Zum Buch: Ich bin gläubiger Christ, ich bin katholisch. Früher war das eine Selbstverständlichkeit, heute muss ich mich dafür rechtfertigen: Wie kann man im 21. Jahrhundert noch an Gott glauben? Und wie kann man immer noch in der Kirche sein – nach allem, was ans Licht gekommen ist?
Tatsächlich ist es so, dass ich in meinem Viertel (gentrifiziert), meiner Branche (Medien) und meinem Job (linksliberale Zeitung) von Menschen umringt bin, die, wenn es um den Glauben geht, oft nur noch an Missbrauch und Vertuschung denken. Auch wissen viele nicht mehr, wofür Christen eigentlich beten und worauf sie hoffen. Sie reduzieren die Kirche auf den Missbrauchsskandal und lassen die strahlende Seite des Glaubens, die Schönheit, den Trost, die Hoffnung, unter den Tisch fallen.
Heute wird ständig darüber diskutiert, wie sich die Kirche verändern muss, um im 21. Jahrhundert anzukommen. Ich drehe die Frage um: Was kann das 21. Jahrhundert von gläubigen Menschen lernen? Wie kann der Glaube eine verunsicherte Gesellschaft von ihrer Angst und Atemlosigkeit befreien? Und was kann uns in einer digital optimierten, aber seelisch oft verkümmerten Gegenwart noch Hoffnung geben?
Viele halten meinen Glauben für ein Hobby wie Badminton oder Power-Yoga, eine Angelegenheit für Menschen, die vor der Aufklärung gelebt haben, eine Lüge, die sich Führungskräfte im Hinterzimmer ausgedacht haben, eine imaginäre Decke, unter die man schlüpft, wenn es ungemütlich wird. Dabei ist es genau andersrum: Wer Glaube naiv findet, hat ihn nur noch nicht verstanden. Er ist nämlich keine Flucht aus der Realität, sondern der Weg dorthin. Sie sagen: Er steckt in der Vergangenheit fest. Er kann sich nicht von seiner Erziehung lösen. Er hat Angst vor der Wahrheit, (dass es Gott nicht gibt). Ich sage: Warum kommt ihr keinen Schritt näher? Warum probiert ihr es nicht wenigsten mal? Warum habt ihr Angst vor der Wahrheit, (dass es Gott wirklich gibt)? Der Benedikt-Biograf Peter Seewald, der lange selbst glühender Atheist war, bevor er sich dem Glauben zuwandte, schreibt über intolerante Glaubenskritiker: „Vielleicht haben sie keinen Respekt vor der Überzeugung anderer und vor religiösen und speziell christlichen Handlungen schon gar nicht. Vielleicht aber haben sie einfach, wie das auch bei mir der Fall war, keine Ahnung davon, dass die reuigen Sünder, die vor ihren Augen scheinbar blöd einem altertümlichen Kult folgen, niemals mit leeren Händen diese Kirche wieder verlassen.“
Ich respektiere, wenn Menschen nach schlechten Erfahrungen mit der Kirche nichts mehr mit ihr zu tun haben wollen, aber eine Sache ist mir schleierhaft: Warum sind so wenige neugierig darauf, ob das Christentum der Menschheit vielleicht doch mehr als Kreuzzüge, Hexenverbrennungen und tausendfachen Missbrauch beschert haben könnte, denn das sind die Schlagworte, die vielen reflexartig aus dem Mund purzeln, während sie alles Gute und Schöne, das Evangelium, die Eucharistie, die Nächstenliebe, die Klöster, die Kathedralen, die Kunst und den Trost für alle, die allein und krank und verzweifelt sind, unter den Tisch fallen lassen? Warum gehen sie nicht mal ohne Vorurteile in die Messe? Warum lesen sie nicht im Evangelium und denken in Ruhe darüber nach, was sich daraus für ihr Leben gewinnen ließe? Warum fragen sie keinen älteren Menschen, wie ihn der Glaube durch die Nöte des Lebens getragen hat?
(Quelle: ‚Unter Heiden – Warum ich trotzdem Christ bleibe‘, Tobias Haberl, btb Verlag, S. 74f)
Zum Autor: geboren 1975 im Bayerischen Wald, hat Literaturwissenschaften in Würzburg und Großbritannien studiert und arbeitet seit 2005 als Autor beim Süddeutsche Zeitung Magazin. Für seinen Essay ‚Unter Heiden‘, auf dem das Buch ‚Unter Heiden – Warum ich trotzdem Christ bleibe‘ basiert, erhielt er 2023 den Reporterpreis. Er lebt in München.