Investieren braucht
Kompromisse
Geld nachhaltig anlegen und vorbildliche Unternehmen unterstützen – das klingt gut,
ist aber in der Praxis gar nicht so einfach. Das zeigte die jüngste Veranstaltung des Forum
Paulus. Referenten waren Sr. Maria Schneiderhan und Dr. Klaus Gabriel.
DORTMUND „Am Anfang waren wir sehr streng.“
Sr. Maria Schneiderhan von den Sießener Franziskanerinnen
sagt das mit einem Schmunzeln. Heute kann die
Ordensschwester, die Erfahrungen als Provinzialökonomin
ihrer Gemeinschaft gesammelt hat, darüber lachen.
Doch der Beginn ihrer Aktivitäten am Kapitalmarkt war
gekennzeichnet von Unkenntnis und auch Unsicherheit.
Warum Ordensschwestern überhaupt in Aktien,
Fonds oder Anleihen investieren, erklärt Sr. Maria den
rund 40 Besucherinnen und Besuchern des Forum Paulus
im Dortmunder Mallinckrodt-Gymnasium
gleich zu Beginn ihres Vortrags. „Wir müssen für Mitschwestern
in Alter und Krankheit sorgen. Deshalb brauchen wir
Rücklagen“, so Sr. Maria. Das verlangen nicht nur die
eigenen Ordensregeln, sondern auch der Gesetzgeber.
In Sachen Renten gehen Ordenschristinnen und -christen
einen eigenen Weg.
Und da lag es nahe, am Kapitalmarkt mitzumischen.
Aber nicht einfach so, sondern mit strengen Vorgaben:
keine Pornografie, kein Tabak, kein Alkohol, keine
Schwangerschaftsabbrüche, keine Rüstungsindustrie,
keine Kinderarbeit. Das klingt einleuchtend, denn
Nachhaltigkeit und Fairness waren den Franziskanerinnen
wichtig.
Mit diesem Katalog ging Sr. Maria Schneiderhan zu
einer Rating-Agentur – und erntete Kopfschütteln. „Sie
sagten uns: Dann können sie es auch lassen.“ Denn so
einfach sind die Trennungen nicht. „Kann ich wissen, ob
ein Lkw Lebensmittel transportiert oder Waffen?“, fragt
die Ordensschwester. Außerdem nutzt die Polizei auch
Pistolen und Gewehre zum Schutz der Bevölkerung.
Anderes Beispiel: Im Bahnhofbuchhandel gibt es
nicht nur die aktuellen Tageszeitungen, sondern auch
Magazine mit pornografischen Inhalten, dazu Alkohol
und Zigaretten. Stichwort Kinderarbeit: Kann man in
Unternehmen investieren, für die zwar Kinder arbeiten,
die aber gleichzeitig Schulen vor Ort bauen? Schnell
wurde klar: Die globalisierte Wirtschaft ist sehr komplex,
einfache Antworten gibt es nicht. Und so etwas
wie eine „reine Anlage“ gibt es ebenfalls nicht.
Die Franziskanerinnen dachten ihr Vorhaben schließlich
neu. „Wir einigten uns auf Prozentzahlen.“ Entscheidend
sei, wie viel Raum etwa Kinderarbeit oder
Umweltverschmutzung einnehmen. Pornografie oder
Schwangerschaftsabbrüche bleiben allerdings tabu wie
ein Invest in Ländern, in denen die Todesstrafe vollzogen
wird oder Korruption an der Tagesordnung ist,
ebenso. Im Idealfall hilft das Investment Unternehmen,
die nachhaltig wirtschaften wollen, zu wachsen.
Die Ausführungen von Sr. Maria brachten die rund
40 Zuhörerinnen und Zuhörer zum Nachdenken. Gas,
erklärte ein Teilnehmer, wurde ihm vor Jahren noch als
„saubere Energie“ verkauft. Heute sehe er das anders.
Sr. Maria nickte. Man müsse die eigenen Investitionen
immer wieder hinterfragen. Sollte die Ordensgemeinschaft
zu dem Schluss kommen, dass eine Geldanlage
nicht mehr den eigenen Vorgaben entspreche, werden
die Papiere innerhalb eines Vierteljahres verkauft.
Auch das Feld der künstlichen Intelligenz beschäftigte
das Publikum. „Ist es besser, wenn ein Unternehmen
Kinderarbeit vermeidet, indem es Roboter und
künstliche Intelligenz einsetzt?“ Die Franziskanerin
stimmt dem nicht zu, denn so fallen Einnahmequellen
für die Menschen weg. Entwicklung sei so noch viel
schwieriger.
Vor der Diskussion hatte Dr. Klaus Gabriel aus Wien die
theoretischen Grundlagen von Nachhaltigkeit erklärt.
Der Wirtschafts- und Sozialethiker betonte, dass das
oft inflationär genutzte Wort nicht nur in der Ökonomie
gebraucht werde. Auch Soziales gehöre dazu, wie der
Wissenschaftler anhand des „Drei-Säulen-Modells“
der Nachhaltigkeit erklärte. Wirtschaft, Gesellschaft und
Natur bilden die Säulen. „Daraus ergeben sich Schnittmengen“,
erklärt Dr. Gabriel, der auch als Wirtschaftsberater
arbeitet.
Diese Schnittmenge könne auch für einen Konflikt
stehen. Ein Beispiel mit inzwischen positivem Ende sei
das Ozonloch. „Das ist gelöst“, so Dr. Gabriel. Ökonomie
und Gesellschaft seien das Problem angegangen
und nun stelle es kein Problem mehr dar.
Ein wichtiger Begriff sei die Effizienz, der sparsamere
Umgang mit Ressourcen. Im Auge behalten
müsse man zudem die Suffizienz. Das bedeute – etwas
salopp gesagt – „weniger kann mehr sein“. Ein dritter
Aspekt beim nachhaltigen Investieren sei die Konsistenz.
Dahinter verbirgt sich die Kreislaufwirtschaft.
Stoffe müssen ganz konsequent wiederverwendet werden.
Für Dr. Gabriel sind dies allerdings keine Alternativen.
Wer nachhaltig handeln möchte, müsse alle drei
Aspekte berücksichtigen.
Letztlich führe, das machten beide Referenten
des Abends deutlich, kein Weg vorbei am ethisch-nachhaltigen
Wirtschaften. „Es geht um unsere Zukunft“, brachte es Dr. Gabriel auf den Punkt. Und
zur Wahrheit gehört auch: „Es wird immer Grauzonen
geben“, wie Sr. Maria Schneiderhan betonte.
// WOLFGANG MAAS