache wird dies manifestiert, wenn beispielsweise solche Namen auftauchen: Svensson, Gunnarsson, also die Söhne von Sven und Gunnar. Wie lange war es in der Menschheitsgeschichte undenkbar, dass ein Sohn oder eine Tochter eines Bauern oder eines Schneiders einen ganz anderen Weg als die Eltern einschlagen konnten, gar einen Weg, der in ganz andere Milieus führte. Wie oft blieb man der Sohn oder die Tochter des Bäckers – ein Leben lang.

Aber den entscheidenden Schritt machen Kinder ja oftmals erst dann, wenn sie ihre eigenen Wege gehen und aus der Nachfolge der Eltern heraustreten und sich selbst erfinden.

Oder anders gesagt: Wir sind nicht nur dazu berufen, Kinder von Menschen zu sein, sondern auch Kinder Gottes. Und das meint, frei und ganz Mensch zu werden.

Simon und Andreas, Jakobus und Johannes bekommen durch Jesus ein Angebot, dass zur damaligen Zeit unerhört war, was auch in Teilen der 2. und 3. Welt heute noch unmöglich ist: Sie werden eingeladen, ihrer Berufung zu folgen.

Eigentlich war es das normalste der Welt, dass diese vier den Beruf ihrer Eltern weiterführen, dass sie Geld verdienen und in ihrem Milieu verbleiben.

All das mit rund 14 – 16 Stunden Arbeit am Tag, ähnlich wie es heute Menschen in Fabriken in Indien ergeht, in denen unsere Kleidung hergestellt wird. Da wird nur gefragt: Wer ist Näherin, wer ist Aufseherin. Da wird nur funktioniert. Da lebt man je nach Arbeit in seinem Milieu bzw. seinem Stadtteil, aus dem man nicht herauskommt. Da wird kein kleines Mädchen gefragt: Und was willst du später mal sein? Was ist deine Berufung?

Wenn wir das Reich Gottes als „nahe“ bezeichnen oder ausrufen, muss das Freiheit bedeuten. Es muss die Freiheit bedeuten, seine Berufung leben zu können. Vielleicht war das das Charismatische und Ansprechende an diesem Jesus: Er lebte seine Berufung voll und ganz. Man nahm ihm seine Begeisterung für seine Aufgabe, für seine Vision vom Menschsein voll und ganz ab.

Jesus eröffnet diesen vier Männern im heutigen Evangelium eine neue Zukunft. Er bietet die Freiheit, aufzubrechen und etwas anderes zu tun, als was die Zwänge ihnen von außen auferlegen. Jesus bietet ihnen die Chance, etwas zu tun, was sie berührt.

Vielleicht haben auch einige, die Jesus rief, nicht geantwortet, da der Weg mit Jesus als Wanderprediger nicht ihre Berufung war. Vielleicht warten diese noch immer auf die je eigene Berufung, um aus den Zwängen auszubrechen und Mensch zu werden.

Freiheit heißt, der Vergangenheit keine Macht mehr über sich zu geben, sondern voll uns ganz in die Zukunft aufzubrechen.

Zur Freiheit sind wir berufen, zum Gestalten des Reiches Gottes, dass wir dann mitgestalten, wenn wir Menschen unser Menschsein einfach leben und auch das Menschsein anderer ermöglichen.

„Das Reich Gottes ist nahe“ bedeutet, mein Menschsein an der Seite Jesu zu leben.

Eigentlich ist es, begeistert vom heutigen Evangelium, also ganz einfach am Reich Gottes mitzuwirken: Wir müssen als Menschen und Gesellschaft einfach dafür sorgen, dass ein jeder Mensch unabhängig vom Elternhaus, seiner Arbeit, seines Vermögens, seines Milieus oder seiner Heimat die Freiheit bekommt, sein Menschsein und seine Berufung für sich und diese Welt zu leben.

Leider scheitert bereits ein reiches Land wie Deutschland mit seinem Schulsystem oftmals daran, allen Kindern die gleichen Chancen zu ermöglichen. Und leider scheitert bereits die Europäische Union daran, wenn man sieht, wie wir mit Flüchtlingen in Bosnien umgehen, die nie eine faire Chance bekommen werden, frei zu sein.

Aber, und das sagt dieses Evangelium auch, es wird nie zu spät sein, auf den je eigenen Ruf zu antworten und neu Mensch zu werden.

Und so wünsche ich jedem von uns wahres Menschsein, die Erfahrung von Momenten, in denen Sie als der Mensch gesehen werden, der Sie sind. Und ich wünsche Ihnen Momente, in denen Sie anderen Menschen zeigen können, dass Sie sie als individuellen Menschen sehen. Dann können wir am Reich Gottes mitwirken.

 

Stefan Kaiser

Impuls vom 16.01.2021, "Menschen auf der Suche: Kommt und seht!"

Menschen auf der Suche: Kommt und seht!

Am Tag darauf stand Johannes wieder dort und zwei seiner Jünger standen bei ihm. Als Jesus vorüberging, richtete Johannes seinen Blick auf ihn und sagte: Seht, das Lamm Gottes! Die beiden Jünger hörten, was er sagte, und folgten Jesus. Jesus aber wandte sich um, und als er sah, dass sie ihm folgten, sagte er zu ihnen: Was sucht ihr? Sie sagten zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister – , wo wohnst du? Er sagte zu ihnen: Kommt und seht! (Joh 1,35-39a)

Ein klassisches Evangelium MIT und FÜR Menschen auf der Suche haben wir da gerade gehört – richtig passend also auch für uns im Katholischen Forum! Zwei Menschen ergreifen die Initiative und gehen aufgrund der Empfehlung durch den Täufer Johannes auf Jesus zu. Interessiert und neugierig scheint es die beiden Menschen auf der Suche zu locken und zu reizen, sich Jesus anzuschließen und ihm nachzufolgen.

Einer (!) wird mit Namen genannt: Andreas. Wer der zweite Jünger ist, bleibt letzten Endes offen, weil der Name nicht genannt wird. Mit anderen Worten: Wir alle dürfen uns je persönlich angesprochen fühlen und in das Geschehen einklinken. So dürfen wir uns vertrauensvoll auf eine Begegnung mit Jesus einlassen.

Und der nimmt die beiden wahr. Jesus sieht sie an und zeigt echtes Interesse an ihnen. So kommt Jesus im Johannesevangelium an dieser Stelle erstmals zu Wort und stellt den beiden eine zunächst lapidar klingende Frage, die sich vom griechischen Urtext her in mehreren Varianten übersetzen und deuten lässt: WAS sucht ihr? WEN sucht ihr? Was WOLLT ihr? Mit diesen programmatischen Signalworten setzt Jesus direkt einen markanten Akzent: Er stellt nicht sich selbst in den Mittelpunkt, sondern die Suchenden!

Umso erstaunlicher, dass sie die Frage nicht beantworten, sondern stattdessen mit einer Gegenfrage reagieren, die sich vom griechischen Urtext her in der deutschen Sprache ebenfalls unterschiedlich wiedergeben lässt: Wo wohnst du? Wo ist deine Bleibe? ‚Wo ist deine Bleibe?‘ das meint mehr als die Frage nach dem konkreten Wohnort mit Straßenangabe und Postleitzahl. ‚Wo ist deine Bleibe?‘ – diese Frage reicht tiefer. Sie erkundigt sich nach der persönlichen Verwurzelung, nach der eigenen Lebenskraft, nach der wirklichen Heimat über äußere Aufenthaltsorte hinaus, nach der tiefen Lebensquelle. Und in der Antwort auf diese Frage, in der Begegnung mit Jesus erhoffen sie auch für sich eine Bleibe, wo sie Wurzeln schlagen und ihren Lebenssinn finden können. All das schwingt für mich mit, wenn die Beiden Jesus nach seiner Bleibe fragen und dieser sie offenherzig und einlädt: ‚Kommt und seht!‘

Kehren wir zurück zu der bzw. zu den Ausgangsfragen Jesu: WAS sucht ihr? WEN sucht ihr? Was WOLLT ihr? Diese Frage, diesen Fragen zu leben und auszuhalten bedeutet, keinen meiner Lebensbereiche auszusparen. Wen oder was suche bzw. was will ich in der Familie, privat, beruflich, im Freundes- und Bekanntenkreis, in der Kirche, im Katholischen Forum, in der Nachbarschaft, im Leben? Es lohnt, dieser Suche, diesem Wollen mit großer Achtsamkeit und wacher Sensibilität offen und ehrlich in Ruhe nachzugehen. Mitunter braucht es wohl auch Mut und Abenteuerlust, beim Fragen mit Entdeckerfreude manche Grenzen zu überschreiten und sich auf Überraschungen einzulassen.

WAS sucht ihr? WEN sucht ihr? Was WOLLT ihr? Diese Fragen Jesu zu leben bedeutet, offen zu bleiben und innere wie äußere Unruhe auszuhalten. Ja, vielleicht ist das Wichtigste an diesen Fragen sogar das Satzzeichen, das Fragezeichen??? Will sagen: Vielleicht besteht die größte Herausforderung dahin, sich von Jesus anfragen bzw. sogar hinterfragen zu lassen und am Ende eben tatsächlich seine Fragen offen zu lassen und unbeantwortet auszuhalten – hier und jetzt oder sogar weit über den heutigen Gottesdienst, den heutigen Tag hinaus – vielleicht sogar über sehr lange Zeit. Mich erinnert das an Rainer Maria Rilke, der einem jungen Dichter, der ihn mit vielen Fragen bedrängte, einmal antwortete: ‚Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antworten hinein.‘

Wie auch immer! So oder so gelten die von Jesus damals an Andreas und auch den nicht mit Namen Genannten bzw. heute an uns gerichteten Fragen, wobei es mir sinnvoll und wichtig erscheint, in dem Zusammenhang keinen Lebensbereich auszusparen: WAS sucht ihr? WEN sucht ihr? Was WOLLT ihr?

Stefan Tausch, Pastor

Impuls vom 09.01.2021 "Taufe des Herrn"

„Lasst uns erst einmal die Berufung der Taufe leben, dann haben wir schon mehr als ein Leben lang genug zu tun!“ (Madeleine Delbrêl)

 „Du wirst nun mit dem heiligen Chrisam gesalbt, denn du bist Glied des Volkes Gottes und gehörst für immer Christus an, der gesalbt ist zum Priester, König und Propheten.“ Niemand oder die Allerwenigsten, falls als Erwachsener und nicht als kleiner Säugling getauft, erinnern sich an diese Salbung mit Chrisam, die allen ChristInnen bei ihrer Taufe zu Teil wurde. „Du gehörst für immer Christus an.“ – Diese sechs Worte sind so etwas wie eine Kurzfassung des Evangeliums: „Du gehörst für immer Christus an.“

Diese Worte sind frohe Botschaft pur, weil sie eine große Verheißung in sich tragen: „Ich soll und darf ganz zu Christus gehören nicht, weil ich es durch gute Werke und viel Beten verdient habe; nicht, weil ich etwas dafür geleistet habe; nicht, weil ich viele gute Werke getan oder Geld gespendet habe – sondern schlicht und ergreifend, weil Gott es soll will: „Du gehörst für immer Christus an.“ Heute und für immer zu Christus gehören – gratis, kostenlos, einzig aus Gnade: Kann ich das? Will ich das? Was bedeutet das für mein Leben, meinen Alltag mit seinen Höhen und Tiefen? Spannende Fragen, die es in sich haben, wenn ich mich ernsthaft darauf einlasse!

Der Aachener Priester Wilhelm Bruners hat dazu vor vielen Jahren ein starkes Buch geschrieben: Wie Jesus glauben lernte. Allein der Titel ist spannend, hilfreich und menschenfreundlich. Schließlich ist demnach Jesus selbst der Glaube wohl kaum ein für alle Mal locker-flockig in den Schoß gefallen. Wenn er wahrer Mensch und wahrer Gott war – und genau das feiert und bekennt die Kirche alljährlich in der Weihnachtszeit in besonderer Weise –, dann ist er im Laufe seines Lebens mehr und mehr in den Glauben an seinen himmlischen Vater hineingewachsen – vielleicht und möglicherweise mit allen allzu menschlichen  Wachstumsstörungen, wie sie die allermeisten ChristInnen aus eigener Erfahrung kennen. Passend zu dem besagten Zitat von Madeleine Delbrêl: „Lasst uns erst einmal die Berufung der Taufe leben, dann haben wir schon mehr als ein Leben lang genug zu tun!“

Und diese gelebte Taufberufung, dieses Hineinwachsen in die Taufgnade bedeutet erheblich mehr als ein durch die Taufe erlaubtes, ermöglichtes und erforderliches Stopfen von kirchlichen Funktionslöchern, die durch den quantitativen Rückgang des pastoralen Personals entstehen. Beim  Hineinwachsen in die Taufgnade geht es in erster Linie um die gesamte Person, die auf ganz persönliche Weise in die je eigene Christusnachfolge hineinwachsen und diese auf einmalige Weise mit allen möglichen und unmöglichen Rück- und Fortschritten mit Leben füllen kann und darf und soll. Gelebte Taufberufung beinhaltet mehr als das wie auch immer motivierte Ausüben von pastoralen Funktionen! Taufe gilt in erster Linie der Person und nicht der Funktion. Natürlich erwächst aus diesem von Gott geliebt und angenommen sein früher oder später quasi automatisch konkrete praktische Nächstenliebe! Die Reihenfolge aber ist wichtig: Zunächst bin ich von Gott angenommen – bedingungslos! Ich muss und kann mir nicht den Himmel auf Erden durch Aktionismus verdienen. Christsein ist Geschenk! Die Freude und Dankbarkeit über dieses Geschenk können und wollen natürlich zu Reaktionen wie Nächstenliebe und guten Werken fühlen. Insofern geht es für Haupt- und Ehrenamtliche, bei Klerikern und Laien nicht in erster Linie um mein wie auch immer motiviertes Machen und Tun, um mein Engagement und meine Leistung – und wenn ich mich noch so toll und wichtig finde und engagiere. Dreh- und Angelpunkt ist und bleibt Jesus Christus – nichts und niemand sonst! Seine Liebe und sein Geist sind Motor und Ansporn – nichts und niemand sonst!

Passend dazu schreibt die französische Mystikerin Madeleine Delbrêl: „Das Wichtigste für das Heil der Welt ist es, viel zu lieben – im Leben und auch im Sterben. Aber machen wir uns da nichts vor. Eine solche Liebe hat ihren Preis. … Man muss viel beten, um dahin zu kommen. Gott vertraut das Heil anderer nämlich nicht denen an, die meinen, etwas aus eigener Kraft bewirken zu können, sondern denen, die ihn durch sich wirken lassen. Nicht den ‚Machern‘, denn ihre Aktivität kann immer das unheilvolle Ferment unseres ‚alten Menschen‘ in sich tragen. Sondern denen, die Gott durch sich wirken lassen – die sich wie ein weicher Handschuh der Hand des Heiligen Geistes anschmiegen … Gott in uns: das ist es, was nottut.“

 „Du gehörst für immer Christus an.“ Kann ich diese mir in meiner Taufe geschenkte göttliche Zusage annehmen? Will ich diese Verheißung zulassen und reifen und wachsen lassen? Was bedeutet es mir, durch meine Taufe für immer Christus anzugehören?

Stefan Tausch, Pastor

Impuls vom 02.01.2021 "Und das Wort ist Fleisch geworden"

Impuls „Und das Wort ist Fleisch geworden“ (2. Sonntag in der Weihnachtszeit)

Der Anfang des Johannesevangeliums ist für mich nicht nur eine theologisch-philosophische und abstrakte Abhandlung über das theologische Grundverständnis von Jesus. Nein, für mich kann der Anfang des Johannesevangeliums auch als ganz konkreter Kindheitsbericht Jesu gelten, ähnlich wie die beiden bekannten Berichte von Matthäus und Lukas. Mehr noch kann dieser eher auf dem ersten Blick abstrakte Bericht für mich anschlussfähiger für mein Verständnis von Jesus als dem Christus werden, als die beiden eher plastischen Berichte.

Denn so schön die Bilder der Geburt Jesu von Matthäus und Lukas gemalt sind, so steht man bei der konkreten Beschreibung immer vor der Frage, wie es denn nun jetzt sein konnte, dass Maria schwanger wurde. Wie funktioniert das – durch den Geist schwanger werden? Und dann stellt sich die Frage, was denn jetzt das Göttliche und was das Menschliche an diesem Kind in Windeln ist. Und wie kann das, was die Kirche seit Anbeginn glaubt und im Konzil von Chalcedon über die göttliche und menschliche Natur Jesu niedergeschrieben hat, verstanden werden, nämlich, dass die zwei Naturen unvermischt, unveränderlich, ungetrennt und unteilbar in Jesus zu finden sind.

Diese Fragen, die die Kindheitsgeschichten von Matthäus und Lukas nicht beantworten können, kann das heutige Johannesevangelium beantworten, weswegen es wahrscheinlich immer am 2. Sonntag nach Weihnachten seinen festen Platz hat.

Hierzu möchte ich Sie zu einem kleinen Gedankenexperiment einladen: Stellen Sie sich nun unseren Organisten Simon Daubhäußer vor. Er wird Ihnen nun kurz eine Komposition anspielen. Er wird das Stück „Freue dich, Welt“ von Georg Friedrich Händel spielen, das Ihnen bestimmt bekannt ist. Sie sitzen also nun in unserer Propsteikirche und hören Simon Daubhäußer spielen.

[Unter folgendem Link können Sie sogar in das Stück, gespielt von Simon Daubhäußer, hineinhören (die ersten 45 Sekunden): https://youtu.be/i6cOgu0XPmc]

Nun habe ich einige Frage Sie: Was haben Sie soeben gehört? Haben Sie Georg Friedrich Händel gehört? Oder haben Sie Simon Daubhäußer gehört? Oder haben Sie gehört, wie Simon Daubhäußer die Komposition von Händel interpretiert hat? Kann es sein, dass Händel sein Werk genauso gespielt hätte, wie Simon Daubhäußer es gerade in ihren Gedanken (oder im Video) getan hat oder hätte er es womöglich anders gespielt? Und wenn Sie in Gedanken der Meinung waren, dass soeben auf irgendeine Art Händel gehört wurde, dann muss Simon Daubhäußer etwas von Händel, der 1759 in London starb, wieder lebendig gemacht haben.

Das in Ihrer Phantasie (oder im Video) stattgefundene Spiel von Simon Daubhäußer hat die Komposition Händels und damit auch ein Teil Händels lebendig gemacht, und so wie Simon Daubhäußer nicht zu Händel wurde und auch Händel nicht zu Simon Daubhäußer, beide anwesend waren aber nicht eins wurden, so können wir uns vielleicht das Geheimnis Jesu vorstellen: dass er wahrer Mensch und wahrer Gott war, ungetrennt und unvermischt in seinen Naturen.

Johannes versucht uns mit seiner Geburtsgeschichte zu sagen, dass in Jesus das Wort Gottes lebendig wurde, es Fleisch wurde. Stellen Sie sich vor, die Worte Gottes, die er seit jeher an sein Volk richtete, die Worte der Freiheit und der Barmherzigkeit, die Worte der Vergebung und des Reiches Gottes sind wie die Komposition eines Liedes. Und nun stellen Sie sich vor, Jesus ist ein Interpret Gottes. Er bringt diese uralten Worte Gottes zum Klingen. Er interpretiert, singt und lebt sie. In Jesus werden die Worte Gottes so lebendig, wie eben Händels Komposition durch Simon Daubhäußer lebendig wurde.

