07.03.2026

Impuls zum 3. Fastensonntag

LIEBENDE ABSICHTSLOSIGKEIT

Johannes 15,9: Bleibt in meiner Liebe.

 

Gebet ist ein Beziehungsgeschehen, keine Instrumentalisierung erwarteter Wirkungen. Wenn nicht ein heilsames Maß an Zweckfreiheit in unserer Gottesliebe ist, sind wir noch nicht weit gekommen.

Die Tür zur Anbetung ist immer ein Element der liebenden Absichtslosigkeit:

So werden wir weggeführt von uns selbst, von unserem abgedichteten Ich – und hingeführt zu uns selbst, in das gemeinsame Sein mit Gott. Es ist eine Ruhe von uns selbst. Wenn wir so in Gott zur Freude kommen, werden wir weniger wollen und mehr ermöglichen. So hat das Leben unwillkürlich mehr von uns. Zur Ruhe wird es in dem Maße, in dem etwas Bleibendes entsteht. Darum ist Anbetung viel weniger ein Tun als ein Zustand, ein Bleiben.

»Bleibt in meiner Liebe« (Joh 15,10).

Anbetung ist der Zustand, in dem wir aufhören, bloß uns selbst zu fühlen. Es ist die Gabe, mit dem Herzen anzuschauen, wer Gott ist – und in diesem Augenblick gemeinsam zu sein. Von der Liebe dessen, den ich ansehe, wird die Korruption des Ichs aufgelöst wie Morgentau in den Strahlen der Sonne, weil das Ich nicht um seiner selbst  willen betet.

Anbetung ist eine gereinigte Form des Betens: es tritt nicht ein künstlicher Zweck hinzu. So wie auch der Sinn des Lebens die Erfahrung ist, dass dieser nicht künstlich zum Leben hinzutreten muss. Denn der Sinn ist das gelebte Leben selbst. Und auch die Liebe liebt nicht, um etwas zu erreichen, sondern weil sie ist, was sie ist. Es muss mir alles nichts bringen. Das ist die erlösende Erfahrung von Anbetung und Sinn. Vieles verändert sich dann von selbst. Wenn ich hernach die steilen Stiegen am Osthang zum Werkstatthaus herabgehe und im Pausenhof der Grundschule spielen die Kinder, als ein Konzert aus hundert lebensfrohen Kinderstimmen, dann entsteht der Dank:

Das sind unsere Kinder. Die Kinder der Menschheit, die Kinder dieser Stadt.

 

Martin Schleske (Geigenbauer)

 

(In: WerkZeuge – In Resonanz mit Gott, S. 58/59)