„Gott ist das Ziel meines Lebens und gleichzeitig das große Rätsel“, antwortete Pater Werenfried Wessel in einem Domradio-Interview auf die Frage nach Gott. Am 31.08.2026 ist der bekannte Franziskanerpater gestorben, wenige Wochen vor der Vollendung seines 90. Lebensjahres. In Dortmund ist der Seelsorger vielen Menschen ein Begriff, da er über vierzehn Jahre lang in dem sozialen Brennpunkt Scharnhorst gelebt und gearbeitet hat, bevor er das Katholische Forum in Dortmund mitbegründete. Seit 1990 arbeitete er in der Seelsorge für Sterbende und ihre Angehörigen und engagierte sich stark für die Dortmunder Hospizbewegung. Er hat vielfältige Spuren in der Stadt hinterlassen.
Als Ältester von fünf Geschwistern wurde er auf einem Bauernhof in Damme im Landkreis Vechta groß. Seine früh verstorbene Mutter prägte ihn mit ihrem Sinn für alles Schöne und ihrer Liebe zur Musik – Schwerpunkte, die sich an seinen Wirkungsstätten immer wieder zeigten. Nach dem Abitur absolvierte Werenfried Wessel das Noviziat im Franziskanerkloster in Rietberg und studierte danach Theologie in Paderborn, wo er 1968 zum Priester geweiht wurde.
So wie Franz von Assisi suchte Pater Werenfried seinen Platz in der Nähe von Menschen am Rande der Gesellschaft. Beispielsweise in Scharnhorst, wo Ende der 1960er-Jahre eine Großsiedlung für 15.000 Menschen entstanden war. In dieser „Satellitenstadt auf der grünen Wiese“ arbeitete er als junger Priester über ein Jahrzehnt lang mit und bei den Menschen. Gemeinsam mit zwei Mitbrüdern und seiner Schwester Maria bezog er vor Ort eine Wohnung. Mitten in diesem sozialen Brennpunkt entstand die Franziskus-Gemeinde. Viele der BewohnerInnen dieser Großsiedlung lebten von Sozialhilfe; es gab viele junge Familien und zahlreiche Spätaussiedler. Praktische und seelsorgerische Hilfe war gefragt. Die junge Gemeinde wuchs schnell heran und galt damals als eine der renommiertesten Reformgemeinden im deutschen Katholizismus.
Der von ihm häufig zitierte Satz „Wege entstehen durch Gehen“ zeigte seine Grundhaltung, dass abschiedliches Leben sich immer in seinen Neuanfängen zeigt. Die Gründung des Katholischen Forums im Jahr 1984 sollte ein neuer Brennpunkt für das Christentum werden – für „Menschen auf der Suche“. Besonders kirchlich distanzierte Menschen sollten angesprochen werden. Viele tausend Menschen fühlten sich durch diese neue Art von City-Pastoral angesprochen. Nähe, Offenheit, Menschenfreundlichkeit und bedingungslose Akzeptanz des jeweiligen Menschen waren die Grundpfeiler. In Einzelgesprächen, Glaubenskursen, stark besuchten Gottesdiensten sowie Freitags-Foren wurden Menschen erreicht, die ohne Kontakt zu klassischen Kirchengemeinden Orientierung für ihr Leben suchten. Kunst, Literatur und Seelsorge – diese Mischung sowie zahlreiche illustre Gäste wie Hilde Domin, Hanns-Dieter Hüsch, Eugen Drewermann, Reiner Kunze, Dorothee Sölle oder Rita Süßmuth sorgten bei den Freitags-Foren für großen Zulauf.
In wenigen Tagen wird im Propsteihof in Dortmund mit einem großen Fest „800 Jahre Franziskus“ gefeiert (12. September 2026). Pater Werenfried war sein Leben lang davon überzeugt, dass der heilige Franziskus auch heute Antworten geben kann auf aktuelle Fragen. Der Franziskanerpater Werenfried hatte eine große Achtung vor der inneren Freiheit eines jeden Menschen und gab ihnen das Gefühl: „Sei willkommen, so wie du bist!“
1990 wurde er dann zum Wegbereiter der Hospizbewegung in Dortmund. 1993 eröffnete das erste Malteser-Hospiz in Kirchhörde, sechs Jahre später die Palliativstation am St.-Johannes-Hospital. 2001 das Hospiz am Bruder-Jordan-Haus gleich neben dem Franziskaner-Kloster. Weitere Hospize in unterschiedlicher Trägerschaft und auch ambulante Palliativ-Pflegedienste folgten. 1998 übernahm Pater Werenfried die von der Erzdiözese neu eingerichtete Stelle „Seelsorge an Sterbenden und ihren Angehörigen“. Inzwischen ist ein dichtes palliatives Netzwerk in Dortmund gewachsen, das sich um die Begleitung Schwerstkranker und Sterbender kümmert. Nach zehn Jahren als Hospiz-Beauftragter begann für Pater Werenfried der Ruhestand, den er im Franziskaner-Kloster am Ostpark verbrachte.
Der Satz des Dichters Reiner Kunze: „Wer da bedrängt ist, findet Mauern und muss nicht beten“ zieht sich wie ein roter Faden durch das lange Leben und Wirken von Pater Werenfried Wessel.
R.i.P.!