Jesus ist wahrer Mensch und wahrer Gott, weil er auf unüberbietbare Weise das Lied Gottes unter den Menschen zum Klingen brachte. Dieses Kind war von Beginn an von dem Lied Gottes, dem Lied des Lebens so sehr begeistert, dass es in ihm und in seiner Umgebung erklang. Was ist Gottes Wort, was ist Jesu Wort, was ist interpretiertes Wort Gottes? In Jesus verschmolzen diese Ebenen und bleiben doch ungetrennt und unvermischt. Und als unüberbietbarer Interpret Gottes kann er sogar wahrer Mensch und wahrer Gott sein, selbst wenn Josef der biologische Vater wäre. In Jesus zeigt uns der Geist, dass das Wesen Gottes erst in Beziehung richtig erklingt, wenn sein Wort Fleisch wird und in den Worten und Taten der Menschen erklingt.

Und das Wort Gottes ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Ein zutiefst schöner und weihnachtlicher Satz.

Für uns stecken in dieser Aussage auch ein Zuspruch und ein Hoffen, nämlich dass auch wir eingeladen sind, das Lied unseres Gottes in unserem Leben erklingen zu lassen. Berührt vom Heiligen Geist können auch wir in unserem Sprechen und Handeln Gottes befreiendes Wirken lebendig werden lassen. Dann wird Gott auch heute noch Mensch, mitten unter uns, mitten in uns.

 

Stefan Kaiser

Impuls vom 26.12.2020 "Weihnachten heißt Mut zur Lebendigkeit“

Weihnachten heißt „Mut zur Lebendigkeit“ (Fest der „Heiligen Familie“, Lk 2,22-40)

Mich faszinieren dieser greise Simeon und diese Witwe Hanna im Tempel. Ich finde diese beiden Gestalten extrem mutig, denn da kommt die Familie Jesu in den Tempel und sie preisen Gott.

Diese kleine Familie: ein Zimmermann mit seiner Verlobten aus dem kleinen Nazareth, einfache Leute mit ihrem Neugeborenen. Und in diesem kleinen Säugling zögern Simeon und Hanna nicht den Messias zu sehen.

„Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel.“ (Lk 2,29-32).

Simeon sagt dies zu einem Kind, nicht zu einem gestandenen Politiker oder König. Er sagt dies zu einem Kind in den Armen seinen Eltern, ohne zu wissen, was ihm im Leben noch widerfahren oder welche Personen er treffen wird, wer seine Freunde werden, welche Berater er später zur Seite haben wird. Er sagt es zu einem Säugling, der noch kein politisches oder theologisches Programm darlegen kann, geschweige denn überhaupt alleine überleben könnte.

Dieser Mut Hannas und Simeons rührt wahrscheinlich daher, dass sie jenem Gott vertrauen, der Lebendigkeit verheißt und sich dem Leben stellt. Jenem Gott, der das Leben mit den Menschen teilen will und somit Mensch wird.

Aber was heißt Leben oder Lebendigkeit?

Lebendigkeit heißt, jemandem oder etwas zu begegnen, ohne zu wissen, wie er oder es reagiert, aber auch ohne zu wissen, wie ich selbst aus dieser Begegnung herausgehen werde. Lebendigkeit ist ein Wagnis! Sie ist unvorhersehbar. Das ist Lebendigkeit, das macht den Reiz aus.

Denken wir an die heutige Lesung aus dem Buch Genesis: Gott will mit Abraham einen Weg mit den Menschen gehen. Einen Weg, der von Anfang an höchst lebendig ist. Es wird die Geschichte eines Weges, der so viele Wendungen haben wird, wie sie nur das Leben hervorbringen kann. Es wird um Streit zwischen Brüdern gehen, es wird um Wege aus Hungersnöten und Sklaverei gehen. Es wir um Zweifel und Murren in der Wüste gehen. Es wird um politische Dilemmata, Kriege und Katastrophen gehen. Es wird aber auch um die Erfahrung der Treue und Verlässlichkeit gehen. Es wird darum gehen, wie jede Überraschung und Wendung wieder zu neuen Wegen und neuer Lebendigkeit führt und die Hoffnung immer wieder genährt wird, dass Gott alles zu einem guten Ende führen wird.

Diese Lebendigkeit erkennen Simeon und Hanna in diesem Kind.

Menschen fühlen sich oft am lebendigsten, wenn sie lieben. Das Kribbeln, die Angst, die Aufregung, wenn ich noch nicht weiß, ob die oder der Auserwählte die Gefühle erwidert. Man hat die Hoffnung, dass man die Person trifft, mit der man durch das Leben gehen will, die einen ergänzt, mit der man Glück und Unglück teilen kann.

Es gibt jedoch die Möglichkeit, dass mein erster Versuch, die Person anzusprechen, scheitert. Und man braucht Mut, jemanden anzusprechen. Es wäre die falscheste Entscheidung, aus Angst nicht zu handeln. Ein Mensch, der kein Risiko eingeht, der hört auf zu leben. Er wird nur funktionieren in den Grenzen, in denen er gerade lebt. Er wird nicht darüber hinaus suchen und erkunden und das Hoffen einstellen, denn es könnte ja eventuell nicht erfüllt werden.

Gott ist in Jesus ganz anders. Er lebt mit den Menschen und wird in Jesus Mensch. Er lässt sich auf das Wagnis ein, geliebt oder verworfen zu werden. Er bleibt mutig in seinem Leben, sucht Freunde, geht seinen Weg, auch wenn ihm Zweifel kommen.

Wenn Gott lebendig sein will, dann muss er mit uns leben und sich überraschen lassen können. Einer der schon alles weiß und alles kann, ist tot. Er muss nicht mit einem reden, denn er kennt schon die Antwort. Er muss nicht helfend eingreifen, denn wenn er alles kann, hätte er eine hilflose Situation nicht zugelassen oder will diese gar.

Nein, unser Gott liebt Lebendigkeit und ist somit ganz anders. Er ist unveränderlich, aber nur in seiner Treue zu uns. Denn in einer jeden Beziehung zu uns lässt er sich immer auf das Wagnis einer neuen Entscheidung, eines neuen Weges ein.

Er ist allwissend, aber nur in der Hinsicht, dass seine Weisheit alle Optionen überblicken kann, er sich jedoch von den Entscheidungen der Menschen überraschen lassen kann und diese dann mitgeht.

Er ist allmächtig, jedoch nicht in der Art, dass er uns beherrscht, sondern dass sein Wort eine freisetzende Kraft des Lebens für uns in jeder Situation sein kann.

Und so geht dieser Gott, der Lebendigkeit verheißt, auch in Zeiten der Pandemie mit uns. Er bleibt bei uns und wirkt überall dort, wo trotz der Gefahr des Todes Leben unerwartet aufbricht. Er hält es aus, wenn Menschen sich von ihm abwenden, ihn in der Pandemie nicht mehr wahrnehmen, da er zu klein und unscheinbar ist, wie jenes Kind in der Krippe. Er erfreut sich jedoch und wird umso lebendiger dort, wo seine Botschaft Leben und Freude schafft, beispielweise dort, wo Bedürftige über den Winter warme Speisen und ein Dach über den Kopf erhalten. Er freut sich über jeden Besuch bei einsamen Menschen, auch wenn er auf Abstand geschieht. Er freut sich über jene, die hoffen und nicht aufgeben, dass es wieder besser wird. Er freut sich über jene, die Solidarität üben und somit das Leben für die Verwundbarsten  schützen.

Lassen wir uns auf das Leben, diese Pandemie und das kommende Jahr ein, denn der lebendige Gott wird so manches Wagnis und so manche Überraschung für uns bereithalten.

 

Stefan Kaiser

Impuls zu Weihnachten

Weihnachten – Das Wagnis der Verwundbarkeit

So der Titel eines Buches von Dr. Hildegund Keul, die im Corona-Jahr 2020 sowohl im März als auch im Dezember zwei für das FreitagForum geplante Abendveranstaltungen zum Thema ‚Das Wagnis der Verwundbarkeit‘ aufgrund der Pandemie leider absagen musste, aus dessen Schlussteil passend zum Weihnachtsfest nachfolgend auszugsweise zitiert wird:

Heute Weihnachten feiern – hingebungsvoll leben

Wer sich strikt vor Verwundungen schützt, braucht immer mehr Mauern, Rüstungen und Waffen. Dies macht vielleicht unangreifbar. Es macht aber auch unberührbar. Das Leben spielt sich draußen ab, wo man selbst nicht ist. Wer jedoch Hingabe wagt, kann das Geheimnis des Lebens erfahren. Statt Starrheit gewinnt man Beweglichkeit, statt Vereinzelung geschieht Kommunikation, statt Isolation ereignet sich Intimität. Wenn man Mauern durchbricht und Fenster und Türen öffnet, wie es das Zweite Vatikanische Konzil tat, bekommt man mit, was sich draußen ereignet. Neue Wege öffnen sich und verlocken zum Aufbruch. Man kann Besuch empfangen und Neues erfahren. Man kann hinausgehen und Überraschendes erleben. Man kann sich selbst einbringen, ins Spiel der Welt. Man steht mitten im Leben.

 Das Wunder des Anfangs offenbart sich hier als Wunder der Wandlung. Menschen legen ihre Rüstungen ab und öffnen ihr Visier. Im Alltag agieren sie stark mit Abgrenzungen zwischen Ich und Du, Mein und Dein. Aus guten Gründen schützt man die Ressourcen, die man für sich selbst und die eigene Gemeinschaft braucht. Das Weihnachtsfest aber zeigt, dass dies nicht alles ist, was das Leben ausmacht. Es führt ein alternatives Handeln vor Augen, das sich vom Fest ausgehend in den Alltag einschreiben will. Es geht um ein Leben leidenschaftlicher Hingabe überall dort, wo sich der Einsatz lohnt. Hierfür steht Weihnachten, das große Fest der Geburt.

 So wundert es nicht, dass Weihnachten heute in religiösen wie in säkularen Kulturen eine große Faszination ausübt. Seine humane Botschaft kann man auch verstehen und wertschätzen, wenn man selbst nicht zum Christentum gehört. Wenn man nicht christlich ist, kann man Weihnachten sogar feiern. Denn hier geht es um ein christliches Fest, das über sich selbst hinausweist und die Grenzen der Religionsgemeinschaft überschreitet, indem es auf die Humanität menschlichen Lebens hinweist. Mit Weihnachten wird das Christentum kulturprägend. Und umgekehrt: Das Weihnachtfest wird zu einem Weltkulturerbe der Menschheit. Symbolisch wird dies deutlich am bekanntesten Weihnachtslied ‚Stille Nacht‘, das mittlerweile in mehr als 300 Sprachen übersetzt ist und gesunden wird. Es gehört zum Immateriellen UNESCO-Kulturerbe.

(aus: ‚Weihnachten – Das Wagnis der Verwundbarkeit‘, HG: Hildegund Keul, Patmos, S. 132f)

 So lasst uns dem Leben trauen, weil Gott es mit uns lebt (vgl. Alfred Delp) – auch und vielleicht sogar gerade in Zeiten großer Verwundbarkeit und Zerbrechlichkeit in weihnachtlicher Offenheit und Leidenschaft!

Pastor Stefan Tausch

Impuls vom 19.12.2020 "Vertraut den neuen Wegen"

Vertraut den neuen Wegen

 

  1. Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist,

weil Leben heißt: sich regen, weil Leben wandern heißt.

Seit leuchtend Gottes Bogen am hohen Himmel stand,

sind Menschen ausgezogen in das gelobte Land.

 

  1. Vertraut den neuen Wegen und wandert in die Zeit!

Gott will, dass ihr ein Segen für seine Erde seid.

Der uns in frühen Zeiten das Leben eingehaucht,

der wird uns dahin leiten, wo er uns will und braucht.

 

  1. Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt!

Er selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land.

Wer aufbricht, der kann hoffen in Zeit und Ewigkeit.

Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit.

(Paderborner Gotteslob, 791)

Dieses Lied wurde in der ehemaligen DDR im Jahre 1989 von einem evangelischen Pfarrer ursprünglich für die private Hochzeitsfeier seines Patenkindes komponiert. Im Herbst 1989 breitete es sich dann in Ostdeutschland ziemlich überraschend wie ein Lauffeuer im Rahmen der friedlichen Revolution aus. Das ursprüngliche Hochzeitlied bekam plötzlich eine neue Bedeutung und entwickelte sich sehr schnell zu einem politischen Lied mit großer Wirkung. Kurzum: Ein quasi privates Hochzeitslied mutiert völlig überraschend zu einem bekannten politisch brisanten Revolutionslied.

Mit ein wenig Phantasie für mein Empfinden durchaus vergleichbar mit dem Evangelium des vierten Adventssonntags (Lk 1,26-38): Ein im Grunde völlig alltägliches Geschehen entwickelt sich zu einem für das Christentum und bis heute bekannten Ereignis. ‚Der Engel trat bei ihr ein.‘ – bei Maria zu Hause an irgendeinem Tag, an irgendeinem Ort, bei irgendeiner jungen Frau. Die Verkündigung der frohen Botschaft von der göttlichen Menschwerdung geschieht ohne Voranmeldung völlig überraschend, in einem ganz gewöhnlichen Rahmen bei einer ganz gewöhnlichen jungen Frau mitten im Alltag, ohne Zeugen, in einem einfachen Haus, nicht im grandiosen Tempel und auch nicht in einem feierlichen Gottesdienst. Zu Hause in ihren eigenen vier Wänden berührt sie Gott – eine Berührung mit Strahlkraft, mit Ausstrahlung weit über diese so unscheinbare Begebenheit hinaus. Warum? Weil Gott bei ihr anklopft und sie ihm öffnet. Weil Maria sich auf den göttlich-himmlischen Überraschungsgast einlässt. Und weil sie so allzu normal und menschlich reagiert und ihre Bedenken auslebt und ausspricht: Maria erschrickt und überlegt und fragt nach, bevor sie einwilligt und den neuen Wegen vertraut: ‚Mir geschehe, wie du es gesagt hast.‘ Und so wächst und gedeiht diese zunächst so verborgene, kleine unscheinbare Begegnung buchstäblich mehr und mehr heran zu einem mehr und mehr unverborgenen, großen historischen Weltereignis.

Für mein Empfinden, wie gesagt, interessante Parallelen zwischen der biblischen Verkündigungsszene und dem ostdeutschen Hochzeitslied. Warum? Weil Gott damals wie heute immer und überall für eine Überraschung gut ist – wenn, ja wenn wir Menschen uns ergebnisoffen und dynamisch vertrauensvoll einlassen auf neue und unbekannte Wege zu unbekannten Zielen – hier und jetzt und auch morgen und übermorgen, wie es die vierte Strophe des Liedes verheißungsvoll zum Ausdruck bringt: Wer aufbricht, der kann hoffen in Zeit und Ewigkeit. Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit.           

 Stefan Tausch, Pastor

Impuls vom 12.12.2020 "Wer bist du?"

Impuls     12.12.2020      3. Advent B    „Wer bist du?“ (Jes 61, 1-2a.10-11;  Joh 1, 6-8.19-28)

Wer bist du? Was willst du? Diese Fragen können jede und jeden von uns umtreiben, besonders im Corona-Jahr.

Als Christen, als Kirche stehen wir in diesen Zeiten des Umbruchs besonders vor der Frage – wer sind wir? Was glauben wir? Und wie können wir Menschen mit ihren Lebens- und Glaubensfragen hilfreich zur Seite stehen?

Auch dem Katholischen Forum sind diese Fragen gestellt. Wer sind wir, was sind unsere Aufgaben?

Doch ist diese Frage nicht neu. Der Prophet Jesaja ruft es aus, was ihn ausmacht und was seine Identität und Aufgabe ist – er ist gesalbt, der Geist des Herrn ruht auf ihm. Dann nennt er ein dreifaches Ziel:

  • den Armen die frohe Botschaft bringen und die heilen, die gebrochenen Herzens sind,
  • den Gefangenen Freilassung ausrufen und
  • ein Gnadenjahr des HERRN ausrufen.

Jesaja  erhält einen großen Auftrag, von Gott her. Die Kleinen, Armen, Gebrochenen und Gefangenen und ihre Befreiung stehen im Zentrum seines Wirkens. Seine Kraft und Identität kommen dabei aus der Kraft Gottes. Später wird Jesus diese Worte vortragen und beanspruchen, sie zu erfüllen!

Dieser Auftrag, wie er hier bei Jesaja formuliert ist, kann auch als unserer angesehen werden. In der Rückschau auf meine Mitarbeit im Katholischen Forum sehe ich natürlich, dass ich hinter diesen Zielen weit zurückgeblieben bin. Sicher habe ich manches nicht gut oder nicht entschieden genug getan. Ich  hoffe, dass mir  hier und da etwas gelungen ist, dass ich bei der ein oder anderen Person ein Licht angezündet habe, Impulse gegeben, Wege begleitet und geteilt habe. …

Bedanken möchte ich mich bei meinen Kollegen und Kolleginnen und Mitarbeitenden und allen für ihr Vertrauen und ihre Unterstützung.

Wer bist du? Danach  haben wir in diesen Jahren gefragt und Antworten gesucht und versucht – als Menschen, als Christinnen und Christen.

Wer bist du? Das ist auch die Frage, die Abgesandte der jüdischen Autoritäten im Evangelium an Johannes stellen.

Er wird dreimal gefragt, dreimal antwortet er negativ – er ist nicht der Messias, nicht Elija und nicht der Prophet. Der Evangelist benennt seine Aufgabe: Zeugnis ablegen für das Licht – eine schöne Aufgabe auch für uns! Im Dunkel, in Angst, in der Verunsicherung unserer Tage – Zeugnis ablegen für das LichtZuversicht säen, Licht weitergeben, aus der Hoffnung leben.

Dann schließlich die Antwort des Johannes an die, die ihn befragen: „Ich bin die Stimme, die in der Wüste ruft: Ebnet den Weg für den Herrn!“  Eine Stimme in der Wüste: für Menschen, die einsam sind oder orientierungslos, die sich wie in einer unwirtlichen, unfruchtbaren Wüste fühlen. Die Corona-Zeit ist eine Krisen- und auch Wüstenzeit.

Da sind viele Stimmen in uns selbst – und in den Medien. Meinung wird geäußert oder geschürt, Einfluss genommen, sich dargestellt. Die Stimme des Johannes weist auf jemand anderen: „Ebnet den Weg für den Herrn!“ – Nicht für eigene Interessen, sondern für Gott und seinen Messias, für das Reich des Friedens. Johannes öffnet den Blick: Ihr dürft nach vorne schauen in aller Beklemmung des Lebens.

Sich selbst und seine Rolle weiß er auch einzuschätzen. „Ich taufe mit Wasser.“ Das und der Eigentliche kommen noch: Jesus Christus und die Feuertaufe durch den Geist Gottes. Gottes Kommen vorbereiten, hin weisen auf Jesus Christus – auch das eine Aufgabe für uns Christen!

Wer bist du?  Der dritte Advent gibt uns wichtige Elemente für die Frage nach unserer Identität als Christinnen und Christen. Wir finden sie im Auftrag von Jesaja und im Vorbild des Johannes und schließlich in Jesus Christus selbst.

Dabei ist die Frage nach unserer Aufgabe immer neu zu beantworten und nicht ein für alle Mal erledigt. Wie lautet Ihre, deine, unsere Antwort heute? Wer bist du?

Karin Stump

 

Impuls vom 05.12.2020 "Lasset uns beten!"

Lasset uns beten!

Vermutlich wird es vielen GottesdienstbesucherInnen häufig so wie auch mir selbst ergehen, dass sie nicht wirklich bewusst auf die Inhalte der Tages-, Gaben- und Schlussgebete achten. Die sog. Orationen des zweiten Adventssonntages im Lesejahr B lohnt er aufmerksam zu meditieren, weil sie es im guten Sinne in sich haben!

Lesen wir zunächst das Tagesgebet:
Allmächtiger und barmherziger Gott, deine Weisheit allein zeigt uns den rechten Weg.
Lass nicht zu, dass irdische Aufgaben und Sorgen uns hindern, deinem Sohn entgegenzugehen.
Führe uns durch dein Wort und deine Gnade zur Gemeinschaft mit ihm,
der in der Einheit des Heiligen Geistes mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.

Was für eine befreiende, lebensbejahende und frohe Botschaft! Sich durch nichts und niemanden erschüttern und von dem Glauben an Christus abbringen zu lassen, wenn menschliche Weisheit Tag für Tag und Woche für Woche eine neue Sau durchs Dorf jagt, um uns durch neue Schlagzeilen in die ein oder andere Richtung zu manipulieren. Warum? Weil allein Gottes Weisheit uns den rechten Weg zeigt – gestern und heute genauso wie morgen und sogar über unseren Tod hinaus!

Schauen wir jetzt ins Gabengebet:
Barmherziger Gott, wir bekennen, dass wir immer wieder versagen
und uns nicht auf unsere Verdienste berufen können.
Komm uns zu Hilfe, ersetze, was uns fehlt, und nimm unsere Gebete und Gaben gnädig an.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.

Ehrlich und nüchtern dürfen wir laut und öffentlich gemeinsam mit der weltweiten Kirche zu unserer Menschlichkeit stehen! Wir müssen nicht perfekt und vollkommen sein! Wie menschenfreundlich, wie erleichternd kann und will das in den Ohren und Herzen derer klingen, die dem Druck in Schule und Beruf, in Gesellschaft und Kirche nicht mehr standhalten können. Dem Druck, den viele einflussreiche und mächtige Zeitgenossen auf Schwächere, Kranke, Leistungsschwache weiterleiten, weil sie selber ja auch von ihren Vorgesetzten unter Druck gesetzt werden. Dabei sind wir alle Menschen – auch wenn viele von uns sich wie selbst ernannte Götter fühlen oder benehmen. Gott sei Dank – buchstäblich Gott sei Dank! – sind wir alle Menschen, die Fehler machen und Fehler machen dürfen, weil ohnehin niemand von uns vollkommen sein kann und vollkommen sein muss.

Wie menschenfreundlich, wie wohltuend, wie hilfreich, wie erleichternd könnte es in unserem Leben zugehen, wenn wir alle uns selber und auch unseren Mitmenschen in einer solchen Haltung begegnen würden – wahrlich ehrfürchtig und respektvoll. Schließlich sitzen wir alle mit unseren Fehlern und Schwächen in einem Boot. Ich bin davon überzeugt: Das würde uns nicht runterziehen – im Gegenteil: Das würde uns anspornen und aufrichten, befreien und erleichtern, entlasten und erlösen! Und ich bin auch davon überzeugt: Dieser Traum ist kein Hirngespinst! Die Aussagen aus dem heutigen Gabengebet lassen sich wirklich mit Leben füllen, wenn, ja wenn wir in unserem Leben dem und wahrlich nur dem den ersten Platz einräumen, dem er wirklich zusteht: GOTT!

Und nun zum Schlussgebet:
Herr, unser Gott, im heiligen Mahl hast du uns mit deinem Geist erfüllt.
Lehre uns durch die Teilnahme an diesem Geheimnis,
die Welt im Licht deiner Weisheit zu sehen und das Unvergängliche mehr zu lieben als das Vergängliche.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.

Sonntag für Sonntag will Gott uns im heiligen Mahl neu erfüllen, durchdringen mit seiner Liebe, mit seinem Heiligen Geist. Warum? Damit wir mehr und mehr die Welt im Licht göttlicher Weisheit zu sehen lernen. Damit wir mehr und mehr die Faszination des Unvergänglichen zu unterscheiden lernen von der Hinfälligkeit des Vergänglichen. Welch großartiger, geradezu göttlicher Gedanke, die Welt im
unvergänglichen Licht Gottes sehen zu dürfen und nicht durch die Brille von vergänglichem, künstlichem Glanz und Glimmer. Wirklich von innen leuchten und strahlen dürfen und sollen wir, selbst wenn wir äußerlich auf der angeblichen Schattenseite des Lebens stehen, und sogar in dem Fall, dass wir – vielleicht sogar aufgrund unseres unerschütterlichen Glaubens an Jesus Christus, das Licht der Welt – von anderen benachteiligt, ausgegrenzt, ausgelacht oder gemobbt werden.

Fazit: In Anlehnung an die Orationen vom zweiten Adventssonntag Tages-, Gaben- und Schlussgebet von heute gilt allen innerweltlichen Krisenpropheten und Pessimisten zum Trotz das zutiefst adventliche Wort aus dem Benedictus, das viele ChristInnen in unserer Kirche weltweit Morgen für Morgen am Beginn eines neuen Tages zu beten versprochen haben: „Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes wird uns besuchen das aufstrahlende Licht aus der Höhe, um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes und unsre Schritte zu lenken auf den Weg des Friedens.“ (Lk 1, 78f)

Stefan Tausch, Pastor

Impuls vom 28.11.2020 "Im Advent in der Töpferwerkstatt Gottes…"

Im Advent in der Töpferwerkstatt Gottes…

Ein Bittgebet aus dem Jesajabuch (Jes 63,16b-17.19b; 64,3-7) mit der bohrenden Warum-Frage am Anfang und dem schönen Bild von Ton und Töpfer am Ende inspiriert mich zu einem heiter-besinnlichen Gebet für die Adventszeit: Wir sind der Ton, und Du bist der Töpfer – so möchte ich auch gerne beten, Gott. Dieses Bild gefällt mir. Der Gedanke, in Deiner Hand zu sein, mich durch Deine Berührungen zu entwickeln, ein Profil zu bekommen und zu einem wertvollen Gefäß zu werden – dieser Gedanke ist mir sogar außerordentlich sympathisch.

Allerdings meldet sich dabei ziemlich schnell ein kleines ‚Aber‘ – und darüber möchte ich heute mit Dir reden: Du musst zugeben, dass wir es in Deiner Töpferwerkstatt nicht immer leicht haben. Wir sind der Ton, und Du bist der Töpfer – findest Du nicht auch, dass Du es mit mir auf Deiner Töpferscheibe manchmal etwas zu bunt treibst? Ich habe das Gefühl, mein Zeitenrad dreht sich immer schneller, mein Leben wird unruhiger und hektischer. Du scheinst auch unbeeindruckt zuzusehen, wie ich beinahe durchdrehe bei all dem, was Du auf unserer Welt geschehen lässt. Und warum greifst Du nicht hin und wieder ein, wenn Du siehst, dass ich aus dem Kreisen um mich selbst gar nicht mehr herausfinde?

Ich hoffe, Du verstehst mich, wenn ich mir für diese Adventszeit wünsche: Gönne mir doch eine kleine Pause! Lass mich zur Ruhe kommen und unterbrich wenigstens in diesen Wochen mein tägliches Rotieren! Wir sind der Ton, und Du bist der Töpfer – merkst Du nicht, wie heftig du an mir herummodellierst und wie hart Du mich durchknetest; wie kräftig Du Hand anlegst, mich presst und mir Druck machst. Ginge das nicht auch etwas sanfter und zarter?

Mein nächster Adventswunsch heißt deshalb: Drück nicht so fest! Zeig mir vorsichtig und feinfühlig, wohin Du mich führen und was Du aus meinem Leben machen willst! Weck in mir durch die wunderschönen Visionen der Propheten die Sehnsucht nach einem besseren, intensiveren Leben! Öffne mir in den besinnlichen Stunden die Augen für die Konturen, die Du meinem Leben geben willst!

 Wir sind der Ton, und Du bist der Töpfer – und so, wie es für die modellierten Gefäße eine Phase des Trocknens gibt, so mutest Du auch mir ‚trockene‘ und dürre Zeiten zu. Aber sind denn wirklich so viele ‚Durststrecken‘ nötig, so viele Tage, an denen ich mich kraftlos fühle, wie gelähmt und ohne inneren Antrieb? Das Gefühl, auf dem Trockenen zu sitzen, ist ja nicht gerade angenehm. Man sagt mir zwar immer wieder, dass diese trockenen ‚Wüstenzeiten‘ für dein Arbeiten an mir notwendig sind; dass ich nur so erkenne, was wichtig und wertvoll für mich ist und wohin mein Weg gehen soll – aber ich möchte gerade in der Adventszeit auch das andere erleben: Dass aus Gestein und Wüstensand frische Wasser fließen; dass Du einen Tau vom Himmel gießt, der mich erfrische und aufblühen lässt; dass Du mir einen Tropfen des Regens schickst, der aus Wüsten Gärten macht.

 Wir sind der Ton, und Du bist der Töpfer – deshalb gehört zu Deinen Arbeitsgängen an mir nach dem Formen und Trocken schließlich auch das Brennen. Ich weiß, dass Dein Sohn gekommen ist, um Feuer auf die Erde zu werfen, dass er sich sehnlichst wünscht, dass es schon brennt (Lk 12,49). Aber übertreibst Du nicht ab und zu? Es gibt Zeiten, da heizt Du mir gewaltig ein und bringst mich zum Schwitzen. Manchmal wendest Du dabei auch einen ganz raffinierten Trick an: Da schickst du mir Menschen, die mich auf 180 bringen und zur Weißglut treiben. Und warum verhinderst Du nicht, dass ich mir manchmal den Mund oder die Finger verbrenne? Ich frage mich auch, ob Du Dir eigentlich vorstellen kannst, wie mir zumute ist, wenn ich ausgebrannt und leer bin?

Wenn ja, dann wirst Du sicher meinen letzten, etwas ungewöhnlichen Adventswunsch verstehen: Gib mir ‚hitzefrei‘, in diesen Wochen! Reduziere die Temperatur auf die angenehme Wärme der Kerzen und beschränke die ‚heißen Phasen‘ in meinem Leben auf ein Minimum!

Wir sind der Ton, und Du bist der Töpfer – so möchte ich wirklich gerne beten, Gott. Ich habe nichts dagegen, dass Du an mir arbeitest und mich ‚in Form bringst‘; dass Du meinem Leben Gestalt und Kontur geben willst. Und ich ahne auch, dass mir dabei Drehen und Drücken, Trocknen und Brennen nicht erspart bleiben – dass Du mich in Schwung bringen und manchmal hart anfassen musst, dass Du mich in die Wüste schickst und ich hin und wieder für Dich durchs Feuer gehen muss. Wahrscheinlich kann ich nur so Dein Gefäß werden, offene wie eine Schale; bereit deine Botschaft in mich aufzunehmen und andere weiterzugeben.

Aber – kannst Du auch meine Wünsche verstehen? Und wirst Du mir in dieser Adventszeit den einen oder anderen erfüllen?

(vgl.: ‚Für den geistigen Hunger zwischendurch‘ – HG: Wolfgang Raible, Herder, S. 19ff)

Impuls vom 21.11.2020 "Der entmachtete Tod"

Der entmachtete Tod

 

‚Verschlungen ist der Tod vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? … Gott aber sei Dank, der uns den Sieg geschenkt hat durch unseren Herrn Jesus Christus. (vgl. 1 Kor 15,54ff) Zwei markante ‚theologische Zeitzeugen‘ aus dem 20. Jahrhundert sollen zu dieser von Paulus formulierten ‚Entmachtung des Todes‘ zu Wort kommen:

 

Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag. In inhaltlicher Anknüpfung an diese sehr vielen Menschen bekannten Worte des evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer hinterließ der von den Nazis kurz vor Kriegsende im April 1945 hingerichtete Christ folgende zu unserer aktuellen Themenreihe ‚Leben mit / im / trotz Tod‘ passende Gedanken – verfasst an der Wende zum Jahr 1943:

 

Der Gedanke an den Tod ist uns in den letzten Jahren immer vertrauter geworden. Wir wundern uns selbst über die Gelassenheit, mit der wir Nachrichten von dem Tod unserer Altersgenossen aufnehmen. Wir können den Tod nicht mehr so hassen, wir haben in seinen Zügen etwas von Güte entdeckt und sind fast ausgesöhnt mit ihm. Im Grunde empfinden wir wohl, dass wir ihm schon gehören und dass jeder neue Tag ein Wunder ist.

Es wäre wohl nicht richtig zu sagen, dass wir gern sterben – obwohl keinem jene Müdigkeit unbekannt ist, die man doch unter keinen Umständen aufkommen lassen darf -, dazu sind wir schon zu neugierig oder etwas ernsthafter gesagt: wir möchten gern noch etwas vom Sinn unseres zerfahrenen Lebens zu sehen bekommen. Wir heroisieren den Tod auch nicht, dazu ist uns das Leben zu groß und zu teuer. Erst recht weigern wir uns, den Sinn des Lebens in der Gefahr zu sehen, dafür sind wir nicht verzweifelt genug und wissen wir zu viel von den Gütern des Lebens, dafür kennen wir auch die Angst um das Leben zu gut und all die anderen zerstörenden Wirkungen einer dauernden Gefährdung des Lebens.

Noch lieben wir das Leben, aber ich glaube, der Tod kann uns nicht mehr sehr überraschen.

Unseren Wunsch, er möchte uns nicht zufällig, jäh, abseits vom Wesentlichen, sondern in der Fülle des Lebens und in der Ganzheit des Einsatzes treffen, wagen wir uns seit den Erfahrungen des Krieges kaum mehr einzustehen.

Nicht die äußeren Umstände, sondern wir selbst werden es sein, die unseren Tod zu dem machen, was er sein kann, zum Tod in freier Einwilligung.‘ (Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung – Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, Herausgegeben von Eberhard Bethge, 16. Auflage 1997, Kaiser Taschenbücher, S. 24f)

 

Dietrich Bonhoeffer hat von dieser ‚Entmachtung des Todes‘ nicht nur ‚fromm geschrieben‘. Sogar kurz vor seiner Ermordung bezeugte er diese christliche Hoffnung in unerschütterlicher Zuversicht mit folgenden Worten: ‚Das ist das Ende – für mich der Beginn des Lebens‘ (Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung – Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, Herausgegeben von Eberhard Bethge, 16. Auflage 1997, Kaiser Taschenbücher, S. 227)

 

Jahre später wusste Pater Karl Rahner SJ die ‚Entmachtung des Todes‘ theologisch so ins Wort zu bringen: ‚Der Geist Gottes ist das Leben in uns, durch das wir schon hinter den Tod gekommen sind. Er ist das Glück ohne Grenzen, das die Bäche unserer Tränen in ihren letzten Quellen schon zum Versiegen gebracht hat, auch wenn sie das Flachland unserer Alltagserfahrung noch so sehr überschwemmen.‘ (‚Karl Rahner: UNBEGREIFLICHER – SO NAH. Täglich ein Text‘, Matthias-Grünewald-Verlag Mainz, 1999, S. 139)

 

Stefan Tausch, Pastor

Impuls vom 14.11.2020 "Einfach leben!"

Impuls zum 33. Sonntag im Jahreskreis (Mt 25,14-30): „Einfach leben!“

Das Gleichnis von den Talenten ist vielen wohl bekannt. Ging es im Gleichnis der Jungfrauen vom vergangenem Sonntag darum, die Wachsamkeit bis zum Kommen des Herrn zu beschwören, so geht es nun darum, wie die Zeit bis dahin genutzt werden soll. Doch ein wenig beängstigend ist es schon, wenn Gott jenen Knecht bestraft, der aus Angst nicht zum Handeln kommt.

Da ein Gleichnis jedoch nicht Angst erzeugen, sondern zum richtigen Handeln ermutigen soll, muss darauf geschaut werden, was einem in diesem Gleichnis zum Handeln auffordert und eine „frohe“ Botschaft sein will.

Hierzu muss der dritte Knecht und seine zentrale Aussage betrachtet werden: „[…] weil ich Angst hatte […].“ (Mt 25, 25)

Warum hat der Diener Angst? Was bewegt ihn dazu, eher nichts zu tun, als etwas falsch zu machen. Was lähmt ihn, aus dem ihm Anvertrauten gar nichts zu machen, nicht einmal, es auf die Bank zu bringen. Hier sei angemerkt, dass das, was ihm anvertraut ist, ausgesprochen viel war. Es war ein „riesen Pfund“, mit dem man hätte wirtschaften können, denn ein Talent Silber entsprich 6000 Dinaren. Von einem Dinar kann eine Familie zur damaligen Zeit einen Tag lang überleben.

Um der Antwort näher zu kommen, benötigt es auch den Kontrast zu den anderen beiden Dienern. Wahrscheinich ist der dritte Diener schon von Beginn an entmutigt. Warum vertraut ihm der Herr nur ein Talent an? Misstraut er ihm? Wenn sein Herr ihm schon nicht mehr anvertraut, wie soll denn er sich selbst vertrauen? Und im Vergleich zu den anderen beiden Dienern kann er mit dem einen Talent doch sowieso nicht so viel bewegen, wie die anderen. Wahrscheinlich fühlt er sich benachteiligt und durch das Vergraben kann ihm zumindest niemand mehr etwas wegnehmen.

Ich denke, diese Erfahrung ist allen vertraut. Wie oft vergleichen wir uns mit anderen und werden dadurch entmutigt. Der oder die hat mehr Geld, der oder die hat mehr Einfluss, der oder die macht mehr Karriere, der oder die kann das viel besser, der oder die ist sowieso uneinholbar, der oder die ist in diesen oder jenen Kreisen, in die ich niemals aufgenommen werde. Am besten ist es, erst gar nicht zu versuchen, mit den anderen mitzuhalten und das, was man machen könnte, sein zu lassen, da es sowieso zu wenig ist.

Und hier setzt das Gleichnis an! Die harten Worte wollen auffordern, aus dieser Lethargie herauszukommen. Der Herr will hier sagen: Hör auf dich zu vergleichen! Ich will nicht mehr oder weniger, als dass du dein Leben lebst!

Auffallend ist, dass der Herr in dem Gleichnis, egal ob fünf oder nur zwei Talente hinzugewonnen wurden, alle gleichermaßen lobt. Der Herr würde somit auch den dritten Knecht genauso loben, wenn er auch nur ein Talent oder die Zinsen hinzugewinnt.

Gott durchbricht hier vollkommen den Gedanken, sich immer vergleichen zu müssen oder den Einzelnen im Vergleich zu den anderen zu sehen. Für Gottes Liebe zu einem jeden von uns würde er niemals andere Menschen zum Vergleichsmaßstab nehmen. So wie eine Mutter und ein Vater ihre Kinder bedingungslos gleich lieben, zumindest im besten Fall, genauso stellt man sich doch Gott vor. Er liebt alle gleich, egal, was oder wieviel er oder sie geleistet hat oder wie seine oder ihre Startbedingungen waren.

Aus anderen Gleichnissen kann sogar gesehen werden, dass Jesus bzw. Gott fehlerfreundlich ist. Was Gott einem jedoch vorwirft ist, nichts aus seinem Leben zu machen.

Dieses Gleichnis will betonen, dass zum einen unendlich viel in einem jeden angelegt und geschenkt ist, denn selbst das eine Talent steht für unendlich viel, und es will zum anderen sagen, dass man endlich aufhören soll, sich untereinander zu vergleichen. Das bringt nur Frust, Angst, Selbstzweifel und Unheil.

Eugen Drewermann scheibt zu diesem Gleichnis Folgendes:

„Mit den Augen Gottes betrachtet, brauchst du nur zu sein, was du bist, nur zu tun, was du kannst, nur zu vollenden, was in dir angelegt ist. Das erste und schlimmste Unrecht in deinem Leben fügst du dir selbst zu, wenn du dich nach dem Maßstab anderer mißt und dann dem Himmel vorwirfst, dass er dich nicht so geschaffen hat, wie die anderen.“ (Drewermann, Das Matthäus-Evangelium, Teil 3, Seite 219, 1995)

Nicht ohne Grund ist vielleicht der häufigste Satz Jesu zu den Menschen: Fürchte dich nicht!

Gott will Mut machen, diejenige oder derjenige zu sein, der man ist. Er will aus der Angst befreien, besser sein zu müssen als die andern. Er will aus der Angst befreien, in dem Streben, besser als die anderen zu sein, zu scheitern.

Gott liebt einen, wie man ist, mit dem, was man hat. Gott liebt es, wenn jemand lebt, wenn jemand sein Leben in die Hand nimmt. Gott liebt es, egal was oder wieviel man an Erfolg aufweist, wenn man das genutzt hat, was er einem geschenkt hat.

So vertraut Gott und lebt!

Impuls vom 07.11.2020 "Hoffnung wider Traurigkeit"

Hoffnung wider Traurigkeit     1 Thess 4, 13-18

Wie ist Ihre Haltung, wenn es um Sterben und Tod geht? Das Sterben naher Menschen oder gar das eigene? – Das Thema löst oft Beklemmungen aus oder Trauer. Manche Menschen blicken auch erleichtert auf ein Ende von Schmerzen und Last. Andere hoffen auf die Vollendung bei Gott. Viele von uns sind verunsichert: Stimmt das mit der Auferstehung?

In der Gemeinde in Thessaloniki waren Christen der ersten Generation besorgt, weil Menschen gestorben waren. Sie hatten gedacht, dass sie bei der baldigen Wiederkunft Christi lebendig in das ewige Reich Gottes entrückt werden. Was ist mit diesen Toten? Sind sie verloren? – Ähnlich fragen heute Menschen: Was ist mit meinen verstorbenen Angehörigen?

Der Apostel Paulus nimmt die Fragen seiner Zeitgenossen auf. Der 1.Thessalonicherbrief ist das älteste Schriftstück des Neuen Testaments. Hier äußert sich Paulus über die Auferstehung Christi und der Toten.  Er benutzt dabei endzeitliche Bilder aus der jüdischen Tradition: der Erzengel ruft, die Posaune erschallt, alle werden auf den Wolken entrückt. Aber die wesentliche Glaubensaussage lautet: Jesus war tot und ist auferstanden. Wenn er kommt, werden alle, die als Getaufte gestorben sind, und alle dann Lebenden Jesus Christus entgegengehen und schließlich für immer bei ihm sein.

Das ist die Hoffnung der Christen: Wir werden für immer bei Christus sein. Das ist die neue Dimension, ein Fenster wird geöffnet. Die Toten verbleiben nicht im Dunkeln, getrennt für immer. Mit den Lebenden werden sie bei Christus sein. Es öffnet sich ein Fenster zum neuen Leben. Denn durch die Taufe ist das Leben der Christinnen und Christen mit dem Leben, Sterben und Tod Christi verbunden. So haben sie auch Anteil an seiner Auferweckung.

Niemand muss also die Wiederkunft Christi berechnen wollen und Ängste schüren. Die neue Welt Gottes und Jesu Christi wird kommen. Wie das geschehen wird, ist das Geheimnis Gottes. Das neue österliche Leben wird Tote und Lebende umgreifen. – Welch eine trostreiche Perspektive!

Dennoch: Der Tod eines nahen Menschen lässt uns nicht unberührt. Vom Biologischen her ist mit dem Tod das individuelle Leben der Person vorbei. Bleibt man bei dieser Sicht, so wäre der «Trost» ein möglichst intensives oder sorgloses Leben. Dann aber wird die Ungerechtigkeit dieser Welt zementiert.

Hoffen wir hingegen auf das Leben mit Christus in der Vollendung, dann können wir bei allem Leid oder Unrecht getröstet sein. Zugleich stellen wir aus dem Glauben heraus Leid und Unrecht in Frage und bekämpfen sie. Christus zieht uns mit in sein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit.  Trauer und Endlichkeit sind gesprengt durch die Auferweckung.

      Karin Stump

 

„Aller Augenschein sagt

Ein Grab ist ein Grab

Tot ist tot

Aus ist aus

Fertig nichts weiter

 

Wir haben nichts in Händen

Als ein kleines Licht

Im Dunkeln

 

Wir haben nichts vor Augen

Als ein paar verwirrte

Erschrockene Menschen

Die es nicht fassen können

Dass er lebt

Und ein leeres Grab

 

Wir haben nichts

Als ein Lied auf den Lippen

Er ist auferstanden

Halleluja.“                                        Lothar Zenetti

Impuls vom 31.10.2020 "Bleibe formbar!"

Bleibe formbar!

 „Mensch, du bist ein Werk Gottes. Erwarte also die Hand deines Künstlers, die alles zur rechten Zeit macht: zur rechten Zeit für dich, der du gemacht wirst. Bring ihm ein weiches und williges Herz entgegen und bewahre die Gestalt, die dir der Künstler gegeben hat. Halte dich formbar, damit du nicht verhärtest und die Spur seiner Finger verlierst. Wenn du den Abdruck seiner Finger in dir bewahrst, wirst du zur Vollkommenheit emporsteigen.“

Obige Gedanken des hl. Irenäus von Lyon beziehen sich wohl unmittelbar auf die folgenden Verse aus dem Buch Jeremia: Das Wort, das vom Herrn an Jeremia erging: Mach dich auf und geh zum Haus des Töpfers hinab! Dort will ich dir meine Worte mitteilen. So ging ich zum Haus des Töpfers hinab. Er arbeitete gerade mit der Töpferscheibe. Missriet das Gefäß, das er in Arbeit hatte, wie es beim Ton in der Hand des Töpfers vorkommen kann, so machte der Töpfer daraus wieder ein anderes Gefäß, ganz wie es ihm gefiel. Da erging an mich das Wort des Herrn: Kann ich nicht mit euch verfahren wie dieser Töpfer, Haus Israel? Spruch des Herrn. Seht, wie der Ton in der Hand des Töpfers, so seid ihr in meiner Hand, Haus Israel. (Jer 18, 1-6)

Mit anderen Worten lässt sich das etwa so formulieren: Mensch, bleibe formbar! Bleibe offen für Veränderungen, für Wandlung, für Überraschungen, für Neues, für Gott! Es kommt beim Christsein nicht auf offizielle und öffentliche regionale oder gar weltweite kirchliche Anerkennung und Verehrung an – das macht Sinn und hat natürlich seine Daseinsberechtigung, ist aber nicht wirklich erforderlich oder gar notwendig.

Das alljährliche Allerheiligenfest ist darum ein Fest für Menschen im gewöhnlichen Alltag – für ‚alltägliche Heilige ohne offizielle und öffentliche Wertschätzung‘, die vielen Zeitgenossen ohnehin viel näher stehen als ein Großteil der Heiligen aus frommen Büchern und Legenden.

In diesem Geist sind auch wir selber zur Heiligkeit berufen. Dabei geht es nicht darum, selber makel- und fehlerlos zu sein! Das hat mit HEILIG nur sehr wenig bzw. sogar gar nichts zu tun! Auf seine ihm eigene Art und Weise weist niemand Geringeres als Papst Franziskus gerne darauf hin, wenn er einlädt und sogar auffordert, sich lieber die Finger schmutzig zu machen als unsere Hände in Unschuld zu waschen… Mit den obigen Worten des Propheten Jeremia gesprochen: In unserem Leben darf sehr wohl etwas zu Bruch gehen und missraten. Es geht nicht um ein fehlerfreies Leben in Unschuld und Vollkommenheit! Das hat mit Allerheiligen, mit Heiligkeit wenig oder vielleicht auch gar nichts zu tun!

Bleibe dynamisch, flexibel, beweglich – formbar eben! > Darauf kommt es an!

In diesem Sinne: ‚Halte dich biegsam in der Hand Gottes und lass ihn dich heilig machen nach seiner Art und Weise. Fast immer wird es eine Art sein, die du nicht erwartest.‘

Stefan Tausch, Pastor

 

 

Impuls vom 24.10.2020 "Abschied vom "lieben" Gott"

Abschied vom „lieben“ Gott von H.-J. Höhn

Über Risiken und Nebenwirkungen theologischen Leichtsinns

 

Die religiöse Sprache kennt Stoßgebete, welche in  säkularen Ohren wie Stoßseufzer klingen. Die Bandbreite reicht vom aufgeschreckten Entsetzen angesichts einer Katastrophe („Oh, mein Gott!“) bis zum beschwichtigenden Vorwurf angesichts einer verzeihlichen Kalamität („Ach, Du lieber Gott!“). Stets geht es um eine Verlegenheit, in die ein Mensch geraten ist. Und stets hofft er darauf, dass Gott ihn auch in dieser Lage ansprechbar bleibt. In dieser Hoffnung bestärkt ihn seit geraumer Zeit die christliche Rede von einem Gott, der dem Menschen in guten wie in schlechten Tagen „ohne Wenn und Aber“ zugewandt ist. Was auch immer der Mensch zuschulden kommen lässt, es ändert nichts daran, dass er auf Gottes Entgegenkommen, Barmherzigkeit und Gnade setzen kann.

 

In etlichen Hirtenbriefen, Sonntagspredigten und Katechesen wird übersetzt und ausgelegt, was der Grundsatz einer theologischen Anthropologie bekräftigt: Jeder Mensch ist von Gott unbedingt anerkannt. … Eine Verkündigung, die es offenkundig gut mit dem Menschen meint und beim Sprechen von Gott nur Gutes in den Mittelpunkt stellt, kann jedoch auch ein böses Ende nehmen. Das böse Ende beginnt mit einer – sicherlich gut gemeinten – Befreiung von ambivalenten Gottesbildern … Allerdings ist es auch gut möglich, dass diese Wende zum Anlass genommen wird, um mit dem Glauben Schluss zu machen. Anders formuliert: An der Rede vom Entgegenkommen Gottes kann der Glaube an Gott auch zugrunde gehen – und zwar dann, wenn er auf theologischen Leichtsinn und fromme Leichtgläubigkeit trifft, um schließlich zur religiösen Belanglosigkeit zu verkommen. Diese These wirkt fraglos höchst irritierend. Denn auf den ersten Blick scheinen eher die Vertreter eines militanten Gottesbildes dazu beizutragen, dem Glauben an Gott ein Ende zu bereiten. Dass man dem als „Herr über Leben und Tod“ verkündeten Gott selbst den Tod wünschen kann, ist nachvollziehbar, wenn man sieht, wie Menschen um Gottes willen in den Tod geschickt werden. Ein Glaubensfanatiker, der  mit den Worten „Gott ist groß“ auf den Lippen einen Sprengsatz zündet, praktiziert einen tödlichen Glauben. Es ist ein todbringender Glaube, der am Ende auch den Glauben an Gott umbringt. Denn wer will noch an diesen Gott und seine Großartigkeit glauben, wenn seine Anhänger von diesem Glauben die Lizenz zur Tötung der Anders- oder Ungläubigen ableiten? …

 

Wer mit dem Wort „Gott“ etwas Gutes intendiert, tritt stets für einen „lieben“ Gott an. … Es ist eine Liebe, die nichts vom Menschen will, aber alles für ihn übrig hat. Ein lieber Gott ist ein entgegenkommender Gott, der viel (an)bietet, aber nichts verlangt. Man muss keine Normen erfüllen, um seine Gunst zu erringen. Vor ihm darf man so sein, wie man ist, und Gott sagt: Gut so! Viele theologische Publikationen der letzten Jahre sind geprägt vom Tenor der Güte und Barmherzigkeit Gottes. Diese Akzentuierungen sind zweifellos berechtigt, um Engführungen und Verzerrungen eines angstbesetzten Gottesverständnisses zu überwinden und die Zwänge eines religiösen Leistungsdenkens aufzubrechen. Aber sie haben damit nicht die Akzeptanz der christlichen Gottesrede steigern können, sondern die Gleichgültigkeit ihr gegenüber vermehrt. Dass man sich in christlichen Kreisen darüber wundert, dass eine vermeintlich „frohe“ Botschaft lediglich Indifferenz auslöst, ist selbst verwunderlich. Denn diese Kreise übersehen das Naheliegende: Die Nachricht, dass man ohne besondere Anstrengungen und Leistungen so sein darf, wie man ist, erzeugt bei ihren Adressaten den Eindruck der Redundanz. Sein können wie man ist, kann man auch ohne diese Zusicherung. Folglich ist sie entbehrlich, verzichtbar, überflüssig.

 

Nicht minder prekär ist es, wenn von den Befürwortern dieser Gottesrede gleichwohl Bedarf für die Rede von der Liebe Gottes reklamiert wird. Denn nun gerät sie unter den Verdacht, dass dahinter nichts anderes steht als ein menschliches Bedürfnis der Selbstaffirmation, das in der modernen Leistungsgesellschaft verstärkt, aber von ihr nicht erfüllt wird. Diese Gesellschaft verlangt von ihren Mitgliedern, sich wertschöpfend im Wirtschaftskreislauf zu bewähren. … Alle Menschen finden Akzeptanz, wenn sie Akzeptables vorzuweisen haben. Ihre Wertschätzung hängt somit ab von den Wertschöpfungsketten, deren Glieder sie sind. Schlecht dran ist, wer nichts Verwertbares zustande bringt. …

 

Aber kein Mensch kann existieren, wo ein Kalkül von Zweck und Nutzen, von Umsatz und Rendite alles bestimmt und es keine Orte zweckfreier Anerkennung gibt. Als ein solcher Zufluchtsort erscheint der Glaube an Gott. In diesem Kontext begegnet Gott als jene Größe, von der eine unüberbietbare Bestätigung eingeholt werden kann, dass der Mensch sein darf, wie er ist – ohne Wenn und Aber. Was ihm eine säkulare Logik von Aufwand und Ertrag vorenthält, wird ihm in einer religiösen Logik von Gnade und Wohlwollen gewährt: die Bestätigung des Selbstseinkönnens unabhängig von allen Leistungserwartungen – auch von Seiten Gottes. Er mag nichts zustande bringen, aber dies verhindert nicht, dass Gott zu ihm steht.

 

So wichtig dieser theologische Einspruch zur universellen Anwendung des Leistungsprinzips ist, so prekär sind seine Folgen, wenn nur dieser Einspruch formuliert wird. Er handelt sich umgehend den Vorwurf ein: Hier avanciert Gott kompensatorisch zu jener Größe, von der eine unüberbietbare Bestätigung eingeholt werden kann, dass der Mensch sein darf, wie er ist, auch wenn er nichts zu leisten vermag. Überdies handelt es sich um einen folgenlosen Kompensationsversuch. Denn viele Zeitgenossen schließen darauf, dass sie die Bestätigung ihres Selbst- und Soseins einfach „so stehen lassen“ können. Dieser göttliche Beistand bedarf ja ihres eigenen Zutuns nicht. Was ohne eigenes Zutun besteht, darum müssen sie sich nicht kümmern. Sie haben kein schlechtes Gewissen, wenn sie die Rede vom lieben Gott passiv lässt und bei ihnen nichts auslöst. Es macht ihnen nichts aus, diese Rede ganz unbekümmert zu überhören. Dies bekümmert gleich die Zeugen dieses „lieben“ Gottes. Sie sind aufrichtig davon überzeugt, dass es ihr Auftrag ist, den „lieben“, „gütigen“ und „barmherzigen“ Gott immer wieder zur Sprache zu bringen und auf eine Antwort der Angesprochenen zu hoffen. Bei jeder sich passenden Gelegenheit bezeugen sie aufrichtig ihre Überzeugung und ihre Hoffnung. Aber ihre Aufrichtigkeit schlägt um in Aufdringlichkeit. Die Penetranz, mit der sie Gott lieb, gütig und barmherzig sein lassen, macht sie zu religiösen Stalkern. Kein vernünftiger Mensch kann etwas gegen Liebe, Güte und Barmherzigkeit haben – wohl aber dagegen, dass Menschen damit gestalkt werden. Wer will es den Genervten unter den mit Liebe Bedrängten verdenken, dass sie den „Gottesstalkern“ aus dem Weg gehen? Die derart Gemiedenen schmerzt es zwar, dass das so gut Gemeinte so schlecht ankommt. Aber sie vermeiden ihrerseits eine kritische Selbstbefragung. Sie stellen sich nicht dem Verdacht, dass sie die religiöse Dublette eines romantisch-kitschigen Liebesideals vertreten. Sie meiden die Debatte darüber, ob Gott nur deswegen und solange als „lieb“ gilt, wie er das Bedürfnis des Menschen nach Selbstvergewisserung und Selbstbestätigung bedient. …

 

Von den Adressaten einer solchen Gottesrede wird erwartet, dass sie angesichts dessen, was in ihrem Leben ohne Wenn und Aber inakzeptabel ist, dennoch ohne Bejahung ihres Lebens von Seiten Gottes anzunehmen bereit sind. … Der Glaube an Gott gerät in höchste Bedrängnis, wenn er Halt sucht in einer Behauptung, die sich in guten Tagen als vertretbar, in schlechten Tagen aber eher als unhaltbar erweist.

 

Prof. Dr. Hans-Joachim Höhn (Inhaber des Lehrstuhls für Systematische Theologie und Religionsphilosophie am Institut für Katholische Theologie der Universität Köln)

 

(in: Pastoralblatt für die Diözesen Aachen, Berlin, Hildesheim, Köln und Osnabrück; Juni 6/2020, 72. Jahrgang; S. 163ff > Auszüge!)

 

Impuls vom 17.10.2020 "Wie politisch ist die Botschaft Jesu?"

29. Sonntag im Jahreskreis A (Mt22,15-21)

Was für eine grandiose Falle! Und was für eine raffinierte Einleitung! „Meister, wir wissen, dass du die Wahrheit sagst und wahrhaftig den Weg Gottes lehrst und auf niemanden Rücksicht nimmst, denn du siehst nicht auf die Person.“ (Mt 22,16)

Wenn sich die Gegner zusammentun und einen „über den Klee“ loben, sollte jede Alarmglocke aufschrillen. Und in der Tat wird Jesus hier in ein Dilemma gestellt, das kaum zu lösen ist.

Denn der Hintergrund ist ja folgender: Die Römer sind eine imperiale Macht, die Israel besetzt und unterdrückt. Der Name Gottes wird durch die Römer geschändet, ihre Götzen werden aufgestellt und ihre Kulte im Land des auserwählten Volkes durchgeführt. Durch das Diktat der Römer müssen die Menschen Steuern bezahlen und durch die Besatzungspolitik werden sie ausgepresst und um den Lohn ihrer Arbeit gebracht.

Viele im Land wollen diese Ohnmacht nicht mehr hinnehmen. Es gibt schon bewaffnete Untergruppen, die eine Guerilla-Taktik gegen die Besatzer durchführen, denn die Guerilla ist oftmals die Waffe der Ohnmächtigen.

Wie wird Jesus in dieser Situation reagieren? Wie politisch ist seine Botschaft? Und wie weit trägt sein Konzept der Gewaltfreiheit?

1993 befürworteten sogar pazifistische Menschen einen militärischen Einsatz in Bosnien, um den ethnischen Säuberungen ein Ende zu setzen. Was hätte Jesus in dieser Situation gesagt?

In dieser Woche sind China und Russland in den UN-Menschenrechtsrat gewählt worden. Was würde Jesus dazu sagen? Würde er eine Zusammenarbeit um der politischen Einrichtung wegen in Kauf nehmen oder radikal eine Zusammenarbeit in diesem Gremium beenden, da Länder, die Giftanschläge auf Oppositionelle durchführen oder ethnische Minderheiten unterdrücken, als Partner nicht geeignet sind.

Wie sähen Jesu Sanktionen gegen jene aus, die Rechtstaatlichkeit mit Füßen treten? Würde er die wirtschaftliche Zusammenarbeit beenden?

Jesu Reaktion auf diese Frage im heutigen Evangelium, die nach einem „Entweder-oder“ verlangt, kann ihn den Kopf kosten. Wenn er sagt: „Keine Steuern für den Kaiser! Wir dürfen diese Besetzungsmacht nicht länger erdulden!“, dann wird er wegen antikaiserlicher Volksaufwiegelung hingerichtet. Wenn er sagt: „Das Bezahlen der Steuern ist nun mal hinzunehmen oder gar rechtens“, dann wird er als Sympathisant der Besatzungsmacht viele seiner Anhänger vergraulen. Wie er sich auch dreht und wendet, er verliert. Denn was ist nun mit dem Reich Gottes? Kann es sich durchsetzen, auch wenn Fremde Macht über einen ausüben?

Sein Schachzug ist dementsprechend geradezu genial!

Statt nun eine theologische oder philosophische Diskussion zu führen und über ein theoretisches Konstrukt namens Steuern zu reden, erdet er die Frage ganz praktisch und findet die Antwort ironischer Weise in den Taschen seiner Gegner. Denn seine Widersacher reden eigentlich über das Geld, das in ihren Händen ist. Es ist das Geld, mit dem die Pharisäer ganz selbstverständlich Handel treiben, sie nutzen es sogar in der Heiligen Stadt und kaufen damit im Tempel ihre Opfertiere.

Münzgeld gehört dem, der es prägt und ausgibt, das gilt auch heute noch. Und wer an dem Geldkreislauf teilnehmen möchte, muss sich halt auch den Regeln und der Macht des Systems und der Geldausgabestelle unterwerfen.

Eigentlich erklärt Jesus da das Einfachste der Welt, wenn er sagt: „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört.“ Richtig provokant wird die Antwort jedoch durch die Zusatzantwort, nach der keiner gefragt hat: „[…] und [gebt] Gott, was Gott gehört.“ (Mt 22,21)

Denn was nun Jesus hier anspricht ist eine ganz grundsätzliche Frage: Welche Macht kommt Gott zu? Da der fromme Jude das Schma Israel betet, weiß er, dass allein Gott Macht zukommt. In Dtn 6,4 heißt es im jüdischen Glaubensbekenntnis: „Höre Israel, der Herr, unser Gott, der Herr ist einzig.“ Wenn ich das berücksichtige, muss ich jeglichen Machtanspruch in dieser Welt infrage stellen. Ich muss fragen, von welchen Mächten ich mich beherrschen lassen will. Es geht Jesus nun nicht mehr nur um die römische, sondern um jegliche Macht, mit der Menschen über andere Menschen herrschen. Denn keinem Menschen kommt Macht über den anderen zu.

Deshalb ist die Frage nach der politischen Dimension der Botschaft Jesu so schwierig. Politik will erfolgreich sein und gewissermaßen in ihrem Erfolg durch eine Machtbasis die Welt gestalten. Doch Jesus lehnt es kategorisch ab, in diesem Sinne erfolgreich zu sein und Macht auszuüben.

Hätte er in seiner Bewegung versucht, mit irgendeiner Art von Gewaltausübung sein Reich zu bauen und den Umsturz herbeizuführen, wäre er wahrscheinlich damit gescheitert wie viele Freiheitskämpfer vor und nach ihm. Und dann wäre Jesus wieder nur ein Opfer in der Menschheitsgeschichte gewesen, wo eine Gruppe Unterdrückter vergeblich versuchte, die Mächtigen zu stürzen. Spartakus scheiterte an Rom, die Israeliten scheiterten im römischen Krieg, Sklavenaufstände scheiterten in vielen Kolonien und wie viele Minderheiten sind heute noch ein Spielball der Mächtigen?

Jesus durchbricht dieses Spiel, indem er auf die Frage nach Macht mit Ohnmacht antwortet. Denn er stellt jede Autorität, jedes menschliche System, jede menschliche Machtausübung infrage. Jesus lehrt eine Religion, die nicht auf Erfolg und Macht setzt und die nicht weiß, was das Richtige für einen jeden anderen ist. Im Gegenteil: Er scheitert am Kreuz und hat trotzdem alles richtig gemacht. Er vertraut einzig auf die Macht Gottes und lebt die bedingungslose Liebe des Schöpfers zu allen seinen Geschöpfen. Er übt auf die Ausgegrenzten und Sünder keine moralische Macht aus, sondern befreit sie darin, wieder Kinder eines liebenden Gottes zu sein, der seine Geschöpfe nicht nach Macht, Geld und Heldentaten oder erarbeitetem Ansehen bewertet. Jesus verweigert es, über den anderen zu urteilen und meint nicht zu wissen, was für den anderen gut ist.

„Gebt Gott, was Gott gehört“ heißt, sich wieder voll und ganz auf Gott einzulassen und aus der Macht seiner Liebe zu leben, die im Menschen wohnt. Daher das Gebot, „du sollst Gott und deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (vgl.: Dtn 6,4; Lev 19,18 und Mt 22,36ff.; Lk 10,25ff.; Mk 12,30f.), denn dann wirst du aufhören, über den anderen herrschen zu wollen. Es wird dir an seinem Wohl liegen, wenn du dem Gebot folgst. Du wirst aufhören zu glauben, dass Geld, Macht und Ansehen dich ausmachen, denn all das verschafft dir keine Liebe.

Realpolitik lässt sich damit nicht machen. Es kann einen Ohnmächtigen in dieser Welt nicht mächtig machen. Aber, und das ist das Entscheidende, es stellt jede Macht in Frage, es relativiert jeglichen Machtanspruch dieser Welt und lässt den vermeintlich Beherrschten frei werden in dem Wissen, dass sie oder er ein geliebtes Kind jenes Gottes ist, der sich am Ende als machtvoller Sieger erwiesen hat und erweisen wird.

Das soll nun keine Vertröstung der Unterdrückten auf ein Jenseits sein, sondern es soll die Gewissheit stärken, dass ich selbst entscheiden kann, welchen Mächten ich mich unterwerfe. Es soll mich wissend machen, dass weder das Finanzsystem noch Staaten oder Organisationen wirklich Macht darüber haben, was ich bin, welchen Wert ich habe oder was für mich gut ist. Jesus gibt mir mit seinem Weg und Beispiel das Wissen um jenen, der einzig die Macht hat. Er wird mir helfen, meinen Weg hier auf Erden frei zu gestalten, auch wenn mir dieser Weg aus vielen irdischen Perspektiven keinen Erfolg verspricht.

Ich kann jedoch wissen, erfahren, spüren, dass es richtig ist, und ich werde den liebenden Gott darin finden. Das ist Jesu Versprechen an uns und alle Ohnmächtigen dieser Welt, die auf Macht und Gewalt nicht mit Gegengewalt und gegnerischen Machtansprüchen reagieren. Denn nur so kann wahrer Frieden entstehen.

Impuls vom 10.10.2020 "Eingeladen zum Fest"

Evangelium nach Matthäus 22, 1-13

Eine Hochzeit steht an – aber die Stimmung im Gleichnis aus dem Evangelium ist nicht voll Freude. Im Gegenteil: Auf die Einladung des Königs zur Hochzeit seines Sohnes reagieren die Geladenen gleichgültig, ja mit Geringschätzung und Mord der königlichen Gesandten. Welch ein Affront! Da lässt der König aus Zorn die Mörder umbringen. Eine Einladung zum Fest des Lebens endet in einem Blutbad. Frohe Botschaft?

Eine frohe Botschaft finde ich in der Aufforderung: „Geht also hinaus auf die Straßen und ladet alle, die ihr trefft, zur Hochzeit ein.“ Wenn die, die zuerst eingeladen waren, nicht kommen wollen, dann gilt es, hinauszugehen auf die Straßen. Und alle dürfen kommen – ein göttliches Christusfest neuer Art wird gefeiert.

Was für eine weite, mutige Botschaft! Egal, wo ich herkomme, was ich getan habe – ich bin es wert, am königlichen Fest teilzunehmen.

Nehmen wir die Einladung Gottes zum Fest des Lebens wahr? Spüren wir etwas von der Spannung und der Freude, die Gott mit seiner Einladung bei uns auslösen möchte? Oder hat auch bei mir alles andere Priorität? Wie oft bin ich mit anderem beschäftigt, verfolge eigene Pläne…

Dann werden die Leute draußen auf der Straße eingeladen. Vielleicht bist du auch einer von denen draußen, am Rande der Gesellschaft, des Lebens, am Rande einer Gruppe oder von Kirche. – Und nun richtet sich die Einladung auch an dich. Du darfst dich neu bekleiden, auf die Schönheit und Fülle des Festes einstimmen und dazu beitragen.

So sagt mir das Gleichnis:

  • Wir können die große Gelegenheit unseres Lebens verpassen. Vertu sie nicht!
  • Die Einladung des Königs, die Einladung Gottes ist letztlich erfolgreich.
  • Jede und jeder kann kommen, aber wir müssen den Schritt tun.
  • Gottes Liebe ist so groß, dass er uns das Beste und Schönste bereitet, was wir uns erhoffen dürfen.

Leben wir voller Erwartung, in Würde und wacher Liebe! Wir sind eingeladen. Wir gehen zu auf ein großes Hochzeits-fest. Es hat schon angefangen.

Karin Stump

Impuls vom 03.10.2020 "PAX et BONUM"

Pax et Bonum!

 

‚Leute machen Kleider‘ und/oder ‚Kleider machen Leute‘ – Beides passt zum hl. Franziskus von Assisi, dessen Gedenktag die Kirche am 04. Oktober begeht.

 

Gut betucht wurde er in vornehmen Kreisen groß und wusste sich aufgrund seiner Herkunft chic zu machen und in feinem Zwirn zu kleiden. Zunächst also in Windeln gewickelt, später als Dressman gekleidet in seiner Umgebung quasi die Moderichtung vorgegeben und bestimmt, dann als Soldat in Uniform und Rüstung gewechselt, nach seiner Bekehrung Abschied vom äußeren Chic die freiwillige Selbst-Übergabe in den Mantel des Bischofs bzw. der Kirche und schließlich die radikale Entscheidung für ein armes Leben in Kutte. Das erinnert an ein früheres Jahresmotto des Bonifatiuswerkes in Paderborn: ‚Zeig‘ draußen, was du drinnen glaubst.‘

 

Ziel des hl. Franziskus: Die Liebe zu Christus in Freiheit VON äußeren Bindungen und Abhängigkeiten und in Freiheit FÜR Gott und die Menschen leben und so dem nackten Christus folgen. Die Kirche bietet ihm dazu den Mantel des Bischofs, einen Schutzmantel gegenüber der Bevölkerung und zum Schutz vor der Familie bzw. insbesondere vor dem leiblichen Vater des hl. Franziskus. Franziskus lehnt ab und entscheidet sich für die Kutte, einen einfachen Hirtenmantel!

 

Ja, Franz von Assisi war ein krasser, beeindruckender, markanter, kantiger, klassischer ‚Mensch auf der Suche‘. Seit mehr als 30 Jahren schreibt sich das Katholische Forum Dortmund auf die Fahnen, für ‚Menschen auf der Suche‘ da zu sein. Dabei kann und will wohl niemand heute in der Kirche Christus so extrem und radikal nachfolgen wie der große Heilige unserer Kirche.

 

Passend dazu verfasste Dr. Gotthard Fuchs dazu folgende Gedanken: Was eine/einer anzieht, sagt auch etwas darüber, wen er oder sie anzieht – oder abstößt. … Kleider machen Leute. Wer bin ich? Wo und wie zeige ich mich? Was ist darunter? … Manche kommen äußerlich prächtig gewandet daher, aber ‚unter der Decke‘ sieht es anders aus. Kein Wunder, dass so elementare Vollzüge wie Kleidung … ihre Symbole auch religiös entfalten: Das weiße Kleid bei der Taufe, der Hochzeit oder der  Ordensprofess ist solch ein Zeichen. ‚Zieht den neuen Menschen an‘, den österlichen (Eph 4,24)! (vgl. Gotthard Fuchs in CIG Nr. 31/2020, S. 335)

 

Noch einmal zum Patron des Katholischen Forums Dortmund: Die verschiedenen Phasen des Lebens des Tuchhändlersohns aus Assisi lassen sich sehr gut an Tüchern, Stoffen, Kleidern und seinem Outfit ent-decken. Was er durch seine Kleidung zum Ausdruck bringt, deckt außen auch Inneres auf > von seinen Windeln über den feinen Zwirn des reichen Jünglings bis zur Kutte des armen Bruders Franziskus!

 

Stellen wir uns hier und heute in Erinnerung an Franz von Assisi und seinen faszinierenden Lebens- und Glaubensweg einige bzw. einigen dazu passenden Fragen: Was ziehe ich an? Was zieht mich an? Wie folge ich Christus in meinem Leben?

 

Stefan Tausch

Impuls vom 26.09.2020 „Ja- und Neinsager“

Ja- und Neinsager

(Phil 2, 1-5, Mt 21, 28-32)

Menschen sind unterschiedlich. Und Menschen sind unterschiedlich schnell.

Leben ist mehr als die Erstreaktion. Danach ist noch Freiheit!

Besser, sich zu verrennen und dann bereuen, als sich uneinsichtig im Glanz vermeintlicher Perfektion zu verlieren. Besser ein Nein, das sich zum Ja wandelt, als eine nur oberflächliche Zustimmung.

Der Weinberg wird in der Bibel oft als Bild gebraucht – für das Volk Israel, das Gott liebt, das Gott hegt und pflegt wie einen Weinberg. Wenn es um den Weinberg geht, treten wir ein in die Welt Gottes. Jesus lenkt die Aufmerksamkeit seiner Hörerinnen und Hörer auf die Beziehung zwischen Vater und Sohn. Und wir werden gefragt nach unserem Verhältnis zu Gott.

Der Vater im Gleichnis gibt den Auftrag, er weist einen Weg. Die beiden Leitbegriffe sind das Gehen in den Weinberg und das Glauben. Das meint Glauben: Treusein in unserer Beziehung zu Gott und in Liebe Mitwirken am Reich des Friedens und der Gerechtigkeit. Das Bekenntnis zur Königsherrschaft Gottes und das Tun gehören zusammen.
Der eine Sohn reagiert ungehorsam und unwillig, aber er ändert seinen Sinn. Das Interessante und Unterscheidende sind die innere Haltung und Bewegung. Ihn treibt die Sorge, dass die Beziehung zwischen ihm und dem Vater Schaden leiden könnte. Es geht nicht nur um äußeres Befolgen des Auftrags, sondern um die innere Übereinstimmung. Nach der Unlust und dem Affront besinnt er sich auf das, was ihm wichtig ist und ihn mit dem Vater verbindet.

Der andere Sohn, der zunächst dem Auftrag des Vaters zustimmt, bleibt untätig, in sich verschlossen, wie abgetrennt vom Vater, der doch einladend, liebevoll gesagt hatte: „Mein Kind, geh und arbeite heute im Weinberg!“

Wie steht es um Ihre Beziehung zu Gott? Wohin weist er Sie? Wo gilt es entschieden Ja oder Nein zu sagen und es auch zu tun? Was können Sie konkret anpacken? Sind Sie bereit?

Es gibt Arbeit im Weinberg, und es gibt die wunderbare Verbindung zu Gott. Machen wir uns neu auf, an Gottes Reich der Liebe und des Friedens mit zu wirken.

Karin Stump

Impuls vom 19.09.2020 „Niemand hat uns angeworben!“

Niemand hat uns angeworben! (Mt 20, 7a)

Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden. (Mt 9,37f) Mit Blick auf diese Worte Jesu möchte ich das bekannte Gleichnis Von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20, 1-16) aus dem heutigen Sonntagsevangelium auf das Reich Gottes hier und heute in unserer Kirche, in unserer Welt beziehen.

Da bürstet Christus zunächst einmal in so erfrischender und aufrüttelnder Weise wohltuend und irritierend mit einer großartigen Verheißung gegen den Strich: Die Ernte ist groß! Leidenschaftliches Engagement in der Verkündigung der frohen Botschaft lohnt also auch heute. Auch in unserer Zeit gilt, dass viele Menschen auf der Suche in der christlichen Botschaft Sinn und Halt suchen – wenngleich bisweilen auf völlig andere und neue Weise, als wir es in den christlichen Kirchen in der Vergangenheit (er)lebten und praktizierten.

 Aber es gibt nur wenig Arbeiter. Damals wie heute gehört(e) das Phänomen des ‚Fachkräftemangels‘ zur Tagesordnung. Nichts Neues unter der Sonne also, was in der Kirche seit Jahrzehnten so viele bejammern und beklagen.

 Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden. An dieser Stelle aber wird’s spannend und an- bzw. aufregend, wenn wir diese Einladung bzw. Aufforderung Jesu auf das Gleichnis Von den Arbeitern im Weinberg beziehen. Da müssen sich die um die elfte Stunde untätig in der Gegend Herumstehenden zunächst den Vorwurf des Gutsbesitzers gefallen lassen, warum sie den ganzen Tag faulenzen und nichts leisten. Ihre Antwort spricht Bände: Niemand hat uns angeworben. Mit anderen Worten: Für uns hat sich keiner interessiert. Wir waren nicht gefragt. Wir wurden ignoriert. Uns wollte niemand haben.

 Niemand hat uns angeworben! Ich ahne / fürchte / glaube / unterstelle, dass es dieses Phänomen bis heute gibt! Bis heute haben wir meinem Eindruck nach viele durchaus Interessierte ArbeiterInnen nicht im Blick, so dass sie sich nicht eingeladen, willkommen, qualifiziert, angesprochen bzw. – fromm formuliert –  berufen fühlen, sich im Weinberg des Herrn aktiv auf ihre je eigene Weise wie und wo und wie lange auch immer einzubringen und zu engagieren.

 Niemand hat uns angeworben! Im Interesse aller (!) Beteiligten lohnt es meinem Eindruck nach, darüber in Ruhe und intensiv nachzudenken und neue passgerechte Zugangsmöglichkeiten für eine attraktive und erfolgreiche Arbeit im Weinberg des Herrn zu schaffen. Denn: Die Ernte ist groß!

Stefan Tausch

Impuls vom 12.09.2020 „Befreiung durch Wahrheit“

Die Geschichte Gottes mit den Menschen ist eine lange Geschichte von Geduld und immer neuer Vergebung. Eine quasi ‚unendliche Geschichte‘, von der bereits im alttestamentlichen Buch Jesus Sirach zu lesen ist: ‚Vergib deinem Nächsten das Unrecht, dann werden wir, wenn du bittest, deine Sünden vergeben! Ein Mensch verharrt gegen einen Menschen im Zorn, beim Herrn aber sucht er Heilung? Mit einem Menschen gleich ihm hat er kein Erbarmen, aber wegen seiner Sünden bittet er um Vergebung? Er selbst – ein Wesen aus Fleisch, verharrt im Groll. Wer wird seine Sünden vergeben?‘ (Sir 28, 2-5)

 Nüchtern-realistisch und gleichermaßen hoffnungsvoll-zuversichtlich schreibt dazu der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer:

 ‚Es kann sein, dass Christen trotz gemeinsamer Andacht, gemeinsamen Gebetes, trotz aller Gemeinschaft im Dienst allein gelassen bleiben, dass der letzte Durchbruch zur Gemeinschaft nicht erfolgt, weil sie zwar als Gläubige, als Fromme Gemeinschaft miteinander haben, aber nicht als die Unfrommen, als die Sünder.

 Die fromme Gemeinschaft erlaubt es ja keinem, Sünder zu sein. Darum muss jeder seine Sünde vor sich selbst und vor der Gemeinschaft verbergen.

 Wir dürfen nicht Sünder sein. Unausdenkbar das Entsetzen vieler Christen, wenn auf einmal ein wirklicher Sünder unter die Frommen geraten wäre.

 Darum bleiben wir mit unserer Sünde allein, in der Lüge und der Heuchelei; denn wir sind nun einmal Sünder.

 Es ist aber die Gnade des Evangeliums, die für den Frommen so schwer zu begreifen ist, dass es uns in die Wahrheit stellt und sagt: du bist ein Sünder, ein großer heilloser Sünder und nun komm als dieser Sünder, der du bist, zu deinem Gott, der dich liebt.

 Er will dich so, wie du bist, er will nicht irgend etwas von dir, ein Opfer, ein Werk, sondern er will allein dich. … Gott ist zu dir gekommen, um den Sünder selig zu machen.

 Freue dich!

 Diese Botschaft ist Befreiung durch Wahrheit. Vor Gott kannst du dich nicht verbergen. Vor ihm nützt die Maske nichts, die du vor den Menschen trägst. Er will dich sehen wie du bist, und er will dir gnädig sein. Du brauchst dich selbst und deinen Bruder nicht zu belügen, als wärest du ohne Sünde, du darfst ein Sünder sein, danke Gott dafür; denn er liebt den Sünder, aber er hasst die Sünde.‘ (aus: ‚Gemeinsames Leben’ – Dietrich Bonhoeffer, Gütersloher Verlagshaus, S. 93)

Ja, jeder Mensch braucht die Vergebung Gottes. Nüchtern-realistisch und gleichermaßen hoffnungsvoll-zuversichtlich heißt es dazu im Buch Jesus Sirach: ‚Denk an das Ende, denk an Untergang und Tod und bleib den Geboten treu! Denk an die Gebote und grolle dem Nächsten nicht, denk an den Bund des Höchsten und übersieh die Fehler!‘ (Sir 28,6f)

Wahrlich: Diese frohe Botschaft, diese Gnade des Evangeliums ist Befreiung durch Wahrheit pur!

Stefan Tausch

Impuls vom 05.09.2020 „Von der Praktikabilität voraussetzungsloser Vergebung“

Das wirklich Unvergleichbare in der Religionsgeschichte und das zugleich am meisten Provozierende, was Jesus tat, war das voraussetzungslose Erbarmen, das er einem jedem zuteilwerden ließ. Zöllner und Sünder, Huren und Bettler lud er an seinen Tisch und verkündete ihnen die Gnade Gottes, von der niemand ausgeschlossen ist.

Jesus sagte nie: „Du gehörst nur dann zu uns, wenn du nach unseren Geboten und Gesetzen spielst.“ Die Praktikabilität dieses Ansatzes wird im Evangelium vom 23. Sonntag im Jahreskreis (A) verhandelt. „Hört er […] nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner!“ (Mt 18,17) Kaum zu glauben, dass ein solcher Satz aus dem Mund Jesu kommt. Zugegeben, die Messlatte ist sehr hoch, bis dass ein Mensch ausgeschlossen wird. Jesus plädiert zuerst für ein Gespräch im kleinen Kreis, also nur mit denen, die am Konflikt beteiligt sind. Scheitert eine Vermittlung, soll zum Schutz der Intimsphäre und vor Bloßstellung eine kleine Gruppe hinzugezogen werden. Nützt auch das nicht, soll die Angelegenheit in der Gemeinde mit allen diskutiert werden. Das Volk, nicht ein einzelner, soll dann entscheiden, wie das Fehlverhalten zu werten ist und ein Urteil sprechen.

Eigentlich ein vernünftiges Vorgehen. Und da nicht einem einzelnen Hirten oder Anführer die Macht des Urteils zukommt, wird hoffentlich Willkür vermieden. Aber eines wird nicht in der Schilderung des Vorgehens beschönigt: Es gibt anscheinend Vergehen und Verhaltensmuster, die den Ausschluss aus der Gemeinschaft rechtfertigen. Die Personen, die ausgeschlossen werden sollen, sollen rechtlos und gemieden werden, wie die Zöllner und Heiden der damaligen Zeit.

Wie passt das zu einem Jesus, der doch gerade zu den Zöllnern und Sündern geht. Kurz vorher, in den Versen 12-14 des 18. Kapitels des Matthäusevangeliums, berichtete Jesus vom „Guten Hirten“, der gerade zu dem einen verlorenen Schaf geht und der sich über das Zurückführen dieses Schafes mehr freut, als über die 99 gerechten Schafe. (Mt 18,12-14)

Wie passt das zu einem Jesus, der in den beiden nachfolgenden Versen des Textabschnittes auf die Frage Petri, ob er sieben Mal seinem Bruder verzeihen muss, antworten wird: „Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.“ (Mt 18,22)

Kann es eine menschliche Gemeinschaft geben, die sich auf voraussetzungslose Güte und Vergebung gründet? Für Matthäus scheint die voraussetzungslose Güte nicht mehr praktikabel zu sein, da sie unter dem Verdacht steht, missbraucht zu werden. Die Spannung zwischen dem, was Jesus wollte, und dem, was Matthäus in diesen Versen daraus macht, könnte nicht größer sein, als es in dem Satz zum Ausdruck kommt: „Er sei dir wie ein Zöllner!“

Es war doch gerade die Mission Jesu, zu den Sündern zu gehen und diese wieder hinein zu holen in die Gemeinschaft und gerade nicht auszugrenzen. Clives Staples Lewis sagte einmal: „Vergebung muss, wenn sie wirksam sein soll, nicht allein gewährt, sondern auch empfangen werden – und ein Mensch, der nicht zugibt, schuldig zu sein, kann keine Vergebung empfangen.“

Die Voraussetzung, zu der Gemeinschaft zu gehören, sind also das Wissen und die Erfahrung, dass auch ich Vergebung brauche. In dieser Erfahrung qualifiziere ich mich für die Gemeinschaft. In dieser Qualifizierung werde ich unrechtes Handeln wahrscheinlich zugeben und versuchen, Heilung für mich und die Gemeinschaft zu wirken.

Jeder, der absichtlich die voraussetzungslose Vergebung missbraucht, ist sich seines schuldhaften Verhaltens anscheinend nicht bewusst. Er scheint seine eigenen Interessen mehr im Sinn zu haben als die Liebe zu seinem Nächsten und das gerechte Handeln. Er sondert sich damit von Gott und der Gemeinschaft ab, er sündigt.

Das disqualifiziert ihn von der Gemeinschaft. Es disqualifiziert ihn aber niemals von der individuellen, liebenden und vergebungsvollen Hinwendung eines jeden einzelnen von uns.

Es ist also korrekt, die Gemeinschaft zu schützen, aber die Gemeinschaft darf nie eine Burg mit ausgrenzenden Mauern werden. Eine christliche Gemeinschaft muss in ihrer Lebensführung und Identität Christus als Maßstab haben. Ihr dürfen niemals diejenigen egal sein, die noch nicht oder nicht mehr zu ihr gehören und das einzelne Mitglied der Gemeinschaft darf nie vergessen, dass der Außenstehende, den er oder sie trifft, ein geliebtes Kind Gottes ist, dem er oder sie zu einem Weg zur Gemeinschaft werden kann. Der Einzelne kann das Vorbild werden, auch nach den Maßstäben der Gemeinschaft zu leben. Eine Gemeinschaft darf einem Menschen Grenzen setzen, aber ein jeder ist aufgerufen, Grenzen zu überwinden.

 

 

 

Impuls vom 29.08.2020 „Das Kreuz als Zeichen der Befreiung“

Wenn ich heute auf einem Platz in Minsk in Belarus stehen und einen demonstrierenden Menschen fragen würde, was denn das Kostbarste sei, wäre seine Antwort vielleicht „Freiheit“.

Es kostet überhaupt nichts, mit den herrschenden Meinungen mit zuschwimmen oder in autoritären Regimen mitzuspielen, doch frei zu werden, vielleicht auch im Widerspruch zur allgemeinen Ansicht zu stehen, kostet womöglich viel – im Fall von Belarus Repressionen, Gefängnis oder Tod.

Die Frage ist, nehme ich die Konsequenzen für die Aussicht auf Freiheit an oder bleibe ich unfrei. Jesus würde fragen: „Bist du bereit, dein Kreuz zu tragen?“

Das Kreuz auf sich zunehmen heißt, die Konsequenzen seiner freien Entscheidung anzunehmen, zu wissen, dass der Weg, den ich frei wähle, auch scheitern kann – zumindest auf dem ersten Blick.

Wir kennen solche Entscheidungen auch aus unserem Alltag: Nehmen wir beispielsweise die Partnerschaft. Wenn ich mich zu einer Partnerschaft entscheide, nehme ich in Kauf, dass ich traurig gemacht und betrogen werden kann, dass die Beziehung am Ende scheitern könnte. Ist es deswegen sinnvoller keine Beziehung einzugehen? Ich denke nicht. Und ich denke, dass dann die Angst vor dem Scheitern einer Beziehung meine Freiheit beschneidet. Wenn mich die Angst bestimmt, wenn ich ausschließlich von ihr getrieben werde, kann ich mich nicht frei für oder gegen eine Beziehung entscheiden.

Wer also eine Beziehung eingeht, ist bereit, das Kreuz auf sich zu nehmen. Und so, wie der Verurteilte das Kreuz auf sich nimmt für seine Tat und zudem noch nicht weiß, wo er ankommen wird, so weiß der Liebende am Anfang der Partnerschaft auch noch nicht, wohin die Beziehung führen wird. Zwischen Kreuzaufnahme und Kreuzigung liegen meistens lange Strecken, auf denen es noch so manche Wendung gibt und an deren Ende nicht der Tod stehen muss. Das Kreuz auf sich nehmen heißt also erst einmal nur, eine freie Entscheidung zu treffen und die Konsequenzen in Kauf zu nehmen.

Und für uns Christen wird die Entscheidung noch einfacher, denn wir kennen schon die Auflösung von allem: Wir wissen, dass es die Auferstehung gibt. Wir wissen bereits, dass es im Verlust des Lebens für uns Gewinn gibt.

Das Aufnehmen des Kreuzes soll für uns kein Zwang zum Leid sein. Wir sollen nicht meinen, wir folgen Jesus nur dann gut, wenn es uns schlecht geht, wenn wir möglichst viele Repressionen und Schicksalsschläge erleiden. Dann würden wir gegen den Willen Gottes handeln, der ja das Gute für uns will.

Gott will uns stattdessen sagen: Ihr seid frei! Denn es gibt nichts, wovor ihr euch fürchten müsst! An mir seht ihr: Ich bin auferstanden und die Liebe Gottes zu euch überwindet alles, sogar den Tod. Ihr müsst keine Angst haben, früh zu sterben, denn euch gehört die Ewigkeit. Ihr müsst keine Angst haben, ausgelacht zu werden, bei mir habt ihr immer Anerkennung. Ihr müsst keine Angst haben, arm zu sein, der Reichtum des Himmels wartet auf euch.

Gott will nicht, dass wir unter unseren Kreuzen leiden. Er will, dass wir in jedem Kreuz, dass wir aufnehmen, frei werden. Er will, dass wir in jedem Kreuz, dass wir mit seinen negativen Möglichkeiten aufnehmen, wissen, dass das Ende nicht Golgotha, sondern das Paradies sein wird.

Und deswegen soll uns der Gedanke, dass wir auferstehen und dass es ein Jenseits gibt, nicht vertrösten auf etwas Kommendes, sondern uns befreien, bereits hier in Freiheit und Freude zu leben.

Stefan Kaiser

Impuls vom 22.08.2020 "Ihr aber..."

Kirche im Wandel: Fest soll mein Taufbund immer stehen

‚Du bist Petrus – der Fels – und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.‘ (vgl. Mt 16,18)  Anlässlich der Taufe seines Neffen im Mai 1944 schrieb der damals von den Nazis inhaftierte und später hingerichtete evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer in einem Brief an den Täufling zu diesem Wort Jesu aus dem aktuellen Sonntagsevangelium (21. Sonntag im Lesejahr A) u.a. folgende passende Worte, die m.E. einerseits wachrütteln und sensibilisieren, andererseits zugleich aber als auch ermutigen und anspornen können. Damals wie heute, weil sich zu allen Zeiten in der Kirche aus unterschiedlichsten Gründen sehr vieles wandelt und alles andere als felsenfest ein für alle Mal in Stein gemeißelt zu sein scheint:

Du wirst heute zum Christen getauft. Alle die alten großen Worte der christlichen Verkündigung werden über Dir ausgesprochen und der Taufbefehl Jesu Christi wird an Dir vollzogen, ohne dass Du etwas davon begreifst.

 Aber auch wir selbst sind wieder ganz auf die Anfänge des Verstehens zurückgeworfen. Was Versöhnung und Erlösung, was Wiedergeburt und Heiliger Geist, was Feindesliebe, Kreuz und Auferstehung, was Leben in Christus und Nachfolge Christi heißt, das alles ist so schwer und so fern, dass wir es kaum mehr wagen, davon zu sprechen. In den überlieferten Worten und Handlungen ahnen wir etwas ganz Neues und Umwälzendes, ohne es noch fassen und aussprechen zu können. Das ist unsere eigene Schuld.

Unsere Kirche, die in diesen Jahren nur um ihre Selbsterhaltung gekämpft hat, als wäre sie ein Selbstzweck, ist unfähig, Träger des versöhnenden und erlösenden Wortes für die Menschen und für die Welt zu sein. Darum müssen die früheren Worte kraftlos werden und verstummen, und unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neugeboren werden aus diesem Beten und diesem Tun.

 Bis du groß bist, wird sich die Gestalt der Kirche sehr verändert haben. Die Umschmelzung ist noch nicht zu Ende, und jeder Versuch, ihr vorzeitig zu neuer organisatorischer Machtentfaltung zu verhelfen, wird nur eine Verzögerung ihrer Umkehr und Läuterung sein.

 Es ist nicht unsere Sache, den Tag vorauszusagen – aber der Tag wird kommen -, an dem wieder Menschen berufen werden, das Wort Gottes so auszusprechen, dass sich die Welt darunter verändert und erneuert. Es wird eine neue Sprache sein, vielleicht ganz unreligiös, aber befreiend und erlösend, wie die Sprache Jesu, dass sich die Menschen über sie entsetzen und doch von ihrer Gewalt überwunden werden, die Sprache einer neuen Gerechtigkeit und Wahrheit, die Sprache, die den Frieden Gottes mit den Menschen und das Nahen seines Reiches verkündigt.

 „Und sie werden sich verwundern und entsetzen über all dem Guten und über all den Frieden, den ich ihnen geben will.“ (Jerem. 33,9). Bis dahin wird die Sache der Christen eine stille und verborgene sein; aber es wird Menschen geben, die beten und das Gerechte tun und auf Gottes Zeit warten. (Quelle: ‚Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung – Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft’, Hg. Eberhard Bethge, Chr. Kaiser/Gütersloher Verlagshaus, S. 156f)                                                                                                    

So galt und gilt lebendig und dynamisch: ‚Du bist Petrus – der Fels – und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.‘ (vgl. Mt 16,18)                                                                                                                      Stefan Tausch

Impuls vom 15.08.2020 "Ausweiten"

Ausweiten  Jes 56, 1.6-7; Mt 15, 21-28

Vor 15 Jahren, am 16.8.2005, wurde in Taizé Frère Roger Schutz, der Gründer der ökumenischen Gemeinschaft, von einer psychisch gestörten Frau ermordet.

„Ausweiten“ war das Thema seines letzten Briefes, der unvollendet blieb. Grenzen sprengen, Feindschaft und Vorurteile überwinden zwischen Völkern und Konfessionen – das war sein Anliegen…

Wo brauchen Sie mehr Weite? Als Getaufte ist es uns ins Stammbuch geschrieben, weit und groß zu denken und zu handeln. Wozu lockt Sie das Wort Frère Rogers vom „Ausweiten“?

Sommerzeit, Urlaubszeit, viele suchen das Weite, die Weite – manche suchen das Neue oder Fremde. – Lassen Sie uns dazu zunächst einen weiten Schritt zurück gehen und in die Geschichte Israels eintauchen.

Gott hatte sich das Volk Israel besonders erwählt. Wie war das gemeint? Exklusiv? Oder als Ausgangspunkt? Auch zu Lebzeiten Jesu kam die Frage auf: Wem gilt Gottes Bund und Heilsversprechen? Unter den frühen Christen fragten sich dann manche, ob sie, die vom jüdischen Glauben herkamen, das Brot Jesu Christi auch mit den Fremden teilen müssten. Umfasste Jesu Heilsangebot auch heidnische Menschen? Wie sollten Christen sich verhalten gegenüber Fremden und Andersgläubigen?

Das Evangelium erzählt: Jesus selbst hat Grenzen überschritten. Er ist in die nicht-jüdischen Gebiete gegangen. Auch Jesus nahm zunächst an, sein Auftrag, beschränke sich auf das Volk Israel. Die heidnische Frau bleibt hartnäckig und bittet den Rabbi um Heilung für ihre Tochter. Sie bringt Jesus dazu, traditionelle Bilder von Gott und seinem Heilsangebot zu überschreiten. Sie fordert diese Wandlung und Öffnung Jesu durch ihren beharrlichen Glauben heraus. Er erfüllt ihre Bitte. Für ihn zählt nun nicht mehr die Herkunft, sondern allein der Glaube.

Auch die Kirche steht immer wieder in der Gefahr, Andersgläubige auszugrenzen oder Ansprüche und Forderungen an Fremde, Andersdenkende oder Anderslebende zu entwickeln. Das Evangelium macht klar: Christen in der Nachfolge Jesu dürfen schlechthin nicht fremdenfeindlich sein. Die christliche Botschaft verträgt sich nicht mit Rassismus oder Nationalismus!

Ausweiten – so hatte Frère Roger seine letzte Botschaft 2005 überschrieben. Nicht Ansprüche, Abgrenzung oder Privilegien zählen, sondern gelebter weiter Glaube!

Suchen wir in diesem Sinne das Weite, die Weite Gottes.                                                                   Karin Stump

Impuls vom 08.08.2020 "Warum habt ihr solche Angst?"

Auszüge aus der Predigt von Papst Franziskus am 27. März 2020 beim Gebet in der Pandemie auf dem Petersplatz

»Am Abend dieses Tages« (Mk 4.35). So beginnt das eben gehörte Evangelium. Seit Wochen scheint es, als sei es Abend geworden. … Wir sind verängstigt und fühlen uns verloren. Wie die Jünger des Evangeliums wurden wir von einem unerwarteten heftigen Sturm überrascht. Uns wurde klar, dass wir alle im selben Boot sitzen, alle schwach und orientierungslos sind, aber zugleich wichtig und notwendig, denn alle sind wir dazu aufgerufen, gemeinsam zu rudern, alle müssen wir uns gegenseitig beistehen. Auf diesem Boot … befinden wir uns alle. Wie die Jünger, die wie aus einem Munde angsterfüllt rufen: »Wir gehen zugrunde« (vgl. V. 38), so haben auch wir erkannt, dass wir nicht jeder für sich, sondern nur gemeinsam vorankommen.

Leicht finden wir uns selbst in dieser Geschichte wieder. Schwieriger ist es da schon, das Verhalten Jesu zu verstehen. Während die Jünger natürlich alarmiert und verzweifelt sind, befindet er sich am Heck, in dem Teil des Bootes, der zuerst untergeht. Und was macht er? Trotz aller Aufregung schläft er friedlich, ganz im Vertrauen auf den Vater – es ist das einzige Mal im Evangelium, dass wir Jesus schlafen sehen. Als er dann aufgeweckt wird und Wind und Wasser beruhigt hat, wendet er sich vorwurfsvoll an die Jünger: »Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?« (V. 40).

Versuchen wir zu verstehen. Worin besteht der Glaubensmangel der Jünger, der im Kontrast steht zum Vertrauen Jesu? Sie hatten nicht aufgehört, an ihn zu glauben, sie flehen ihn ja an. Aber schauen wir, wie sie ihn anrufen: »Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?« (V. 38). Kümmert es dich nicht: Sie denken, dass Jesus sich nicht für sie interessiert, dass er sich nicht um sie kümmert. Im zwischenmenschlichen Bereich, in unseren Familien, ist es eine der Erfahrungen, die am meisten weh tun, wenn einer zum anderen sagt: „Bin ich dir egal?“ Das ist ein Satz, der schmerzt und unser Herz in Wallung bringt. Das wird auch Jesus erschüttert haben. Denn niemand sorgt sich mehr um uns als er. In der Tat, als sie ihn rufen, rettet er seine mutlosen Jünger.

Der Sturm legt unsere Verwundbarkeit bloß und deckt jene falschen und unnötigen Gewissheiten auf, auf die wir bei unseren Plänen, Projekten, Gewohnheiten und Prioritäten gebaut haben. Er macht sichtbar, wie wir die Dinge vernachlässigt und aufgegeben haben, die unser Leben und unsere Gemeinschaft nähren, erhalten und stark machen. Der Sturm entlarvt all unsere Vorhaben, was die Seele unserer Völker ernährt hat, „wegzupacken“ und zu vergessen; all die Betäubungsversuche mit scheinbar „heilbringenden“ Angewohnheiten, die jedoch nicht in der Lage sind, sich auf unsere Wurzeln zu berufen und die Erinnerung unserer älteren Generation wachzurufen, und uns so der Immunität berauben, die notwendig ist, um den Schwierigkeiten zu trotzen.

»Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?« Herr, dein Wort heute Abend trifft und betrifft uns alle. In unserer Welt, die du noch mehr liebst als wir, sind wir mit voller Geschwindigkeit weitergerast und hatten dabei das Gefühl, stark zu sein und alles zu vermögen. In unserer Gewinnsucht haben wir uns ganz von den materiellen Dingen in Anspruch nehmen lassen und von der Eile betäuben lassen. Wir haben vor deinen Mahnrufen nicht angehalten, wir haben uns von Kriegen und weltweiter Ungerechtigkeit nicht aufrütteln lassen, wir haben nicht auf den Schrei der Armen und unseres schwer kranken Planeten gehört. Wir haben unerschrocken weitergemacht in der Meinung, dass wir in einer kranken Welt immer gesund bleiben würden. Jetzt, auf dem stürmischen Meer, bitten wir dich: „Wach auf, Herr!“

Wir sind nicht unabhängig, allein gehen wir unter. Wir brauchen den Herrn so wie die alten Seefahrer die Sterne. Laden wir Jesus in die Boote unseres Lebens ein. Übergeben wir ihm unsere Ängste, damit er sie überwinde. Wie die Jünger werden wir erleben, dass wir mit ihm an Bord keinen Schiffbruch erleiden. Denn das ist Gottes Stärke: alles, was uns widerfährt, zum Guten zu wenden, auch die schlechten Dinge. Er bringt Ruhe in unsere Stürme, denn mit Gott geht das Leben nie zugrunde.

Wir haben einen Anker: durch sein Kreuz sind wir gerettet. Wir haben ein Ruder: durch sein Kreuz wurden wir freigekauft. Wir haben Hoffnung: durch sein Kreuz sind wir geheilt und umarmt worden, damit nichts und niemand uns von seiner erlösenden Liebe trennen kann.

Das eigene Kreuz anzunehmen bedeutet, den Mut zu finden, alle Widrigkeiten der Gegenwart anzunehmen und für einen Augenblick unser Lechzen nach Allmacht und Besitz aufzugeben, um der Kreativität Raum zu geben, die nur der Heilige Geist zu wecken vermag. Es bedeutet, den Mut zu finden, Räume zu öffnen, in denen sich alle berufen fühlen, und neue Formen der Gastfreundschaft, Brüderlichkeit und Solidarität zuzulassen. Durch sein Kreuz sind wir gerettet, damit wir die Hoffnung annehmen und zulassen, dass sie alle möglichen Maßnahmen und Wege stärkt und unterstützt, die uns helfen können, uns selbst und andere zu beschützen. Den Herrn umarmen, um die Hoffnung zu umarmen – das ist die Stärke des Glaubens, der uns von der Angst befreit und uns Hoffnung gibt.

Herr, segne die Welt, schenke Gesundheit den Körpern und den Herzen Trost. Du möchtest, dass wir keine Angst haben; doch unser Glaube ist schwach und wir fürchten uns. Du aber, Herr, überlass uns nicht den Stürmen. Sag zu uns noch einmal: »Fürchtet euch nicht« (Mt 28,5).

Papst Franziskus

Impuls vom 01.08.2020 "Dieser Jesus provoziert mich!"

Dieser Jesus provoziert mich!

Ich rege mich auf und Er sagt mir: verzeih
Ich habe Angst und Er sagt mir: hab Mut!
Mir ist ängstlich zumute und Er sagt mir: bleib ruhig!
Ich will alleine bleiben und Er sagt mir: komm, folge mir!
Ich schmiede Pläne und Er sagt mir: gib sie auf!
Ich verschaffe mir Besitz und Er sagt mir: lass ihn los!
Ich will Sicherheit und Er sagt mir: ich verspreche sie dir nicht!

Ich meine, ich wäre gut, und Er sagt mir: das reicht dir nicht!
Ich will Chef spielen und Er sagt mir: versuche zu dienen! –
Ich will befehlen und Er sagt mir: gehorche!
Ich will begreifen und Er sagt mir: glaube!
Ich will Klarheit und Er redet mir in Gleichnissen.
Ich will Ruhe und Er will, dass ich unruhig bin.
Ich greife zum Schwert und Er sagt mir: steck es ein!
Ich sinne auf Rache und Er sagt mir: halt auch die andere Backe hin!
Ich rede vom Frieden und Er sagt mir, er sei gekommen, um das Schwert zu bringen.
Ich versuche, die Dinge zu glätten und Er sagt mir, er sei gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen.
Ich will größer sein und Er sagt mir: Werde wie ein Kind!
Ich will mich verstecken und Er sagt mir: zeig dein Licht!
Ich will den ersten Platz und Er sagt mir: setz dich auf den letzten!
Ich will gesehen werden und Er sagt mir: bete im Verborgenen!

Dieser Jesus provoziert mich.
Wie so viele von seinen Jüngern hätte auch ich Lust,
mir einen anderen Meister zu suchen,
der klarer ist und mich weniger fordert.
Aber mir geht es wie Petrus: ich kenne keinen,
der, wie Er, Worte des ewigen Lebens hat.
Und deshalb bleibe ich bei Ihm.

 Padre Zezinho SCJ

Impuls vom 25.07.2020 "Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch!"

Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch! (Phil 4,4)

Viel Spaß! Viel Vergnügen! Viel Freude! Wir alle gebrauchen solche oder ähnliche Formulierungen, um anderen alles Gute zu wünschen – für einen Weihnachtsmarktbesuch, für eine Geburtstagsfeier, für eine Urlaubsreise usw. Daneben gibt’s die Frohe Botschaft des christlichen Glaubens, die umfassender ist und tiefer greift als bisweilen einzig oberflächliche Wünsche zum Gelingen einer Veranstaltung. Sehr ähnlich ergeht es wohl dem Apostel Paulus, als er den Philipperbrief verfasst – äußerlich kalt gestellt und gefesselt im Gefängnis ist er innerlich fasziniert und gefesselt von der ‚Freude im Herrn‘, so dass er trotz der widrigen Umstände des Gefängnisaufenthalts schreiben kann: ‚Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch!‘

Viele Jahre später als Paulus bringt der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer seine Gedanken zur christlichen Freude so zum Ausdruck: ‚Bei Gott wohnt die Freude, und von ihm kommt sie herab und ergreift Geist, Seele und Leib, und wo diese Freude einen Menschen gefasst hat, dort greift sie um sich, dort reißt sie mit, dort sprengt sie verschlossene Türen. Es gibt eine Freude, die von Schmerz, Not und Angst des Herzens gar nichts weiß; sie hat keinen Bestand, sie kann nur für Augenblicke betäuben. Die Freude Gottes ist durch die Armut der Krippe und die Not des Kreuzes gegangen; darum ist sie unüberwindlich, unwiderleglich. Sie leugnet nicht die Not, wo sie da ist, aber sie findet mitten in ihr, gerade in ihr, Gott; sie bestreitet nicht die ernste Sünde, aber sie findet gerade in ihm das Leben. Um diese Freude, die überwunden hat, geht es. Sie allein ist glaubwürdig, sie allein hilft und heilt.‘ (aus: ‚Schott-Messbuch für die Wochentage, Teil I, Herder, S. 622f).

Bis heute scheiden sich an der Frohen Botschaft die Geister! Die einen plädieren für ‘leicht verdauliche Kost‘ und favorisieren einen ‚kuscheligen Wohlfühlkatholizismus‘; andere wünschen sich eine ‚Schwarzbrot-Spiritualität‘ (Fulbert Steffensky), an der sie zwar richtig zu kauen haben, die allerdings zugleich gesunder und nahrhafter ist. Dazu einige Gedanken von Pater Franz Meures SJ: ‘Welche Botschaft verkünden wir? In Absetzung zur so genannten „Drohbotschaft“ ist in den letzten Jahrzehnten in den Kirchen vor allem eine Botschaft verkündet worden, in der fast ausschließlich die Liebe, Güte, Nähe Gottes zur Sprache kam. In extremen Fällen kann man zu Recht von einer „Wellness-Spiritualität“ sprechen. Gewiss, für Anfänger im Glaubensleben oder für Konvertiten ist dies sehr ermutigend, benennt aber schon bald nicht mehr die Erfahrungen, die diese Menschen wirklich machen. Es tritt ein gegenteiliger Effekt ein: Die fast ausschließliche Verkündigung des nahen, tröstenden und liebenden Gottes, wirkt wie eine Ausgrenzung auf jene, die in tiefem Zweifel stecken oder lange Zeiten der Gottesferne durchleben. In einer Zeit, wo es keine Selbstverständlichkeit mehr ist, sich zum Glauben an Jesus Christus zu bekennen, kann nur zu viel größerer Nüchternheit und Ehrlichkeit geraten werden. Es gilt, die ursprüngliche und genuine Auferstehungserfahrung in ihrer ganzen Fülle ernst zu nehmen und zu verkünden. „Ja, wir glauben an den Auferstandenen, sind aber selbst oft Tastende, Irrende und Zweifelnde.“ Dies würde denen sehr helfen, die treu und doch oft in großer innerer Not und Dunkelheit den Weg mit der Kirche gehen. Und es wäre eine sanfte und ehrliche Öffnung gegenüber denen, die ihn nicht gehen.‘ (Franz Meures SJ: „Er ist nicht hier“ Osterglaube als Teilhabe an der Gottesferne – in: OK Ordenskorrespondenz, 2020/Heft 1, S. 10f)

Angesichts der obigen Gedanken klingen die Worte des hl. Paulus m.E. ‚geerdeter und zugleich gehimmelter‘: ‚Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch!‘

Stefan Tausch

Impuls vom 18.07.2020 "Gönne dich dir selbst"

GÖNNE DICH DIR SELBST

Bernhard von Clairvaux schreibt an seinen früheren Mönch Papst Eugen III:

Wo soll ich anfangen? Am besten bei deinen zahlreichen Beschäftigungen, denn ihretwegen habe ich am meisten Mitleid mit dir. Ich fürchte, dass du eingekeilt in deine zahlreichen Beschäftigungen, keinen Ausweg mehr siehst und deshalb deine Stirn verhärtest; dass du dich nach und nach des Gespürs für einen durchaus richtigen und heilsamen Schmerz entledigst.

Es ist viel klüger, du entziehst dich von Zeit zu Zeit deinen Beschäftigungen, als dass sie dich ziehen und dich nach und nach an einen Punkt führen, an dem du nicht landen willst. Wenn du dein ganzes Leben und Erleben völlig ins Tätigsein verlegst und keinen Raum mehr für Besinnung vorsiehst, soll ich dich da loben? Darin lob ich dich nicht.

Ich glaube, niemand wird dich loben, der das Wort Salomons kennt: „Wer seine Tätigkeit einschränkt, erlangt Weisheit.“ (Sir 38,25) Und bestimmt ist es der Tätigkeit selbst nicht förderlich, wenn ihr nicht die Besinnung vorausgeht. Wenn du ganz und gar für alle da sein willst, nach dem Beispiel dessen, der allen alles geworden ist (1 Kor 9,22, lobe ich deine Menschlichkeit – aber nur, wenn sie voll und echt ist.

Wie kannst du aber voll und echt Mensch sein, wenn du dich selbst verloren hast? Auch du bist ein Mensch. Damit deine Menschlichkeit allumfassend und vollkommen sein kann, musst du also nicht nur für alle anderen, sondern auch für dich selbst ein aufmerksames Herzhaben. Denn was würde es dir nützen, wenn du – nach dem Wort des Herrn (Mt16,26) – alle gewinnen, aber als einzigen dich selbst verlieren würdest? Wenn also alle Menschen ein Recht auf dich haben, dann sei auch du selbst ein Mensch, der ein Recht auf sich selbst hat. Warum sollest einzig du selbst nichts von dir haben? Wie lange bist du noch ein Geist, der auszieht und nie wieder heimkehrt (Ps 78,39) ? Wie lange noch schenkst du allen anderen deine Aufmerksamkeit, nur nicht dir selber!

Ja, wer mit sich selbst schlecht umgeht, wem kann der gut sein? Denk also daran: Gönne dich dir selbst.

Ich sag nicht: Tu das immer, ich sage nicht: Tu das oft, aber ich sage: Tu es immer wieder einmal. Sei wie für alle anderen auch für dich selbst da, oder jedenfalls sei es nach allen anderen.

 BERNHARD VON CLAIRVAUX

Impuls vom 11.07.2020 "So oder so: Wir gehören Christus!"

Die Benediktinermönche im sauerländischen Meschede haben dieses Pauluswort in der Architektur ihrer Klosterkirche aus den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts sehr gut und anschaulich zum Ausdruck gebracht. Mehrfach am Tag versammeln sich die Mönche in der Kirche zu liturgischen Feiern im Halbkreis um den Altar, dem Symbol für Christus; darüber hängt ein beeindruckendes großes Kreuz, ebenfalls Hinweis auf den Auferstandenen. Die andere Hälft des Kreises bildet der Klosterfriedhof, der direkt hinter der Kirche liegt – ebenfalls als Halbkreis angelegt. So bringen die Benediktiner architektonisch zum Ausdruckt, was unser christliches Leben im Kern ausmacht: ‚Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn.‘ (vgl. Röm 14, 7-9)

Wir gehören (zu) Jesus Christus; er ist Mitte und Dreh- und Angelpunkt unseres Glaubens – im Leben, im Sterben und auch im Tod. In guten und schlechten, in gesunden und kranken, in jungen und alten Tagen gilt und trägt das Wort des Apostels Paulus: ‚Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch Gewalten, weder Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.‘ (Röm 8,38f)

Aus dieser Glaubensüberzeugung heraus brachten die deutschen Bischöfe das Geheimnis unseres Glaubens mit folgenden Worten zum Ausdruck: Christen gedenken der Toten, weil sie leben, nicht damit sie leben. (aus: ‚Tote begraben und Trauernde trösten – Bestattungskultur im Wandel aus katholischer Sicht‘ – Herausgeber: Die deutschen Bischöfe, 20. Juni 2005 > S. 56)

Insofern verlassen uns unsere Verstorbenen, verlassen wir unsere Toten im Sterben nicht wirklich. Sie wechseln einzig die Seite. Sie sind uns lediglich ein Stück voraus, ohne dass wir sie und sie uns für immer verlieren: ‚Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn.‘ (vgl. Röm 14, 7-9)

Stefan Tausch

Impuls vom 04.07.2020 "Eine Oase der Barmherzigkeit"

(Sach 9, 9-10;   Mt 11, 25-30 )

Leichtigkeit, Ruhe, Freude und Frieden – wer sehnte sich nicht danach. Viele kurzfristige Erlebnismöglichkeiten werden dazu auf dem Markt angeboten, versprechen Spaß, Abenteuer, intensives Erleben. Ist das unsere Rettung? Wohl eher kurzweiliges Vergnügen. Umfassender Friede oder Seelenheil sind dagegen schwer zu haben, schon gar nicht zu kaufen oder zu machen. Aber genau Frieden für die Völker und Ruhe für die Seele – das verheißt Jesus Christus.

„Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; er ist demütig. Er verkündet für die Völker den Frieden.“ Die prophetischen Worte der Lesung richteten sich an die Israeliten im babylonischen Exil. Der Prophet weiß: Gott kann nicht mit ansehen, wie sein Volk verkümmert. So sagt er ihm wieder seine Nähe und Hilfe zu und verspricht darüber hinaus Frieden „für die Völker“.

Als Jesus auf einem Esel in Jerusalem einzieht, sehen seine Freunde diese Verheißungen erfüllt.

Die Zeit des Friedens ist schon da, trotz allen Unfriedens. Wenn wir uns am Ende fühlen, kann Gott mit uns anfangen! Wenn wir heimatlos sind, kann Gott uns Heimat werden. Wenn wir schuldig geworden sind, kann Gott uns vergeben.

Jesus kannte die unzähligen Gesetzesvorschriften der Schriftgelehrten damals, die für einfache Menschen so schwer einzuhalten waren. Er weiß um die Alltagsbeschwernisse heute. Jesus lädt ein, Lasten abzulegen. Jesus ordnet die Gebote von innen her neu. Im Zentrum steht: Barmherzigkeit.

Bin ich nicht auch manchmal so eine Kluge, die andere ausgrenzt? Wo muss ich meine Haltung ändern? Und die Kirche? Legt sie nicht Menschen Lasten auf durch theologische Prinzipien, kirchliche Gebote und Vorschriften? Wie steht es um Großmut, um Barmherzigkeit in unseren Gemeinschaften?

Zuweilen legen wir uns auch selbst strenge Regeln auf. Da tut Jesu Ruf einfach gut. Er ist wie eine Oase der Barmherzigkeit.

Barmherzig anderen Raum geben, Last abnehmen. Und die Klugen und Unbarmherzigen auch mal konfrontieren. So bringt Jesus Frieden.

Karin Stump

Impuls vom 27.06.2020 "Was für ein Kreuz mit dem Kreuz!"

‚Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert.‘ (vgl. Mt 10,38)  Für viele bedeutet das Kreuz Christi Ärgernis, Last und Irritation. Viele möchte es abschütteln und ausblenden, weil es vermeintlich nicht zur ‚frohen Botschaft‘ passt. Nicht wenige betrachten es als brutales Folterinstrument und nicht als befreiendes PLUS-Zeichen, das Himmel und Erde verbindet. Dazu einige wenige sehr deutliche Worte von Papst Franziskus: ‚Derselbe Petrus (…) sagt zu ihm (Jesus): Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. Ich folge dir, aber sprich mir nicht vom Kreuz. Das tut nichts zur Sache. Ich folge dir mit anderen Möglichkeiten, ohne das Kreuz. – Wenn wir ohne das Kreuz gehen, wenn wir ohne das Kreuz aufbauen und Christus ohne Kreuz bekennen, sind wir nicht Jünger des Herrn: Wir sind weltlich, wir sind Bischöfe, Priester, Kardinäle, Päpste, aber nicht Jünger des Herrn.‘ (Papst Franziskus, Predigt an die Kardinäle am 14. März 2013 in der Sixtinischen Kapelle) <zitiert aus: Schott-Messbuch für die Sonn- und Festtage des Lesejahres A, 2019, Herder, S. 515f>

Wie wir es auch drehen und wenden: Das Wort vom Kreuz war, ist und bleibt vielen ein Kreuz, ein Rätsel – ein ‚Kreuz-Worträtsel‘. Schon der hl. Paulus wusste darum: ‚Die Juden fordern Zeichen, die Griechen suchen Weisheit. Wir dagegen verkünden Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Heiden, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit.‘ (1 Kor 1, 22-24)

Der Franziskanermönch Bruder Helmut Schlegel OFM komponierte in Erinnerung an die Berufungsgeschichte seines Ordensgründers vor dem Kreuz in der kleinen Kirche St. Damiano in Assisi dazu vor einigen Jahren das nachfolgend zitierte Lied:

 1) Ein Kreuz durchkreuzte seine Pläne, durchkreuzte seine Träume,
vom Kreuze her sprach Er das unerhörte Wort:

Franziskus, baue meine Kirche auf, sie ist zerfallen und entstellt,
verlasse dich und traue deinem Gott, dein Glaube verwandelt die Welt.

2) Ein Kreuz durchkreuzte seine Fragen, durchkreuzte all sein Suchen,
vom Kreuze her wies Er ihm einen neuen Weg:

Franziskus, baue meine Kirche auf, vom Reichtum ist sie ganz entstellt.

Sei arm wie ich und gehe meinen Weg, deine Hoffnung verwandelt die Welt.

3) Ein Kreuz durchkreuzte seine Hände, durchkreuzte seine Füße,
vom Kreuze her traf Er sein ungeschütztes Herz:

Franziskus, baue meine Kirche auf, sie ist gespalten und entstellt.

Trag ihre Wunden, halte bei mir aus, deine Liebe verwandelt die Welt.

4) Ein Kreuz durchkreuzt auch deine Wege, durchkreuzt auch deine Schritte;

vom Kreuze her fragt Er dich heute wieder an:

Baust du heut mit mir meine Kirche auf? Sie ist von Zweifeln ganz entstellt.

Hab Mut und leb‘ das Evangelium, dein Anfang verwandelt die Welt.

 ‚Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert.‘ (vgl. Mt 10,38)  Ein damals wie heute provokantes Wort Jesu, an dem sich die Geister zu allen Zeiten schieden und scheiden: ‚Denn das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit; uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft.‘ (1 Kor 1,18)

Impuls vom 20.06.2020 "Von Spatzen und Würde"

(Evangelium Mt 10,26-33)

Der Zusammenhang zwischen einem gewöhnlichen Spatz und der Würde ist etwas, was damals zur Zeit Jesu wie heute ein wichtiges Thema ist. Denn der entscheidende Satz, der die Wichtigkeit dieses Zusammenhangs unterstreicht, ist in Mt 10,26 zu finden: „Fürchtet euch nicht vor den Menschen!“.

Jesus weiß darum, dass wir damals wie heute am meisten Angst vor den Menschen haben müssen. Es ist kein Relikt vergangener Tage, dass Menschen sich vor Menschen fürchten müssen, wenn sie eine bestimmte Religion ausüben, wenn sie einem bestimmten Volk angehören oder eine gegenüber dem Mainstream eigentümliche Lebensweise führen.

Im Gegenteil, heute scheint die Furcht und auch die Wut noch größer zu sein als in den vermeintlich barbarischen Zeitaltern längst vergangener Jahrhunderte. In unseren heute so hoch kultivierten und humanisierten Gesellschaften müssen sich immer noch viele Menschen vor anderen Menschen fürchten.

Wie viele schwarze Menschen haben in Amerika aber auch anderswo auf der Welt Angst um ihre Rechte? Wie viele Juden haben weltweit Angst vor einem wieder aufflammenden Antisemitismus – auch hier in Deutschland? Wie viele Menschen nehmen wieder Begriffe wie „Rasse“, „Untermenschen“ oder „Neger“ in den Mund? Wie viele folgen der AfD und ihrer Diskriminierung nach ethnischen Kriterien. Viele Homosexuelle oder transsexuelle Menschen werden hier zulande und weltweit immer noch diskriminiert und ihre sexuelle Orientierung als krankhaft abgetan – auch innerhalb der römisch-katholischen Kirche.

Und da sagt Jesus: „Fürchtet euch nicht vor den Menschen!“ Und hinzu kommt das Bild von dem Spatz. Spatzen sind wahrlich nichts Besonderes. Sie gibt es in Massen, deshalb sind sie kaum etwas wert. Sie stolzieren nicht wie Pfauen, können nicht sprechen wie Papageien, sind nicht so majestätisch wie Adler. Ihr Gefieder gibt nichts her, keinen Farbtupfer, nichts. Sie sind ganz und gar gewöhnlich.

Trotzdem wird kein einziger Spatz in den Augen Gottes vergessen. Trotzdem sind sie Gott alles wert! Sie sind und bleiben Geschöpf. Sie sind wertvoll in den Augen des Schöpfers. Sie verlieren nicht an Würde. Wenn es bei den Spatzen so ist, dann doch auch bei den Menschen.

In den Augen Gottes ist jedes seiner Geschöpfe unbezahlbar und würdevoll. Alle sind wertvoll in den Augen Gottes, egal was sie verdienen, egal welchen Beruf sie ausüben, egal ob systemrelevant oder ganz und gar irrelevant, egal ob weiß oder schwarz. Seine Geschöpfe verlieren niemals ihre Würde! Keiner kann und darf seinen Geschöpfen diese Würde nehmen.

Gott lädt dazu ein, immer und überall an die Würde des Menschen zu glauben und zudem verspricht er, dass er jedes Geschöpf immer würdevoll behandeln wird und jedem, der seiner Würde beraubt wurde, seine Würde wiederzugeben.

Wer an Gott glaubt, der muss an die Würde eines jeden Menschen glauben. Wer an Gott glaubt, muss im Gesicht der Menschen und der Geschöpfe erkennen, dass dort jemand oder etwas ist, der/das vom Scheitel bis zur Sohle geliebt ist, ein wertvolles Geschöpf, dessen Haare von Gott gezählt sind. Egal ob es der Bettler an der Kirchentür ist, der Drogenabhängige an der U-Bahnhaltestelle Stadtgarten oder mein Ehemann, meine Ehefrau, oder das Mastschwein in unserer Fleischproduktion.

Gott hält uns immer wieder an, den Standard der Nächstenliebe, der Barmherzigkeit, der gegenseitigen Anerkennung der Würde beizubehalten, dafür einzutreten und keine Furcht zu zeigen.

So möchte ich mit einem Satz schließen, den Ferdinand von Schirach aus einem alten englischen Gerichtsurteil über die Würde der Menschen zitiert:

„Wir werden häufig dazu gezwungen, Standards aufzustellen, die wir selbst nicht erreichen, und Regeln festzulegen, die wir nicht selbst befriedigen können… Es ist nicht notwendig, auf die schreckliche Gefahr hinzuweisen, die es bedeutet, diese Grundsätze aufzugeben.“ (zitiert nach Ferdinand von Schirach, Die Würde ist antastbar. Essays, 5. Aufl., München 2000, 17)

Impuls vom 13.06.2020 "Vollmacht"

(Ex 19, 2-6a;  Mt 9, 36 – 10, 8)

Wem geben Sie eine Vollmacht? Zum Beispiel für Ihre Bankangelegenheiten oder für den Fall, dass einmal eine Betreuung von Nöten wäre? Diese Person wählen Sie sicherlich genau aus. Das ist schließlich Vertrauenssache.

Mit Vollmacht oder voller Macht – so erleben wir manchmal Personen, denen diese Macht qua Amt zukommt, oder die diese Macht ergreifen – oder eine innere Autorität ausstrahlen.

Jesus sieht erschöpfte Menschen, die die Auflagen der damaligen jüdischen Obrigkeit nicht erfüllen können und sich von Gott verlassen oder verstoßen fühlen. Diese Menschen sind für Jesus wie ein Erntefeld, um das er sich sorgen will. Ihnen zuerst gilt: „Das Himmelreich ist nahe!“ Jesus kehrt die Verhältnisse um, spricht gerade den Menschen Gottes Nähe zu, denen sie nach gängigem Denken ferne scheint.

Dazu wählt Jesus 12 Jünger aus und gibt ihnen „Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben und alle Krankheiten und Leiden zu heilen.“

Wie gut wäre es, wenn das gelingen könnte, alle Krankheiten und Leiden zu heilen. Im Moment denken wir besonders an Corona. Aber es gibt noch so viele andere Krankheiten. Und es gibt die seelischen Leiden, die durch das Virus ausgelöst oder verstärkt wurden. Es fehlen physische Kontakte. Auch Gewalttaten sind gestiegen. Frauenhäuser verzeichnen Nachfrage. – Das sind Erntefelder heute.

Das Bild der Ernte steht auch für das Gericht Gottes. Gott wird scheiden, ent-scheiden darüber, was gut und förderlich ist für sein Reich. Da gilt es falsches religiöses und soziales Verhalten abzustellen. Aufrichten, Gottes Nähe zusprechen, befähigen – so zeigt sich Gottes Menschenfreundlichkeit. Das gibt eine gute Ernte!  Für die bisherigen Unterdrücker und Ausbeuter ist das bedrohlich (wie etwa für die fleischverarbeitende Industrie, die zum Teil auf sklavenähnlichen Arbeitsverhältnissen beruht). Für die bislang zu kurz Gekommenen ist Gottes Gericht eine Freude, wie ein Erntefest!

Gottes Nähe zusprechen, Menschen aufrichten, das braucht es heute, wo viele Menschen ohne Ruhe und Ziel sind, in sozialen Nöten, einsam oder krank.

Jesus beauftragt seine Freunde zur Mitarbeit. Er praktiziert „empowerment“, Be-vollmächtigung – und Vertrauen.

Setzen wir an die Stelle der 12 Apostelnamen unsere eigenen Namen. Jesus ruft seine Jünger und Jüngerinnen heute: Gaby, Maria, Wolfgang, Andreas… Als Getaufte und Gefirmte oder Konfirmierte sind wir gestärkt, die Nöte unserer Mitmenschen, gerade der Schwächsten, zu sehen. In der Voll-macht Jesu sind wir gerufen, jede und jeder auf die eigene Weise, Menschen kreativ und befreiend zu begegnen: „Das Himmelreich ist nahe.“

Karin Stump

Impuls vom 06.06.2020 "Glauben"

Was für ein schönes Evangelium (Joh 3,16-18)! Welch schöne und ermutigende Grundaussagen! Gott liebt diese Welt. Jesus kommt, nicht um die Welt zu richten, sondern um sie zu retten. Uns wird ein liebender Gott verkündet, der uns alle retten will.

Der zentrale Schlüssel zu dieser Rettung ist jenes Verb, das am häufigsten in diesen drei Versen auftaucht, nämlich ganze vier Mal. Es ist das Verb: „glauben“.

Wenn ich mich jetzt jedoch auf den Westenhellweg stellen und den Menschen zurufen würde „Der Glaube wird dich retten“, würden die meisten wahrscheinlich kopfschüttelnd an mir vorbeigehen.

Viele Menschen würden wahrscheinlich sagen, dass sie an nichts glauben wollen, was sie nicht sehen können und „Glaube“ an sich sowieso eine mindere und unbegründete Art der Erkenntnis und heute nicht mehr zeitgemäß sei.

Aber das Wort „glauben“, welches das griechische Wort πίστις (pistis) meint und das auf das hebräische Wort אמן (aman) zurückgeht, steht für „vertrauen“ oder „sein Herz an etwas hängen“ oder „sich an oder in etwas festmachen“.

Dabei ist das Festmachen in oder an etwas eine essentielle Angelegenheit, die Leben gelingen lässt. Und die Dinge, in und an denen wir uns festmachen, sind nicht immer unbedingt Dinge, die wissenschaftlich begründbar sind oder je sein werden. Es sind oft Dinge, auf die wir vertrauen müssen oder die von unserem Herz bestimmt werden.

Diese Bedeutungen des Verbes „glauben“ werden von uns im Alltag unbewusst andauernd praktiziert. Und jene Situationen, in denen wir dieses Verständnis von „glauben“ nutzen, kann uns helfen zu verstehen, warum der Glaube unsere Rettung sein kann.

Ein aktuelles Beispiel, bei dem Menschen ihr Herz an etwas festmachen, wo der Glaube an eine Aussage Leben retten will und was skurriler Weise anscheinend nicht als in dieser Welt wissenschaftlich evident angesehen wird, ist der Ausspruch der aktuellen Protestbewegung in Amerika, die sich gegen Polizeigewalt richtet: „Black lives matter“ (Das Leben von Schwarzen zählt).

Ich finde es bestürzend, dass man das überhaupt sagen muss. Denn das impliziert, dass es nicht selbstverständlich ist und dass es auch anders sein könnte. Dass es genau so wahr sein könnte, dass schwarzes Leben nicht zählt.

Die Statistik über Polizeigewalt in Amerika gegen Schwarze und Hispanics zeigt, dass in Amerika anscheinend nicht jeder Mensch, nicht jeder Polizist so glaubt.

Ein Blick in die Geschichte von Amerika zeigt, dass der Glaube, dass Schwarze die gleichen Rechte haben wie Weiße, nicht immer ein Gegenstand war, an dem sich das Herz der Menschen hang. Die wenigsten machten sich an diesem Glauben fest.

Ein Blick in unsere eigene, deutsche Vergangenheit zeigt auch, dass die Würde aller Menschen ein recht neuer Glaube ist, an dem sich der Staat hängt.

Der Glaube an die Würde eines jeden Menschen, ein „Sich darin festmachen“, ein „sein Herz daran hängen“ kann der Schlüssel zur Rettung vieler sein und eventuell auch die eigene Rettung vor großem Unheil.

Und so gehen wir zurück zum christlichen Glauben und unserem Evangelium.

Christlich zu glauben heißt nicht, dass ich Glaubenssätze aufsagen und alles, was in der Bibel steht, naturwissenschaftlich erklären kann und muss oder blind jeder Aussage der Bibel unhinterfragt Wahrheit zugestehen muss.

Christlich zu glauben bedeutet, zu schauen, ob ich mein Herz an jenen Gott hängen möchte, der mir in Jesus Christus begegenet.

Das Angebot, das uns der christliche Glaube macht, ist, darauf zu vertrauen, dass da ein Gott ist, der uns liebt, der das Beste für uns möchte. Das Angebot des christlichen Glaubens ist es, dass da ein Gott ist, der uns zeigt, dass Liebe eine Kraft ist, die die Welt verändern kann. Es ist das Angebot, dass das Suchen des Göttlichen in meinem Nächsten zu einem wirklich würdevollen Umgang miteinander führt.

Es ist das Angebot unseres Gottes, sich in ihm und seiner Liebe festzumachen und damit heilsames, rettendes Leben für die Welt zu leben.

Und wenn wir versuchen wollen, aus dieser Perspektive heraus unser Leben zu gestalten, können wir bewusst das hebräische Wort für „glauben“ nutzen: nämlich Aman, beziehungsweise: Amen.

Ich glaube, dass der christliche Glaube, die christliche Perspektive auf diese Welt die Welt und unser Miteinander rettend und heilsam gestalten kann. Mache ich mein Herz daran fest, halte ich es für wahr; vertraue ich darauf, erfahre ich Rettung.

Der Glaube, also unser „Amen“, rettet.

 

Ihr Stefan Kaiser

Impuls vom 30.05.2020 "Der Heilige Geist – die göttliche Störung!"

Isolierstation, Quarantäne, Kontaktsperre, Besuchsverbot! Wie in strengen Coronazeiten waren ‚die Jünger am Abend des ersten Tages der Woche aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen.‘ (vgl. Joh 20,19) Aus Angst also besser auf Nummer sicher gehen! Einigeln, abschotten, erinnern und trauern über die ‚gute alte Zeit mit Jesus‘, als die Welt noch in Ordnung war: ‚Er war einer von uns, einer für uns. Er hatte uns angesteckt mit dem Feuer der Liebe. Und jetzt? Sein Kreuz, sein Tod durchkreuzte unsere Pläne. Jetzt sind wir angesteckt vom Angstvirus – Angst vor den Juden und im Grunde genauso viel Angst um uns selbst, um unser Leben, unsere Zukunft, unsere schöne Gemeinschaft. Alles bröckelt. Alles droht zusammenzufallen wie ein Kartenhaus.‘

Und dann überwindet der Auferstandene plötzlich und unerwartet ihre Isolation   hinter gut gesicherten und verbarrikadierten Türen: ‚Friede! Seid gesandt! Empfangt den Heiligen Geist!‘ (vgl. Joh 20, 19-22) Auf Rückzug und Resignation folgt jetzt der  dynamische Aufbruch weit hinaus über alle bisher wie auch immer gezogenen Grenzen. Katholisch im wahrsten Sinne des Wortes: weltweit, weltoffen, weltumfassend. Die frohe Botschaft des Auferstandenen überwindet sämtliche  Barrieren und alle Skepsis. Schluss mit aller Angst vor der  Ansteckungsgefahr des heiligen Geistes!

Ja, der heilige Geist überrascht, irritiert und ruft heraus aus alten Denkmustern – um des Lebens, um der Liebe, um des Friedens willen!

Darum lasst Euch vom heiligen Geist beunruhigen, unterbrechen und wachrütteln: Die beiden ‚Elemente‘, die in der Pfingstgeschichte als die Begleiterscheinungen und Symbole des Heiligen Geistes erscheinen, Sturmwind und Feuer, sind die unheimlichsten unter allen Elementen, und sie lassen nichts, was sie ergreifen, an seinem Ort und in seinem Zustand. … Wer an den Heiligen Geist als die schöpferische Aktivität Gottes glaubt und in diesem Glauben um das Kommen dieses Geistes bittet, der muss wissen, dass er damit die göttliche Störung herbeiruft und sich dafür offen hält, dass Gott ihn stört in seinem ‚Besitz‘, in seinen Gewohnheiten, auch seinen Denkgewohnheiten, wenn sie nicht mehr dafür taugen, ein Gefäß der heilsamen Unruhe und der aufregenden Wahrheit zu sein. Wer also bittet: ‚Komm, Heiliger Geist!‘, muss auch bereit sein zu bitten: Komm und störe mich, wo ich gestört werden muss. (Schott-Messbuch für die Sonn- und Festtage des Lesejahres A, 2019, Herder, S. 339)

In diesem Sinne wünsche ich uns, unserer Zeit stürmisch-feurige Zeiten!

 

Impuls vom 23.05.2020 "Verherrlichung"